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Jüdische Rundschau · 1912-04-26 · Heft 17 (26.4.1912) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 17 (26.4.1912)
Date
1912-04-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 17 JU EPISCHE RUNDSCHAU Seite 145 Mitglieder Uer Konsumgenossenschaft beitreten werden. Die Unkosten für den Imkerei-Kursus sowie für die eventuellen erforderlichen Vorversuche dürften jm allgemeinen nicht grob sein, da sie an bereits be• stehende Institutionen in Palästina angegliedert werden konnten, z. B. an die Siedlungsgcnossenschaft Oppen׳ lieuners oder an die Lelirfarm der l>. L. I). C. jn Kinereth. Vielleicht übernimmt auch eine der in Palästina arbeitenden Organisationen die Unkosten des Kursus und der Vorversuche, so dal) die OeiKissenschaft keinerlei unproduktive Ausgaben zu machen haben wird, Ein Statut einer solchen Genossenschaft ist vom Gesinnungsgenossen Herrn Rechtsanwalt Oollltelf <:11<׳n-llan1burg ausgearbeitet und von dem auf dem Gebiete des Genossenschaftswesens erfahrenen Walioniil&koiiomcn Herrn R. E. May-Hamburg ergän/.i. ßänzt. Von unserer Tätigkeit hängt es ab, eine neue Arbeitsmöglichkeit in Palästina zu schaffen, die im i.aufc der Zeit Hunderten Und vielleicht auch Tau-׳ senden lohnende Arbeit um! die Möglichkeit einer selbständigen Existenz, verschaffen kann. Das Gedeihen unzähliger Konsulnvereine und üe• nossenschaften beweist uns dieses zur Genüge. Der Vereinstag der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums Am 15. April fand in Frankfurt a. M. unter starker Beteiligung, namentlich seitens der auswärtigen Mit• giieder, der Ordentliche Vereinstag der 1״• r e i c n Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums“ statt. Der Geschäftsbericht erwähnt zunächst die innere Organisation und die Propagandatätigkeit der Vcr• einigung und äußert sich ausführlich über die Er• folge der vor einem Jahre ins Leben gerufenen Ost* deutschen Abteilung. Sehr befriedigend war ferner die Entwicklung der Berliner F r a u e U g r u p p e. Weiten Raum in dem Berichte nimmt die Tätigkeit der Vereinigung auf dem Gebiete der O e s e t z g e bung und Verwaltung ein, insbesondere die Erfolge, welche in Angelegenheit der Sonntagsruhe und des Schutzes der Schechitah im Reiche zu vcr• zeichnen waren. Ueher den dem Buiulcsratc zurzeit vorliegenden Entwurf des Sonntagsruhcgcsctzcs. worin bekanntlich den Interessen des rcligionstretien Judentums Rechnung getragen wird, sagt der Bericht: .,Wem» mich keim: Rede davon sein kann, »lab durch die Zulassung einer fünfstündigen Arbeitszeit hinter verschlossenen Tiiren auch mir ein nennens• werter Teil der schweren wirtschaftlichen Opfer 1111• mittelbar svettgcmacht werden kann, die dein religions• treuen Juden der Triumph seines Sabbatgedankens im Stnaisleben auferlcgt, so würde die Annahme der hier vorgesclilagencn Bestimmung durch den Reichstag im Kreise der konservativen Judcnheit doch mit tiefer Befriedigung begrüßt werden. Wäre dadurch dem religiös gesinnten Kaufmann doch wenigstens die Möglichkeit geboten, seine und seiner Auge• Mellten Arhcitskrülie durch das Aufm beiten, der Rück• sl.imle am Sonntag für die Werbende Wochenarbeit freizuniaclien, um dann durch verdoppelten Flcil) während der •fünf Arbeitstage den Wettbewerb mit der durch keine religiöse Bindung eingeengten Kon• kurrenz zu bestehen. Die Erfahrungen in München, Bamberg, Schweinfort, wo eine analoge ortsstatutarischc Bestimmung seit längerer Zeit besteht, haben wahrlich gezeigt, dal) die jetzt vorgcschlagciie gesetzliche Regelung zwar einem schwer ringenden, wertvollen Teile der d<׳utsclien Staatsbürger zu I lilfe kommt, dabei aber nn iiandu Interessen auch nur im entferntesten zu nahe tritr. So verbinden wir denn mit dem aufrichtigen Danke au die holten Roichshehürdeu und Staatsbe• In•1 «len, deren‘wohlwollender Einsicht der bisher er• riingcnc Erfolg ziigescluieben werden mul), die zu• v« isichtlk'lic Hoffnung, daß der deutsche Reichstag dem Entwürfe seine Zustimmung erteilen und damit dem jahrelangen Hangen und Ringen der glaubens• treuen deutschen Juden um Berücksichtigung ihrer religiösen Lebensinteressen die ersehnte Erfüllung gewähren wird," ürolks Interesse fand der Bericht über die im Berichtsjahre erzielte Aufhebung des s ä c h s i sehen Sehne 11 tverbots. Weitere Gebiete der Gesetzgebung, auf denen die Vereinigung tätig war, sind die religiösen Verhältnisse der jüdischen Soldaten, sowie die fakultative Einführung der Feuer* Bestattung in Preußen. Der Bericht stellt in letzterer Hinsicht den Gemeinden, denen prozessuale Schwierigkeilen mit Bezug auf die Unterbringung von Aschen־, urucn erwachsen, religionsgesetzliclien und juristischen Bat zur Verfügung. Der drille Abschnitt des Be• richte» ist der ländlichen Wohlfahrtspflege gewidmet, die sich sowohl auf die finanzielle Subventionierung der kleinen. Gemeinden, als auf ihre geistig-religiöse Forderung, endlich auf die wirtschaftliche Hebung der ländlichen Verhältnisse erstreckt. Besonderer Erfolg ist bei . den Eisenbahnbehörden hinsichtlich der Gestattung der Vichvcrladung nach Sabbatausgang erzielt worden. Die ״Kommission für ländliche Wohl• fahrtspflegc“ bat sich ferner mit der Einführung von Heimarbeit für jüdische Frauen und Mädchen auf «lein Lande beschäftigt und damit einen kleinen An־ fang gemacht. Den Schluß des Berichts bilden aus• fülulielie Mitteilungen über die Tätigkeit der ״Palästtuu-Kommission“. Das Sihtilwer« der Verein!• gung, das in kaum mehr als zwei Jahren eine durch• greifende Wirkung auf den religiösen Geist in den palästinensischen Kolonien atisgcübt hat, um fallt ins• gesamt <) Anstalten mit einigen 30 Lehrkräften und über MM) Zöglingen und erstreckt sich auf Jerusalem, Haifa, Pclhnch. I'ikwah, Ekron, Rcchoboth, Rischou lc Zion mul Katra. Die Unterrichtssprache ist durch• gängig das I lebräisclu*. .Seit kurzer Zeit wird auch der Talnuidunicrmht in einigen Schulen ausschließlich in hebräischer Sprache tutlerrichlcl. In Pelhaeh-Tikwal» bestehe neben Uer SchukuislaU selbst ein Forthildungs• kttrsiis für schulentlassene Zöglinge, Abendkurse für Erwachsene, sowie eine AushiUlungsstättc für Lehrer mit einem zweijährigen Scmiuarkursus, Auf dem Ge• biete der palästinensischen M ii 11 c h e 11 e r /. i e h 11 n g hat die Kommission bahnbrechend dadurch gewirkt, daß sie die Bildung eines ,,Komitees zur Errichtung von Wirtschaftssduiicn für־ Mädchen in Palästina“ an• geregt hat. Das Komitee übernahm die kurz vorher in Petliach.Tikwali von der Vereinigung gegründete Mädchenschule, deren Programm das Hauptgewicht auf die wirtschaftliche Ertüchtigung der heranwachseiulen Töchter, also auf die Heranbildung tüchtiger Kolonistenfraucn Wert legt. Der Käev/cr Ritmalmordprozeß Die Aussetzung ries Pro/eßtermins in der söge־ nannten Ritualmordnffürc auf den 17. Mai (a. St.) kam im letzten Moment überraschend. Allgemein war mau bereits des Glaubens gewesen, daß die mit solcher Spannung erwarteten Proz.eßkümpfc erst im Herbst zum Austrag gelangen würden, namentlich nachdem der bekannte Antisemiteiihäuptling Scliinn• kow in seiner Eigenschaft als ״Vertreter“ der Fa• ntilie tles ermordeten Juschtschinski beim Gericht ein Gesuch um möglichste Aufschiebung des Prozeß• termius eiugereieht batte. Von Sehtscbeglowitow kam aber diesmal ein Wink, die Sache zu beschleunigen, mul das Gericht beschloß danach — gleichsam entgegen den offiziellen Wünschen der ״echtrussischen“ Hetzer und Pogromarrangcurc.*) Sehr bezeichnend ist ein Eingeständnis, das der fanatische Schmakow in seinem Qcsuch — ohne sich dessen bewußt zu sein — machte,. Er findet, daß die bisherige Untersuchung auf Grund der vor• läufig zutage geförderten Materialien die Motive des' Verbrechens nicht genügend geklärt habe. Trotzdem der Inhalt der Anklageschrift keinen anderen Schluß zulasse, als daß es sieji liier um einen Ritmijmord handle, sei doch der rituelle Charakter des Vcrbrechens in unzulänglicher Weise aufgeklärt. Mit anderen Worten, auch Schmakow hat die Empfin• düng, daß nicht der geringste Anhaltspunkt für die Verurteilung des Angeklagten beigebracht worden ist, mul er verlangt nun, daß die An!!<lagel)ehörde int allgemeinen mit dem Blutmärcltcn sieh befassen soll. Aus Studien der Kabbala und anderer jüdischer Werke ergebe sich die Wahrheit der Blutbcschuldi• gung, und man könne sich leicht davon׳ überzeugen, wenn nur!einige ״berühmte“ Männer wie Ecker, Bayer, Theodor Fritsch und August Rohling, ״falls er nach unter den Lebemlcn sei“, aus dem Altslande zitiert würden. Alle Hinweise der Anklageschrift auf die rituellen Motive für das von Beilis begangen(! Verbrechen seien unbegründet, und diese Seite der Anklage müsse noch eine weitere Stärkung erfahren. Er seihst begründet den Ritualmord aus der Zahl und der Lage dyr Wunden, die atn Leichnam des ermordeten Knaben feslgestellt worden seien und die mit den Stellungen einiger Steingebildc ziisain• inen fielen .... Wie man sipht, will dieser Mann, dem cinu Hauptrolle im bevorstehenden Prozeß /ufallcn wird, allen Einstes das Mittelalter licrmilbesehworeii. Kal»• hnl.i, Astrologie, wer weiß, was noch alles kommen wird?! Daß er in Europa abgefeimte Lügner und Fälscher als Experten vorschlägt, genügt ihm nicht, er will überhaupt eine mittelalterliche Atmosphäre bervorzaitberii, den. Richtern die Inquisitionsstiininmig beibriugen und dann mit angeblicher Gelchrsam• keit die Hohlheit der Anklage verdecken. Demi cs ist, wie es scheint, auch ihm klar, daß selten selbst ein Ritualmordprozeß mit so hin• fälligem Belastungsmaterial ajigeslrcngt worden ist. Seliniakow gehört zu denen, die die Lächerlichkeit nicht scheuen, wenn diese nur zum Erfolg führt. Er hat es mehrmals, besonders aber vor vier Jahren bewiesen, nis er die Helden der Kiewer Judenmassnkres verteidigte und eine viel bespottete zwölfstiimlige Pogromrede hielt. Damals war er seines Erfolges sicher. Er wußte, daß die von ihm vcr• teidigten Mörder und Räuber, Frauenschänder und Brandschatzer jeglicher Strafe entgehen würden, und er suchte nur aus der Prozeßfarcc möglichst viel Zündstoff für weitere Massakres zu schaffen. Diesmal scheint er seiner Sache nicht so sicher zu sein, *) Wie wir kurz, vor Redaktionsschluß erfahren, ist der Prozeß mm doch noch auf den Herbst vertagt' worden. (D. Red.) .־ *• ׳ ׳ ״'־ •י־ •־• und so kommt er dem Endergebnis für jeden Fall mit der Erklärung zuvor, es seien noch ergänzende Materialien vonnöten. Daß diese Erklärung Lug und Trug ist, wissen hier alle. Seit einen» Jahre arbeitet die schwarze Baude daran, Belastungsmaterial für einen sögenannten Ritunlniord und speziell gegen den ange• klagten lk-ilis licrbeizuschaffen. Mit ihr zusammen arbeiteten Monate hindurch die »nnßgcbcnden Fak• toren innerhalb der Anklagcbehördcn, die selbst vor Dcmitr.img eines Verbrechers als Provokateur nicht /iiriiekgeseiircekt sind. Die dümmsten üerüclitc und Schwatzereien sind mit dem größten Ernste behaudelt worden, Trunkenbolde und Verbrecher hat man als wichtige Zeugen vernommen und alles getan, tun dein Belehl der Arrangierung eines Rittialmord• Prozesses naCli/iikonimen. Andererseits hat man den Angeklagten und seine Verteidigung mit allen Mitteln daran gehindert, das Belastungsmaterial gegen die wirklichen Schuldigen zu eruieren und zu begründen; ebenso ist es dieser Partei versagt worden, den unsachlichen, rein antisemitischen Gutachten eines Professors der Psychiatric und eine:» fanatischen ArChimandritcn solche berühmter russischer und aus• ländischer Autoritäten gcgcnübcrzusteUcn. Während der letzten Monate war die gesamte Voruntersuchung eine Kette von Willkürakten, die einzig und allein bestimmt waren, die Karriere Sclitsclieglowiluws, des derzeitigen russischen Justizministers, z,t» fördern. Wenn trotzdem Schmakow klagt, daß die Herrin der Situation, die antisemitische Partei, für ihre Arbeit nicht genügend Zeit gehabt habe, so ist es ein wei• tercr Beweis dafür, daß die Anklage auf tönernen Füßen steht. Die Oeffentlichkeit wird sich bald davon überzeugen können. N a u m 0 w. Zehn Jahre Hilfsverein*) Es ist dem I lilfsverein nicht leicht geworden, die Stellung zu erkämpfen, die er jetzt inne hat. E* ist eine Gründung der deutschen Juden mit den Zielen vom Standpunkt Deutschlands aus mit weiten Gesichtspunkten und Icstgolegtem Plaue eine hutuatti• täre Politik zu treiben. Trotz mannigfacher Anfeeh• tungen und Vorurteilen ist die Entwicklung des Hilfs* Vereins eine stetig aulsteigende gewesen. Es war etwas Neues für Deutschland, daß eine dauernde Institution gegründet wurde, daß nicht mehr wie früher im Augenblick der Not erst Hilfskomitee» gegründet und Gelder gesammelt wurden, sondern daß eine ständige Organisation in Funktion ist, die die Verhältnisse der Juden verfolgt, der ungünstigen Entwicklung vorziibeuger» und sich für den Fall von Katastrophen finanziell bei Zeiten zu rüsten sucht. Der!lilfsverein der Deutschen Juden gewährt seine Unterstützung durch Geld und durch die Darbietung von Bildung. Der Hilfsvercin verfährt dabei rein im Interesse der in Frage kommenden ausländischen Juden, Er tut nichts, was deutschen Interessen wider• spricht, aber er sucht das Deutsche nicht in den Vordergrund zu stellen, wo kein Anlaß dazu vorhanden und wo es unzweckmäßig wäre. Er geht nur von den Bedürfnissen der Bevölkerung der einzelnen Lütt• der aus und wird mir von humanitären Ideen ge• leitet. Daher oktroyiert er nirgends eine Bildung aus irgendeiner Tendenz heraus. Redner geht als• dann auf die Organisation der Auswanderung näher ein, die durch den Hilfsvercin ins Werk ge• setzt ist. Vor Begründung des llilfsvereins waren die Verhältnisse auf diesem Gebiete die allertraurigstcn. Scharen russischer und galiziselier Juden überfluteten die deutschen Grenzen ohne genaue Kenntnis der Routen, der Landessprache. Sie wurden daher aus• gebeutet und erlitten eine Fülle von Qualen. Die Gren/geineiuden suchten den Auswanderern, so gut es ging, zu helfen, besaßen aber keine genügende Organisation und keine genügenden Mittel. Wenn aber durch Verfolgungen und Pogrome die Flut der Auswanderungen gesteigert wurde, Hunderte und Tausende die Grenze überschritten und eine Art Völkerwanderung entstand, blieb, da der Ansturm zu groß war, nur die Sperrung der deutschen Grenzen übrig. Die an Leib und Leben bedrängten russischen jüdischen Auswanderer wurden in ihr furchtbares Elend zurückgelrieben, die deutschen Grciizgcineiuden waren trotz, bestens Willens den Lasten, die durch die Ucbirflutung mit jüdischen Auswanderern ent• standen, nicht gewachsen. In Folge der Konicren/ der jüdischen Organ!• sationen in Frankfurt a. M., vom Jnhrc 1001 fand eine rationelle Organisation für die Zwecke der Aus- Wanderung in ganz. Deutschland statt. An allen Grenz- und Hafenplätzen, wie in allen Knotenpunkten des Eisenbahnverkehrs in Deutschland wurden Schutz- *) Herr ür. Paul Nathan gab auf der General- Versammlung des ״Hilfsvereins״ einen interessanten Rückblick auf die bisherige Tätigkeit des Vereins, aus dem wir im folgenden das Wesentlichste wiedergeben. ״ ..

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