Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 126 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 15 Die anderen drei wird nun meist als reine Ansdiauungaformcn betrachten, cs gibt «ine sozialistische, impressionistische, panthcistisdie Auffassung der Dinge, aber sic bedeuten aticli einen Inhalt, der übernominal, «eiern♦, ausgelnuscht werden kann. Wie nun geschieht das? Ein Beispiel. Goethe liest Spinoza und bekennt sich als Spiivo/Isten. Wir wissen, daII er in Wahrheit weit davon entfernt war, jemals Pantheist im Sinne Spinozas (Natur ־-־ Gott) zu sein, und die Wissenschaft pflegt seine Richtung (Natur in Uott) Panentheismus zu nennen, der Ooethe von Herder übermittelt, zuletzt auf Shaftcshury ziiriickführl. Ist also die Spinoza-Lektüre für Ooethes Weltanschauung belanglos gewesen? Keineswegs. Irgendwie muH das Lebeusgcfühl Goethes, wenn es sich auch noch so weit von den sorgfältig interpretierten Gedanken Spinozas unterschied, eben durch diese Oedanken an• geregt, aufgeregt, in Schwingung versetzt worden sein. Und indem er diese innere Hereicherung durch Spinozas Auffassung von Oott und Welt empfand, nannte er sich — fälschlich — einen Spinozisten. Es wäre nicht richtiger gewesen, wenn er sich nach Herder!oder Shaftesbury genannt hätte, weil im Grunde die Kräfte, die seine Lcbcnsnnschaming vollendeten, von außen her in Hewegnng gebracht, aber nicht erzeugt werden konnten. Er übernahm gewisse Inhalte des Denkens, formen mußte er sie selber, und eben in dieser immer neuen eigentümliehen Gestaltung eines Inhaltes besteht der Reichtum unserer Kultur. Was von Goethe und Spinoza gilt, kann ebenso bei Licbermnnns Verhältnis zu Manet und entsprechend auf allen anderen Gebieten des geistigen Daseins beobachtet werden. Man muH nur diese Hegriffe nicht pressen wollen, weil die Einzelerscheinungen, die wir durch sie ordnen, biegsam sind und bald als Form, bald als Stoff erscheinen. Das letzte Formprinzip, das den Ausschlag gibt, ist doch immer die Persönlichkeit, Das weil) Rosenberg auch: ״die Aufgabe des modernen Menschen ist gerade, die Persönlichkeit zu wahren unter all diesen verschiedenen Einflüssen.“ Aber da hätte er den bloßen Austausch der geistigen Güter, der so mechanisch, als Austausch, nirgends stattlinden kann, nicht als das eigentliche Wesen europäischer Kultur hinstellcn dürfen. Die Frage entstellt, wie denn eigentlich die letzthin entscheidende Persönlichkeit zustande kommt. Die Nationalität ist nicht die einzige Quelle: nein. Ge will nicht im Sinne von Margulies und Rosenherg, die an nationale lnhalte denken: die gibt es nicht. Aber auch nicht im Sinne eines gestaltenden Prinzips, einer Richtung des Schadens, Denkens, Füiiicns: auch unsere Erlebnisse, unsere Erfahrungen formen an unserer Seele. Dennoch: es ist schwer, die Bedeutung der unbewuHt wirksamen Kräfte, die in der Abstammung, der Landschaft, dem Milieu gegeben sind, leugnen zu wollen. Ist in Goethe nicht deutlich der Franke, in Schiller der Schwabe zu erkennen, verraten Lessing und Bismarck nicht den Sachsen, fast nach Ober- und Nicdcrsnchscntum diffcrenziert? Noch deutlicher sprechen modern französische Beispiele. Das alle Wort ״cc qui 11’est pas clair, n'cst pas fran^ais“ ist längst kein angemessener Ausdruck der französischen Kultur mehr, wenn auch noch Anatolc France als letzte OröHo den gcschlosscnen romanischen Stil darstdlt. Er wird aufgelöst von I luysniaiis, Mnelcrlingk, Verhacreu und vielen anderen, die so gut wie alle flainiscli-germaniseher Abstammung sind. Und wenn Alkibiailes durch sein Griechentum nicht restlos erklärt werden kann, durch sein Athcucrtum kann er es ganz gewiß: er ist in seiner Genialität der schlechthin typische Ausdruck des Athen des vierten Jahrhunderts, und wäre Uhulieh nur noch im Florenz des fünfzehnten möglich. Und mm die deutschen Juden. Den Fall Marx, so interessant er ist, kann ich nicht behandeln, icli kenne Marx nicht genug. Mir scheint, als ob Herr Dr. Rosenberg recht hat. Ucbcrhaupt ist der Begriff der Zerrissenheit — Margulies gebraucht ihn auch gar nicht ־- denn doch zu einfach. Weder Marx noch Börne, Jakobowsky oder Wcininger gehören in ihrem literarischen Schaffen zu den zerrissenen Naturen. Aber die Betrachtung Börnes zeigt wieder den Grund- Irrtum, den Inhalt als wesentlich zu betrachten. Ob Börnes Gedanken sich von dem landläufigen Libernlisimis seiner Zeit unterscheiden, ist völlig gleichgültig, ca liegt im Wesen des Kulluriuhalts, dal) mau ihn sich aucigncn kann, — aber keine Zeile Börnes wäre von einen! Deulschcn seiner Zeit so geschrieben worden. Es fehlt uns noch die Möglichkeit, das Gemeinsame im Schaffen der deutschen Juden wissenschaftlich zu erkennen, und ich möchte hier nicht Dinge, die von mir und anderen des öfteren ausgeführt worden sind, noch einmal breittreten: fragmcntarischc Ausblicke müssen genügen. Dal) viele Juden an der Verfeinerung Ihres Sinnes* und Gefühlslebens leiden, gibt Herr Dr. Rosenberg zu, seine Erklärung wird uns nachher beschäftigen. Diese Verfcincrung darf nicht isoliert betrachtet'werden, sic ist die Folge einer seelischen Beschaffenheit, die auch andere Formen annfmmt. Vor hundert Jahren gab ihr Clemens Brentano den Ausdruck: kein Jude kann Philister sein. Wurzellosigkeit. Nervosität. Wenn den Philister die unbeirrbare Sicherheit der Instinkte aus;, zeichnet, Ist der Jude, reich an Assoziationen, den Spielen des Geistes nilzuschr hiiigegebcn. Die Freude am Geiste ward selbst für Naturen, wie Marx, Rlcßcr, Damberger verhängnisvoll, erst recht für die Masse jüdischer Literalen und Schriftsteller. Frei von Ilerninimgcn, entwickeln die Juden eint׳ Kombination*• gäbe, die sie zu Juristen und Schachspielern besonders befähigt. Man vergleiche nur den reinen Kombinatmuswitz Saphirs, Steltenhcims, Karl Ettlingers, seihst Heines, mit Wilhelm Husch oder HartUben. In der Mathematik, wo neben der Pormanschaming die analytische Begabung steht, gehören sic, so sagt man, gerade zu den großen Analytikern, Die innere Ver- Wandlungsfähigkeit erzeugt in ihnen etwas Schauspielerhaftes. Ein Stück Schauspieler ist Lassalle so gut w Beaeonsfield; noe.1 Lasker verrät die große Pose. Seihst unter den Berufsschauspielern erkennt mau diese Begabung der Verwandlung; um, als Beispiel, zwei ganz grolle zu vergleichen: während Else Lehmann überall eben Else Leinuann bleibt, wir danken es ihr, verschwindet fimanuel Reicher unkennbar hinter seinen Gestalten, Es wäre, falls Kultur passiv hingenomincn werden könnte, möglich gewesen, daß die Juden, ihrer Vergangenheit entfremdet, reines Gefäß der Kulturinlialte wurden; aber •las gibt es eben nicht. So zeigen sich in ihnen bestimmte, als jüdisch hinzunelimendc, Eigenschaften, die zuletzt auf der Freiheit von inhaltlichen Gebundenheiten beruhen und literarisch in ihrem Sinn für־ die reine ästhetische Form kulminieren, Hoffmaiinstlinl, Schnitzler, Cnlö gehören hierher. Sie bedeuten vorläufig den Abschlnll der jüdischen Betätigung in der deutschen Literatur, Aber seihst Jakob Wassermann gibt uns nicht das Recht, die Beziehung zum Judentum zu leugnen; wenn ihm auch im Cnspcr Hauser ein Werk erstaunlicher epischer Größe gelungen ist — ein unerhörter Vorgang im deutsch-jüdischen Schrifttum — so zeigt docli die künstlerische Bewußtheit dieses Romans, noch stärker seine anderen Schöpfungen in jeder Zeile, daß hier ein beweglicher, nervenhafter, nuancenreicher Geist um die künstlerische Einheit ringt, die er gedanklich wohl als höchsten Wert erkannt hat, der aber seine Instinkte keineswegs zustreben. Gerade sein letztes Werk ist wieder mit den Nerven geschrieben — genau wie Max Licbcrmaim nach Georg llerruiauns feiner Studie mit den Nerven malt —; und indem die eigentümliche nervöse Erregtheit der Juden von Jahrzehnt zu Jahrzehnt sich vollkommcncr in künstlerische Leistungen lungesetzt hat, kann inan —• unabhängig von allen jüdischen lnhalten — gerade hierin die innere Entwicklung in der Leistung der deutschen Juden erblicken: 1!1 diesem Sinne ist Alfred Kerr ein feinerer Ausdruck des Judentums als Moses Mciuiclsolui. Nocli hat kein Jude für Deutschland wirklieli etwas geleistet, der eben nicht ein Stück innerlicher Einheit bewahrt hat, und diese muß, da sie allen Juden gemein ist, letzten Endes auf ihrer Abstammung beruhen. Herr Dr. Rosenherg will das nicht gelten lassen: mag tausendmal das Schaffen der deutschen Juden in e i n c r deutlich sichtbaren Linie liegen — das alles, sagt er, schaffen sie •׳nicht h'a Juden, sondern als Erben einer alten Kultur. Er wird recht haben, ich stimme ihm jedenfalls unbedingt zu, vorausgesetzt, daß er eine ursprüngliche, wenn auch variable Anlage zugestellt. Nicht das ist entscheidend, oh die Juden kraft irgendeiner geheinmisvollen Macht eine bestimmte Begabung ein ׳ für ailcmnl mitbekommen haben. Mim kann dies bcstreiten und wird doch von einer national bestimmten Eigenart reden müssen, wenn in diesen Zeiten, unter diesen Bedingungen eben gerade die Juden, eben gerade •eine durch Blut und Geschichte bestimmte Gemeinschaft in der gleichen Weise auf die Kultur Europas reagiert, sie in der gleichen Richtifng fortentwickelt. Audi Moritz Qoldstcin im Kunstwart scheint mir liier zu irren, der die scharfe Grenzlinie zwischen Sclimkltbonn—Schönlierr—Eulctiborg und Schnitzler—Hoffmannsthal zieht. Wenn man Blätter wie das Berliner Tageblatt und die Tägliche Rundschau, die Neue Rundschau und den Kunstwort vergleicht, erkennt man die Verschiedenheit der Sympathien. Schnitzler oder Hoffmannsthal hier, Löns oder Specknimm dort. Nervenkuiist und Volkskunst. Auch Gerling llauplmnim wurde von Juden zugejubelt, und In der im wesentlichen von Juden geseliriebencn und gelesenen Neuen Rundschau gehörte ihm stets ein bevorzugter Platz. Viele Nichtjuden wußten anfangs nicht recht zu ihm Stellung zu nehmen, und er hat doch den Biberpelz geschrieben, das erste ganze Werk nach Jahrzehnten dramatischer Oedc. Schönherr, Sehmiiltbaiin, Eulenberg, die weniger nervenhaft schaffen, stand die jüdische Kritik zweifelnder, die nicht jüdische von vornherein, bei allem Problematischen dieser Dichter, vertrauender gegenüber. Aber das iiiulcrt nichts. Das Schrifttum der deutschen Juden zeigt infolge gemeinsamer Voraus- Setzungen gemeinsame Ergebnisse, und cs ist für unsere Frage gleichgültig, ob andere Voraussetzungen zu ähnlichen Ei-gcbnisscn führten. Genug, dieses Ergebnis und seine Voraussetzung sind nicht durchaus erfreulich. Die Juden leiden seelisch und körperlich, und wir haben nicht djc Absicht, allmählich alle in Nervenheilanstalten zu verschwinden. Es sind so schon zu viele. Die a||. gemeine Ansicdliing in Palästina ist vorläufig nicht diirchziiführen, ganz gleich aus welchen Gründen. So soll die Betonung unserer Abstammung uns?!!• nächst helfen, einen festen Punkt gegenüber der Masse der uns iniiwirbclnileii Einflüsse zu schaff,•!!. Gerade was Herr Dr. Rosenherg betont: sie soll uns helfen, die Persönlichkeit zu wahren. Eine Einheit der Kultur gibt das noch nicht. Auch der Ostjude ist kein einheitliches Ghettngc. schöpf -- Herr Dr. Rosenherg verkennt das —, man weiß, daß gerade russische Juden Palästinas von den orthodoxen Zionisten am leideiiscliaftlichsicn In:, kämpft wurden. Dieselbe Ucbcrschützung des Kultur, inhalts, die wir in den beiden Aufsätzen fanden, hat freilich ein solches Einl1eitside.il erzeugt, in der mis. rachistischen Auffassung des Zionismus. Sie ist aus dem Suchen nach einer Einheit, die eben in altjudisihcn Inhalten am bequemsten erfaßbar ist, nur allzu vor* stündlich. ״Zurück nach Palästina" betet täglich der glaiibenstrcue Jude, ״vorwärts nach Palästina“ ist der Wille des Zionismus, was wunder, daß sie ein Stück Zusammengehen. Aber das ist ja unser Ver• hiingnis: keine lebendige Tradition verbindet die Juden der Gegenwart mit ihrer Vergangenheit. Nicht die Sehnsucht nach Weihrauch und Opfern timl einem Ritenkodex hat den Zionismus erzeugt. Er ist nun einmal europäisches Gewächs. Wir wollen zur 1.111• Wicklung Palästinas ruhig Vertrauen haben. Und wenn auch das I Ichrüischc keine Weltsprache in ich hätte über die neu-hebräische Kultur eine ganze Menge auf dem I lerzen, aber das führt hier zu weit , trösten wir uns mit den Russen, Italienern, Holländern, Dänen, Schweden, warum sollen wir uns ausgerechnet an die Ungarn halten? Uns deutschen Juden hilft freilich das I Ichrüischc auch nicht viel. Wenn aber wenig damit getan ist, dal) wir uns hier National• jmlen nennen, ist denn für die jüdische Sache mehr geleistet, wenn wir uns Zionisten nennen, für die anderen? Wir wissen ja, so lange wir irgendeinen Wert, auch für Deutschland, schaffen wollen, können wir es nur auf Grund unserer persönlichen Eigenart, auf Grund irgendeiner Bestimmtheit unseres Wesens, ohne die wir unfruchtbar in lauter Kultur zerfließen würden. Was da herauskonimt, wird kein Makkabücrtuin sein mul kein Ghetto. Aber unserer Ratseilläge beihirf es nicht mehr, es ist längst unter• wegs. Sluilenteiivereiiie, Darkocliba, Hcrz.lkluh, Volks• Versammlungen, der Kongreß — das sind ja schon neue Formen, die eine ganze Menge — cs könnte noch mehr sein — vom besten I3e11tschtnnd cmhalten. Und vom ziikunftsfreudigstcn Judentum dazu. Ist nur der Wille da — lim Weg und Ziel soll uns nicht bange sein. Zum Jubiläum der ״Hazefirah“ Die hebräische Bewegung ist noch Verhältnis, mäßig jung — und feiert schon Jubiläen. Noch ist sie ganz auf die Zukunft gerichtet — und weist doch bereits eine waiullungsreidic Vergangenheit auf. In jüngster Zeit hatten wir einige solcher Jubiläen: Mciulcle Macher Seplmriiu, l'lie/cr Beii-Jelmda, der ״I loschiloah“ — und mm folgt die ״Hazefirah". Ein halbes Jahrhundert ist jetzt verflossen s 1t ihrer Begründung durch Chajim Selig Slonimsky, dm großen Autodidakten auf dem Gebiete der Astiouomic und der Naturfursduuig Jetzt wird sie;׳c• leitet von Nahiiin Sokolow, dem weltmännischen r'r• fasser feinster Lehciisäiißerimgcn, dem Bildner 111 ״• hebräischer Journalistik. Anfangs eine bcschciil.’ic wöchentliche Publikation, die liehen mathematisch<׳n Abhandlungen und astronomischen Figuren auch \׳r< cinzeltc aktuelle Nachrichten brachte — ist ׳in־ ״Hazcfirah“ jetzt ein führendes Organ des bewußt• jüdischen Lehens. Ist sie nun eine wirkliche c g*• nisclie Fortsetzung der ״Hazefirah“ von damals? •lat sie nicht mit jener nur den Namen gemeins-m? Wälirciul der letzten fünfzig Jahre sind in der <>st• jtiilenhcit tiefgreifende und weitreichende Wanllun• gen vor sich gegangen. Sie brachten den Hohe• puiikt und den Bankrott der ״Haskolah“. Die Hoff, iiimg auf Erlösung aus der Ghcflonot durch moderne Bildung, die zur Zeit Alexander II, ciuporblü itc, wurde unter den Jammcrlnutcn der süilrussisc ich Judenpogrome zu Beginn der 80 er Jahre zu Orak getragen, Einer der Hauptträger jener Hoffnung war Chajim Slonimsky. Die Verbreitung von exakten Kenntnissen unter seinen Brüdern war für ihn ein Ideal. Dadurch wähnte er sic zu modernisieren und einer neuen Zeit entgegenzuführen. Von Berlin, dein Ausgangspunkt der ״Aufklärung", suchte er sein Streben zu verwirklichen — und begründete hier die ״Hazcfirah“. Wie die meisten östlichen ״Aufklärer", ging jedoch auch er über die ״Berliner Haskolah“ hinaus. Durch den Gebrauch des Hebräischen gab er ihr einen eigen-jüdischen Rahmen, Allein d*׳f Grundzug des Bildes selbst blieb die Bildungshoff•