Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1912-03-29 · Heft 13-14 (29.3.1912) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 13-14 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2651763-2651776--08289-2665520
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

es sei denn, daß ilmen am1 Ansehen ihres Vaterlandes in der zivilisierten Welt aus allgemein• und fiiian/• politischen Gründen «och ■!etwas gelegen sei. Wir aber begruben diese Kundgebung mit den Gefühlen aufrichtigen Dankes. ►Sie zeigt uns, dafl die Kultur• iräger des deutschen Volkes in ihrer Mehrheit ge• willt sind, sich den besonderen Pflichten der Mensch• iiehkeit nicht zu entziehen, die ihnen ihre exponierte Stellung auferlegt selbst wenn es sieb nur um russische Juden handelt. Für manchen deutschen Juden ein beschämendes Beispiel. Ve reiuspolitik. Der' antisemitische Volkswitz erzählt von dem Juden, der vor «lern Gerichts• gebäude jemanden anspricht: ״Haben Sie nicht zu beschwüren?“ Weniger witzig ist es, wenn Beispiels• weise folgendes geschieht: Der Zeutralvcreiu hält in einer gröberen schlesischen Gemeinde Gcnernlver• Sammlung ab. Aulierordentliclie. Denn in der ordent• liehen vermochten die Wahlen nicht zu Ende geführt werden. Gewisser Zwistigkeiten, wegen, an denen die Zionisten beteiligt waren. Die zweite Sitzung! erweckt also Interesse. Vom Zentral verein fahren grolle Kanonen auf. Der Saal isf gefüllt. Man sieht viele Zionisten. Es ist eintönig langweilig. Endlich schreitet man zum Wahlakt. IXr Vorstand schlägt eine Liste vor. Im selben Moment drängen sich durch weit geöffnete Pforten 40, 50 feiste Herren mit bereits erhobenem Arm. Ehe dieser müde genug ward, um herabzusinken, ist der Akt beendet und die Herren zielten sielt wieder zu ihrem Skat zurück. — Es ist doch gut und bequem, wenn die Loge ein Heim lmt, das sie solchen Veranstaltungen zur Vcr* fügung stellt! * , , B u i e s. Dieser famose Herr Wolff Metternich, der wieder einmal die Anklagebank zierte, interessiert uns itn Grunde genommen ebensowenig, wie irgend* eine der Typen, die wir in seinen Prozessen kennen gelernt!haben. Wir wollen zum Guten des preußischen Adels annehmen, daß die Herren von Niemcla, von Scltweinsbetg oder wie diese Edlen sonst heißen mögen, ebensolche seltenen, räudigen Schafe sind, wie cs auch unter uns Juden Lumpen und Gesindel gibt. Es liegt uns fern, das eigenartige Benehmen des schneidigen Königsluisaren und der Herren Garde- Offiziere zu kenuzeicluten, die anscheinend recht viel Zeit und Geld hinter der Sektflasche tutd beim Jeu verbrachten, Offiziere, die, wenn es ans Berappen Ifoher Schulden ging, die sic durch leichtfertiges Spiel zasammenkontrahiert hatten, auf einmal zum Kadi liefen und über falsches Spiel klagten. Mag sein, daß auch die Herren Dicppe, Bcckhaus c tutti quanti Outsiders sind, die nicht das Milieu ihres Standes charakterisieren. Wir wollen nicht in den Echter der Antisemiten verfalle.1, die in schamloser und leichtfertiger Weise dort verallgemeinern, wo ein aus der Art gefallenes Individuum sich Ucgcnaiit benimmt. Uns intcressiert cs sclilicblicb auch gar nicht, wie sich andere Kreise der deutschen Bevölkerung amüsieren. Ob der Turf und die Bar die Stätten sind, wofür man lebt, ob das Unlcr*den־Tisch־trinkcn des Lebens höchster oder einer der Zwecke ist. Aber eine Figur, die inr Prozeß eine gewisse Rolle gespielt 1iat, nimmt unser Augenmerk ge• fangen: es ist, wie jeder leicht erraten wird, der rumänische Jude Btiies. Sein Lebenslauf ist so bedeutsaii, daß wir ihn kurz aiideuteu dürfen. Ueber seine Jugend ist nicht viel bekannt. Er war kem grober Eremid der Arbeit. Aber als Jude muß er sich schuften, sonst kommt er nicht vorwärts, wird er nicht anerkannt werden. Da hört er davon, daß die Mission in Jerusalem' den Ucbertritt reichlich belohnt, eine Tatsache, die im Orient jedes Kind weiß. Unterwegs wird er schon von der Mission von Koiistantinopel unterütiilzt und erreicht glücklieh jciusalcm, Das ist ein Weg, um mühelos ein schöne:, Dasein zu führen. Die Gewissensbisse bc* seitigen freundliclve ■Klosterbrüder. Die Taufe wird ihm das Heil bringen. IX’1* Uebcrtritt wird mit Gold aufgewogen, eine Menge von Empfehlungen! niinmt er mit aut den Weg. Er, der frühere Jude, wird in allen möglichen gut christlichen Ka־iscn in Spanien aufgenommen, brutulschätzt die neuen Beziehungen und gelangt auf vielen Irrfahrten mach Monaco, nach Paris, kurz in die Welt, Aus dem Jargon sprechenden Juden ist ein katholischer Lebemann geworden, der Französisch radebrechen kann. Aber während ein anständiger deutscher Jude vergeblich in die adeligen Kreise oi dringen versuchen dürfte, öffnen sich dem Herrn Baron de Buie plötzlich alle Türen. Natürlich hat Uuics in den ״feinsten" Kreisen verkehrt, haben mit ihm alte möglichen Barone und Offiziere getrunken und gespielt. Ein reiches Mädchen aus vornehmem Hause will ihn gern heiraten. Kurz (und gut, der Mann Kat Karriere gemacht. Da drängt sich uns die Frage auf: Hätte dieser aus Rumänien gebürtige, im Grunde genommen doch ziemlich ungebildete Bulcs dieselbe Aufnahme gefunden, (wenn, er seine Abstammung frei bekannt <‘1־״ *ü'h weu! , t :1’ , ein Held im Wellen, Spielen und Trinken gezeigt h.'ilie? Hätte ein preußischer Offizier er, für seiner Würde nngepaßt gefunden, mit ihm nicht etwa so intim, nein, nur ganz ober• flädUich ‘/u verkehren? Ja, was würde der Herr von ,'Dicppe da,m ,vigcn, wenn׳ mau ihm zumuten würde, ,mit einem ma.t.'ludigen, gebildeten,' mige* tauften deutschen Juden einmal eingeladen zu werden. Es gellt über den Bereich des Zufalls hinaus, daß es dieser•!von der Mission der katholischen. Kirche gewonnenen Seele Vorbehalten war, an d:n Symposien der oberen Zehn tausenden teil/unelimcn. Es ist auch kein bloßes Spiel der Fortuna, 'daß sie in dem Drama Wolff Metternich erster Teil auch die Elemente im Hintergründe aufinarschiercn lieb, die längst äußerlich' und innerlich mit dem Juden* tum gebrochen haben, eine Gesellschaft, die erst vor kurzem feiet lieh die kirchliche Trauung der famosen Dolly Pinkus beging. Wenn Prozesse nicht nur dazu in aller Ausführ• Iiehkeit der Oeffenlliehkeit ׳milgeteilt werden, daß die Sensationslust zu ihrem Rechte kommt, sondern daß die Uiitcrslröimiugcn gewisser Volksschichten gekenn* zeichnet werden, dann kann man wohl hieraus mancherlei ersehen.!Kann man entnehmen, daß die Schützlinge der Mission wahllos akzeptiert und in ihrem Wesen von der Taufe unberührt bleiben, ja daß erst recht die Renegaten sich als Schädlinge im gesunden Volkstum erweiset!, weil sie, die zum Internationalismus verdammt, im Streben, aus ihrem Volkstum heraus/,uwaehsen und von den anderen Klassen als voll aufgeuommen zu werden, in ihrem Wesen depravicrcn müssen. Von Hause aus sicher* lieh in bezug auf den Charakter nicht allzu stark, erliegen sie allen ׳möglichen Lockungen, Wer nur etwas nachspürt, wird den Herrn Buics unwillkürlich mit Margolin vergleichen, wird an Stelle der Sippschaft Wolff Werlheim sofort ein Dutzend anderer ähnlicher Figuren entdecken. Zwischen beiden Kategorien ist ein grober Unterschied: Die einen sind reich, die anderen arm. Aber psychisch weisen sic viele verwandte ■Züge auf. Und cs wäre hier Sache eines versierten Fachmannes, naclizuweisen, daß die Sucht, als etwas anderes, besseres, womöglich adelig zu erscheinen, die primäre Triebfeder für das Tun mul Treiben dieser beiden Klassen Judeiifliieht* linge ist. Es bleibt einem künftigen Gcschichts* Schreiber der Juden überlassen, dieses Moment fest* zuhalten. Ich erinnere mich hierbei z. B. eines Falles aus meiner!Heimatstadt, wo vor nicht langer Zeit zwei einstmals reiche Bankiers (die Gebrüder Kopf), die ־sich in der Verachtung des Judentums nicht genug hui konnten ׳und das ־/. B. durch die Anstellung eines katholischen Hausgvistlichcu äußerlich hezeugten, nur durch ihre maßlose Sucht zu prunken uiui «lern Adel zu impouiemi, auf die schiefe Ebene gedrängt wurden, bis sie schließlich nach Vergeudung anvertrauten Gutes freiwillig aus dem Leben schieden. Wir werden an den Tatsachen nicht viel ändern. Die Lumpen, die von mis gegangen, werden drüben gern aufgenommen werden. Aber die Sucht der Auglcichung wird den meisten den Anstoß zur völligen Entartung geben. Es wächst kein Heil aus der Assimilation. Diesen Gedankcngaiig können wir nicht oft gc* nug wiederholen, um!unsere Volksgenossen und uns selbst zu stärken mul zu festigen. Dr. Th. e*AUS. AH6R ״ Deutschland Die ״Frankfurter Zeitung“ erzählt von dein traurigen Geschick eines jüdischen Täuflings: ״Es handelt sich um den Theologen P. Bernstein, dem in einer wahrhaft grausamen Weise milgcspielt worden ist. Bernstein trat als atisge« bildeter jüdischer Theologe am 12. Januar 1883 in Bonn, wo er philosophischen Studien oblag, zur evangelischen Kirche über. Die Taufe vollzog der evangelische Univcrsitiitsprcdlgcr, Professor D. Christlich, zwei andere Mitglieder der evangelischtheologischen Fakultät, die Professoren Kraft und Budde, fungierten afs Taufzeugen. Der vor dem Uebcrtritt getroffenen Bestimmung gemäß sludiertc er evangelische Theologie, um ins Pfairamt zu treten. Am 5. Mai 1886 bestand er beim Königlichen Konsistorium der Rheinprovinz, dem er im Einvernehmen init dem Evangelischen Oberkirchcnrat in Berlin von dem damaligen Kultusminister von Goßler überwiesen worden war, die theologische Prüfung. Als cs sich aber darum han* delte, ilic erteilte kirchliche Qualifikation praktisch zu gebrauchen, da erhoben sich für den kirchlichen Bureaukratismus große Schwierigkeiten. Da Bernstein in Rußland das Licht der Welt orblickt hatte, knüpfte der Obcrkirchenrat die Ausübung der kirch• liehen Qualifikation an den Nachweis der erworbenen preußischen Staatsangehörigkeit. Demgemäß reichte Bernstein bei der Staatsregicrung ein Naturalisatiousgesuch ein, die Regierung knüpfte jedoch ihrerseits die Erteilung der Naturalisation an den Nachweis der Anstellung, weil ein Ausländer nur dann naturalisiert werden könne, wenn er eine sichere Existenz hat. Erst nach zehnjährigen Verhandlungen entschloß sich der Überkirchcnrat, Bernstein noch vor erfolgter Natural!• sation eine Vikarstelle mit dem Gehalt von 1100 M. in Wülfrath bei Elberfeld zu übertragen. Als aber Bernstein auf Grund dieser Stelle gegen den Willen des Superintendenten, also auch nicht nach Wunsch des Königlichen Koiisistroiums der Rheinprovinz, das Natnralisatiousgcsuch erneuerte, wurde er au9 dem erst nach zehnjährigem Widerstreben übertrageneu Amte wieder entlassen. Die Kirclienbehörde forderte ihn sogar auf, das Priifimgszcugnia zurückzugeben! Bernstein hat die zahlreichen Eingaben, die er in seiner Sache gemacht hat, in einer Broschüre zu• sammengestellt. Es macht einen peinlichen Ein* druck, daraus zu ersehen, wie er!ungehalten wurde, und sich eine Behörde nach der andern der Aufgäbe entzog, die Sache zu bereinigen. Vorüber* gehend konnte Bernstein ein geistliches Amt im Elsaß und in Maden bekleiden, aller nirgends gelaugte er zu einer festen Anstellung, obgleich die Gemeinden sie ausdrücklich wünschten. Dann bat sieh Bernstein mit Vorträgen mühselig durchgc« schlagen, und heute stellt er als alter Mann dein Nichts gegenüber. Wenn Bernstein, nach dein Zeug• nisse seiner Lehrer ein sehr begabter Mann, zuin Katholizismus übcrgctrctcn wäre, so wäre ihm das nicht passiert; der Bischof Stumpf sagte ihm, er hätte ihn gleich nach dem Uebcrtritt geweiht.“ Es ist gewiß nicht unsere Sache, uns dafür ein• zusetzen, daß diesem Manne die l*rämie auf seine Taufe zuteil werde. Nur das eine wollen wir bemerken: Nachdem Staat mul Kirche in langjähriger Gepflogenheit ihren Willen kundgeben, der Trculosigkeit jüdischer Ueberläufer Vorschub zu leisten, geht es nicht an, in einem einzelnen Falle die Pläne eines Jiulcnchristcn — dessen Motive beim Uebcrtritt sich unserer Beurteilung entziehen —. zu durchkreuzen und ihn wirtschaftlich zu ruinieren. Wir hätten an einer solchen Unzuverlässigkeit höchstens dann ein Interesse, wenn sic zum System würde und damit in das ganze Taufgcseliäft eine gewisse Unsicherheit gebracht würde. Oesterreich Die ״Arbeiterzeitung“ bringt eine Mitteilung, die schon wochenlang in Wien kursierende Gerüchte zu. sammvnfalit. Im September wird dort mit großem Pomp der 5. Eucharistische Kongreß ahgchalten. 210 Bischöfe, 20 000 Priester und aus Oesterreich allein über 100 000 Pilger sollen /tisammeukoimucn und verpflegt werden, was natürlich sehr große Kosten verursacht. Diese Kosten sollen durch Sammlungen auf• gebracht werden. Da aber der au der Spitze stehende Hochndel, wie in aller Welt, auch hier lieber seinen Namen als seine Geldbörse für fromme Zwecke zur Verfügung stellt, sei man auf einen merkwürdigen, an die ״Fünf Frankfurter" erinnernden Ausweg vcr. fallen. Snlomou Rothschild erzählt in dem Stück von Rößler bekanntlich, daß er eine große Stiftung für die Hcr/.Jcsuskirchc gemacht und dafür die Baronie erhalten habe. Nun nennt die ״Arbeiterzeitung“ sehr wohlhabende Israeliten, deren Adelung bcvorstchc und von denen der Großteil der Kosten des Eucharistisclieu Kongresses aufgebracht worden sei. Die ״Arbeiterzeitung“• glaubt allerdings durch ihre Mittcilung wenigstens noch eine» Teil dieses Geschäfte« verderben zu können, England Vor dem Londoner Hospital hat unter großer Feierlichkeit die Enthüllung des König-Eduard- Denkmals stattgefuiulen, das die jüdische Ikvölkerung des Londoner Ostens dem Gedächtnis des Monarchen errichtet hat. Dieses Monument stellt in seiner Art ein Unikum dar, denn die nötigen Mittel wurden ohne größere Stiftungen und Zu wen• düngen ziisammcngcbracht; das Geld wuide buch* stäblich halbpennyweise von der armen jüdischen Bevölkerung des Londoner Ostens aufgebracht, so daß dieses Monument im wahren Sinne des Wortes von der Allgemeinheit der Londoner Judenschaft errichtet ist. Der Plan ging auf eine Anregung der Mrs, M. J. Landa zurück und soll Zeugnis ablegcn von der Loyalität und dem Patriotismus der jüdischen Bevölkerung Londons. Eine Versammlung wurde ab• gehalten, der auch der oberste Rabbiner beiwohnte, und nun begannen von allen Seiten die Gaben zu strömen. In Anwesenheit von Vertretern des Londoner Grafscliaftsrates konnte das fertiggestcllte Monument von dem Hon. Charles Rothschild enthüllt werden. Das Denkmal ist eine Arbeit des bekannten Bildhauers W. S. FriÜi und hat die Form eines Trinkbrunncns. Es ist von einer Bronzcgcstalt des Friedens bekrönt; an den Seiten tauchen die Gestaltcn der Freiheit und der Gerechtigkeit auf. In der Mitte ist eine große Plakette mit einem Reliefportrait König Eduards angebracht, und darunter befindet sieh die Widmung: ״In dankbarer und treuer Erinnerung an Eduard VII, Rex et Imperator, er-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.