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Jüdische Rundschau · 1912-04-26 · Heft 17 (26.4.1912) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 17 (26.4.1912)
Date
1912-04-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 146 J UEDISCH E RUNDSCHAU Nr. )7 komitecs für die Auswanderer errichtet, Die bis• her planlose Auswanderung über die (treu/.oh Deutsch• lamls wurde durch den llilfsvereiu in enge und /,weckcntsprcehemlc Kanüle geleilet, so daß keine Uoberfluümg in lk*utschl.־md jetzt mehr vorkonunt, und die Durchwandere»־ soweit wie möglich vor den Miseren, die sie sonst in einem fremden Lande zu erdulden haben, geschützt werden. Der llilfsvcrein hat dabei die aufopfernde Miibih'o weiter Kreise Deutschlands gefunden, und seine latigkeit wird über* all, auch von der Regierung, gewürdigt. Durch die Regulierung der Auswanderung ist die Judenfrngc in Rußliml, wo (> bis 7 Millionen Juden leben, nicht zu losen. Aber die Auswanderung aus Rußland hat nichtsdestoweniger eine außerordentliche Bedeutung; sie erlöst die Aiiswniidcriidcii von den Qualen und der Willkür ihrer alten Heimat und er• leichtert die Lage der Zurückgebliebenen mul gibt ihnen mehr Raum und Lieht. Sie ist das einzige Ventil, das in Rullland für die unglücklichen und verfolgten Juden vorhanden ist. Redner erwähnt, ilall bei Gesprächen, die er seinerzeit mit den Premierministern Stolypin und Witte in Rußland batte, auf seine Prägen bezüglich Lösung des russischen Judenproblems beide bemerkt hätten, man möge Rußland nur Zeit zu dieser Präge lassen, auch sie werde einmal gelöst werden. Das sei leicht gesagt, aber Leute, die am Verhungern sind, haben nicht soviel Zeit wie die russische Hureankratie. Ls bleibt daher nichts anderes übrig, als den armen Auswanderern zur Erlangung einer neuen Heimat, soweit tunlich, dienlich zu sein, ln Hinblick auf die Möglichkeit, daß einmal mich die Vereinigten Staaten durch politische oder wirtschaftliche Koustellaliouen vorübergehend der Einwanderung nicht mehr im bis• herigen Maile offen stehen, kommt als Osteuropa nächsllicgcndes Einwamlerungslaud das osmnnische Reich in betracht, das noch riesige imbcvölkertc Länder■• mnsseit hat und langsam, namentlich mich unter Be• tvilignng dvtltsvhcr Arbeit und deutschen Kapitals, wieder zu netter Hinte mdstejgl. Die Bedingungen da/u sind unter der konstitutionellen Aera weit bessere als bisher. In Rücksicht auf die Gcsniiitlagc der russischen Juden und die Verhältnisse der Einwanderung«• und Aiiswandenutgsländer hat der llilfsvereiu von Aufang an die ungeheure Bedeutung des Orients er• könnt, und die Notwendigkeit, die einheimische He• völkerung daselbst soweit möglich kulturell zu heben, damit sie geordnete (kineinwcscu bilden kann, und er hat seine Fürsorge daher insbesondere der Jugend• cr/iclimig /!!gewandt, Das türkische Reich hat niemals eine Politik der Gewalttätigkeit gegen seine jüdischen Untertanen ge• übt, wie dies in Rußland und Rumänien der Pall gewesen, und cs ist zuversichtlich zu erwarten, daß die Türkei dieser glorreichen Tradition treu bleiben wird. Zurzeit steht die türkische Regierung einer Konzentration der Juden in der Türkei, namentlich in Palästina, noch mit Mißtrauen gegenüber. Die Befürchtungen, die die Türkei in dieser Beziehung liegt, sind aber unberechtigt. Einen wichtigen Faktor im kulturellen Lehen der Türkei bildet beute schon das Schul werk des Hilfsvereins im Orient, das von Anfang an systematisch atifgebaut wurde, die beste Entwicklung genommen hat und den vorhandenen Bedürfnissen in weitgehendem Maße Rechnung trägt. Ein breites Fundament bilden die Kindergärten, auf dem dann Volksschulen aller Art weiterführen, an die sich Port• hildmigs• und Erziehungsanstalten — es sei nur die Haudelsrealschulcj der Kiiidcrgärlucriimcnkitrsus, das Lehrerseminar genannt — schließen. Auf Initiative des Hilfsvereins ist das J üdischc Institut für technische Erziehung in Palästina zu Haifa, dessen Grundstein in diesen Tagen gelegt worden ist, errichtet worden, das gerade bei der Erschließung der türkischen Länder durch Heranbildung von Technikern und Handwerkern die größten Aufgaben zum Segen der Juden wie der Allgemeinheit und des Landes zu erfüllen hot und das das einzige seiner Art im ganzen Orient ist. Eine weitere wichtige und segensreiche Kultur• mission sucht der llilfsvereiu durch Hcranbil- .düng von Rabbinern zu erfüllen, die den modernen Anforderungen entsprechen und dabei zu* gleich fest im überlieferten Judentum wurzeln. Solange die furchtbare Situation jm Osten hesteht, ist der Hilfsverein der Deutschen Juden eine Notwendigkeit für die osteuropäischen Juden, für die deutschen Juden, seine Existenz ist notwendig, damit die Welt nicht vergißt, daß man schreckliches Unglück durch humane Wirksamkeit zu lindern ver• pflichtet ist. Im Inseratenteil unserer heutigen Nummer ver• öffentlichen wir einen Aufruf des ״Vlilfsvoreiiis*' den wir der Aufmerksamkeit unserer Leser aufs uriitg• lichste empfehlen. <D. Red.) Jubiläumsfeier der ״Hazefirah“ in Warschau Unter .udlerordentlieh reger Teilnahme laml in Warschau am 17. April im grollen Saale der Philharmonie die Jubiläumsfeier der hebräischen Tageszeitung ״H a z. e f i r a h" anläßlich ihres iOjältri* gen Bestehens statt. Es herrschte ein ungeheurer Andrang und große Begeisterung. Zahlreiche De• putatiuneii aus Petersburg, Moskau, Brest•!.dewsk, Bialystock, Lublin, Lodz, Riga und anderen russischen und polnischen Städten, sowie aus dem Auslände (Königsberg i. Pr. nsw.) waren zur Feier erschienen. Nahezu sämtliche jüdischen Anstalten, Vereine, Re* tlaklionen in Warschau und Lodz hallen ihre Ver• t£ctcr eiiUamll. Die Feier wurde mit einer Ansprache des Herrn L. K a pl n 11 eröffnet, der die Enhvieklmigs• geschichte der ״I la/cfirah“ in kurzen Worten skizzierte. Hierauf stimmte der Kantor der Warschauer jüdischen Gemeinde, Herr G. Sirota, mit Okulieglcitung eine eigens für diese Feier verfaßte hebräische Jubelliymne an. Sodann hielt einer der ältesten Mitarbeiter der ״H.izefirah" und Begründer der ersten helträisclten Tageszeitung ״Hajottt“, Rabbiner Dr. J, L. Kantor aus Riga, eine glänzende Festrede, in der er den Ent• wicklutigsgang der modernen hebräischen Presse in Rußland schilderte und eine interessante Charakte• ristik des ersten Redakteurs der ״I la/efiralt“, des Mathematikers und Astronomen Oh. $. $ 1 o n i m s k i, sowie seines gegenwärtigen Chefredakteurs Naluitn Sokolow entwarf. Die Festrede Dr. Kantors wurde oft durch stürmischen Beifall unterbrochen. Nach, Dr. Kantor sprach der bekannte jüdische Gelehrte Dr. Samuel Posnanski (Warschau). Es folgte mm der Empfang der verschiedenen Abordnungen, deren Sprecher Herrn Sokolow und dem Jubiläums* komitce die Glückwünsche ihrer Auftraggeber übermit leiten und zum Teil (iliiekwuiischmiVessen über* reichten, Fs hielten feiner Reden in hebräischer Sprache die Herren Rabbiner Dr. Josef Mobile wer aus Bialystock und I lillcl 7.1 a t o p o I s k i aus Kiew. Nach verschiedenen hebräischen O.horgcs.itigeii tles Gesang• Vereins ״Hasamir" gelangte ein hebräischer Einakter ״H a j o h e 1“ (״Das Jubiläum“) zur Aufführung. Schließlich sprachen noch ־■ ebenfalls hebr.iisclt - die Herren Dr. J. Thon aus Krakau und Chefredakteur Naluiiu Sokolow, der den von nah und fern herbeigeeilten FesUeilnclimcrn gerührt dankte. Mit einer Vorführung von lebenden Bildern• endete die imposante Feier, die ein literarisches und gesell• scliitftlichcs Ereignis ersten Ranges im Warschauer jüdischen Lehen bildete, Donnerstag, den 18, April, abends, fand im ״Schweizertal" ein Festmahl zu Ehren der ,,llaze* firah“ stall, an dem über 500 Personen teilnahmen. Das Festmahl wurde durch eine Ansprache des Herrn Abraham Pod I i s cli e w s k i eröffnet. Triitksprüdie hielten u. a. die Herren H. Zlatopolski (Kiew), E. K n pinn (Warschau), Dr. II c r tt s t e i 11 (Lodz), Dr. Kantor (Riga), G r ü n h a ti m (Odessa) und Chefredakteur Sokolow. Die Warschauer hebräischen Vcrlagsgcsellschnftcn ״Acltiassnf“, ״Ttischijah“ und ״Safrullt“ haben beschlossen, aus Anlaß des Jubiläums der ״Ha/efiralt“ eine Anthologie der hebräischen Zeitschriftciiliteralur hcrausztigehcn, die in chronologischer Reihenfolge charakteristische Proben aus den verschiedenen he•׳ bräisclten Zeitschriften und Tageszeitungen von dem Berliner ״Meassef“ des Meiidelssolmsclieu Kreises augefangen bis auf den heutigen Tag enthalten soll. Auch die Titelblätter der einzelnen Zeitschriften, sowie bibliographische und literarhistorische Notizen über dieselben sollen der Anthologie heigegehett werden. Diese Sanunclsehrift wird demnach gewissermaßen eine Geschichte der hebräischen Presse mit wertvollem Quctlcninatcrial dnrstcllcu. DicKaninicnvahlcn in der Türkei ״Es kommt anders als man glaubt“ dies ist und bleibt das Leitmotiv für die Beurteilung der inner• politischen Lage in der Türkei. Das hat sich schon nach dem Revaler Programm bewahrheitet, damals, als alle Welt auf den Zu• sammcnbiuch des ottomanischcn Staatsgefiiges vor• bereitet war und sielt daun über Nacht vor der Revolution und dem Bruch mit dem Absolutismus sah. Knapp ein Jahr später, als die Reaklion scheinbar die Oberhand gewonnen, hieß es wieder, das Regime der Junglitrkcn sei mit Mann und Maus untcrgcgangeii. Statt dessen war binnen drei Wochen der allmächtige Abdul Hamid ~ was er heule noch ist der Ge• faugenc der Juugtürkeii. Die vierjährige Parlaments• sessiou 11.11 den Jimgliirkeii inzwischen wenig Freunde und wenig Dank, aber viel Feindschaft gebracht. Bald nach den Befreiimgslageit setzte auch schon ein Abbröckelungsprozeß ein, der bis in die jüngste Zeit fortdaucrlc und HclilicISltcIt blich eigentlich nur die Gruppe der ״Dissidenten" als die letzten Getreuen des einst ruhniiimgl.ui/tcu allmächtigen ״KaniteiV‘ zuruck. Nicht ptiu/ip'olU Mcimmgsvm1lmd1,1th11t(11 über das Parteiprogramm waten alter die wirklich»,: Ursachen der Zerwürfnisse, s nttlerti pcrüitilithcr Fl,,־• , geiz, oder das Stieben nach persönlichen iiiaierii.Tun Vorteilen, oder mit Unwissenheit vni>und»11e (;haraktcrschwäche, S.» /um Beispiel erklärte ein 1| r Komitecpnrtci angehöriger I lodschab offen in .1,,!• Presse, daß er deshalb aus der P.otei mstrete, w« | er in der Ucbcr/riigiiiig lebe, dall die Op|1.1sj| ,! schon in kurzer Zeit die Knmitcejiaiki an Mit^licD:. zahl überflügeln werde! Pur das Komitee ״Union de Progrös" war, ״ : sieb jetzt herausstellt, dieser Reinigungspra׳cß n,;; von Vorteil. Denn mm war es unschwer, die 1.1.. sicheren Heerespflichligeu zu erkennen mul che iy!. •a tum Weizen zu sondern. Als daun die l'clserlauie zu große Dimensionen amtahmeu, grill mau zu d..!n Mittel, das Parlament zu schließen und Neuwahl n atiszuschreiheu. Abermals war nach der Ansicht •kr Politiker uml Kenner das Schicksal der junglüikistlun Partei besiegelt. Allgemein rechnete man mil ein•■in überwältigenden Ueheigewieh! der Opposition bei •kn Neuwahlen. Albanien z. H. galt von vornherein!ur die Jimgtiirken als verloren. Die Kltiblokale!kr Partei ״Union de Progres" verwaisten, neue Klulw der Opposition wurden eröffnet, alle Feinde!!es lunglürkcntuins liiinuphkrlen, Auch diplomalisf he Kreise sprachen offen Von dem Fiasko des Komitees. Die Jungltirkcn waren aber nicht müßig. Sie ur• stärkten das Kabinett durch den Wiedereintritt ihrer ausgesprochenen Parteigänger Dscliawid und Taltat Bei; die Wahlagitation wurde mit Ernst und Neu 11druck aiifgcnommcn und bald zeigte es sielt, daß die Disziplin und das feste Programm der Jungtürkvn über die Zerfahrenheit und Inhaltslosigkeit der OpjH»• sitiou einen vollständigen Sieg davontrug« 11, Dem pingtürkischvn Komitee durfte eine Zwei• <11 11 t e I in a j o r 11.11 11,0 11 allem bis heute Bekannt• gewordenen lur das zukünftige Parlament bereits ge. sickert sein. Das junglmkisdie Elenicnl hat 1111011 den Erfolg zur allgemeinen Ucbcrr.isehung seine entschiedene Ucberlcgcnhcit als Parteiorganisation ge• zeigt. Bei den Wahlen der zweiten Klasse m KonstaiHüiopcl haben bisher ausschließlich die Jung* türken Gewinne zu verzeichnen. Die liberale Union beschloß infolge von Walilinißbräiichcii, wobei Partei• ganger in der liberalen Union angeblich .mcli geprügelt wurden, sieh in einigen Wahlbezirken Konstantinopel« der Stimme zu enthalten. Auch die Juden werden das Resultat begrüßen, Kennt der Ausschuß des D.J.G.B. sein eignes Statut? Am 10. März a. c. versandte der Ausschuß au die von ihm subventionierten Gemeinden folgendes Schreiben: Geehrter Vorstand! Für das laufende Geschäftsjahr wird die Unln• stiit/ung gewährt unter der Bedingung, daß nicht du* Großgcmcimlcii aus dem f). J. (i. H. austreteu. Demi für den Fall dieses Austritts ist der D. J. G. B. nach den ihm ,zu Gebote stehenden Mitteln nicht m der Lage, die Unterstützung zu gewähren. I lochachtiingsvoll Der Ausschuß des D. J. 0. B gez. P 11 i I i p p s o n. Als dieser Erlaß von allen Seiten als ״Wal 1• mache“ gekennzeichnet wurde, da/u bestimmt, die siihveiitionierteu Gemeinden unter das kaudiniscD: Joch zu zwingen, ihre Stimmen den! Ausschuß zu/־)׳ wenden, wurde dem von seiten der Offiziösen d.s Ausschusses auf das heftigste widersprochen: ״W •c kann man dem Ausschuß so etwas unterstellen? Nur das Pflichtgefühl hat diesen Erlaß verursacht! Woher soll der Ausschuß des I). J, Ü. B. das Geld iichnini, wenn die Gtollgctuvuulcn austreten V" Sv) lauten übereinstimmend die Argumente der Verteidiger. Nun mag cs ja naive Gemüter geben, die meinen, bei einem Kapitalfouds von 2I08W,8׳J M, ließ soll sogar ein Ausfall von I I000 15 (KM) M. erfragen, ohne deshalb den 1mlerKlüt/.m1gslu*dürftigen Khm• gemeinden die l'rcmidseliaft sofort und im voi.u!« kundigen zu müssen, indessen in Geldsachen horl bekanntlich die Gemütlichkeit auf und so dekrcliciui der Ausschuß: ״Verliere ich die Beiträge, vcrlieit Ihr die Unterstützung". Es handelt sich also um die Frage: Können die Großgcmeinden für das laufende Geschäftsjahr die Beitragsleistnng nach einem eventuellen Austritt verweigern? § 21 der Satzung bestimmt: ״Das Geschäftsjahr des Bundes läuft vom l. April hi« 31. März!“ Es kann also in dem Erlaß dos Ausschusses nur die Zeit vom I. April DI2 bi« 31. März 1QD tf«.־• meint sein. Der Delegierlentag Bildet am 10. Mai stall. Fm Austritt der Großgemeiiule kann also erst nach diesem Termine in Frage kommen.

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