Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 125 Zur Kulturtrage In der ״Jüdischen Rundschau“ vom 22. Mär/. 1912 hclindct sich ein Artikel von Margulies, ״Das Jahrhundert der deutsch jüdischen K1111 u r in i s c h u n g“, mit dein ich in vielen Punkten nicht einverstanden bin. Ich bin zwar erst kürzlich der /ionis.ischcn Vereinigung beigetreten, und zwar aut Grund der Broschüre von Richard Lichtheim; ich bitte Sic aber, mir trotzdem zu gestatten, das, was ich gegen diesen Artikel einzuwenden habe, hier verbringen zu dürfen; denn ich glaube, cs wird die Gedanken von vielen wiedergeben, die aus dem glci• dien Gedanken beigetreten sind wie ich. Nach der Broschüre konnte man annchmcn, das Ziel der zionistischen Vereinigung sei die Förderung der Kblonisatluit in Palästina, die Schaffung einer Heimstätte, iu der sich die jüdische Nationalität frei und unter glücklicheren Bedingungen als in der Diaspora entwickeln kann. Diesen Gedanken halte ich für gut und brauchbar, wenngleich ich bemerken möchte, daß ich mit dein Bestreben, das Hebräische in dem neuen Gemeinwesen als Verkehrssprache cin/uführcn, nicht einverstanden bin. Ich glaube, dall cs besser w.iie. dem Deutschen diese Rolle zuzuweisen. Das ist leicht, da die Ansiedler, die ja fast alle aus Polen stammen, jüdisch-deutsch sprechen und unschwer richtig deutsch lernen würden. Dies hätte dann die Vorteile, die der Anschluß an eine große Kultur- Sprachgemeinschaft gewährt. Künstlich eine tote Sprache beleben, isr immer mißlich; denn es schließt ah. Man sieht das bei den Ungarn, die allerdings keine tote, aber eine wenig verbreitete Volkssprache als Verkehrssprache cingcfülirt haben. Der Erfolg ist der, daß kein Mensch sie versteht und sie keinen andern verstehen. Sie müßten die ganze Wclllitcratur ins Ungarische übersetze», uiu au ihr teilhaben zu können. Das ist etwas schwierig. Mit dem Hehräisehen würde cs noch schwerer sein. Mag man es doch in den Schulen lehren, soweit es zur Kenntnis der alten jüdischen Kultur: erforderlich ist, aber eine Verkrhrsspraciic daraus machen zu wollen, ist unpraktisch. Doih dies nur nebenbei I Der Artikel von Margulies ist ein Zeichen dafür, daß der Zionismus nicht nur eine Heimstätte für die jüdische Nationalität in Palästina begründen will, sondern daß er auch für die Juden, die an ihren alten Wohnsitzen Zurückbleiben, alles Heil in der Erweckung des jüdischen Nationalgcfiihis sicht, Der Gcdaitkengang von Margulies läßt sich in folgende drei Thesen zusammenfassen: t. Zur Ghcttozclt waren die Juden heroisch, weil sie das Bewußtsein nationaler Einheit hatten; 2. durch den nationalen Dualismus, wie er infolge der Emanzipation entstanden ist, haben sic die Kraft zum Heroismus verloren und sind wurzellose zerrissene Menschen geworden; 3. nur durch die Wiedererweckung des nationalcn Bewußtseins können sic wieder zu vollen Mensehen werden. In welcher Weise man aus unseicn Westeuropa» sehen Juden wieder volle Nationaljuden machen könne, ohne sic zu verpflanzen, wird allerdings m'cht an- Scheutet. Mir scheint es jedenfalls sehr schwierig, Uh möchte nun die drei Thesen des Herrn Mar- Julies irn einzelnen auf ihre Richtigkeit prüfen. Es soll unterstellt werden, daß die Juden zur Gliuiozeit wirklich eine Kulturcinhcit bildeten, obwohl Ich dies nicht für ganz, ausgemacht halte. Hat mm aber diese Ghcttokultur wirklich Helden gcschaffen? Es hat sicherlich unter den Ghettojuden 11c 1• denhafte Märtyrer gegeben. Aber waren sie es nicht viel mehr durch die religiöse Idee als durch die Einheit ihrer Kultur? Religiöse Märtyrer gab es zu den Zciiui starken religiösen Empfindens allenthalben; solche waren die Hugenotten, die ihr Vaterland verließen, die Puritaner, die unter Cronnvcll kämpften, und hie österreichischen Deutschen, die zur Zeit der Gegenreformation für ihren Glauben bluteten. Diese Art des Heidentums ist jetzt überall sehr selten ge- 4) Der Artikel unseres Freundes Heinrich M a r- Julies- Breslau ,.Ein Jahrhundert d c u t s c 11• f>1 d is eher K u 11 u rm i s c 11 u n g“, den wir in Nr. 12 der ״Jiid. Rundschau“ veröffentlichten, hat einen unserer Oesinnungsgenossen, Herrn Dr. Curt Rosenr;.׳, zum Widerspruch angeregt. Seine Aus* ׳uiiningcii schienen uns so interessant und die berührm r;,£c״ so beachtenswert, daß wir uns mit der 1 ,Ihn Wiedergabe nicht begnügt haben, sondern jtkidueitif: Herrn Oberlehrer Ca I v a ry-Crossen oaten. seinen Standpunkt zu den berührten Fragen uarzulegen. Wir lassen beide Artikel folgen und •reuen uns, daß damit die Diskussion angeschnitten 1 {,her Probleme, die fraglos zu den schwierigsten gehören, die sich dem deutschen Zionisten überhaupt oictcn körnen. Sollte — wie wir hoffen — diese Aussprache fortgeführt werden, so wird ihr zum miuh ״osten das Verdienst zukommen, wieder einmal gezeigt *u haben, daß die zionistische Anschauung für viele ükÜ u־"?,״ wenn nicht für alle — Probleme kennt, u*)vr die wir durchaus nicht hinwegseilen wollen. wordeii, auch wo die Nationen einheitlich geblichen sind. Daraus folgt, daß cs nicht die nationale Einheit war, die jene heldenhafte Gesinnung schuf, tondern etwas anderes. Gerade der Mann, den Margulies als Beispiel für einen Helden der Ghettozeit liinsteilt, Spinoza, ist ein Beweis dafür, daß Heldentmn auch ohne KuUurclnhcit möglich ist. Er wurde von seinen Volksgenossen als abtrünnig angesehen und verfchmt; er schrieb lateinisch und hatte sielt die ganze Bildung des damaligen Westeuropa zu eigen gemacht. Auch seine persönlichen Bezieht»!• gen zu den Glaubensgenossen hatte er fast vollständig gelöst. Gerade er ist ein Produkt der Kuiturmischung und doch ein heldenhafter Charakter hochsten Ranges. Hiermit sind wir schon bei der zweiten These des Herrn Margulies, nämlich, daß der Kulturdualis• ttius notwendig zur Zerrissenheit und Charaktcrlosigkeit führt. Ich halte auch diese These für falsch, und noch viel falscher sind die Beispiele, durch welche Herr Margulies ihre Richtigkeit beweisen will. Ich beginne mit Marx und Lassalle, den Begründern der deutschen Sozialdemokratie. Margulies will auch ihr Streben aus der jüdischen Zerrissenheit erklären. Sic sollen dazu gekommen sein, weil sic im Judentum keine Befric• digung fanden und darum eine fremde Sache zur eigenen machen mußten. Nun, ich glaube, wer Marx einigermaßen kennt, wird über die kernliafte Gesclilossenlieit seiner Natur erstaunt sein. Selten hat ein Mann so ganz und gar seinem großen Werke gelebt, wie Marx. Gerade weil er so ein ganzer Mann war, hat er auch so stark gewirkt, selbst wenn er irrte. Marx ist ein richtiger Held im Sinne von Carlyle. Wer in ihm einen zerrissenen Juden sieht, hat keine Ahnung von seinem Wesen. Dasselbe gilt, wenn vielleicht auch nicht in gleich hohem Maße, von Lassalle. Lassaile ist eine Alkibiadesnatur; Phantasic, Sinnlichkeit und Ehrgeiz sind seine Haupttricbfedern; auch er kann durch sein Judentum allein nicht erklärt werden, so wenig wie Alkibiades durch sein Griechentum. Dies gilt auch von der reinen und klaren Natur Börnes, den Margulies ebenfalls, zum Beispiel für jüdische Zerrissenheit nimmt. Bürncs Gedanken unterscheiden sich in nichts von denen des damaligen landläufigen Liberalismus. Eher mag in I!eine das jüdische Element viel erklären; aber mindestens ebensoviel von der Zerrissenheit seines Wesens liegt in dem romantischen Zuge der Zeit begründet; Lenau und Novalis haben darunter nicht minder gelitten* als er. So einfach liegen, die Dinge nicht, daß man alles Schwache und Schlechte in der modernen Judcnlicit aus diesem einen Punkte erklären könnte. Das ist bequem, aber cs führt zur Oberflächlichkeit. Was jetzt das Aufkommen einheitlicher heroischer Naturen erschwert, ist nicht nur der Mangel einer geschlossenen nationalen Kuitur, cs ist vielmehr die materielle Ver* weichliehung auf der einen Seite, und andererseits die immer größere Verwicklung der auf jeden inodernen Menschen cindringcndcn üildungscinflüssc, die von seiner Nationalität ganz unabhängig sind, die cs ihm aber immer schwerer machen, sich zur Einheit durchzuringen, und zwar um so schwerer, je bedeutender und regsamer er ist. Das ist aber der Sclilüssei für die ganz modernen Beispiele, die Margulies für angebliche Opfer der jüdischen Zerrissenheit bringt. Jacobson —• er ineint offenbar Jacobowski — Weiniuger und Caiö. Jacobowski gehört eigentlich gar nicht hierher. Er war trotz seines Judenschmer• zes eine frische und kraftvolle Natur. Er hätte sich, wenn er älter geworden wäre, zu ähnlicher Reife und Sicherheit durcligerungen, wie sein Geistesverwandter Jacob Wassermann. Calö und Weininger sind typische Grollstadtdckadciitcii, die eigentlich mit dem Judentum nichts zu tim haben, höchstens insofern, als die physiologische Schwäche ihrer Konstitution ein Stamnieserbteil gewesen sein mag. Die ins äußerste gehende Verfeinerung ihres Gefühls- und Sinnciiicbens ist nicht jüdisch, sondern ihnen gemein- •satn mit allen Sprossen einer alten und überfeinerten Kultur: hei Maeterlinck oder Huysmans, bei Stefan George oder Wilde sehen wir ähnliches. Nein, es ist nicht richtig, daß eine Vermengung und gegenseitige Durchdringung verschiedener Kul* turen notwendig 7.1un Verfalle führt. Dann wäre ja der Verfall die Folge unserer ganzen Kulturcntwickluüg, die doch in einem Austausch der geistigen Güter aller Nationen untereinander bestellt. Die Aufgabe des modernen Menschen ist gerade, die Persönlichkeit zu wahren unter all dienen verschiedenen Einflüssen. Das ist schwer, aber der Mfihc Lolin ist auch kästlicii, er führt zu einer unerhörten Bereicherung und Verfeinerung der Persönlichkeit. Darauf wollen wir durchaus' nicht verzichten, um Kulturcinhcit um jeden Preis aufrechtzucrliaJtcn. Aus dem vorher Entwickelten ergibt sich, daß ich auch die dritte These des Herrn Margulies, daß wir allein dadurch zu Persönlichkeiten werden können, wenn wir wieder Nationaljüdcn werden, nicht für richtig halte. Ich will keineswegs leugnen, daß eine geschlossene nationale Kuitur etwas Schönes ist. Sie kann die ganze Persönlichkeit durclidringcn und ihr eine bestimmte Farbe geben. Aller sic ist nicht die einzige Quelle der Persönlichkeit. Es fragt sich weiter, ob wir westeuropäischen •Juden überhaupt an unsern Wohnsitzen eine brauch• bare jüdische Kulturcinhcit gewinnen können. Sollen wir auf die Zeiten Salomos und der Makkabäer zurfickgelicu? Das wird niemand ernstlich für möglich halten. Eher könnte man noch an die Cilicttokultur ankntipfeu. Aber wie soll man das anfangen? Selbstverständlich können wir nicht einfach auf den Ghetto• Standpunkt zurück, wir sind darüber hiuausgcwacltscn und man kann das Rad der Zeit nicht gewaltsam zuriiekdrehen. Das wird auch Herr Margulies nicht wollen, der ja deutsch schreibt und ein Freund der Turnvereine ist. Es könnte sich nur «lamm handeln, die Elemente der Ghcttokultur den jetzigen Zcitbcdiirfnissen aiizupassen. Das ist aber sehr schwer inöglieh, da vom Ghetto zu uns keine organische Ent- Wicklung führt. Wir könnten seine Kultur nicht fortbilden, sondern wir müßten etwas Totes künstlich ins Leben zurückrnfen. Uns fehlt vor allem das wichtigstc der Ghcttokultur, der naive Glaube. Der Versuch, auf jene Zeiten zurück/ugreifen, erinnert an das Bestreben der deutschen Romantik, das Mittelalter wieder zu beleben oder gar der heutigen Griechen an die Tage des Pcrikles anzukiiiipfcn. So etwas ist nicht möglich. Eher möglich ist es für die osteuropäischen Juden, die direkt aus dem Ghetto in das neue Judcnland in Palästina verpflanzt werden. Diese könnten die Ghcttokultur organisch fortbildeu, und wenn das Glück gut ist, zu solcher Höhe bringen, daß cs auch den westeuropäischen Juden möglich sein wird, mit ihr zu leben. Aber wir müssen uns nicht cinhildcn, daß viel damit getan ist, wenn wir ruhig liier bleiben, alle Vorteile der westeuropäischen Kultur genießen, um^ dabei erklären, wir wollten uns als Nationaljuden füllten. Das sind Phantasien, an denen man sich berauscht, die aber reifer Männer nicht würdig sind. Etwas anderes ist es, wenn einer wirklich hiiiausgciit und das Wirken für das neue jüdische Gemeinwesen zu seiner Lebensaufgabe macht. Wer auf diese Weise einer großen Aufgabe dient, kann• dadurch zum N'ationaljudcn und zur Persönlichkeit werden, wie das ja Oott sei Dank viele von unseren Gesinnungsgenossen bewiesen haben. Dr. Curt Rosenberg, Berlin. Entgegnung Von M. Cal vnry. Der Streit zwischen Herrn Dr. Rosenberg ,und Heinrich Margulies dreht sich, wie es scheint, um die Alternative: Kulturcinhcit oder Kulturmiscliung? Aber man braucht nicht 1!1it allein, was Margulies sagt, einverstanden zu sein, und kam es doch für nötig halten, seinem Gegner zu antworten. Eines sei von vornherein zugegeben, — auch Margulies bestreitet es nicht, — eine jüdische Kulturcinlieit können wir in Westeuropa nicht gewinnen. Könnten wir es, so bedürften w i r keines Zionismus. Und es ist ganz richtig: cs ist wenig damit getan, sich Nationaljude zu nennen, so lange wir im Bewußtsein des gezahlten Schekels die Vorteile Westeuropas genießen. Es ist viel Feigheit und Trägheit, die uns zuriiekhält, den Pionierdieiist zu leisten, der für mutige und uiitcriieliiniing.slustigc Charaktere geboten wäre. Nur eben, es sind nicht allein die äußeren Vorteile, die uns hier fcstliaiten. Auch unser Herz ist an Deutschland gefesselt. Und damit sind wir mitten in der Frage darin. Weicher Art ist dieses Verhältnis, das uns an die deutsche Kultur bindet? Hier begehen, wie mir scheint, ,Margulies und Rosenherg denselben Fehler. Jener idenkl mit Sehnsucht an die Zeit, wo die jüdische Form noch jüdischen Inhalt gestaltete, und dieser glaubt, daß in dem Austausch der geistigen Güter — also auch wiederder Inhalte — aller Nationen der Wert unserer ga1v7.cn KuUurcntwickhing besteht. Hie europäischer, hie jüdischer Bewußtseinsinhalt. Darin, daß in diesen hundert Jahren fremder Kulturinlialt von den Juden aiifgcnomnien wurde, darin sieht jener das Verhängnis, dieser das Glück des europäischen Judentums. Mir scheint die Frage falsch gestellt, und da beide Gegner in derselben Richtung irren, ist es wohl angebracht, sich erst hierüber klar zu werden, auf die Gefahr hin, manche Seihst• Verständlichkeit zu berühren, die jenen int Augenblick nicht so deutlich bewußt ward. Gewiß, Kuhurinliait wird übernommen, ansgc• tauscht, etwa, aus den verschiedensten Gebieten will, kürlich herausgegriffen, Sozialismus, Impressionismus, Differentialrechnung, Pantheismus, Scnnnthcrapic. Alle diese Dinge sind einerseits Formen des Sehens, des Denkens, des Fuhlens, des Handelns, anderseits objektive Gebilde. Die Differentialrechnung, die Scrunitlierapic kann man in ihrer greifbaren Objektiv» tat fast dem Gebiete der Kultur entziehen und, nach einer herkömmlichen Ausdrucksweise, mit den tcch• nischeii Werten zusammen zur Zivilisation rechnen. 1! I! 1 ׳ f ־ ח!, » I i 1 » 1 M ji ti ll >1 I f ii!! t *ח 1• I I I I