Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1912)
- Date
- 1912-05-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 165 tuidcit gibt cs keine Unterschiede sozialer Art, hier gilt nicht prahlerisches Erzählen, hier gilt die T a t, Optimismus, Idealismus, disziplinvolles Pflicht• gifiihl, einfache Natürlichkeit, Aufrichtigkeit, Selbst• Bewußtsein•, das sind die Güter, die die jüdische Tumbewegiuig der Jugend unseres Volkes schenkt. Aus ihnen heraus entstellt eine unzerstörbare Liehe /um Judentum. Der jüdische Turner weil!, wohin Pflicht und Ehre ihn stellen. ״Das Volk der Juden ist erwacht, es ruft nach seinen Söhnen.“ Möge der Weckruf erschallen an die Träumenden und Irren• den. Das Problem unserer Zukunft wird von Jahr /n Jahr schwieriger und brennender. Auf uns, der tatirohen Jugend, auf die unsere filtern mit hoff• luiugsfretidigeni Stolze blicken, lastet ihre Verant• wortung. Sein oder Nichtsein! Entweder wir lassen der degencrativen Entwicklung unseres Stammes freien Lauf oder wir raffen unsere ganze Kraft zusammen, nie fudeuheit dem rühmlosen Dahiusiechen zu ent• reillcn. Wer nur ein Etwas ererbt hat von dem stolzen Freiheitsdrang der Makkabäer, eines Har Kodiba, wer auf Ehre und Würde hält, dem ist die Frage entschieden. Ich wende mich an euch, iln Jungen und Starken, die ihr noch ein ganzes Lehen dem Judentume widmen könnt. Ich habe versucht, euch den Weg zu zeigen, mit/.uarbeiten für die Freiheit unseres geknechteten Stammes! Ich hoffe, ihr werdet ihn gelten und seine Schönheiten erkennen! Für den Nationalfonds Ob es wohl andern Zionisten auch so geht wie mir? Regelmäßig, wenn ich Gast hei einer Hoch* zeit hin, ärgere ich mich. Und besonders, wenn der eine oder andere Teil der am meisten beteiligten Gesinnungsgenossen sind. Der Grund meines Aergers ist immer der gleiche: die I lochzeitstelcgranimc. Fortwährend öffnet sich irgendwo eine Tür, herein tritt ein Pepeschenbote und überreicht mit Trink• gehlliisterner llaud Telegramme, ganze Slölle, 111111• dert, humlerlfiiiifzig, zweihundert und noch mehr kann man zählen. Was wohl die Ueichspost allein aus jüdischen Hochzeiten alljährlich einnelimcn mag? Der ״Nationalfonds“ hat zwar Ersatzfornmlare,‘ aber wie seilen sieht .mau sie! Welch verschwindender Bruchteil gegenüber den Posttelcgrammen! Sic glau• ben’s nicht, vereinte Freunde? Lassen wir Zahlen reden. Die Tclegrammblankette brachten P>I)S: M. 38G2, davon aus Deutschland M. 632, aus Oesterreich M, 1133; 1909: M. •1127, davon aus Deutschland M, 91$, aus Oesterreich M. 17l(>; 1910: M. •1855, davon aus Deutschland M. 79, aus Oesterreich M. 2090; 1911: M, 5397, davon aus Deutschland M. 227, aus Oesterreich M. 3013. Also im ganzen eine minimale Zunahme des Absatzes, davon das meiste in Oesterreich, ein er• lieblicher Rückgang dagegen in Deutschland. In den vier Jahren sind alles in allem für etwa 18000 M. Telegrammformulare in Deutschland verbraucht war• den, also noch keine 5000 Stück, d. 11. im Durch• schnitt hat in vier Jahren (zusammen!) noch nicht einmal jeder deutsche Zionist auch mir ein Telegiamniformular des N.-F. benutztI Ist das nicht wirk• lieh gradezu beschämend? Und dabei sollte man doch annchmcn, dall die Telegramm-ErsatzblankeUs eine Einrichtung sind, die auch viele Nicht/innisten gern benutzen werden, die sonst für zionistische Zwecke pichts übrig bähen. Hier in Breslau ist es jedenfalls so. Und dennoch in vier Jahren nicht einmal ein Formular für jeden deutschen Zionisten! Woran mag das wohl liegen? Zunächst sicher daran, dall die ganze Einrichtung dieser Ablösungsart von Posttelcgrammen noch viel zu wenig bekannt ist. Viel öfter müßte darauf hingewiesen werden, in unsern Preflorganen und vor allem in imsern Vor• Sammlungen. Aber auch bei jeder Einladung sollte ein darauf bezüglicher kurzer Hinweis, eine kleine Erläuterung des Sinnes und Zweckes der Einrichtung mitaufgedruckt werden. In jeder Versammlung, offen!• liehen mul Mitgliederversammlung, muß jemand den Vertrieb der Formu'are besorgen, und zwar möglichst nur dieses, nicht gleichzeitig tuich etwas anderes. '1wd daun sollte aut־ die Notwendigkeit Itittgcwiescit M'uluti Meis l ithü ptolh'iiit Vm'titl um hirtnnFmn hu I Luise zu liahcii, Das ist nämlich von lusomlm r Wichtigkeit, mul hier liegt die nächste Ursache für den s״ geringen Verbrauch mt solchen Formularen: Die meisten haben sie nie zur Hand, "׳ e 11 n sie s i e g e r a d e b r a u c 11 e n. Aber erst besorgen gehen, — manchmal (oder meist) weiß man 1״‘•Itt mal, wo man sie erhalt ■ das ist zu mustiiml• Ih'h, die /eil drängt midi meist, tmm eriuueit sich '1"dt gewöhnlich vort im leiden Moment tut die Notwendigkeit, solch Telegramm ab/usenden, Hat mmt also Keinen Vorrat von l ormulaien zm llaud, *n fließt das Geld doch wieder der Post zu, das tmserm N..F. hätte zugute kommen, können. Daher sollten die Vertrauensmänner in den Ortsgruppen da• für sorgen, dall jeder seinen Vorrat an N..F.-Telcgrammen im Hause hat. Und wenn manche nicht Lust haben, ״Kapitalsanlageu“ darin zu machen, so soll• ten ihnen die Vertrauensmänner, die ja ihre Leute aus der Ortsgruppe kennen werden, die Formulare ״in Kommission“ gehen, zur Bezahlung nach Bc• mitzimg. Alter alles dies wird (so scheint mir) nicht ver• hindern, dall doch noch »ft, selbst bei zionistischen Hochzeiten, eine übergroße Zahl von Posttelcgrammen aukommeu. Sie werden zumindest aus solchen Orten kommen, wo man die N.-I'.-Telegramme noch gar nicht kennt. Aber auch von anderwärts her. Diese Erwägung veranlalite mich, vor einiger Zeit dem Uauptbureau des N.-F. folgenden Vorschlag zu unterbreiten: Es sollen neue Tclegram1n־Ersatz־F0rmulare hergestellt werden, die mir wenig kosten. Sie werden mir an solche verkauft, die Hochzeits a 11 ze i g e 11 zu versenden haben, also an Brautpaare, hzw. Brautcltvrn. Diese legen die Formulare den An• zeigen bei. Die Formulare werden ■ dann von den Empfängern der Anzeigen, wenn sie dein Braut• paar zur Hochzeit gratulieren wolfcn, so nngewendet, daß sie sie als Brief absehicken und an einem seit* liehen Talon in Briefmarken den Betrag mitseuden, den sie sonst für ein Posltclegranun verausgabt hat• ten. Diese Talons mit den Briefmarken werden bei der I lochzcit abgelöst t״!d zusammen an die Lan• dessammclstelle gesandt. Die Art der Benutzung ist auf einem zweiten Talon des Formulars angegeben, Mau hat gegen diesen Vorschlag vcrschicdent• lieh eiiigcwaudt, es schicke sich nicht, in dieser Weise die, denen man Hochzcitsnnzeigcn sendet, zu einem Telegramm zu nötigen. Dagegen ist doch wohl aber zu fraget!:'Wozu schickt man denn überhaupt solche lloch/.citsanzeigcii jemmul zu? Was will man da• mit? Mir scheint, man tut dies in der Vorausset/ung, der Empfänger nehme Anteil an diesem (sogen,) freudigen Ereignis und habe den Wunsch, seiner Anteilnahme zur rechten Zeit Ausdruck zu verleihen, Die iihlielic* Art dafür ist das Glückwunsch• Telegramm, wie jedermann weiß. Man tut also nichts anderes, als daß mau dieser stillen Annahme Ausdruck verleibt, aber zugleich Gelegenheit gibt, das sonst fiir eine Depesche aiisgegcbenc Geld — sagen wir — besser anz.uwciulen. Soll das unbescheiden sein? Dann ist jedes Versenden einer Hochzeits• anzeige genau so aufdringlich. Verschickt man aber solche, dam! ist nichts dabei zu finden, wenn man derartige Formulare beilegt. Diese sind hergestellt worden, und das Haupt• bureau des J. N.-l'. hat mich beauftragt, einen Versuch zu ihrer Einführung zu machen. Dies gegeschieht hiermit, und ich bitte alle die, die den Nationalfonds in dieser Weise zu fördern benbsicliti* gen, sich au mich zu wenden. Hugo Sch achtel •Breslau VI. Die Judeninetzeleien in Fez Das Deutsche Bureau der Alliance Israelitc Uni• verseile, Berliii-Cliarlotlcnburg, übermittelt uns zwei an das Zentral-Komitee der Alliance in Paris gesandten Berichte des Direktors der Alliaticeschule in Fez über die gelegentlich des jüngsten Aufstandes erfolgte Pliin• derimg des dortigen Judcnviertcls. Herr Elmaleh schreibt: ״Fez, den 22. April 1912, 1 lerr Präsident! Wir haben Schreckliches Überstunden, Die Pliin• derimg des Mellali durch die scherifischen Truppen begann am Mittwoch, den 17. April, mittags. Ich hatte soeben die Schule verlassen und wollte gerade frühstiieken, als man mich benachrichtigte, daß au den Toren des Mellali Schüsse gewechselt würden. Ich glaubte zunächst an einen belanglosen Auflauf. Mit jeder Minute aber wurden die Meldungen beunruhigen• der. Man berichtete mir von einem Aufstand von mehr als 5000 gut bewaffneten Soldaten, die im Begriff seien, auf das Mellah und das europäische Viertel zu marschieren. Die Tore des Mellali wurden geschlossen; aber leider mußten sic unbescluitzt blciben, weil die Israeliten weder Gewehre noch Munition hatten. Der Angriff war so plötzlich erfolgt, daß es unmöglich war, die Verteidigung zu organisieren, leder suchte allein sieh mit den Seinen in seinem \ lau«־!• zu verteidigen, Unsen; Srlnden lullten *ith uni Mn^eu von liatun hmi Iviiidrtn, Uiijdtulditin׳, die nicht wußten, daß unsere Gegenwart ihnen zum Verhängnis werden konnte, denn die Empörer suchten alle Franzosen in l\7. iiieder/uuietzehi. Ich versuchte, uns zu organisieren, um uns nach besten Kräften zu verteidigen und unser Lehen so teuer als möglich zu verkaufen. Wir hatten jedoch für vierhundert Fluchtlinge im ganzen bloß fünf Gewehre — eine verzweifelte Situation! *Gegen 2־ Uhr mittags wurde mir mitgeioill, die Rauher lialloti die lote des Mellah nledergehranul und Kehn tu die Skull diigeilnuigeu, In diesem Attgeiihllek begann Mich selum die Pillu• deumg, und wir lufrteil Veizweiilmigs• und Todes• schreie vieler Menschen. Ich hell um teures Geld dem französischen Gesandten Nachricht zukommen und sandte auch um Hilfe in das zwei Kilometer entfernte französische Lager zu Dar Dbibag. Meine Briefe gelangten jedoch nicht in die Hände der Adressaten. Ich hoffte immer noch, daß die fran• zösischen Militärbehörden ein Triippemletacbement zur Verteidigung und zum Schutz des Mellali entsenden würden. Ich kannte noch nicht die Situation des Generals Brulard, der nur über ca. 800 Mann verfügte. Aus dem Lager von Dar Dbibag war der Gesandtschaft Beistand geschickt worden, aller, an• statt den kürzesten Weg durch das Mellah zu nehmen was unsere Rettung gewesen wäre marschierten die Trimpcn (Inreh die Felder außerhalb der Mauern des Mellah. Die aufständischen Soldaten, die bereits mehrere Häuser unseres Viertels besetzt hatten, zielten von den Mauern aus auf diese Truppen, so daß die Offiziere glaubten, die Israeliten seien ihnen feindlieh gesinnt mul befänden sich auf seiten der Aufständischen. Während der General mit allen Kräften danach strebte, Herr der Situation zu bleiben und sieh bemühte, um jeden Preis die Gesandtschaft und das europäiscfie Viertel zu erreichen, um es zu schützen, waren wir im Mellali unseren! Scl1ieks.1l überlassen. Ein Detachement von nur 100 Tirailleuren hätte schon genügt, die Greuel zu verhindern, ■ von denen ich Ihnen berichte. Wir sind die unschuldigen Sühneopfer der antifrnn/Osiselicn Bewegung von Fez gewesen. Wohl sind viel Franzosen getötet und verwumlet worden, haben Offiziere, Kauf Icutc im Laufe des Mittwoch ihr Lehen eingeliüßt, aber viel größer ist das Unglück, das im Mellali eine ganze Gesamtheit betreffen hat. In der ganzen Stadt Fez waren wir allein dem Verderben ausgelielert, denn es ist grausanic Wahrheit, daß bei jedem Ausbruch dei Volkswirt in Marokko Rachsucht mul Hall in den Mellahs ihre Befriedigung suchen lind fimJcu. Die am Mittwoch begonnene Plünderung setzte sieh ohne Unterbrechung bis Sonnabend morgen fort. Drei Tage lang wurde im Mellali gestohlen, ab• gebrannt, iiicdcrgemct/elt. Die Nacht vom Mittwoch zu Donnerstag war eine Selireckensuacht, an die ich mein Lehen lang denken werde. Ich wachte inmitten meiner gcängstigten Familie, die Waffen in der Hand. Wir hörten das Gewchrfciicr, das Geschrei der Opfer. Die Stadt war erleuchtet von dem unheimlichen Schein der Eciivrshrunst, Jeden Augenblick erwarteten wir, von der wilden Horde ergriffen und niedergeschlagen zu werden, Wir haben schreckliche Minuten durch• lebt. Ich hatte um mich meine Frau, meine K'nder lind das Personal der Schulen vereinigt, um gemeinsam zu sterilen. Ungeachtet der verzweifelten Gegenwehr, die wir den Mördern entgegengesetzt hätten, wären wir doch zum Tode verurteilt gewesen, wie das Bei* spiel mehrerer Häuser zeigte, deren Bewohner siel! mit dem Mut der Verzweiflung verteidigt hatten und zuletzt doch den Kugeln und den Flammen zuin Opfer gefallen waren. Am Morgen des Donnerstag forderte ich angesichts der bereits begangenen Grau• samkeiten mul um •neues Unglück zu verhindern, die Insassen der benachbarten Häuser auf, zu entfliehen. Ich selbst verließ mit den Mehligen und unseren sämtlichen Flüchtlingen das Hans, und wir eilten, in einen an den Palast des Sultans grenzenden Gurten zu gelangen. I lier verbrachten wir den Rest des Tages, gehetzt und verfolgt von Bosket zu Boskct, von einer Hütte zur anderen. Es war eine Flucht unter Schrecken und Bestürzung, die ich Ihnen nicht schildern kann. Frauen und Kinder bangten sich weinend an mich, im Glauben, ich besäße die Mittel, sic zu retten. Am Abend kam die Rettung. Von Mitleid bewegt, ließ der Sultan alle Israeliten holen und ihnen die Tore des Palastes öffnen, an die wir im Laufe des Tages vergeblich geklopft haben. Fast 2001) Israeliten fliich• toten an diesem Abend in einen der liöfe des Palastes. Was war aus den anderen geworden? Wir zitterten, wenn wir an ihr Schicksal dachten. Die Nacht ver• brachten wir in diesem Hof des Palastes im Regen, krank und hungrig. Wir hatten seit Mittwoch früh nichts gegessen lind konnten vor Freitag früh kein Stück Brot haben. Am Morgen ließ uns der Sultan mit unseren Familien zu sieh kommen. Wir bestanden darauf, auch unser Personal einz.ufüliren, was auch gestattet wurde. Man empfing uns in einem Hause, wohin der Sultan kam, der sich zwanglos und freundlieh mit uns unterhielt. Bis heute'morgen genossen wir im Palast völlige Gastfreiheit. Ich verließ den Palast, um zur Gesandtschaft zu gehen und mich für die Israeliten zu verwenden. Der Rest der Israeliten war nni Freitag früh im Palast anfgenommen worden. Der Sultan ließ freigebig Lebensmittel au sic verteilen. Die Militärbehörde, die Gesandtschaft, der engtische Konsul haben Brot geschickt. Vom Palast aus habe ich Ihnen auch die erste Depesche folgenden Inhalts geschickt: ״Mellali drei Tage lang geplündert. Zahlreiche Tote, Verwundete. Jüdische Bevölkerung im Palast des Sultans aiit'geiioimueii. Sendet s» hm lldeiis Hilfe, I Imalclt," Nachdem ich den Palast veilassen mul hl das europäische Viertel Hieben konnte, wo ich gegen• wärtig wohne, habe ich mich bemüht, im Bürgerhospital von Fez alle verwundeten Israeliten zu vereinigen. Zwei französische Aer/*׳; waren uns von Herrn Regnanlt zur Verfügung gestellt worden. Wir haben ungefähr 25 Verwundete, von denen mehrere sterben werden. Die Israeliten sind im Palast geblieben und leben von den Naluungsuulteln, die wir unter sie \er• teilen, Sie befinden sieh in den Üblen des Palastes ohne Duell, ohne Kleidung, au( der bloßen Fnle kauernd, von Krankheit und l'leher befallen, oder citigesclilosscu in den l.öwonkäfigen, die ihnen als Obdach dienen. Der Anblick, der sich mir jedesmal beim Betreten der Höfe bietet, zerreißt mir das Herz. I