Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1912)
- Date
- 1912-05-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 164 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr.!0 schaft ussv., untersuche», in ganz ,ähnlich hewuOt und absichtücl» einseitiger, doch möglichst objektiver Art, und man wird vielleicht zu ganz überraschenden Ergebnissen kommen. Das soll nicht millverslaiulen werden. Wir wollen keine Parodie auf Sombart. Aber die unvermeidlichen Paralielstellen solcher Untersuchungen werden am Ende zeigen, daß Som* bart unrecht hauptsächlich in e i u e m tut: daß er auf eine natürlich, notwendig und gewollt einseitige Forschung politische Prinzipien sich aufbaute, die ebenso einseitig werden inulUen. DalJ er bei der Systematisierung seiner ״Judenpolitik“ die unendliche Vielgestaltigkeit des Judenvolkes vergaß und im wesentlichen den Juden immer wieder als ein vorwiegend wirtschaftlich veranlagtes Individuum nahm. Geht man erst einmal gründlich anderen Wurzeln jiidisehen Wesens nach, so gelangt man vielleicht auch zu anderen Schlüssen. Und das wäre dann mehr eine Ergänzung, als eine Widerlegung Sombaris — und weit wichtiger als diese! Eine Schlußfolgerung Sombarts allerdings würde dadurch sicherlich noch stärker betont werden, und deshalb haben unsere Gegner kein Interesse daran, daß nämlich dieses jüdische Volk nicht als Volk unter gehen darf. Daß cs eine Zukunft haben muß, nicht nur im dcutsehen, englischen oder französischen Juden, son* der» im freien nationalen Sohne eines neuerstandenen jüdischen Volkes in Palästina, Und das nicht allein aus dem natürlichen Selhstcrhultuugstriebe heraus, der dem Judenvolk in einem krilisehen Stadium seiner Geschichte den Zionismus schuf, sondern sicher ebensosehr im Interesse der Menschheit und der Entwicklung ihrer Kultur. (ib. Wir jungen Juden (Ein Wort nn die jüdische Jugend imd ihre Erzieher.) Von Henry Unna. Wenn wir die einzelnen Entwickchingsphascn des jüdischen Knaben und Jünglings betrachten, so .sehen wir bei ihm wiederkehreu, was in seiner Gesamtheit das ganze jüdische Volk durchlebt hat. Die Generation, die uns geboren hat, war durchweg religiös oder doch für den Hausgebrauch traditionellgcsctzcstrcu. Wir sahen in unserem Elternhansc jiidisehe Gebräuche ehren, wir erlebten jüdische Feste, wir teilten jüdische Freuden, wir hegten jüdische Kiudhcitsträumc, Mit welcher Andacht und Liehe rüsteten wir die Laubhütte zum Szukkothfeste, mit welch heiligem Schauer durchlebten wir den bangen Versöhuungstag, mit welcher Hcgcisterimg sangen wir das Moauszur beim Leuchten und Qualmen der Chamikahkcrzen, Was unser Volk in seiner Urzeit besait, wir hatten es im Elternhause: eine jüdische Heimat. Unser kindliches Gemüt empfing täglich jüdische Eindrücke verschiedenster Art, wir fühlten und dachten aus uns selbst heraus jüdisch. Wie unsere Väter in der Heimat Palästina waren wir für ach so kurze Zeit Volljuden. Aber auch wir wurden grausam vertrieben. Wie das Kind zum Knaben, der Knabe zum Jüngling herauwuebs, erwachte in ihm der kritische Verstand, Die Frage nach dem Grunde aller Dinge entbrannte mit verzehrendem Feuer. Und was dein naiven Kinde geheiligte Symbole waren, sank dem Jüngling zur inhaltlosen Form. Das herrliche Gebäude, das liebende Eltern mit so unendlicher Sorgfalt, Stein für Stein, erbaut, es zerfiel zu nichts. Und es mulMc zerfallen, weil es auf schwankem Grunde errichtet war. Was nützt uns eine glückliche Kindheit, wenn sic uns nicht die Pforten öffnet zu einem glücklichen Lehen? Als ־ Kinder waren wir auch im jüdischen Sinne glücklich. Aber wir waren es nur als Fritz und Karl und so weiter. Wir ahnten nicht, dalJ wir nur ein winziges Glied waren eines Millionenvolkes, das einst bessere Tage gesehen, Wir sahen es nicht, daß unsere jüdischen Feste Erinnerungen waren an eine Zeit, die auf eine bessere Zukunft hoffte, als wir sic durchleben. Man hatte es nicht verstände 11, uns wirklich das Judentum nahe zu bringen. Wir liebten cs aus Egois* mus, weil es uns Freuden brachte. Und als diese Freuden aufhörten, weil wir Urnen iiieht mehr mit demselben kindlich.empfiinglichen Gemüt gegenübertraten, da mußte logischerweisc unsere flache Liebe zum Judentum erblassen. Und so manchen! heranwachsenden Jüngling ward das jüdische Elternhaus zum Ghetto. Es entstand ein Konflikt zwischen den Eltern, die auf gesetzestreuen Wandel sahen, und dem Sohne, der kein Verständnis mehr batte für das, was den Eltern teuerstes Gut war; dem als lästiger Zwang erschien, was den Eltern als Ausdruck ihrer heiligsten Ucbcrzcugung diente. Dieser Zwiespalt, er lebt in fast jedem jüdischen Hause. Wo er nicht zum offenen ßrtiche führt, wühlt er in den Herzen der Alten und Jungen und droht das vielgepriesene jüdische Familienleben in seinen Grundpfeilern /» erschüttern. Wenn nun der jüdische Jüngling das Elternhaus verläßt, um sieh als Kaufmann oder Aka- (lemiker in der weiten Welt sein Hrol zu suchen, so hat er jeden Halt im Judentum verloren. Man haßt bekanntlich nichts so sehr wie das, was mau geliebt hat oder lieben sollte. Und wir scheu cs tat* sächlich, daß in einem grollen Teil der jüdischen Jugend geradezu eine haßerfüllte Feindseligkeit herrscht gegen alles, was jüdisch heißt oder irgend an Judentum erinnern kann. Auch diese traurigste der Goluthbliiten, der jüdische Antisemit, ist absolut erklärlich. Muß dem Jüngling, der in den Jahren des Stürmens und Drängens nach Wissen und Freiheit, muß diesem ein Judentum nicht als lästige Fessel dienen, das ihm hundertfach Hescliwerden bringt, ohne ihm etwas zu sein? Ein Judentum, das er nicht versteht noch keimt, mul das ihn hindert auf jedem Schritt seines Lebens? So steckt der jüdische Jüngling seine Abstammung in die Tasche mul gebärdet sieh als dcutsclmationaler Hamllungsgeliilfe, wo es sein orientalischer Typus irgend gestattet. Er kennt mir ein Ziel seiner Wünsche: die Eiitjudaisierimg um jeden Preis. Für jüdisches Streheu und Schaffen fehlt das Wollen, und zum Erleben völligen sozialen und kulturellen Aufgehens in der Gemeinschaft der ״anderen“ fehlt das Können. So bildet der Assimilationsjmle den jammervollen Typ des Emporkömmlings. Er drängt sich würdelos in Kreise, die ilm nicht wollen oder zum nundesten nur dulden. Sein ganzes Sein und Tun ist bestimmt durch die ängstliche Frage: ״Was sagen die ״anderen“?“ Wir können es uns ersparen, in unserer schwersten Wunde zu wühlen. Wir keimen ihn alle zur Genüge, diesen ühcttojiidcn unserer modernsten Zeit, den ein Hcrzl als Mausehel treffend gekennzeichnet hat. Wir kennen ihn hmulcrtfach, aus dem Lehen, aus der Literatur und aus den Witzblättern. Wir wollen uns mit Mauschel nicht allzulange aufhalten. Wir haben ihn verstanden, und auf das historische Begreifen müssen wir den Schwerpimkt legen, Das Problem der jüdischen Jugend, es hat sieb von Generation zu Generation fortgepflanzt, weil man es nicht erkannt hat. Es wird sieh auf unsere Kinder in seiner ganzen Schwere fortwäl/en, wenn wir es nicht seiner Lösung zum mindesten näherbringen. Dem Schicksal sei Dank! Man hat äugefangen zu begreifen. Aus der Studierstube einzelner dringt cs allmählich zur Erkenntnis weiterer jüdischer Kreise, daß es einfach so nicht weitergeht. Paß der jüdische Stamm keine Zukunft haben kann, wenn ihm die Jugend fehlt. Man hat so lange an der allgemeinen Judeimot herumgedoktert, bis man ihren Kernpunkt erkannt hat. Es gibt mir eine konsequente Therapie für die Judcnhcit: Macht die Jugend jüdisch, j ii d i 8 e 11 bis a u f die Knoche n, u 11 d das J u d c n t u in w i r <1 wieder I e b e n sfällig, jung bis ins Markt) So ist im Grunde das ganze Problem eine Frage der Erziehung. Man hat nun vielerlei Gemeinschaften gegründet, um unsere Jugend dein Judentum ziirückziiführcii. Literatur- und Gesclligkeitsvcreinc, Diskussionsklubs mul zuletzt den großen Verband jüdischer Jugendvereine in Deutschland. Bei aller Anerkennung der Summe von Werten, die diese Organisationen ge* schaffen: sic alle verfehlen den Kernpunkt der Frage. Sic verbreiten ihrer Tendenz nach jüdisches Wissen und Können. Gewiß eine gutjüdische Tat! Aber durch Diskussionen und Vorträge rettet man kein jüdisches Volk. Nicht auf Wissen mul Können kommt cs hier an, das Wollen 1111• screr Jugend muß erst wieder jüdisch werden. Wenn in der ganzen Jugend unseres Millioncnvolkes der stolze, eiserne Wille entbrennt, Träger einer Zukunft zn sein, erst dann ist ihr Problem gelöst. Dieses ziclbewiißte Erziclumgswcrk unserer Jwgciwt ist die Basis der jüdischen Twrnbcwcgung. Inwiefern löst sie die geschichtliche Aufgäbe, die sie auf ihr Panier geschrieben: die Er- Ziehung der jüdischen Jugend zum jüdischen Wollen? t Es ist unendlich schwer, unsere verwöhnten Muttersöhnchen auf den Turnhoden zu locken. Wie soll so ein angehender Gentleman auch Zeit finden zum Turnen?! Spiclklub, Tanzvercin, Cafe, Skatabend, Mädel, nochmal Mädel und wieder Mädel — man hat doch absolut keinen Abend freil Und man will doch auch ״etwas vom Leben haben“. Und dann: Turnen 1 Das hat so einen eigenartigen Beigcselmiack. Wirklich nicht standesgemäß, Sache der Proletarier! Man macht sich die frisch gebügelten Hosen so leicht schmutzig, und dann, und dann, und , ל*. "■ .ד*,״(״• Schlaffheit, Feighell, Trägheit, Energielosigkeit widerstehen den zwingendsten Gründen der Logik. Doch haben die jungen Herrchen die angehorene und .״!׳erzogene Scheu (lhcrwunden, so durchlaufen sic in den Turnvereinen eine merkwürdige Metamorphose. Als Ich zum ersten Male einen jiidisehen Turnboden betrat, durchbcbte mich eine Begeisterung, eine Freude, wie ich sie selten cmn|un. den. Ich sah wohl etwa 'iü junge, stattliche j״l|c* in kleidsamem Turngcwaiid, in Reih und Glied r«h| ' stramm marschieren. Und wie aus einem Munde er. klang stolz und zuversichtlich das kraft volle■!.!cd der jüdischen Turner: ״Wohlan, laßt das Sinnen und Sorgen, scheucht die Angst aus der Seele l״r. aus, schon grullt uns der Freiheit Morgen, die Freude pocht jubelnd ans I Luis.“ Und mit' Augenblick, der mich berauschte vor jüdischer Jn ״emj, lust, ist es mir klar, wo die Arbeit im Dienste der jüdische» Jugend eiuzusct/cii hat. 1:111 Volk, (|״ solche Scharen aufrechter, zuknnftsfreudiger ׳Jü!;׳. linge zu seiner besten Jugend zählt, ist nic ״,'j nimmer dem Untergang geweiht. Und diejenigen die ihrem Volke eine solche Jugend erziehen, haben ein unsterbliches Verdienst um seine Zukimlt. Eine merkwürdige Er/ichungskraft hat das Turnen. Ungelenkig und schwächlich kommt der Neuling und staunt über die Leistungen der (i{. iibteu. Wenn er die ersten Tiirnabcmle mit ihren Mühseligkeiten glücklich Überstunden hat, bekommt er allmählich Vertrauen zu seiner Kraft. Und son Selbstvertrauen wächst zum Ehrgeiz. I'r will nicht in der letzten Biege bleiben, er will zu den lk<|lB gehören, er will, er will! Er hat es gelernt, /u wollen. Per Wille ist der Vater der lat. 0« feste Wollen selzt sich durch, und immer hoher steckt der Turner seine turnerischen Ziele, immer höher entwickelt sieh seine Willenskraft. Und der Turner entdeckt sein jüdisches Ehrgefühl! Was hat man ihm solange weisgcmaclit? Per Jude sei leige, schwach und unfähig? Er seihst ist doch autli Jude, mul bei seinen Leistungen sei er feige und schwach? Sein Stolz bäumt sieh auf. Fr setzt seine ganze Kraft und Energie daran, seine Ehre als Mensch : und Jude zu wahren. Und die Gleichgesinnten vo. f neu sich gegenseitig an: sie wollen der Welt zeiget (• daß die Juden das Zeug in sieli haben, Taten מ ' leisten, wenn sie mir wollen. Und die jüdischen Turr.« lernen es, ohne es zu wissen, ihre gestählte Willens• kraft in den Dienst der jüdischen Gemeinschaft rj stellen. Aus einem kraftvollen Trotzjuilenlum ent• wickelt sieh langsam ein gesunder Posjtisismus. Jüdisches Ehrgefühl und jüdisches Sclhsthcwiillbcm,! sie erzeugen den Willen, aufzuhaiieu wo J.ihrlmn• | (lerle zerstörten; init/narbeiten .111 dem großen Werke,! unserem Volke eine würdige Zukunft zu schiffen. 1 Pie Juden hatten es verlernt, an die Zukunft w! glauben. Pie Jahrhunderte der Leiden und Schnucf!, sie haben einen schier unverwüstlichen PessiiiiiMws in uns großge/ngen. Man könnte ihn paradox ה41י)ג j Pessimimus des Optimisten bezeichnen. Wohl hat die Judcnhcit stets an eine Erlösung■ geglaubt, und dieser Glaube hat sie erhalten. Aber die erträumte Freiheit liegt in 111vstisel1-pl1.ini,istischciii Dunkel, und vor allem in historisch unfaßbarer, nebelhafter Ferne ln dem starren messi,mischen Glauben verzichtete der Jude darauf, selbst Hand anzulegen an 11»; Werk seiner Befreiung. So entstand jener resigniert: Negativismus, der noch heute jede Zukunfö.irh(״ stört. Wir müssen ilm ersetzen durch arbeit-irem!• gen Optimismus. Pie jüdischen Turner führen ihre Scharen hinaus in die weite, unendlich schöne Natur., Sie zeigen dem blasierten Cnfchausjmlcu von licut(,! daß es höhere, natürlichere Freuden gibt als Ziga• retten zu rauchen und den Simplizissimus auswend j zu lernen. Wenn die jüdischen Turner liiiiauswamlcts durch Wald und Feld, über Wiesen und ßcigf. wenn sie Rast halten mit den Vögeln und Blumen,! dann fühlen sic sich stark und frei als Menschen- , Wenn sie mit der blau-weißen Kokarde recht stramm , marschieren und aus freudig schwellender Brust j kernigen jüdischen Jugemllieder erschallen lassen- ) dann sind sie stark lind frei als Juden. Und!!׳ ׳ Menschentum und ihr Judentum zerschmelzen מ einer untrennbaren Einheit. Als jüdische McmcM fühlen sie sieh,ein Teil der göttlicli schönen Nil״* und ringen und streben nach immer höherer Sei;׳ •'■■׳ heit und Reinheit. I Unsere Juden und unser Judentum zu l׳<ul({5 und zu reinigen von all den Schlacken, die j hunderte uns .•!Herzogen, das ist die wichtigste Oöäו ־־ wartsarbeit. Zn dem begeisterten Idealismus fürj Jüdische, der unwillkürlich im aufrechten, jüdbd'f5; Turner erwächst, gesellt sich als notwendige^’, gänzung sein anerzogenes, disziplingewolmtcs IW1׳’ gefi'ihl. Disziplin! Wer je mit Juden in einer Orp•; nisation zusainmengearbcitct hat, weiß, wie hitjf ׳ wir ihrer entbehren. Per nörgelnde Kritizismus «0 Ghettojuden duldet keine Götter über sic!!. Jc״‘ Judcnbcngcl hält sieli für ein talentvolles 00י|{ einen geborenen Führer, und — um mit dein.ScWk wort unserer Zeit zu reden— für eine ,,Imiivj*|UJ,' tat“. Und diese Ucberproihiktiou an täten“, sie ist unser Verderben. Disziplin! ״׳ ' jüdische Turner hat es gelernt, seinem sclb-lgc"J teil Führer aufs Kommando zu gehorchen. SokmtF^ Turnbruder in seiner Würde als Vorturner zu''' spricht, ehrt er in ihm den unbedingten Vorgcsctu . Und er ehrt ihn, ob er schon reich oder arm, betitelt oder schlicht und einfach sei. Auf dem