Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1912)
- Date
- 1912-06-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651763-2651786--08403-2665644- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 24 JUEO ISCHE RUNDSCHAU Seite 219 ׳zerbrechliche .Form e i n s t hat dienen müssen; sie ,ist der einzige Mittelpunkt, das. einzig Erhaltende, das Lcbenspriuzip des jüdischen Lebens, wie es in seiner wirklichen Erscheinung vor unseren Alicen stellt.“!ויי cs aber für solche Emnnzipationsverfcchtei wie Rieller keine jüdische Nation, keine jüdische Indiuilii.ilitat, sondern nur »ckeuner der jüdischen Reli1;i.1״ gab. so Rin« sie auch bei den politischen Kämpfen die Frage des Judentums nicht au. Der nichtjüdischen Welt gegenüber galt nur die Parole oder die Piognose, daß die jüdische Nation zu existieren aufgehört habe, oder aber demnächst auttüiren wurde. Bewußt oder unbewullt Raben somit die jüdischen Vertreter ein Versprechen, das die Juden Rar nicht zu halten vermochten. Das Leben erwies sich’ als stärker denn alle Behauptungen oder Pronhc/ciiingcii vom Tode der jüdischen Individualität. Die jüdische Imlivüliialilüt, die sieh Öffentlich tolgcsngt und verkrochen linde, drang doch in viele Erscheinungen und Aeulierinuteii und vermochte nicht zu sterben. Sobald aber da• jüdische Leben in einer Sntidcrform, in irgend einer SomterschopfiiiiR, ja auch nur in einer spe/ifisehen CharaktcrerKchciiiung zutage trat, fand aueh du Antagonismus gegen die Juden neue Nahm״;: und neue KampfeNinop.lichheiten. Wäre iu der Tat v״n: Judentum nur ein abstraktes Prinzip übrig geblieben, so hätte niemals eine nationale Bewegung gegen sie entfacht werden können. So alter Reinigten die geringsten Reste jüdischer Individualität oder ihre silmächlichstcn Lebensäullerimgen, um die tatsäeiiliehen Unterschiede erkennen zu lassen mul sie zum Fundament einer schwerwiegenden Bewegung 1111t so eher zu machen, als sie voll den Juden aus ()hei fi.ieli- Ihhkeit oder Unwahrhaftigkeit überhaupt ahgclcugnet wurden. Die Niehllösung der Judeiitumsfr.ige auf der (mmdlagc eines iiiigesehiclitliclien Fatalismus erwies sieh als das grollte Hemmnis einer seihst relativen I östnig der Judenfrage durch rechtliche Emanzipation. Die Niehtiuden, von den Itulcn selbst an ihr allmiililiebes Aufgehen in den Völkern gewöhnt, erblickten in jeder Form selbständigen jüdischen Lebens, und mochte sie selbst auf Wobltätigkcits- oder Qcsebiclitserkenntnisstreben beruhen, eine Dissonanz, eine Nichtoinhaltiing historischer Zusicherungen, ein Abgehcn von der Tendenz, nationaler Auflösung, und so stand die Judenfrage greifbar da. Hs ist wahrscheinlich, daß die Erlangung der Emanzipation unter Anerkeiinuug der jüdischen Nation und ihrer l\xistenzhcrcch* tigung von vornherein auf grölleren Widerstand ge- Stollen wäre, aber dies c Emanzipation, einmal erlangt, hätte nicht dazu geführt, (lall selbst ethisch hochstehende Persönlichkeiten und Gruppen nur in dem Untergang der Juden die Lösung der Juden* frage erblickten. So aber konnte es passieren, dal! selbst ein so human empfindender Geist wie Moininsen für die Juden keinen anderen Rat wnllte, als durch völlige, reale Loslösung vom Judentum, durch Taufe, der judenfrage ein Ende zu machen — ein Gedanke, der ganze ״judcnfrcundlichc" Parteien bis beute hc* herrscht. Indes, ich muß dies Gebiet — Lösung der Judenfrage ohne Judentumsfrage — fast mitten im Gedanken verlassen, um zu unserem uns momentan weit mehr interessierenden Problem zurückzukehren, ob die Lösung der Judenuunsfrage ohne Lösung der Judenfrage möglich sei. Dazu •soll uns ja nicht die Diaspora, sondern Palästina dienen. Abstrakt scheint diese Idee unangreifbar zu sein. Ein geistiges Zentrum könne auch von einer noch so kleinen Gruppe gebildet wer• den, und ein einziger Jude, der über starke und prägnantc Qualitäten verfüge, repräsentiere schon das Judentum, repräsentiere dessen Individualität, — so könnte man den Gedanken des geistigen Zentrums in Palästina ad absurdiun führen. Löst mau nämlich den jüdischen Geist vom gesamten anderen matcrieilen und sozialen Leben los und will mau für ihn eine künstliche Welt züchten, so läuft man Gefahr, daß diese Formel für die jüdische Zukunft in weiterer logischer Konsequenz, zti Ende kommentiert wird und selbst widersinnige Deutungen erfahren kann. Für die reine Abstraktion, die einen einzigen Faktor des Lebens zu unabhängiger Herrschaft in der Geschichte erhebt, gibt es ja keine Schranken mehr. Allein fragen wir uns, wozu soll das geistige Zentrum dienen, so wird die z\ntwort nicht anders lauten, als folgendermaßen: das geistige Zentrum soll den Bestand des jüdischen Geistes sichern und mit seinen geistigen Schöpfungen die gesamte Judciiheit in der Diaspora beeinflussen. Da aber kommen reale Fragen, Fragen praktischer Natur, dazwischen, welche das künstliche System eines geistigen Zentrums, das aus einer geringfügigen Zahl von Juden bestünde, zertrümmern. Die Frage ist nämlich nicht zu umgehen, welche Masse von Juden genügen würde, um ein su grandioses Ideal, wie die geistige Befruchtung des gesamten jüdischen Lebens, zu verwirklichen. Niemand wird cs leugnen können, daß ein 12-Millioiien-Volk, das an Intellekt nicht ger.ade arm ist, von einem ״aiiserwählten“ Häuflein seiner Angehörigen die geistigen Richtungen sich nicht ,.diktieren“ lassen wird, noch dazu, wenn cs nicht die Hoffnung hegt, daß dieses Häutlein im Laufe der Zeit zu einer grollen Masse emporwachsen und in Wirklichkeit das jüdische Volkstum darzustellen hefugt sein wird. Wann kann erst eine achtunggebietemie, eine wahrhaft schöpferische jüdische Kultur in Palästina erstehen? Kann man sich ein historische Werte erzeugendes Volkstum denken, das nicht wcnigstens von einer Million Menschen repräsentiert wäre? Die Beispiele der kleinen Natiönchcn, wie der Isländer oder Montenegriner, mit ihren geringen Zahlen, sind hier völlig belanglos, da ja diese Volkerschäften gerade geistig von den benachbarten und verwandten Völkern leben und nur sehr primitive h r **־-׳*% 'lil ✓־־*J -Sw✓ 3re j!_.esen * c.3 bt das Verdienst des XIII. Dclcgiertentages, wieder einmal mit voller Deutiiehkeit seinen Willen kund״ctan zu haben, unsere Parteipresse mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu fördern. Da ist es denn wohl am Platze, heute darauf hinzuweisen, daß die ״Jüdische Rundschau“ mit der übernächsten Nummer das zweite Quartal ihres XVII. Jahrganges beschließt und daß daher gerade jetzt der geeignete Zeitpunkt gekommen ist, diesen beinahe einmütigen Willen der deutschen Zionisten in die Tat umzuset/.en. Die Arbeit innerhalb der Ortsgruppen wird zumeist der Durchführung des vom Dclegicrtcntagc beschlossenen Pflicht-Abonnements zu gelten haben. Jedem einzelnen unserer Freunde aber sollte cs gelingen, außerhalb unseres Kreises der ״Rundschau“ wenigstens einen neuer» Leser zu gewinnen. Schon das würde unserer Sache einen guten Dienst leisten. Auch Adressen, an die wir mit einiger Aussicht auf Erfolg Probenummern unseres Blattes senden können, sind uns willkommen. Diejenigen unserer Abonnenten, die ihr Blatt bei der Post bestellt haben, wollen um umgehende Erneuerung ihres Abonnements besorgt sein. Redaktion und Verlag der ״Jüdischen Rundschau“. eigene Leistlingen aufweisen, die zu ihrer Erhaltung genügen, aber nimmermehr zur geistigen Becinflussung von Millionen Volksgenossen außerhalb ilirca Territoriums dienen könnten. Verzichtet man also auf den Gedanken einer bedeutenden Besiedelung Palästinas, so fällt auch das Ideal einer wirksamen Beeinflussung des gesamten Judentums fort, und cs bleibt nur der Gedanke eines kleinen jüdischen Zentriiins zur Selhsteiitwicklung. Wer aber möchte an den Bestand selbst dieses Zentrums ohne eine Vervielfachung der jüdischen Bevölkerung Palästinas glauben? Heutzutage leben noch die hunderttausend Juden Palästinas,trotzdem sie ein Siebentel dcrOesamtheit aus-, machen, gleichsam t c r r i t o r i e 11 konzentriert, weil sie durch den ungeheuren Kulturabstand und durch'die Unkenntnis der arabischen Sprache von der gesamten arabischen Bevölkerung isoliert sind. Dieser Zustand kann aber leicht gefährdet werden, wenn die erwachende arabische Nation, deren Befähigung*, uaehweis durch die Geschichte erbracht ist, wiederum in den Kulturkrcis der Menschheit einziehen wird. Alan braucht kein Schwarzseher zu sein, um diese Perspektiven auszumalen, es sind einfach unabweisbare Perspektiven, und die einzige Antwort, die auch die Lehre vom geistigen Zentrum haben kann, ist das Streben nach einer derartigen Besiedelung Palästinas, daß sie der arabischen an Zahl wenigstens gleichkommen soll. Nur dann kann von einem festen Bestand des geistigen Zentrums in Palästina die Rede sein, nur• dann würden wir auch in Zukunft dem Arabertum, das ja noch aus den Naclibargebieten reiche Stärkung erfährt, standludten, mir dann werden wir ein geistig unabhängiges Zentrum darstellen. Ist dies aber’nü/glicb, ist der Gedanke einer jVnlisrhen Ikvölkcrimg von, sagen wir, einer halben Million Seelen in Palästina, deren auch das geistige Zentrum bedarf, keine Utopie dann b e g i n n t ja auch die Lösung der Judenfrage. Kurzum, können wir das geistige Zentrtiin in Palästina jemals schaffen, so können wir auch im Laufe der Zeit das gesamte Aggregat von Problemen, die im Begriff der Judenfrage enthalten sind, aus der Weit schaffen. Psychisch lassen sich auch die Fragen gar nicht trennen, schon deswegen nicht, weil die Unmöglichkeit einer absoluten jüdischen KuL dir in der Diaspora durch die abnorme Lage der Juden, und die abnorme Lage der Juden durch die territoricllc Nichtkonzcntrieruuit bedingt ist. Auch für das geistige Zentrum ist die Konzentration der Juden als überwiegender Masse im Lande eine notwendige Vorbedingung, und diese Vorbedingung reicht aus, mn die Judenfrage nach und nacii zu lösen. Die Idee vom geistigen Zentrum in Palästina soll aber, wie wir schon aurgeführt haben, eine Entlastung von anderen sozialen und politischen Problemen und eine ethische Bereicherung des Zionismus r.cin. Daß auch dies falsch ist, soll im folgenden dargetan werden. (Fortsetzung folgt.) Zur Nationalfondsarbeit Dr. Sic h e! •Chemnitz Referat (gekürzt), gehalten auf dein XIII. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland am 27, Mai 1912, An den Gcsamteingängen für den J. N. F., die im Jahre!<)!1 ca. 530000 M. ausuiachteii, partizipiert Deutschland an erster Stelle mit 11 1 (100 M. Wenn wir jedoch berücksichtigen, daß in dieser Summe eine besondere Spende von 51000 M. enthalten ist, so hätte Deiitselilan.l mit seinen 000 OOO Juden ca. 57 000 Mark (gegen 5(10(10 M. im Jahre 1010) au allge* meinen Spenden aufgebracht; das bedeutet pro Kopf der jüdischen Bevölkerung in I)etilschlam! nicht c i 11 in a I 10 Pf., wahrem! andere Länder pro Kopf ihrer jüdischen Scclcii/ahl hs, 20, 30, 37, seihst 50 Pf. ahgoliefert habe». Zieht man den weit günstigeren Wohlstand der deutschen Juden gegenüber der sozialen Lage der östlichen Juden in Betracht, so ist das Ergebnis der deutschen Sammlung für «len J. N. F. 11111 so In liiilu nilcr. Erfreulich ist es aller* dings in der Hinsicht, als wir wohl annehmeii dürfen, «lall 03״״ der aus Dculschlnud eingegaiigencu Spenden aus den Taschen der Zionisten stammen, unerfreulich andererseits wieder, daß die nicht/ionisiischc Juden* heit Deutschlands in so geringem Malle zum N. F. beisteuert. . . Alis einer in Nr. 18 der ,, I. R.“ veröffentlichten Ortsstatistik fiir das Jahr 1011 ist zu erkennen, in welchem Maße di«־ einzelnen Städte und Ortschaften zu dem Jahrcscrgebiiis beigetragen haben. t>2 Orte ha I» e 11 11 i c 111 e in m a I 10 M. .1 b g e I i e f e r t. Einzelne Jiidengcinciiidcn mit gar nicht so kleiner jüdischer Seeleiizahl haben an den N. F. i» h e r h a u p t nichts abgegeben, z. B. Hanau, Augsburg Uersfeld. Andere Städte haben auch nicht ent* ferntest die Summe aufgebracht, die ihrer jüdischen Bevölkerung entspräche: so Güttingen nur 12 M,, Magdeburg 50 M., Dresden 20 M., Bremen •10 M,, um mir einige Beispiele licrvargelioben zu haben. Andererseits haben erfreulicherweise 21 Städte über 500 M. aufgebracht, darunter Königsberg den Höchst* betrag mit 10 800 AL; es folgen Berlin mit 10 300 Mark, Breslau mit 5000, Hamburg mit 3215, Frank* fort a. M. mit 2000, Posen mit '2100, Kattowitz mit 2020 AL; die Städte Köln, Mannheim, München, Bcuthen, Straßburg und Nürnberg haben /.wischen ISO() und 1000 Al. gesammelt. Bei allen diesen Zahlen ist aber zu berücksichtigen, daß in ihnen die für den Genossenschaftslands gespendeten Beträge enthalten sind, die in die oben erwähnte Summe von 57 000 Mark nicht initeingercclmet sind. Aber selbst diese höchsten Zahlen liefern noch keinen Beweis für eine gute und befriedigende N. P.* Tätigkeit iu den erwähnten Städten. Eh einiger* mallen zutreffendes Urteil wird man erst haben können, wenn unter Zugrundelegung der jüdischen Bevölkerungszahl der einzelnen Städte und Ortschaften die Berechnung auf den Kopf der j ü ü i * s c 11 cii Seel c n z a 111 gemacht wird. Demi wer wollte etwa behaupten, daß Frankfurt a. M. mit 2000 M. — und darin sind ca, 2300 M. für «Jen Genosscnscliaflsfonds enthalten — gut für den N. F, gearbeitet habe! Als Ges amt urteil über das Jahr 1911 gegenüber 1D10 bleibt, daß das Jahr 1011 1 n I) e u t s c h 1 a n d keinen wesentlichen Forts c 11 ritt für den J. N. F. gebracht bat. Und das verflossene Vierteljahr, also das 1. Quar* tal 1912, weist sogar einen Rückgang an N. F.» E i n g ä n g e n gegen den gleichen Zeitraum des vorigen Jahres auf. Im 1. Quartal 1911 wurden 12 000 Mark, im 1. Quartal 1912 nur 11 000 M. für den N. F^ in Deutschland gesammelt. Genug mit diesen Zahlen! Sie sollten uns nur zeigen, daß vielfach ungenügend gearbeitet wird und daß in den letzten zwei Jahren in Deutschland der J. N. F. keinen Fortschritt zu verzeichnen hat. So drängt sich ganz von selbst die Frage auf: Wie können wir in Deutschland die N, F.-Tätigkcit ersprießlicher gestalten? leb persönlich glaube, daß es nicht schwer sein kann, bei einem systematischen Ausbau der schon vorhandenen N. F.-Organisation in allen Ländern, so auch in Deutschland, die N. F .•Eingänge mehr als zu verdoppeln. Die N. F.*Umgänge hängen m. E. im wesentlichen von drei Hauptfaktoren ab: 1. von einer gut geleiteten Lande«• zentrale, 2. von geeigneten S a m m e 1 m i 11 c l n, 3. von der Heranziehung tüchtiger N, F.-Kommissär e. Vom H a u p t b u r e a u d c s J. N. F. spreche ich in diesem Zusammenhänge deswegen nicht, weil ich der Ansicht hin, daß einzig■ und allein die Landes* zentrale für alle die N. F.-Arbeit fördernden Mittel Sorge tragen sollte. Sache der Landeszentralc dürfte cs dann sein, wie sie sich ihrerseits wegen besonderer, für das jeweilige Land in Betracht kommenden Wünsche mit dem Hauptburcau des J. N. F. ins Ein* vernehmen setzt. Was nun die Landes/״ itralc in Deutsch*!and angcht, so hat bis auf die letzte Zeit ihre vornchmstc Aufgabe darin bestanden, die N. F.*Kom* missärc beim Hcrannahcn besonderer Fest- oder Qc* denktage daran zu erinnern, diese Tage zu Samtn* limgcn zu benutzen. Sonst hat man von einer Initiative, die geeignet gewesen wäre, die Sammlungen in Deutschland zu vergrößern, wenig gespürt. AU erste«