Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1912)
- Date
- 1912-05-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 22 JUliDlSCWE RUNDSCHAU Seite 197 vierteljährlicher Einziehung eingefiilirt haben. Nach, jli’iii dies jetzt seitens der Mehrheit der Ortsgruppen geschieht, werden wir beantragen, ilalt dieses System der Finanzierung und Ikitragseinzielmiig auf alle Ortsgruppen ausgedehnt wird. Neben der ״Jüdischen Kimdseliaii״ und neben dein Zentralorgan des Aktionsfcoinitecs, der ״Welt“, verdient das ״Frankfurter ls. raeldischc Fnmilicnblntt“ Erwähnung. .Mit seiner rein nationalen Tendenz wirbt es unserer Sache insbeson. dcie in Süd Westdeutschland Anhänger. So haben Presse und Parteisekretariat, Zentralbineau und Literatur zusaimnengcvvirkt und, sich gegenseitig ergänzend und befruchtend, zum Auf. sehe.׳.mg unserer Organisation beigetragen und uns hefihigt, auch aullerhalb unserer Reihen unseren Hinflu!•;,׳eltend zu machen. Ich brauche nur an die Tätigkn'׳ unserer Freunde hei den G e in e i n d e w a h I e n in König über(!, in Posen und Berlin und aii.i ieu Orlen, an den Kampf im Deutsch-Israelitist! •״ Ocuicindehund und in der Alliance, an die Fn:Wicklung des l.'sra zu erinnern; Dali diese und a1!׳;<!•• jüdische Organisationen unsere Mitarbeit zu schätzen wissen, habe ich in anderem Zusammenhänge erwähnt. Wir konstatieren das gern. Uns selbst aber müssen wir sagen, daß die Mitarbeit in antiiiniionalen Organisationen ihre grollen Bedenken hat. Sic absorbiert viele Kräfte und nimmt viel Zeit in Anspnicli, »nd der Erfolg steht nur selten in Finklang uii! der angewandten Mühe. Um so dankbarer ist es a:1/11e1 kennen, dall viele unserer besten Arbeiter sieb diesen mühevollen Arbeiten mit so viel Fifcr unter•, ziehen. Die Organisation imdi aber darauf achten, dall die direkte Arbeit für unsere Bewegung liier• unter nicht leidet. Jede neue Bewegung — das lehrt die Geschichte der Ideen in allen Ländern und allen Zeiten — muH, wenn sie erfolgreich sein will, ihre Generation fin. den uml versuchen, der h c r a n vv a c h s e n d c n J ti gciui ihren Stempel aufzuüriicken. So haben wir uns seit den ersten Tagen unserer Bewegung immer in erster Reihe an die Jugend gewendet. Und so ist da• jugendliche Alter unserer Anhänger, das uns so oft höhnisch vorgchaUen worden ist, unser gröllter Stolz, unsere beste Sicherung für die Zukunft. Wir müssen aber unsere Propaganda systematischer als bisher nach den Bedürfnissen der Jugend einrichten. Die Propaganda unter den Studenten hat diesen systc• matischcn Ausbau erhalten. Wir verdanken ihr das starke Anwachsen der zionistischen Stmleuteiiorgani״ satioiun. Für die kaufmännische Jugend gilt dies leider ,roch nicht in gewünschtem Malle. Diese Frage wird Lire Aufmerksamkeit in erhöhtem Malle in An. Spruch nehmen müssen. Eine nach den Bedürfnissen der Jugend orientiertc Propaganda erfordert aber nicht nur eine bcsondere Form, sondern auch einen spezifischen 111• halt. Sic darf nicht angekränkelt sein von vorsichti• gern Streben nach Kompromissen zur Erreichung kleiner Teilerfolge. Wer die ganze Seele des Jiinglings haben will, muß ihr eine in sich geschlossene Anschauung, ein ganzes, volles und reines Ideal gehen. Unsere Propaganda muß daher immer wieder den Nationalgcdanken und die Palästiiialiebc, die beiden Grundpfeiler unserer Idee, in den Vordergrund stellen. Nur einer so gerichteten Propaganda verdanken wir das ständig wachsende Interesse für die hebräische Sprache und deren systemati• sehe Pflege, wie sie die Organisation für hebräische Sprache unter Führung unserer Gesinnungsgenossen Heinrich Locwe und Artur Biram anstrebt, und den immer mehr erstarkenden persönlichen Zusain• menhang zwischen den deulschcn Zionisten und Pa• listina, die wachsende Zahl der Palästiuapionierc in!,iisercr Mitte. Bei dieser Richtung unserer Propaganda ist es naturgemäß, daß für uns die gesinnungsmäßigen Um ti rschicde, die zwischen den assimilatorischen Elcmcnteil unter der deutschen Judcnheit bestehen, ihre Bedeutung verlieren. Wir verkennen diese Unter- M׳!:iede nicht. Beruhen sie doch zum Teil auf der F<!,•)Wirkung unserer Ideen. Sie dürfen aber auf die 'Vvmlenz unserer Arbeit keinen Einfluß haben. Demi nur eine im jüdisch-nationalen Gedanken fest vvur• z liulc Ortsgruppe ist eine gesunde organisatorische Cmmdlagc für unsere Bewegung., Es mag sein, daß der zahlenmäßige Aushau 1111• su'cr Organisation leichter wäre, wenn wir die treu■ »c.ulen Momente gegenüber anderen positiv gericli״ R11.11 jüdischen Bestrebungen in der täglichen Arbeii zurücktreten ließen. Es ist auch nicht zu vorkc1s;,cn( daß wir mit diesen Richtungen gemeinsame Gegner habeni die Abfallsbewegung und den Indiffc• fenlisnius, und daß es unsere Aufgabe ist, diese beiden Gegner mit den allerschärfsteu Mitteln zu bekämpfen. Die Waffen aber, die die niehtnatioualc Judenheit in Deutschland gegen Abfall und Indiffc• rciitisinuo geschmiedet Hat, haben sich als stumpf erwiesen. Sie haben mehr geschadet als genützt. Wenn wir die programmatischen Erklärungen dieser Kreise verfolgen, wenn wir ihre Zeitungen und Bro״ schüren, die Predigten ihrer Prediger lesen, so sehen Wir überall eine satte Zufriedenheit Platz greifen. Die Zahl der Synagogen, so hören wir, vermehre sieh, das Ansehen der Rabbiner sei im Steigen begriffen, das Gemeimlelehen nehme einen neuen Aufschwung, das Vereinslebeu entwickele sieh rapide, der Abfall nehme zwar nicht ab, bedrohe aber den Bestand der deutschen Judenheit nicht mehr. Diesen Sireiienkläiigcn müssen wir immer wieder den ernsten Mahnruf entgegenhalten, daß das g e s a 1111 c jüdische Volk n 0 c 11 niemals eine so schwere Krisis d u rc 11• gemacht bat, wie jetzt. Der Abfall von der angestammten Gemeinschaft, zunehmende Mischehen, das Zwcikindersyslcm, die traurigen ökonütnischen Folgen der unaufhörlichen Wanderungen vom Lande in die Stadt, von Osteuropa nach Amerika, die U11kenutuis der hehräischcn Sprache, der Verlust des Zutrauens zur Zukunft, ׳Jas Schwinden der alten Ideale nagen an seinem Bestand, Es gibt kein Reservoir mehr für die Erneuerung unserer Volkskraft, das wir für Oeneralioiien gesichert sehen, mich nicht in! Osten. Allerdings, die Zahl unseres Volkes hatte noch nie den liniligeii Bestand erreicht. Seihst in der Bliik•• zeit jüdischen Lehens hat es kein Zwölfmillionenvolk jüdischen Stammes gegeben. Die Zukunft eines Volkes beruht aber nicht auf der Zahl sondern auf dem Geist, der es beseelt, auf dem Willen zum Lehen, der in ihm herrscht. Deswegen dürfen wir unsere Kräfte nicht verschwenden, indem wir die alten Halbheiten initniachcn. Deswegen müssen wir der satten Zufriedenheit der Assimilatiou immer wieder die Lehre entgegensetzen, daß das Judentum nicht gesunden kann, wenn nicht sein nationales Fundament wieder anerkannt wird, wenn nicht seine alte Zukunftslioffuung, die Schaf• hing eines neuen jüdischen Lehens im alten Pa. liistiua, wieder /um Mittelpunkt unseres Denkens mul Handelns wird. Und so kann auch nur durch geistige Heilmittel, mir durch eine Radikalkur der drohende Untergang der deutschen Juden nbgcvvandt werden. Nichts hat die Assimilation so erregt, als dieses Wort. Auch wir gebrauchen cs nicht gern. Wir würden wahrlich am liebsten ulir von der Zukunft unseres Volkes sprechen. Aber Krankheiten werden nicht geheilt, indem man ihre Symptome vernachlässigt. Gefahren werden nicht vermieden, indem man ihr Vorhandensein negiert. ׳ So trennt uns von alle 11 anderen Richtungen im Judentum eine breite Kluft. Wir dürfen nicht versuchen, sie utiszufüllen, indem wir von unserem Standpunkt ablasscu, sondern wir müssen geduldig arbeiten, bis die deutsche Judenheit den Weg zu uns findet, wie groß die Entfernung auch sein mag. In diesem Geist hat uns Theodor H e r z I erzogen. In diesem Geist haben unsere Zcntralbchör• den unsere Arbeit stets zu leiten versucht. Möge er auch aus den Diskussionen und Beschlüssen dieser Tage hervorlcuchten. Dann wird dieser XIII. Delcgiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland sich würdig seinen Vorgängern aiischließen. Und nur dann wird er dem Namen der Gemeinde Posen, I in deren Mitte wir uns versammeln, Ehre machen, die Jahrhunderte hindurch der Sitz eines kräftigen national und palästinensisch empfindenden Judentums, die Pflanzstätte jüdischen Geistes mul jüdischer I Volkskrnft war. Im Namen des Zentralkomitees eröffne ich den XIII. De 1 e g ic r t e n t ag. An die Erstattung des Geschäftsberichtes schließen ,sieh die Begrüßungsansprachen. Im Namen des Engeren Aktionskomitees begrüßt den Dclcgicrtcntag Herr S o k o 10 w. Er hebt die große Bedentung der deutschen Landsmannschaft innerhalb des Welt/ionisiiius hervor mul betont, daß die Fortschritte des Zionismus in Dciitschlnml nicht nur uuantitative seien, sondern daß die Zionisten in Deutschland auch starken Anteil an der Verinnerlichung des Ziotiistmis nehmen. Die gegenwärtige Tagung gewinne auch dadurch eine gewisse Bedeutung, weit sie in einen wichtigen Zeitabschnitt falle. Im Innern der Organisation sind gewisse Verwaltimgsiindermigcn Yorgenoninien worden, deren Wert schon heute gcprüft werden könne. Auch im Verhältnis zur Außenweit seien gewisse Veränderungen zu verzeichnen, die es als notwendig erscheinen lassen, siel» in der zionistischen Arbeit zu orientieren. Das Schwergewicht unserer Tätigkeit liegt nach wie vor in Palästina, und die Zusammenhänge mit Palästina ent* wickeln sieh immer mehr. Palästina ist eine Position im gesamten jüdischen Leben geworden. Die jetzige politische Situation in der Türkei ist eine sehr verwickelte, mul es ist unsere Aufgabe, allen Regungen mit Aufmerksamkeit zu folgen uml in jeder sich bietenden Konjunktur einen Stützpunkt für unsere Tätigkeit zu suchen, Redner verweist auf die in der letzten Zeit stattgefundenen Kämpfe zwischen Aschkeiiasim mul Sepluir-!lim in den jüdischen Zentren des Ostens. Diese Kämpfe seien nicht etwa Kämpfe zwischen den Zionisten und Niclit/ionisten, sondern weitere Entwiekhingen der zionistischen Idee׳. Er richtet einen warmen Appell an die deutschen Zionisten der Nationnlisierung des sephardisclicn Judentums und der Wiedererweekung unserer Nationalsprache auch in Deutsch* land die Aufmerksamkeit und materiellen Mittel 7.uzuwendeii. Die Erkenntnis von der großen Bcdeutung dieser Aufgaben möge ein Ansporn sein zu fruchtbringenden Beratungen des Delcgierlentages. Rabbiner Dr. F e i I c 11 e 11 f e I d (mit lebhafter Zustimmung begrüßt) dankt in bewegten Worten für die Einladung zum Delegicrtcntag, der er gerne gefolgt sei, um sieli über die Bestreitungen unu Lcistungen der Zionisten zu orientieren. Er spricht den Wunsch aus, daß die nationalen Bestrebungen der Zionisten jederzeit von religiösem Geiste geleitet werden mögen. Rabbiner Dr. Fried man 11 überbringt im Aufv. trage der westösterreichiselien Landsmannschaft brüderliche Grüße und herzliche Glückwünsche dem deutschen Dclegiertentag. Die Landsmannschaft Theodor Her/Is wünscht, daß die Beratungen der deutschen Landsmannschaft von dem Geiste unseres großen Führers beseelt sein mögen. Dr. Jeremias begrüßt die Tagung iin Namen der Misraclii-Föderation, und als letzter Begrüßungsreduer spricht im Namen der Zionisten der Provinz und der Stadt Posen Herr Rechtsanwalt I )r. K o II e 11 s c 11 e r. Die Posener Zionisten sind glücklich darüber, daß eine so große Anzahl von Delegierten und Gästen sich cingcfundcn haben. Der Ort der diesmaligen Tagung, an dem wir eine glückliche Synthese von östlicher und west• lieber Kultur beobachten können, möge auf die prak* tischen Arbeiten von gutem Einfluß sein. Wir wünschen dem XIII. Dclcgicrtcntag, daß er int Sinne des Zionismus und des gesainleu Judentums Ersprießliches leiste. Es folgt nunmehr die Wahl des Präsidiums. Pr. Stein schlägt folgende Herren vor, die bei Akklamationen angenommen werden: Rechtsanwalt Dr. Artur Hantkc, Vorsitzender; Rechtsanwalt Dr. K o 11 e 11 s e h c r, Posen, und Julius Simon, Mannheim, Stellvertreter; Rechtsanwalt Grone n! a n 11, Dr. K a I m u s, Dr. Hoppe, Jacob Auerbach und Arnold Wiener als Beisitzer. Hierauf erstattet Dr. Hans Gideon Hey mann den Finanzbericht. ״Den frohen Optimismus, der den Bericht unseres Vorsitzenden erfüllte, kann ihr Kassenwart im wesentliehen teilen. Zwar müssen Geldleute, sofern sie ihren Aufgaben gewachsen sein wollen, in Geldsachen stets pessimistisch urteilen, und am Horizonte unserer Finanzgebahriing stellen noch ganz dunkle Wolken, aber wir sind in den zwei Jahren seit dem Frankfurter Dclegiertentag vorwärts gekommen, und wir dürfen hoffen, daß im Laufe der Zeit noch aus einem S c h u I d e 11111 a c 11 c r ein Schatzmeister, d. h. ein Verwalter wirklich vorhandenen Vermögens werden wird. Zu danken!iahen wir diesen Fortschritt der 1111• ermüdliclieii Opferwilligkeit unserer Gesinmingsgenossen in allen Teilen Deutschlands, die gar nicht genügend liervorgeliobin werden kann. Es muß uns immer von neuem mit Stolz auf die materielle Tragkraft des idealen Geistes unserer Bewegmig erfüllen, wenn wir sehen, wieviel und mit welcher Freudigkeit auch von den Aermsteii in unseren Reihen an Geldwert geopfert wird. Diese Opferwilligkeit ist bei uns seit jeher vorbanden gewesen; die Arbeit der letzten Jahre war es, sie systematisiert zu haben; und hierfür gebührt der Dank unserem Zcutralbureau, in allererster Linie unserem nie ermüdenden und nie verärgerten Fräulein Frankcnstcm. War es früher trotz allen Eifers speziell für den National/onds fast unmöglich, für die reinen Organisationsaiisgabcn Mittel zu erhalten, so haben unsere Freunde heute eingeselicn, daß die Organi* sation das Rückgrat der ganzen Bewegung ist und daß ihre Stärkung gleichzeitig eine Unterstützung des Nationalfouds, unserer Banken, unseres Palästina- Werkes, unserer Kulturarbeit ist. Gilt dieser Gedanke heute bei uns schon als Gemeinplatz, so hat es doch harte Arbeit gekostet, ihn populär zu machen, mul noch mehr Arbeit, unsere Freunde dazu zu bewegen, ihn auch bei ihren finanziellen Leistungen voll zu würdigen. Diese Entwicklung und ihre Systematisierung wurde außerordentlich gefördert durch die in Frankfurt gefaßten Beschlüsse; I..Durch die offizielle Einführung der Jahres• beitrage als Eimuhmvvmd Vermögenssteuer für die Bemittelten zur Ergänzung der als Kopfsteuern geltenden Ortsgruppeiibeitröge, Schekolmi und Landesbeiträge. 2. Die Erhöhung der Landeshciträge auf 3 M. pro Kopf des Ortsgruppen Wählers. Ilierilnrcli werden erst die Ortsgruppen veranlaßt, auf eine angemessene Ausgestaltung ihrer Bei• träge zu achten; es ist uns zu unserer Befriedigung gelungen, den Normalmindcstbcitrag von 12 M. pro Jälir, also 1 M. pro Monat, von denen l M. für Schekel. 3 M. für Landesheitrag, 4 M. für die Rundschau und der Rest von •I M. fiir die unmittelbaren Orts• gi'tippenzwecke dienen, in der Mehrzahl der Gruppen durciizuführen. und wir müssen unbedingt darauf lialten, daß es durchweg akzeptiert wird, weil nur auf dieser Basis Ordnung in die. Finanzen der Ortsgruppe kommt, lind die uns mul dem Actions-Connte zustchenden Beträge voll abgeführt werden. Es liegt auf der Hand, daß diese erheblichen finanziellen Belastungen nicht ohne Reibungswider• stände von der Zentrale durchgeführt werden konnten. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß der 12־Mark* Beitrag überall durch zuführen ist, selbst in sehr schwierigen Verhältnissen, sobald nur der gute