Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1912)
- Date
- 1912-04-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 144 Agitation in den Klcingcmeindcn ‘ Von Julius Kauf »1 a » n Escliwciler. Ilotfcutlich befaßt sich der XIII. Delegicrtcnlag recht gründlich mit der Präge der Agitation in den Kleiiigemeindcii, mif dem Lande, die;tllm.ililicli eine wirklich brennende wird. Gewiß, cs gibt kaum eine Großstadt >m 1 Icmschcii Reiche, in der niclil mehr «)der weniger zionisti• sclics Lehen herrscht. Und wir selten es als seihst• verständlich an, dal) hier fleillig gearbeitet wird, und dall damit auch Erfolge erzielt werden. ״Wie anders ist es in den Kleingeineinden! In hunderten und alte! litindei len kennt man den Zionis• imis auch nicht einmal dem Namen nach, oder wenn man ihn kennt, macht mau sich die denkbar falschesten Vorstellungen von seinem Wesen mul seinen Absichten. Man denke nur an die vielen Oe• meinden des Elsall, an die Häverns, Wüillemlurgs, Badens, der Rlteiuproviuz, Westfalens, I lesseus tisw. Hat man jemals etwas gehört, dall hier etwas positiv Jüdisches geschehen ist? Aber das muH unbedingt anders werden. Und diese kleinen Kehilles bieten ein ganz hervorragend geeignetes l-'eld zur Bearbeitung für unser Ziel, jungfräulichen Hoden, der des Ackerers sehnsüchtig harrt, Wir haben doch jetzt schon eine grolle Anzahl jüdischer Akademiker, die auf national• jüdischem Hoden stHtcii. Ein grolter Teil von ihnen stammt aus Kleinstädten und Dörfern und weilt wiih• rend der langen und vielen Unhersifälsfcrien zu Hause, ein erheblicher Prozentsatz von ihnen lallt sich später itt Kleinstädten nieder. Wie wenig hört mau von ihrer Tätigkeit. Es sieht fast so aus, als oh sin sich genierten, sich zu Hause gut jüdisch zu he• tätigen, oder gar als ob sie, stolz drapiert in den Mantel jtingjtidisclieii Nationalismus, es uiclt( für er• strehenswvrl hielten, vom reichen Home ihres Wissens anderen Sterblichen etwas zuteil werden zu lassen, ja, als ob sie in dein Hevvnlltsein tmihergingcn, verkannte Märtyrer ihrer Uebcrzeugimg zu sein. Eine grolle Anzahl junger KauUetilc hat sich in den Großstädten zu Hcr/Iklubs, zu Jtingmannseliaflen ■zusammengetnn, merkwürdig ist es, dall mau von ihnen aus den Kleinstädten (und sicher sind viele von ihnen zeitweise oder spater clauerml dort tätig) auch nicht das geringste zu hören bekommt. Ich hin der Meinung, dall diese jungen Kräfte sich in ihrer Heimat oder am Orte ihres Wirken* unbedingt ׳lür unsere Sache betätigen müssen, und nicht nur sie, nein, •jeder Zionist, der aus irgend• welchen ()runden zeitweilig oder dauernd in den Kleinstädten lebt. Die Gruppvitverbändc können tut• möglich vom grünen Tische aus, ohne mit «len näheren Verhältnissen vertraut zu sein, die Agitation betreiben, sie kennen nur dann florieren, wenn jeder Zionist, ׳wo es auch sei, und wäre der Platz noch so klein, sich mit ihnen in ,Verbindung setzt und auf eigene Faust schon zu agitieren sucht. Zirka zwei Fünftel der deutschen Juden wohnen in Kleinstädten und Dörfern, und aus (irüiulen, auf die ich noch zu sprechen komme, bilden sie ein Vorzug• liebes Material für unsere Bewegung. Dali der Zug *3!r ,Grollstadt bei uns Juden besteht, ist eine all• bekannte Tatsache, die uns aber nicht nur nicht ■ibscltrecken soll, in den Kleinstädten zu arbeiten, nein, die uns im Gegenteil in der Agitation ansporueii muH. Wenn wir aus den Kleingemeinden schon Juden in die ürollstadt abgeben müssen, so wollen und müssen ׳wir bestrebt sein, wenigstens zionistische gut jüdisch gesinnte Elemente dorthin ahzuführen, die unseren dortigen Gesinnungsgenossen die Arbeit erleichlern. Und ׳wenn wir uns unsere Gesinnungsgenossen in den Großstädten betrachten, so piaelten wir die Entdeckung, daß, abgesehen von Osijuden, jüdisch• nationalen Akademikern und einigen wenigen geistig durchgebildeten zu uns zurückgekehrten früheren Assi• milationsjuden die meisten von ihnen ans Kleinstädten stammen und vor kurzer Zeit erst hinzugezogen sind. Diesen Juden ist die Beschäftigung mit jüdischen Dit'geu vielfach noch ein direktes Bedürfnis, und daher schließen sie sich verhältnismäßig leicht unserer Lewegung an. Ein sehr großer Prozentsatz dieser Zugewanderten geht aber (eil* absichtlich, teils iinab• kchtlich dem Judentum Im Grollstadtgetriebe verloren, wir 'müssen uns daher bemühen, das Uebel bei der Wurzel zu packen, und diese Kreise schon in der Kleinstadt für zionistische Ideale zu interessieren, so daß es von ihnen als selbstverständlich angesehen werden fomß, sielt am neuen Wohnort der zionisti• sehen Ortsgruppe aiizuseltlielleu, zu welchem Ent- Schluß Gründe gesellschaftlicher Art auch noch Ihr gut Teil beitragen werden. Ganz abgesehen aber von der Nutzwirkung auf die Verhältnisse in den Großstädten, auf die Abwande• rung dorthin, ist doch das wichtigste, daß die Agi• tation ׳in den Klcingcmeindcn viel mehr Erfolgs• möglichkcitcn hat, daß die Voraussetzungen hierzu in den Kleingeineinden bei weitem günstiger als in den Grongcmcimicn sind, daß demnach auch die Werbe• J II E DI SCH E R U N DS CH AU_ aihcil hui!:«• nicht so schwierig und niilil so kostspielig ist. Vor .illcm ist in den KIciiHl.nlteii die Religiosität hinge niclil in dem Malle geschwunden, wie anders• wo, und die Religiosität ist um! bleibt einer unserer bestell Bundesgenossen, denn der icligiöse Jude (die Frankfurter Richtung nehme ich selbstredend aus) linde! den Weg von der Glaubensgemeinschaft zur Stamim sgeiiiciiisili.ifl bedeutend leichter als z. B. Herr Professor Geigei, denn für die religiösen Juden he• stellt ־eine Glaubensgemeinschaft wirklich noch, niclil nur in l.citariikdn. Die I Inltuiig der Snhhatrultc findet in vielen unserer Kleingeineinden noch verhältnismäßig h.iuiig statt; soweit man daher an diesem läge nicht Karten 411 spielen pflegt, hat man Gelegenheit, sith mit ju* disehni Dingen zu belassen, und benutzt mich sehrolt diese Gelegenheit.. Freilich herrscht hei uns in »len Kleinstädten mitunter eine Unwissenheit in jiiilisclieii Hingen, die erschreckend wirkt, freilich sind manche jüdische Kreise schon sehr assimiliert, aber dennoch ist der einzelne Jude gezwungen, zu jüdischen Prägen Stellung zu nehmen, »leim einer überwacht gewisser* mallen den amlern, und dazu kotuiul, »lall hier nicht• jüdische Kreise es gleichfalls als selbstverständlich von einem Juden anselten, sich mit jüdischen Dingen zu befassen, daß für die Leugnung tlcr Zugehörigkeit zet uns in ileu Kleinstädten keine Prämien aus• gesetzt sind, im Gegenteil. Wie anders kann im Gegensatz hierzu »ler einzelne Jude in der Großstadt völlig 'unbeobachtet lind restlos aufgehen, ohne daß auch nur ein Hahn danach kräht. In den Kleiiigemeindcii tchlt es sehr häufig an geistiger Anregung, man freut sieh, das Gute irgend• woher nehmen zu köimeu und nimmt mit llcillhimgcr alles auf, was geboten wird. Wahrend »ler Großstädter rationell handelt und denkt, ist der Kleinstädter impulsiv, er läßt sich weniger von nüchternen Vershuidcserwägtingen, als vielmehr von Gcliihlsmomcntcii leiten. Hier einzti• wirken, ist hei einigem Geschick nicht schwer. Obschon in den Kleinstädten weniger intensiv als ‘zeitraubend gearbeitet wird, so steht dein Klein• Städter (ganz, abgesehen vom Sabbat) mehr Zeit zur Vertilgung als dem Großstädter, und ferner fehlen sämtliche Ablenkungen, die unsere Kräfte in der Großstadt so schnell aufreihen. Das sind so einige von den Oiimden, die tut• bedingt Veranlassung gehen, bedeutend stärker als bisher in den Kleiitgemeinden zu arbeiten, lieber «las'Wie wäre auch noch einiges zu sagen. An manchen Orten Rheinlands, Ohcrschlcsicns, l'oscns, Ostpreußens Imt man gule Erfolge erzielt, wie viel mehr könnte geschehen, wenn alle verfügbaren Kräfte siel» ans Werk begeben würden. Was könnte alles an geistigem Kapital, an materiellen Werten in Deutschland noch Iterausgesehlagcit werden, weint wir nur wollten. Ja, wenn wir nur w*)ll!en, denn \v!.1s wir wollen, das können wir auch, nicht zuletzt beweist gerade »ler Zionismus diesen Satz. Ilolfcn wir, daß der Dclcgicrtcntag sich tat• kräftigst dieser Sache auninuuL Palästina-Honig-Produktiv- und Konsum-Genossenschaft Von Dr. A. (11 ג w o 11 e s , Alt.ma-Daiiienfelil.*) Das Problem der Scßhaftmnchung jüdischer Ar• beiter in den Kolonien ist in letzter Zeit vielfach in zionistischer Ihn leipresse und Parteikreisen erörtert worden, und seine Bedeutung für unsere ganze Arbeit in Palästina ist allgemein anerkannt. Der Arbeiter, der nur während weniger Saison• Monate Arbeit in der Kolonie findet, kann sich in «ler Kolonie nicht «lauernd aufludtcn, wenn er nicht die Möglichkeit eines Nebenverdienstes hat, der ihm «las Existenzminimum sichert und ihm die Aussicht׳ mif eine spätere selbständige Existenz gibt. Einen guten Nebenverdienst und die Aussicht auf spätere Selbständigkeit bietet die Bienenzucht, Nach Aussage eines palästinensischen Sach verständigen ist wm hwsUmde, «eben einer sonstigen Arbeit, 50 Hielten• stocke mit Leichtigkeit zu pflegen; gerade die Hielten, z.uclit erfordert intelligente Arbeiter, die mit Liehe sich der Pflege der Tiere widmen, und dürfte dem russisch-jüdischen Arbeiter in Palästina besonders am I ler/eu liegen. Die Aufstellung eines Bienenstockes kostet nach autoritativer Angabe aus Palästina 25 M. Bin Bienen• stock liefert in Palästina nach derselben Quelle durch• schniUlich 20 kg Honig pro Jahr. Um aber von vornherein den Absatz des Honigs zu guten Preisen zu sichern, ist die Errichtung einer Palästina-Hoiiig-Prodiiktiv• und Konsum-Genossen• werten Vorschlag der b schiift ״Palästina“, auf ausführlicher Itinweisen iNatioiialfottdstutmnter dei die wir in nächster Ni werden, Nr. )7 scliafl gedarbt. Die Gciuisseu zeichiteii emen Bc-trag welcher zur Aufstellung eines oder mehrerer Hivncii! slöcke «•rfurdeilieli ist. Die Bicneustöekc werden «Im Ai heitern, die sich hierfür eignen, in Pflege gegeben gegen einen Teil, angenommen die Hallte, des Lr• träges. Die Genossen haben nur die eine weitete Verpflichtung, alljährlich Honig für einen bestimmten Bitrag /u beziehen. Nachstehende kleine Rechnung soll die Rentaliil!. tat «ler Honigproduktion für die Genossen erläutern, Der Ertrag eines Bienenstockes v«m 20 kg repräsoi. tierl für den Privatmann einen Werl von Ul M. l)-r Bienenstock zum Aiisiliaffungsweit von 2> M, lief rt also (liireliselimtllich lur 10 M. Ware jährlich, alm brutto lüO"״. Wenn der Arbeiter die halbe Ernie für seine Arbeit erhallen soll mid noch reichliche sonstige Unkosten entstellen sollen, so bleibt iinnrr noch eine sehr gute Verzinsung «ler Anlage. Auch wenn der Ertrag ans einem Hicnenstuu..: iit Palästina nur ebenso groß angenommen werd.n soll, wie m Deutschland (wie weiter unten an,;«• lülirl), so ist «lic Rechnung auch noch sehr gün>,nf;. Der Arbeiter kann mit seinem Anteil aus dem Ertrag zon 10 Bienenstöcken auch im ungünstig st .<n l'alle einen beileiitenden Teil seines Lchcimuit.r. haltcs bestreiten. Natürlich wird es erforderlich sein, zunächst «lic Leute nus/uh>l»lcn und dazu eine Art Imkerci-Kiit-ais zu errichten, sowie später einen Wanderlehrer an/ti• stellen. Der Leiter des Imkerei-Kursus müßte das erste Jalir auch die aufge .lellteii Hicnciislückc häufiger inspizieren und die Leute noch weiter iit der Pflege der Tiere unterweisen. Zweckmälligerweise wäre «len Arbeitern, welch«־ zu)־ Sicherstellung «ler ihnen anvertrauten Bienen, stücke sich zu einer Genossenschaft mit Gesamt• liaftiing ziisannienscltlielleii mußten, zunächst nur eine kleine Anzahl Bienenstöcke zu übergehen; aber «5 wird sieh empfehlen, den Versuch zugleich an mehreren Punkten zu machen, vorausgesetzt, daß gemigeml Arbeitskräfte vorhanden sein werden, da die Vcr• hältnissc au «len verschiedenen Punkten des Landes fur die Bienenzucht verschieden geeignet sein könnten und ein zufällig falsch gewählter Punkt ein ganz verkehrtes Bild ergehen könnte. Den Arbeitern dürfte auch die Möglichkeit «tes Erwerbes iler ihnen zur Pflege übergebenen Bienen• Stöcke durch Abzahlung gegeben werden, damit sie sicli mit der Zeit von der Genossenschaft unabhängig machen können. Welche Bedeutung die Bienenzucht erlangen kann, möge man aus folgenden Daten entnehmen: Bei der Viehzählung am I. Dezember I8')2 gab es in Deutschland 2 OM IV») Bienenstöcke, welche 20000 000 kg Honig lieferten (1000 waren es 2(105 ־GO Bienenstöcke). In den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika ergaben 2 800 000 Bienenstöcke 'J0 000 <100 kg Honig, »lurchschnilllich also ebenso wie in Deutschland ca. 10 kg pro Stock. (Die erwähnte absolut zuverlässige Quelle gab für Palästina den doppelt so holten Er• trag pro Stock an, was vielleicht durch das Klima und die Mora Palästinas zu erklären ist.) Deutschland importierte 1001) 2 000000 kg, und /.war aus ,(.'liile 1000 000 kg, aus Kuba 300 000 kg, aus den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika 100 000 kg, aus Domingo 100 00) kg, den Rest aus anderen Ländern, Die Jahresproduktion von Deutsch• laml, Oesterreich, Frankreich, Spanien und den Vcreinigten Staaten von Nord-Amerika betrug 07 000 000 Kilogramm. Ein Vielfaches des natürlichen Honigs, sehät/imgs• weise mindestens das Doppelte, vielleicht aber das 3-1 faelte, wird in Deutschland noch an Kunsthonig konsumiert. Trotz, der Produktionssteigerung von 1802 bis 1000 um rund 30י.״ ist bekanntlich der Honigpreis infolge »les gesteigerten Konsums nich־ zuriickgegangen. Der gewaltige und immer steigende Honigkoiisiini wird daher auch einen weiteren Import ans Palästina oliiic Preisdruck aufnehmen können. Gelingt der vorgesehlagene Versuch der Organ!• siernng der Honigproduktion und des Honigkonsum«, so eröffnet sich lür uns eine neue Möglichkeit dev Förderung »ler palästinensischen Kolonisation. Ich habe Daten für eine ganze Reihe von Artikeln, die zum Teil in Palästina bereits produziert werden, zum Teil hei gesichertem Absatz produziert werden könnten, die sieh für den Vertrieb durch eine Konsum• geiiosseitsehnft durchaus eignen würden. Gut arbeitende Konsumgenossenschaften palästi• ucusischcr Produkte sind ein unbegrenzter Markt für palästinensisch«־ Erzeugnisse, ohne daß wir an die Opferfreudigkeit der Genossen zu appellieren brauchen, da «ler Zusammenschluß zum gemeinsamen direkten Bezug oder sogar zur Produktion der Produkte jedem eilten direkten doppelten Nutzen bringt; er bekommt die Ware, die er .*onst auch kaufen würde, gut und billig und erhält noch eine Dividende auf sein An• lagekapital. Es darf wohl angenommen werden, daß aus rein ökonomischen Gründen auch Nichlzioni9ten als