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Jüdische Rundschau · 1912-05-03 · Heft 18 (3.5.1912) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 18 (3.5.1912)
Date
1912-05-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 154 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 18 öffentliche Kosten zu unterhalten. Oie Flüchtlinge füllen jeden Fuß breit Erde, den sie in dein weit* läufigen Sullansgarten, in den Gebäuden, Gängen, Stallungen und Schuppen finden können. Man hat ihnen auch den inneren Hof geöffnet, der als Tierzwinger dient und an allen vier Seilen von Käfigen eingenommen ist, die mit hohen, slar* ken Eisenstangen geschlossen sind. Alle Käfige, die keine wilden Tiere enthalten, sind den Frauen und Kindern geöffnet worden, und man sieht Zelle au Zelle neben gewaltigen Löwen des Atlas, neben aufgeregt umhertobemlcu Panthern und Leopolden, neben einem grollen grauen Hären und neben klet* tcrudcii Affen Hunderte junger Frauen, die ihre Säuglinge nähren, und ganze Haufen kleiner Kinder, die die Köpfe und Hände durch die Lisengitler strecken, ohne sich um ihre brüllenden, wilden Nachbarn zu kümmern.“ Angesichts des unbeschreiblichen Elends regt sich überall die I lilfstiiligkeit, Der Hilfsverein der deutschen Juden hat für die Linderung der ersten Not 20 000 Francs bcrcilgcstellt. Sir Ernest Cassel in London spendete 500 Pfund Sterling. Die ״Alliancc Israclitc Universelle“ hat den betrag vonlOuüOO Francs noch Fes telegraphisch überwiesen. Leider erweist sich das Geld, das unter die Unglücklichen verteilt wurde, vorläufig so gut als wertlos, da es keine Möglichkeit gibt, 10 006 Kilogramm Hrot anzufertigen, die täglich nötig sind. Auch sind unge* heure Hilfsmittel erforderlich, tim die Massen zunächst wieder in Wohnstätten unterzubriiigeii. 31 Schwerverwundete sind bisher in Krankennäusern untergebracht. Viele Tausende kampieren im Siillanspalast in den Gängen, Magazinen, Stallungen, überall wo auch nur der geringste Kaum frei ist. Die französisehen Militärbehörden sind bemüht, alle Maliregeht zu treffen, um den Unglitcklichgt Hilfe zu bieten, doch sind sie dem Massenelend gegenüber völlig machtlos. Zum Kiewer ״Ritualmord“-Prozel! Die aufsehenerregende abermalige Verschiebung des Prozesses gegen Mendel Heilis erfolgle angelilieh deshalb, weil die beiden Sachverständigen, die Professoren der Kiewer Universität, Sikorski und Oholowski, der Verhandlung nicht liälU'11 beiwohnen können, weint sie schon im Mai begonnen hätte. Wie wenig stichhaltig diese offizielle Begründung des (Jericlitsbcschlusses ist, geht schon daraus hervor, dall das Gericht erst vor kurzem die von der Verleid!• gütig beantragte Vorladung weiterer Psychiater mit der Begründung abgclchnt hatte, der Gegenstand dieses Prozesses biete keinen Anlaß zur Vernehmung psychiatrischer Sachverständiger. Und nun soll mit einem Male der Umstand, daß der Psychiater Sikorski der Verhandlung fcrnbleibcn müßte, dazu geführt haben, den Prozeß uni Monate zu verschieben, ln Wirklichkeit ist die plötzliche Vertagung auf ganz andere Beweggründe zurückzuführen. Das Ergebnis der Auslosung der Geschworenen war nämlich ganz, und gar nicht nach dem Sinne derjenigen einflußreichen Kreise, die aus der Ermordung ries Knaben Justscbinski um jeden Preis eine ״Rilnal11uml“-AUäre machen und den Juden Heilis unbedingt als ״Ritual- . monier“ verurteilt sehen wollen. Die Erreichung dieses Zieles schien durch die Auslosung gebildeter und achtbarer Kiewer Bürger, darunter auch einiger Juden, zu Geschworenen gefährdet, und darum mußte ein neuer Termin anhcraumt werden, verbunden mit einer neuen Ernennung von Geschworenen. Im übrigen 'naben jetzt die Verteidiger ihren Antrag auf Zulassung weiterer Psychiater außer Sikotski er* neuert, nml der Gerichtshof sah sich diesmal ge• nötigt, dem Antrag wenigstens teilweise .stattzugehen und als zweiten psychiatrischen Sachverständigen den Moskauer Professor Scrhsky vorzuladen. Audi die ■ österreichischen Staatsangehörigen Ettiiigcr und Laudau ans Lemberg, die beiden ״bärtigen Juden“, die zur kritischen Zeit in der Gesellschaft Heilis' und des ermordeten Knaben gesehen worden sein sollen und von denen die Anklageschrift behauptet, sie seien später ins Ausland geflüchtet, sollen auf Antrag des Verteidigers Gruscnbcrg kommissarisch ver* nomrnen werden. Das Gesuch der Verteidiger, den Angeklagten Bcilis mit Rücksicht, auf die Verschiebung des Prozesses und seine durch die lauge Haft geschwächte Gesundheit gegen Bürgschaft auf freien Fuß zu setzen, wurde abschlägig bcscliicden. Der Gerichtsarzt hatte nämlich die gutachtliche Erklärung ab• gegeben, daß der Gesundheit des Angeklagten durch die fortgesetzte Haft keine Gefahr drohe , . , Der vom Justizministcr Schtscheglowitow nach Kiew entsendete ' Prokurator der Petersburger Ge• richtskamincr, Wippcrt, der die Anklage gegen Heilis vertreten sollte, hat nunmehr dem Justizministcr einen Bericht unterbreitet, in welchem er um seine Ent• liclmng vom Amte des Anklägers bittet, da seiner Ansicht nach die Anklage gegen Bcilis völlig 11״. haltbar Ist. Zur Ausgestaltung unserer Propaganda Von Clieskef Zwi*), Jede Bewegung lebt durch die Propaganda, die sie macht. Je kleiner der Kreis derer ist, die von ihr ergriffen sind, um so intensiver muß die Propa* ganda sein. Eine Riesenbcwcgung macht schon durch ihre Ricsciihafligkcit tiir sich Propaganda. Die llcweguug, der die K11jy;estive Macht der Massen nicht zur Verfügung steht, muß sich auf ihn• Organisation und he so 11 de in auf die W e r 11 e f 1־ e 11 d i g- Reit jedes einzelnen M i t g I i e 11 e s verlassen können, Orgauiiaüoiisgeschick und persönliche Arbeit sind letzten Eudes doch die besten Propagandisten, die muh die größte Anliängcrzahl besonders in bezug auf die (piaiilative Seite ihres Wirkens hin iu den Schalten stellen. Daraus folgt für den Zionismus, der sielt das hohe Ziel gesteckt hat, eine jüdische Volksbewegung in des Wortes weitestem Sinne zu werden, die dringende Pilieht intensivster Propagierung des jüdiselHmtioualeu Gedankens, f ü r d e 11 einzelne 11 Zionisten die Verpflichtung, alle pers 0 111 i e 11 e n H e z i e 11 u n g e 11 a u s 7. 1t n u t z e n , u m d cm 7. i ס n i» t i s c 11 e 11 G e d a 11 ken i 11 d e 11 e r r e i c h b a r c 11 j ö (fischen Kreis e 11 Verl> reit 1111 g /. u schaff e u. 1 >iese Zeilen *sollen den Zweck haben, der propagandisiischcii Kleinarbeit einige bisher wenig oder gar nicht beschultem: Pfade zu weisen. Nicht jedem ist es gegeben, im persönlichen Gespräch die Anschauungen und Grundgedanken des Zionismus klar/.ulcgen und so für zionistische Propag.mda zu wirken. Hier bietet sich eia Ersatz iu den Flugschriften und Broschüren der Partei, Hei weitem besser als eine unklare Unterhaltung über zionistische Zwecke und Ziele wird eine kirne, syslcmalische Prnpagamtaschrifl Aufklärung verbreiten. Es wäre daher (liiugeiid zu wünschen, dall jeder Zionist in der Lage sei, seine ulelitzioiiistisehe limgelmng mit derartiger zionistischer Aufklärung«• und Weibeiitcrnlur zu verseilen. Nim ist es zwar ganz,!.ellistverslämllich, da» jedes Ortsgruppciunilglicd eine Anzahl unserer bil* ligcii Flugblätter in Umlauf setzt; allein das Gleiche kann kaum verlangt werden, wc es sich tun die kostspieligeren Hrosehüren oder gar um Hiichcr hauilelt. Ich möchte mir erlauben, iu diesem Falle fol* geude Taktik vorzuschlagen, die sowohl von Ortsgruppen und Vereinen als auch von einzelnen geübt werden kann. Die zur Propaganda bestimmten Exemplare wer* den gut und dauerhaft geheftet resp. gebunden. Auf die erste innere Deckciseite klebt man ein Kartellen mit der Adresse des Ausleihers tmd vielleicht folgenden Worten: . . N. N. . . empfiehlt diese Broschüre Ihrem gen, Interesse und bittet, sie nach Lektüre freundliehst zurücksenden zu wollen,“ Unter dein Zettel befindet sich ein zweiter, auslösbarer, mit Rubriken iür Namen und Adressen derer, an die mau das Uuclt sendet. Dieser Zettel ist außerordentlich nützlich, zumal er bei der Propaganda durch Einzelpersonen sehr empfehlend wirkt. Wenn ich schwarz auf weiß sehe, daß drei oder vier bckannte Herren und Damen das I leftclicu gelesen ballen, so fühle ich mich meistens schon dadurch verpflichtet, es ebenfalls zu lesen, Außerdem gibt er eine glänzende Statistik ab. Wenn eine Ortsgruppe derartige Propaganda systematisch betreibt, ermüg. Sicht ihr die Sammlung dieser Zettel eine genaue Kontrolle, welche Mitglieder der Gemeinde das Heftdien erhalten haben und welche nicht. HIeibt mau konsequent dabei und läßt der ersten Broschüre weilere Schriften auf die nämliche Art folgen, so wird der Erfolg nicht ־ ausbleibeii. Der Schreiber dieses darf von seiner derartigen Propaganda wenigstens berichten, daß sie — auf die Lichthcini-Broscliiirc ebensowohl nngeweiidct wie auf Hcrzls Werke — gute Erfolge batte, die räch nicht zum wenigsten darin zeigten, daß Bestellungen auf zionistische Schriften eiiiliefeu. Allerdings müssen u iisere ü rga 11 i - sationen eine derartige Propaganda wirksam unterstützen. Am besten wäre cs, wenn schon bei der Drucklegung von Propagandalitcratur auf solche ״V e r s n 11d c xc m p l a r c“ Rücksicht genommen würde. Sie müßten möglichst *) Wir geben gerne diesen überaus praktischen Vorschlag eines unserer geschätzten Gcsiumitigsgcnossen wieder und glauben, daß seine Durchführung gerade jetzt, wo wir über so vorzügliches Propagandamaterial verfügen, schöne Erfolge zeitigen dürfte, (D. Red.) zweckmäßig hcrgcstcllt werden, und auch äußerlich als dem Zwecke der Propaganda durch Versendung dienend, gekennzeichnet werden, fm!,reise dürften sie nicht bedeutend hoher sein als andere Exemplare, Am besten ist cs, die Ortsgruppen nehmen die Sache in die Hand. Sie müßten jedem, der sich zu dieser Propaganda bereit erklärt, ein Exemplar gratis zur Verfügung stellen. Dieses Exemplar darf tunlichst als Eigentum der Ortsgruppe nicht er• kennbar sein, da lediglich das pcisünliehe Verhältnis das Recht derartiger Propaganda gib! und offizielle Zustellungen der Organisation den intimen Charakter dieser Werbearbeit stören würden, Wohl aber sollen die Ortsgruppen darauf sehen, daß die Hefte a u eh w i r k I i c h i 111 c in Z weck ents p r e c h e 11 d v c r w 1• 11 d e t wer d 1■ n. Vor allem aber lasse sie sich dir ausgcfiilltcii Adreßzettel geilen und bilde .ins ihnen eine K.utliotek, auf Grund derer es, wie bereits dargetan wurde, sehr leicht möglich ist, diese Propaganda sehr systematisch und grutid• lieb zu betreiben. Auch E 111 g I) i ä 11 e r kann mau auf eine sehr einfache Art und Weise wirksam kursieren lassen. Schreiber dieses hat es sich altgewohnt, jedem Briefe an jüdische Personen ein Flugblatt bcizulcgcn und im Briefe seihst kurz und höflich darauf hinzuweisen. Selbstverständlich ist diese Propaganda nur bei Privntkorrcspoiidcuz möglich, und inan muß sich merken, welches. Flugblatt der Betreffende schon einmal erhalten hat. Vielleicht bilden diese Zeiten liir manchen die Veranlassung, aut ähnliche Weise unsere Propaganda AUfzimeltincii. Vielleicht kennt mancher unter uni auch andere Wege zum gleichen Ziel; er sei gebeten, sie ebenfalls beknuutzugeben. Soziales und Hygienisches _ aus Palästina Unser Freund Dr. Elias Auerbach hielt 1111• Hingst in der ״Gesellschaft fnr soziale!Medizin, Hygiene mul Meilizimdslatistik“ einen Vortrag über diese» Tlieiim, ans dem wir im folgenden einige Bruch• stücke zur Kenntnis unserer Leser bringen: h « W n s s o r v e r s o r g u 11 g und Straße n bau. ,,Charakteristisch Ihr die Zustände der allgemeinen Hygiene ist das l'clilen einer irgendwie ziclhcwußten staatlichen Ims0if1,׳•. Es dtulle in Europa kaum ein Gebiet der Hygiene geben, In das nicht der Staat oder die Kommune eiligreift. •Von Palästina gilt das in ganz verschwindendem Maße. I her ist charakteristisch das Fehlen dieser Initiative der Staat* liehen Fürsorge. Alles, was wir an. zielbewußten hygienischen Maßnahmen haben, das finden wir, ab* gesellen von einzelnen Resten, die sich historisch erhalten haben, der privaten Initiative entsprungen. Um gleich auf ein bestimmtes Gebiet ühcr/ttgehcn, möchte ich mit der Wasserversorgung des Landes antaiigcn. Wir haben noch heute in Palästina eine große Anzahl von Resten, die zeigen, daß im Altertunt diesem Zweige der Hygiene ein großes Interesse gewidmet wurde. Man hat eine falsche Vorstellung, wenn man glaubt. Palästina sei wasserarm. Es bedarf hei der Eigentümlichkeit des Klimas, um eine Wasser* Versorgung zu ermöglichen, nur einer gewissen Sorg* falt der Bevölkerung. Das Nnt/wasser verteilt sieh nämlich nur zum Kleineren Teil auf Flüsse, zum größeren Teil wird es durch das Rcgcnwasscr ge* liefert. Da der Regen in größeren Mengen nur in der Zeit von November Ins Februar, dagegen fast gar nicht von März Ins Oktober fallt, so ist klar, daß, wenn nicht das Wasser iu der Regenzeit auf* gesammelt mul nutzbar gemacht wird, man in der Tat in der zweiten Hälfte des Jahres von einem Wasser* mangel sprechen kann. Die gesamte Niederschlags* menge ist noch etwas großer als die Deutschlands. Natürlich ist auch die primitivste Wirtschaft ge* lullten, einen Wasservorrat aufziisaimiieln. Die vielen Wasserbehälter des Altertums zeigen, daß auch in früheren Zeiten iu weitestem Maße Wnaecr aufbc* wahrt wurde. So haben wir 7. H., von zahlreichen Resten römischer Aquädukte abgesehen, aus älterer Zeit die Reste der Salomonischen Teiche, Wasserreservoirs, die etwa 13 km von Jerusalem entfernt, den Ein* woliucrn Jerusalems das Wasser lieferten. Sie sind noch heute erhalten, und es sind noch heute einzelne Brunnen auf dem Teiunelplatz. vorhanden, zu denen von diesen Behältern Wasser iließt. Da jedoch moderne Wasserleitungen in Palästina mir 111 ganz geringer Zahl vorhanden sind, so ergibt sich von selbst, daß der auf seine Wasserversorgung angewiesene Einzelne entweder Brunnen graben oder Zisternen anlcgen muß. Brunnen sind leicht zu graben im Plnchlandc; wo dagegen durch hartes Gestein oder 1» größere Tiefen gegraben werden muß, muß man sich mit Zisternen behelfen. So finden wir z. B. iruuiien in großer Anzahl in den Städten an der <üste, dagegen nicht im Innern des Landes, z. B. in crusalcm, das 800 m hoch liegt, oder in Safed und lebron, das noch etwas höher liegt. Es ist klar, daß man hier durch Brunnen im allgemeinen kein Wasser wird aufsnmmeln können. Hier ist man «n* gewiesen auf Zisternen,

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