Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1912)
- Date
- 1912-05-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 166 JUEDISCHE Ich 11:11h.’ Ihnen gestern ein zweites Telegramm mit folgendem Wortlaut geschickt: ״Mellah zu drei Viertel durch Feuer zerstört. Bevölkerung noch im Palast. 50 Tote, 21 Ver* wundetc. Französische Gesandtschaft verteilt Lehensmittel und leiht ärztlichen Beistand. Muselmanische Bevölkerung eröffnet Sammlung zugunsten der israelitischen Opfer. Llmaleli.1' Heute morgen habe ich mit Herrn Ucguault, einem Architekten, Aer/ten und Offizieren •len Resten ries Mellah einen Besuch abgeplattet. Wir durch* schrillen das vor kurzem noch so belebte freundliche Viertel, das heute verlassen und im tiefsten Schweigen dalag. Die Fassaden der Häuser sind aufgerisseu, ganze Strallen bedeckt mit den Trümmern eiligefallener I läuscr. zerschlagener Türen und zerbrochener Möbelstücke. Fs sind die Simren einer dreitägigen Plünderung, der sich einige hundert Räuber in aller Ruhe hingegeben haben. Die Leichen, die die Strallen bedeckten, konnten fortgeschafft werden. Es sind mehr als 50, Männer, Frauen und Kinder. Wieviele werden wir noch unter den Trümmern finden? Ich bin in die Schule cmgeilrimgcu, in meine Wohnung. Nichts ist übrig geblieben. Alles, was nicht mitgenommen werden Konnte, ist zerschlagen, zerrissen worden. Bei mir, in dem einzigen im Mellah bekannten fran/ösisehen Haus, hat man mit wahrer Erbitterung gehaust und alles, was ich besait, gestohlen oder vernichtel. Ich habe Herrn Regnault zur Besichtigung zahlreicher Häuser veranlaltt, um ihm einen Begriff von der (trolle des Unglücks zu gehen. Vom Besuch im Mellah zmückgekchrl, ging Herr Ucgnnull in unserer Begleitung in die I löte des Palaslcs, um die Israeliten zu besuchen. Der Gesandte sagte ihnen ermutigende Worte, die unsere Unglück• liehen Glaubensgenossen elwas trösteten, Nach so viel Unheil haben wir die unabweisbare Unrecht wieder giitzimiaehen, da Lehen zu schaden, Pflicht, nach besten Kräften die .Schäden zu heilen, wo der Tod liiiulurcligegangeii ist. Der Sultan hat auf Anregung des Herrn Regnault eine offizielle Kommission eingesetzt, die die Fürsorge für die Israeliten übernommen hat. Sic bestellt aus folgenden Persönlichkeiten: Si Mohammed Tasi, Minister der öffentlichen Arbeiten, Präsident; Etmnlch, Direktor Ihrer Schulen in Fez., Sekretär und Schatzmeisten Herr Mercier, französischer Konsul, Herr -Tranchant de Lund, Architekt, Herr Dr. Weißgerber und zwei andere französische Acrzle. Icli bitte Sie inständigst, uns so viel!Mittel zu senden, als Sie irgend können, und in der ganzen Welt, überall, wo sieh Glaubensgenossen belinden, Sammlungen unter Ihrer Führung zu veranstalten, Unsere erste Sitzung hat heule abend stattgebinden. Wir haben beschlossen, in erster Reibe an die Säuberung der Strallen zu gelten, die die Strallen bedeckenden Trümmer fort/iischnffcn. Arbeiterabteihingen, jede unter Führung eines Mitgliedes der Konimission, werden unter Bciliilfc französischer Soldaten morgen mit dieser Arbeit beginnen. Wir hoffen, daß wir schon übermorgen die Israeliten in das Mellah zurückkcltrcn lassen können. Andererseits sammle icli so viel Lebensmittel als irgeudmöglicb in einem Depot, das ich im Mellah errichtet habe, von wo aus die Verteilungen erfolgen. Ich werde Sie von unseren Beschlüssen und unseren Arbeiten unterrichten, über die wir dem Sultan mul dem französischen Konsul berichten müssen. Ich muß arabische Kleidung tragen, um außerhalb des europäischen Viertels mich bewegen zu können, meine Lebensmittel cinz.ukaufcn mul nach dem Palast zu gelten, denn die Stadt wird noch immer von aufständischen Soldaten und mnrdhcrcilcti Fanatikern he* unruhig(. E1111 a I c 11," Albert Asch Nach langem Leiden ist am 26. April in Berlin Albert Asch im 58. Lebensjahre gestorben. Mit ihm ist ein charakterfester, gut jüdischer Mann dahingegangen, der in der zionistischen (!Öffentlichkeit fast nie hervorgetreten, um so mehr aber im stillen ein treues und eifriges Mitglied unserer Organisation gewesen ist. Von Gehurt deutscher Staatsangclüiriger, hatte er sich in Rußland niedergelassen und dort seine Existenz, begründet. Er zögerte nicht, sic aul/iigcben und in Berlin wieder von neuem zu beginnen, als ihm die Taufe zur Bedingung weiterer Niederlassungs-Erlaubnis gestellt wurde. 111 Rußland hatte er das Elend unserer östlichen Brüder kennen gelernt. Darum wurde er Zionist mit warmem Herzen, und aus tiefster Uebcrzvtigmig, der mit mtgeduldigem Eifer die Stunde der Erlösung der jiiiUselten Massen herbeisehnte. Die Interessen der jiidisehen Selbstwehr und der ״Jüdischen Turnerscliaft" fanden in ihm allezeit einen hilfsbereiten Förderer. Eine selbstlose Natur tat er Gutes, wo er konnte und soweit cs in seinen Krälten stand, immer aber still, ohne Rühmens. In der langen Zeit der Schmerzen, wie in den Wechsclfällen des Lebens, blieb er ein Aufrechter, ein Tapferer im Kampf mit dem unvermciülichcn Schicksal. Treu den Seinen, treu seinen Freunden, treu seinem jüdischen Volke mul treu sich selbst ist er bis zum letzten! Atemzuge gcblieben. Ein Guter und Gerechter, wird er fortleben im Hetzen aller, die Um gekannt haben I Soziales und Hygienisches aus Palästina Von Dr. Elias Auerbach, Haifa.*) II. Kindersterblichkeit und E 11 e. Was demjenigen, der als Arzt im Orient tätig ist, schon nach kurzer Zeit atiffnllcu muß, das ist eine gegenüber unseren Verhältnisscii ganz ungeist ist eine gegenüber .-־־.•• . heitre Kindersterblichkeit; zum Ieil aber das durch das vorhin Gesagte erklärlich genug. Die allgemeinen hygienischen Vcrhüllnissc lassen sehr viel zu wünschen übrig, so daß eins allein eine bedeutende Ursache der Kindersterblichkeit darstellt. Diese gebt einher mit einer außerordentlich hohen Geburtenziffer; und diese wiederum hängt zuftutuucii mit anderen sozialen!*aklorcn, vor allen Dingen mit der sehr frühzeitigen Eheschließung in der Bevölkerung. Dorl ist es selbstverständlich, «laß jedes Mädchen nach Eintritt in die Pubertätsperiode alsbald heiratet. ,Sei findet man oft 15 jährige liliefraticti mul noch bedeutend jüngere. Ls ist mir vor* gekommen, daß ich eine Großmutter von TO Jahren und eine Urgroßmutter von •15 Jahren gesellen habe. Ebenso ist es mich bei den Männern; «ler Mann heiratet sowohl bei der ländlichen wie bei der stiidii* sehen Bevölkerung /wischen dein 17. mul 20. Le* beiisjahre. Die Erscheinung der alten Jungfer ist in Palästina gänzlich unbekannt. Das ist einfach dadurch erklärt, daß die Eheschließung nicht auf freier Wahl der Fhescliließendcu beruht, sondern, wie bei den allermeisten primitiven Völkern, auf der der Angehörigen. Bei der iiiohamedaniselien De* völkerung •hat der Mann nicht die Möglichkeit, die Frau vorher zu scheu, sondern er sicht sic zum ersten Male nach Ehesehluß. Bei der christlichen Bevölkerung ist es insofern etwas anderes, als wenigstens in den oberen Schichten eine Annäherung an europäische Verhältnisse sich vollzieht, im Guten wie im Bösen. In diesen Kreisen, welche bedeutend größere Beziehungen besonders zu dem französischen Kulturleben unterhalten, beginnt das I leiratsalter in die Höhe zu rücken. Hand in Hand damit beginnt jedoch auch die Prostihduin, die sonst in Palästina eine sehr geringe Rolle spiell, sich bemerkbar zu machen. Uneheliche Kinder dar! cs bei der niobamedaiiisclien Bevölkerung überhaupt nicht geben. Ein Mädchen, das unehelich ein Kind bekommt, sieht unbedingt dem Tode entgegen. Sobald sie physiologisch dazu imstande ist, wird sic ver* heiratet. Die Einschleppung der Prostitution beginnt von den größeren Städten her. Da mm die arabischen Frauen von dieser sehr frühen Zeit an, wo sie die Ehe schließen, eine außer* ordentliche Fruchtbarkeit haben — man kann feststellen, daß sie bis zmn 30. Jahre 10 bis 12 Kinder geboren haben darf es nicht vvumleruclutien, daß, zumal bei schwerer Arbeit, ein außerordentlich früh* zeitiges Altern cintrilt. Es ist überraschend für den Ar/t, wenn er fragt, in welchem Alter sich die Patientin befindet; leicht ist es nicht, das zu erfahren. Die arabische Frau weiß ttümUcU nicht, wie alt sie ist; sie findet die Frage neugierig und gibt oft zur Antwort, die Mutter weiß es. Wenn man min durch vieles Fragen genauer ermittelt das Heiratsalter, die Datier der Ehe, das Alter der Kinder nsw., so kommt man dahinter, daß Frauen, die man nach ihrem äußeren Aspekt für 50 jährig gehalten bat, häufig erst 30 bis 35 Jahre alt simi. Die große Kindersterblichkeit rührt mm zum Teil davon her, daß in jeder Familie eine grolle Anzahl zu versorgen ist, und daß man dem jüngst geborenen Kinde nicht die Fürsorge zuwciuict, die nötig ist; ferner, weil die Milchproduktion bei diesen außer* ordentlich in Anspruch genommenen Frauen bei späteren Geburten nnebläßt. Eine andere als natürliche Ernährung ist aber ln der arabischen völkerung unbekannt. Ein Kind, das nicht von Mutter oder der Amine ernährt werden kann, ist sicheren Tode geweiht. Die Mütter nähren sehr lange, etwa D,j~2 Jahre Ich habe aber! auch oft drei* bis sechsjährige Säug linge gesehen. Aber man kann immer wieder fest stellen, daß trotz, des Versuchs, die Ernährung fort zusetzen, die Frauen doch häufig bald konzipieren und dadurch das jüngere Kind das ältere tötet. Im fünften oder sechsten Monat beginnt di« arabische Mutter dem Kinde Beinahrungzu geben und zwar meistens in sehr unzweckmäßiger Form indem mau nicht mit Milch beginnt, sondern ihm ■so fort Gerichte gibt, die der Erwachsene ißt. Ich hab« oft gesehen, daß die Kinder Brotrinde, Oliven um ähnliches bekommen. ‘st klar, daß man unter diesen Umstände! c״nl ^u8..ci״^' Vortrage, gehalten in der ״Gc Seilschaft für soziale ־־’ ־ ’ - ״ di B« de «lei g < c n e und M c d i z i n n l s t'a t i s t ik" *zu* Berlin* &&»״"׳' ■2'׳י' ״'• N'■ 18 Ä sehr oft Kinder mit Darinvrkrankungcn zu y|u■״ bekommt, und zwar in einem Stadium, wo <U1־ Arg nichts mehr machen kann. Heber die Sterblichkeit in der Gvsamthut tllf Bevölkerung kann ich nichts Bestimmtes sagen, da/״ würden statistische Unterlagen nötig sein, «l.c dir einzelne Arzt auch bei jahrzehntelanger Be«»ba<l1׳ne.׳u. «lauer nur in ganz geringem Maße beschaffen k.uin, liier wird erst einmal von seiten «ler Regicnm tmt Statistik anf/miiaclieu sein. Diese slblll alni ,mtii auf besondere Schwierigkeiten, weil die Hevölktrmi^ nicht daran gewohnt ist, auf solche Fragen m .״!!. Worten oder richtig zu antworten. Ftwas amlers liegen die Verhältnisse Im der städtischen Bevölkerung, soweit sie nicht diewr arabischen Unterschicht .ingehört. Bei «len Europäer! können wir sagen, sind die Verhältnisse nicht viil anders, als wir sie in Europa gewöhnt sind Iki den sogenannten Levantinern tritt eine Verschlaliu•• rung dadurch ein, daß siel) «lie Familien arabische Ansihammgcn aneignen. Auch bei der jüdischen Bevölkerung begia die Verhältnisse amlers. liier ist die Kimlerpllege iiilUr. ordentlich viel sorgfältiger; um) nur ein kleine! lei!, die seit (ieneralioiieii im Lamlc einheimischen -pott. oliseb-arabisebeii Juden, haben sieb «lern Ziistmn'e «kr Li11g<׳bn1c11en genähert. Dagegen •dml mich hei diesen «lie Zustände noch beileiitend besser als wir sie bei der arabischen Bevölkerung finden. (Fortsetzung i!>l;t.) Zum XIII. Gemeindetag Am 5. Mai wurde in Oppeln der diesj. Imgi־ Verbandslag der ohcrschlcsischcn Syiiagogeng« mm. den abgelialtcn. Sonst findet die Tagung immer erst im Ikih-t nach dem Suckotli-Feste statt. Diesmal wurde jedoch die Einberufung >0 *du beschleunigt, um dem Bezirk Gelegenheit zu geben, noch voi dem I). J. G. B.*Tage die Vorschläge zur Statutenänderung in Rede und Gegenrede zu klaren. Der Präsident des D. J. (1. 1L, Herr Proic-*•«••* P11 i I i p p s o 11 n , war persönlich erschienen, und aus dem. Bezirk war «ler Vcrhamlstag stark beschickt, oh• gleich «ler diesmalige Vcrsammliingsorl fitr «len Haupt• teil «ler Gemeinden nicht gerade günstig gelegen •־•t. Zunächst wur«le die übliche Fages« rdiuiug glatt und widerspruchslos erledigt, wobei Herr Sc 1110• singer, Rosenberg ((>.*S.), neuerdings in den Verbaiulsausseliiiß liineingewälilt wurde, daun gin׳; ni.m zu «ler D, J. (i. B. *Frage über, welche «he Ver• Sammlung volle 1 Stunden beschäftigte. Der Verbind*• aiisselmß hatte Herrn Rechtsanwalt Dr. Ne um.11 •׳ n, Reiillien zum Referenten bestellt und er emillic seine Aufgabe mit vielem Geschick, er war herzlicli bemüht, den offiziellen Standpunkt, insbesondere den Antrag Apfel weitesten Kreisen mundgerecht zu machen. Ihm trat in wirksamer Rede Herr Arnold Wiener, Kattowitz, entgegen, der die Gründe der Opposition in längeren Ausführungen «larlegte mul maiiclicii neuen Freund für diesen Standpunkt gcn.uiii. Alsdann wechselten Freunde mul Gegner de* An• trags Apfel in bunter Reihe ab. Unter den ersterei: Herr Professor Philipp-ohn selbst, sodann Herr Justizrat Kaiser, Bciitben O-S., mul Rabbiner Dr. (io Id mann, Oppeln, auf der anderen Seite Rabbiner Dr. Kaatz, Zabrze, und Dr. S t a h I, Tarnowilz. V«>11 einer Abstimmung «wird«’ ••nt beiderseitigem Eiuvcrstümhüs abgesehen, du Kräfte hielten sich offenbar die Wage, eine Ent- Scheidung wäre mir mit ganz, geringer Majorit.u!:«'• fallen und hätte darum keine hr.111chh.1re DiuUnc abgegeben. Dennoch war die langilanerndc Erörterung •>101* ergebnislos, sie bat auf der offiziellen Seile die U l׳.׳r• Zeugung beigcbr.icht, daß der positive Block loch unter den Be/irksgcmcitulen einen weit stärk r.׳n Anhang hat, als man cs bisher bei der Leitung 1 dte walirbaben wollen, und man begegnete «lort dem «1z־ lieben Wunsche, auf dem D. J. G. B. •Tage *.IM noch auf irgendeiner Weise . zu *•liier '•׳■»'’״• \ f• ständigting zu gelangen. Herr Professor Philipp-ohn hat ebenfalls dieser Stimmung Rechnung gelt ^«0 um! uavhilnkkViöi betont, die 0 Steilen, welch. 1111 Aiisselmß neuerdings geschaffen werden, bleiben »Irrt Männern der konservativen mul zionistischen I ich• tmig Vorbehalten. Wir nehmen von dieser Erklärung Akt, ohne 11.1!hu1 doch unseren Standpunkt hinsichtlich der Einfii'm der Verhältniswahl ftir den Ausschuß zu prüjudi/i« cn• Die vielfach gehegten Befürchtungen auf einen י:!'*• mischen Verlauf der Oppelner Versammlung h; 5c" sich nicht erfüllt. Unbeschadet der naclidriickli•!«'יי ycrtretimg eines jeden Standpunktes waren di« .1•*־ cinamlcrsctzimgcn von dem Geiste der Vcrsölinliih-cit getragen, und bei dein nachfolgenden Festmahl Firn btc *׳er Vcrbanilsvorsit/.emlc Herr Justi/rat Berg:*• Königshiittc, auf die Opposition eilten Trinkspiach aus, wobei er ihr dankt«.*, daß sie den saclili« M Charakter der Diskussion jederzeit gewahrt habe. Eine Besprechung der zionistischen Pclcgin^ findet am Mittwoch, den 15■ Mai, abends 8Vz 1 h6 im I Intel ״G olde 11 c O .1 n s“, Berlin < '״ t lcil*g£! geiststraße 51, statt. *