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Jüdische Rundschau · 1912-04-12 · Heft 15 (12.4.1912) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 15 (12.4.1912)
Date
1912-04-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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J U E DIS C HE RUNDSCHAU Nr.!5 Seile 124 di8<:11 vn Uri 1188 ««1־c •1,!111 jüdischen <icsichlcn, Xieln «Inrclt die sclilingeiircichen Wiinlun^cii des Hirns, des Verstandes —, durch die Tore tlcr Sinne geht alles!:riehen. Sa hättet ihr eimvirken sollen viel, viel mehr auf ihre Sinne — 80 haltet ihr die Seelen, die Heize» euch erschlossen. ־־ Aller was liellet ihr die Sinne .erleben? 1 Welche Bilder I i e It c t ihr ihre At1(׳en schauen? Sahen die je, wie groll und weit und wie bunt das Lehen ihres Zwölfmillioncnvolkcs ist? Sahen sie es in seinen furchtbaren Schicksalen? Sahen sie über• haupt jüdische Menschen - auller den Fragmenten westjüdischer Assimilation? Zeigtet ihr ihnen den jüdischen Luftmenschen im Glieder, - in den Prole• faricrvicrlcln von Lodz, Wilna, Odessa, von Whiteclinple und New York? Sahen sie auch nur flüchtige Schatten aus dem grollen jüdischen Sterben? , Habt ihr die Technik fiir euch arbeiten lassen? Hieltet ihr all die furchlharen Tage von Kisehincw und und Odessa, von Dobrohohicz und Wales fest im Bilde, in Lichtbildern? Dali sie wie ein Wahrzeichen zu jüdischen Herzen sprechen können? Allzu farblos, zu abstrakt und b i I d v r I o s war eure T a k t i k, Zu lange nahm der Statistiker, der Logiker dem Künstler und Künder den Kampfplatz. - - Tatgefiittcrt ist ja schon der westeuropäische Barbar mit Zahlen und logischen Schlüssen •- derweil ilun Sinn e u n d I I e r z v e r * dorrt en. Zeigt ilun Bilder! Schafft erst die BiU der eure stärksten Waffen!" Nicht viel lallt sich dieser Rede erwidern. — Denn auch der Dichter wird kommen und klagen: ״Warum liebet ihr mich so lange unbenutzt? Hab' icli sie nicht aiifgesuclit die zuckende scheue Seele des Volks, bis in ihre letzten Schlupfwinkel, wo das Ulend, die Pest und der Hunger lauern. Hab' ich sie nicht belauscht die jüdischen Menschen — überall, wo sie leiden und hinsterhen? Hab’ ich nicht all dies festgchalten in der <ihit und der bild* reichen Prnehl meiner.Worte? Eliellt nicht Herzblut, vom besten j ii d i - ’ scheu Herzblut in meinen Erzählungen, meinen Skizzen? Und ihr habt es nicht liiimhcrgclcitct in die blutarmen Adern derer, denen ihr doch helfen wolltet zu jüdischem Erlebnis! Muhtet ihr denn so nüchtern, so kühl werben, wie in eurer nordischen Umgebung es Brauch? Seid ihr nicht Orientalen? Enkel ׳ jener grollen Propheten, die euch ein ewiges Beispiel sein sollten beim Kampf um die Seelen und Herzen? Wo aber war bisher der Agitator, der zuerst vorlas, mit tonender Stimme von dem, was wir erschaut, gestaltet — und dann seine Zahlen, die früher so stumm waren, -• durch unser Zeugnis beredt machte? Nichts neues sollt ihr schaffen! Keine Tendenzwerke' Aber das, was da ist, klüger, ge- 8 c h i 1 k t e r benutzen!“ Kanu der Agitator der Zukunft, kann der Dichter anders als so, tadelnd und mahnend, zu uns sprechen? Und wollen wir ihren Tadel ahwnrten .״ Oder handeln: Klug, nüchtern, berechnend - die vielen Mögli. hkeiten umwandeln in T n t e 11, W n f f e 11? Wir hörten cs schon: Lichtbilder tun bitte!• not. Die wir haben, handeln von ganz. .־mder1׳׳, von jüdischer Zukunft -״ jüdischem Keimen, sind bestimmt fiir die, in denen schon Zionsliehe wohnt Nach aber fehl e 11 die Bilder f ii r u 11 s e 1־ e Werbearbeit, die den Juden der (iegenwarl vorführen, wie er lebt, aussiciit in den verschiedensten Liindi 11 des Oolutli. Die primitivsten ethnographischsoziologischen Serien fehlen uns. Nach fehlen die Bilder vom jüdischen Sterben, die Serien von Pogrom und Massenmord, vom jtidischni Proletariat, vom wandernden Ahasver, den grollen Aitswandcrerslrömeii, Und noch eins fehlt »ms: Die b u 111 e u, schlagend r. i:: l i ü t i s e l’.e 11 Tafeln. I:s wiril ja einst die Zeit kommen, wo wir lüdiclti werden über einen Wcrhcaheitd - v or W e stjuden — oline Lichtbilder ohne Leh e n ci I g 111 a c 11 e n aller wichtigen Zahlen d u r c 11 die f a r b i g c T a b e 11 e. Wo uns das als ein ganz, u 11 psy ehoIog isch c s , 11 n t ak t i sche s Ileginn c n Vorkommen wird. Aber nicht zu lange darf diese Zeit auf sieh warten lassen. Der deutsche Pclegiertcntag im Mai muH sie uns näher bringen. Mull die besten Kenner unseres Volkstums, unsere feinsten Maler und Schriftsteiler beauftragen, uns derartige Bilder miszuwälilen, die der Politiker geschickt ziisniiimenstcllt fiir die taktischen Zwecke. I:s kann nicht schwer halten, »lie Ortsgruppen darauf zu verpflichten, bei u 11 c 11 Wer b e v o r t r ä ־ gen diese Lichtbilder zu benutzen, so »lall die Leihgebühr »las aiifgewandtc Kapital reichlieh verzinsen wird. Technisch leichter noch werden sich die Tahellen fcrtigslcllcti lassen. Wenn unsere Oesiniimtgsgeiiosseii Hoppe mul Theilhnher sieh in »lie Arheit teilen, können wir im Herbst schon mit fertigen Waffen in den Kampf ziehen. Wenn dann ühcrliailpt der Politiker, der Agitator mehr und mehr mit »lein Künstler, dem Maler, »lern Musiker, dein Sehrillsteller zusamineiiarbeitet, erhalten wir endlich die A 111 h 0 I o g i e , die uns so dringend not tut heim Werben von Manu zu Mann: Das Huch ״v <1 m j ii d i s c 11 e 11 St 1• r b e u it u d »I e r j ii »l i s e h e 11 W i e »I e r g e b 11 r t", das »las schlagendste enthält von all tinsern Tabellen, Zahlen, Lichtbildern, von unsern Dichtungen, Novellen und Skizzen und Liedern; »las jedes Kapitel, jeden Ausschnitt «ler grollen gewaltigen Jnilenfrage lebendig mneht durch das Bild, »las Wort, sogar »lurch den Ton. Und wenn diese Anthologie sicht nicht so leicht hcrslellcn lassen wird in der nächsten Zeit, dann müssen wir wenigstens und baldmöglichst -־• einen ״Bilderatlas zur Juden frage" herausgehen, in dem, ganz anders als hei unserer bisherigen Taktik, dem Worle ein Minimum verbleibt, und das B i I »I, i m 111 e r w i e »1.0 r »las Bild, die Tabelle triumphieren. Und noch eins scheint mir Bedürfnis. Wollen wir einen stimmungsvollen Werbcaheml veranstalten, wollen wir unsere Assimilaiiten erleben lassen, wie die jüdische Seele singt draullcu ■ weit - im Osten, da fehlt uns das nötigste: brauchbares Notennt a t e r i n I, ein Volksbuch jüdischer Musik, »I c s j ü (I i s eben Li e d e s. Mag der Jüdische Verlag es heraiisgebcn, mögen geschickte Verhandlungen einen unserer grollen Musikvertage zur Herausgabe einer billigen Volksausgabe veranlassen jedenfalls muH »liest■ Sammlung endlich geschaffen werden. Was bisher zur Verfügung steht, »las ist bitter wenig. Wenn all diese primitiven Mittel zu einer ratiouellen' Propaganda bisher nicht geschaffen wurden, wenn unser trefflicher ״Jüdischer Verlag" sich liier überall so ahwarteiul, so vorsichtig verhalten nmltte, - die Hauptschuld trifft uns alle, die es seinen Unternehmungen an der Hilfe fehlen liehen, die seine Leitung allein zu neuen Schöpfungen ermutigen konnte. Ein jüdischer Almuuuch, eine gute Novellen* ausgahe tut mehr Wunder heute und das gehört ja einmal zur Psychologie des Wcstjudeiitmns, leider, gewill als oft die ganze (iractzschc Gesamtausgabe. Man klagt heute oft in den Ortsgruppen über Mangel au Beschäftigung ־ * an ״befriedigender" zionistischer, Arbeit. Diesen Leuten kann geholfen werden, indem sie die Koniniisslons'geschäftc führen und immer auf dem Posten sind. Hierüber muH der Delcgiertcntag Beschlüsse fassen gerade über den letzten Punkt, den Vortrieb nationaler Literatur durch die Ortsgruppe 11. Ich hatte auch vom Beza I cl reden wollen — da kam wie eine erlösende Nachricht in der letzten Nummer der ״J. R," »lie Annonce, dal! d e r 11 c z a I e I für I) e 111 s c 111 a 11 »I e i 11 e 11 Reis e n »I c 11 sucht. So modern siml wir geworden, Endlich! ~ Wirklich ein Lichtblick, Und nun ist es schade, »lall »Ile Schöpferkraft »les Delegicrtenlages nicht himmsgeht über das Bereitstellen technischer Hilfsmittel, I lall er uns nicht die j ü »I i s c h e 11 P c r s ö n - I ich k eiten schaffen kann, die die neuen Waffen restlos aus/mmlzcn verstehen. H ii t e 11 w i r uns, heq 11 e 111 7. u w erden. Alles zu erwarten von der technischen Vervi.Ukmmmuutg »unserer WvrUeiwlwB. Auch ich erwarte glänzende Erfolge, wenn »lie allbekannten, ernuitlemlen, quälenden Werbeabende nicht mehr nuftuuclicn; wenn der Redner nicht mehr aiissililielllicli mit »ler logischen Deduktion und »ler nackten Zahl die Arena betritt, wenn er nicht nur »las Hirn, nein, pieltr noch »lie Sinne: das Auge, das Ohr, das Her/, die Phantasie »ler nichtjüdischen Juden mit jüdischen Inhalten erfüllt. Aller auch dami noch, wenn die ganze Tech- II ik unserer Werbearbeit restlos allen Aufgaben, die ihr gestellt werden v»m der spezifischen Psychologie mul Pathologie der Westjudeu, gerecht wir»l, auch dann noch wird, wie heute, der Satz gelten, »lall alles davon abhängt, oh unsere Agitatoren V o 11 j u »I e n , E r z i e h e r z u r | u. »I i s c 11 k c i t sind. Nur »I a n 11 wird u 11 s «f c r Sieg gewill sein. Die Arbeit unserer jüdischen Turner Während /u Plingsten dieses Jahres »ler \|||, Delegiertentag der deutschen Zionisten in Posen 1 .י!׳!ן findet gleichzeitig in Merlin der V. Jüdische I •1fn. tag statt. Diese <ileiclizeiligkcit ist aus tcclini-»tun liimuk'11 recht bedauerlich. Seien wir aber |>1• kn genug, in diesem Zufall den Austlruek eines In :•>jj. scheu Willens /u erblicken. Des Willens zu» 1 in. heit. Nicht etwa, »lall der V. Jüdische Ttniita׳׳!lie Absicht •oder Möglichkeit hätte, das Baseler l’ragramm a11/11ne׳hmcu. Die jüdische Turnbewcgiuij: jS| auf die breiteste Basis einer Volksbewegung gvotlit und hält siel! fern voi je»ler politischen Betätigung, Aber das natinnaljiidische Programm der Turners! haft ist niilit der schlecht» sie Teil des Zionismus. (ן״ןי deshalb sind die Tagungen zu Posen und Berlin innerlich organisch verbunden. Damit sage ich seihst, verständlich nichts Neues. Schon von jeher haben die deutschen Zionisten viel und schön über die kraft, volle jüdische Tnrnbewegung geredet und ge- .schrieben. Von jeher sind auf Kommersen und!lergleichen herzliche Sympathiekundgebungen vom Stapel gelaufen, au eieren Aufrichtigkeit niemand zweifelt. Oemig »ler Worte sind gewechselt, lallt uns endlich Taten sehen! Ihr jungen Zionisten (und diese Jugend könnt ihr ohne zu erröten bis zum '11. Lebensjahre ausdehnen!), ihr zionistischen Jugend vereine in cor!׳!re hinein in die Turnvereine! Ls genügt nicht, »lall dir in nächtlichen Diskussionen, Sitzungen und Ciencral- Versammlungen ״die Jtideiilrage lost". Ja, es liegt in dieser Art Betätigung, »leien teilweiser Notwendig, keil ich nicht zu nahe treten will, eine neue gifährliihe Quelle physischer Degeiimatiou. Also s!i1״n aus persönlichstem Egoismus: turnt! Aber auch das naheliegende Interesse »les deutschen Zionismus verlangt eine tatkräftige Unterstützung der jüdischen Turnvereine. Ich hätte auch diese Aherwcishcit liier nicht zum hundertsten Male wiederholt, wenn nicht gerade jetzt ein geeigneter Zeitpunkt ihrer Verwirkliclumg gekommen wäre. Der V. Jüdische. Turnt.ig wird eine Umgestaltung der Jüdischen Turncrschaft in organisatorischer Beziehung bringen. Ihm liegl ein neuer Orgaiiisationsentwui f («ler sicherlich 111׳ Prinzip angenommen wird) zur Beratung vor, »kr »lie Turnerschaft in verschiedene Kreise teilt. Das ständige Wachsen der Turnerscliaft hat eine De/cntralisaliou ihrer Verwaltung notwendig ־gemacht. Die deutschen Zionisten werden also künftig mit ilem deutschen Kreis »ler jüdischen Tiirncrschafi zu rechnen haben. Aus »lern Ziisamnienwirkeii linder Bakloreii erhoffen wir »las endliche Entstehen emei kräftigen, inliallsrekhcu, jüdischen Jugendbewegung in Deutschland. Die jüdischen Turnhoilcn sind die besten Milieus, jüdische Empfindungen und Instinkt׳ zu erzeugen und zu klüftigen, liier wird »len Jungen in jeilem Sinne das Rückgrat gestäiM und der Nacken gesteift. Die national»‘ Jugenderziehung eines Volkes kann nicht in ItallnvDseiischafllicIieii Vereinen, nicht durch Vorträge und Diskussionen geschehen. Es is ein sinnloses Unterlängen, aus unserer Jugend ein. jniliseli-wisseiisclialtbelie Vereinigung machen /.! wollen. Was wir bratulten, siml aufrechte Chärnktcr . Männer :mit item unwiderstehlichen Drang na» 11 innerer und iiulleier l'reilieit, Und sie siml »las I - /ichmigsidcal «ler jüdischen Turiierscliait. Desha'h tritt an die deutschen Zionisten die eherne No! Wendigkeit, die jüdischen Turner mit allen Kräfte.1 zu unterstützen. Die Presse, der ganze orgnnisai ־ 1 is»In* Appar.1t, die Redner, die Archive tisw׳,, a׳;e Agitalinnskrälte müssen der l uinerschaft zur V rlügimg stehen. Aber mehr als »las noch »lie <!1׳• zvInen Menschen, Es sei nicht verkannt, »lall!׳ ae ganze Reihe von Zionisten in manchen Turnvereii״ n au führenden Stellen stellen, und »lall man spe/i.'d in »ler letzten Zeit dieser Notwendigkeit mehr n י*! mehr ׳Rechnung trägt. Aber immer noch leiden <׳׳c I urnvcrcine Mangel an fälligen Führern, die m< h ganz, in den Dienst ihres Ideals stellen. Und di» ־•«.* leitenden Kräfte kann mul muH der deutsche /•׳• nisinus ihnen gehen. Der XIII. Delegiertentag zu Posen wird sich mit der jüdische» Jugend Deutschlamls befassen. Möge mehr als hlollc Sympathie seine üetlaiiken himiberleiteii zum V. Jüdischen Tumlag in Berlin. Henry Unna Die Vertretung der einzelnen Ortsgruppen auf dem XIII. Delegiertentage richtet sich nach der Zahl der abgeführten Landesbeiträge! - -־*״ ~ A —■■*-‘-י- — - — .... %

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