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Jüdische Rundschau · 1912-03-29 · Heft 13-14 (29.3.1912) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 13-14 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 13 J u fl D1S CI I r: RUNDSCHAU Seite 113 die Grundlagen der Wiedergeburt: d,1־s national- Kulturelle .Moment und das Palästinapriuzip, die von ״er einseitig politischen Richtung liäitiig iibersclien l•׳.;;'.'! ,1״״1־;r gefährdet wurden, verfochten um! sclihcßhci» •/um Sicjfe liilirtcn. Und wie sie in den inneren Fährnissen der Bewegung die verantworthellsten Posten beliaiijiteten, so boten sie auch allen aulleren Stürmen frotz. Als zur Zeit der russisehen Revolution in weiten Volkskreisen eine verban״nisvolle Zerrüttung und Verwirrung einrill lind dieExistenz der jmlisuhen Bewegung zu gefährden seliien, da waren wieder!einmal Ussiselikin und Tseliletuiw am Steuer des bedrohten Schiffes. Sie sanimellen die Stärksten und Besten lim sieh, und die Bewegung ging wieder einninl aus einer schweren Versuchung geläutert und bereichert hervor. Und heute, nach einem Meuschenalter titanischer Arbeit steilen sie vor uns im Vollbesitz ihrer tingeschwächte» Kraft mul Arbeitslust, jeden Augenblick bereit, in die Geschichte ihres Volkes schöpferisch cinziigreifcn. Wir aber wollen diese beiden Schaffenden, denen wir so viel verdanken, »nUillUdi ihres Jubiläums, das zugleich einen hervorragenden Gedenktag der jüdischen Rcgcner.ilioiisbewcguug bedeutet, unsere be* scheideuen I luldigungen darhringen. Die unlängst ab;׳eha!tene Konferenz, der russisehen Cliowewe-Zion fällte den llescldull, zuni Andenken an dieses Jubiläum dein Netzwerk der jiidisehen Kolonisation in Palästina zwei neue Maschen •an wichtigen Punkten anzufiigen. In der Nähe von größeren Städten mit zahlreicher jüdischer Bcvölke* nnt;; sollen zwei kleine Gartenstädte gegründet werden, wo die junge Generation der palüstinensischen Städter der produktiven Arbeit zugcfiilirt wer* den und ihr Brot durch Garten- und Gemüsebau, Geflügelzucht, Milchwirtschaft tisw. finden soll. Diese neuen Vorposten, die gleichzeitig einen wichtigen Versuch unserer allgemeinen Kolonisationsarbcit bedeuten, sollen •die Namen der beiden Jubilare (״Menachem“ und ״Jechicl“) führen und ein ewiges Denkmal der Dankbarkeit eines Volkes für seine beslcn Söhne darstellen. Der Kostenaufwand dieser beiden Siedlungen wird auf 50000 Fm. veranschlagt. Hiervon wurden seitens der Initiatoren des Projektes sofort 120(10 Francs zur Verfügung gestellt. Die den Unlerzeich• ueteii überantwortete Werbe- und Sammeltätigkeit wird zurzeit in Knlllaiul eifrig fortgeführt. Allein diese Arbeit soll und darf sich nicht aut Uulllniid beschränken. Ussiselikin und Tschlcnow gehören nicht hloii den Cliowewe-Zion, nicht blofl den russischen Gesinnungsgenossen. Ihr Wirkungskreis reicht weit über die Grenzen des Zarenreiches hin* aus; sie sind führende Persönlichkeiten in unserer Gesamthewegung. Wir richten also an alle Gesinnungsgenossen, die Ussiselikin mul Tschlcnow für ihre uuvergäugliehen Verdienste um unsere grolle Volkssache Dank wissen, mul die an der Umwicklung des neiiaiilkeimenden Lebens in Palästina Interesse nehmen, den Aufruf, sich an der Schaffung der?.wei Garten- Städte ״Menachein'• und ״Jechicl“ tatkräftig zu beteiligeu. Wir hegen die zuversichtliche Hoffnung, daß das von den russischen Zionisten beschlossene Werk der Dankbarkeit für unsere Größten und Besten in breiten Kreisen unserer Gesinnung*, genossen auf dem gesamten Erdball lebhaften Anklang finden wird. Sam. Bar base h (Odessa), S. Epstein (Cholmy), Clmiiu E11 i n g c r (Odessa), B. G o 1 d b c r g (Wilna), Abraham Kaplan (Minsk), j, Naiditseh (Moskau), A, P o d I i s c h w c s k y (Warschau), J. R o 8 n w (Petersburg), Dr. J. Sapir (Odessa), Jiilel Slatopolsky (Kiew), Agronom A. Süll mann (Odessa). Adresse für Geldsendungen 5 Herrn S. Harbasch, Odessa (Rußland), für Garten* städte-Kommisslon. Von der A. I. U. Nachdem die dem deutschen l.andeskomitcc an* geschlossenen Lokalkomitccs die Waiden zum Präsidiiun Vollzogen hatten, ist das deutsche Landeskomitce in der am 21. März in Berlin nbgehaltenen Sitzung konstituiert worden. Zum Vorsitzenden wurde einstimmig Herr Justizrat Max Fuchs-Berlin, zu Stell- Vertretern die Herren Geheimer Mcdi/inalrat Prof. Dr. Landau-Berlin und Rabbiner Dr. Wcmer-Münclien, zu Beisitzern die Herren Rabbiner Dr. Kopfstein- Bcuthen, Rechtsanwalt Dr. Apfel-Köln, Hermann Wittner-Leipzig und Justi/rat Wolff-Lissa gewählt. Die Versanmilmig nahm von dem seitens des Zentralkomitees in Paris verbreiteten Rundschreiben Kenntnis und stellte einstimmig fest, daß die von Paris in dem Zirkular vom 12. März aufgcstclltcn Beliaiiptimgcn .imrichtig und statiitenwidrig seien. Die Satzungen des deutschen Landeskomitees verstießen keineswegs gegen die allgemeinen Alliauce-Sut/ungcn, und das Zentralkomitee in Paris habe keinerlei Recht, den Lokalkomitccs oder Mitgliedern, die sich dem Landcskomitcc anschlicßen, den Ausschluß anzudrohen. Ein Ausschluß aus der Alliance kann nach den Statuten mir diejenigen treffen, die sich nicht mehr würdig zeigen, Alliancemitglicder zu sein; daß aber Lokalkomitccs und Mitglieder sich darum tmwürdig erweisen, weil sie sich auf satzungsgemäßer Grundlage zu einer Landesorganisation (Comit6 regional) zusauiinensclilicßen, wird wohl niemand be• haupten wollen. Die Tagung des deutschen Lindeskomitccs tritt deshalb derartigen irreführenden Be* hauptmigcn der Pariser Leitung mit aller Entschiedenheit entgegen. Die Versammlung beschloß• ferner, in eine intatsive Propaganda für die Alliance unter Darlegung der Verhältnisse einzutreten, um den Mitglieder!!©- stand in Deutschland weiter zu stärken. Der Vorstand wird mit den erforderlichen Maßnahmen bcauf• tragt. Das Bureau des deutschen Laudeskomitces wird midmehr unter Leitung des Herrn Redakteur Lazarus als Geschäftsführers in Berlin errichtet werden. Zuschriften sind vorläufig au die Adresse des Vorsitzenden, Herrn Justizrat Puchs, Berlin, Potsilamcr Str. 13, Geldsendungen ausschließlich an das Bankhaus A. I I, Heymaun lk Co., Berlin, Unter den Linden 59, auf Konto des Schatzmeisters des deutschen Lmdeskomitccs der A. I. U., Herrn Gideon Hey* manu, zu richten, Dan deutschen Lnudcskomitee haben sich bisher 121 Lokalkomitccs und Ortsgruppen mit über 7000 Mitgliedern angcscldosscn. Weitere Beitrittscrklärungen nimmt das Bureau oder der Vorsitzende entgegen. Weiterhin geht uns die folgende Erklärung mit der Bitte um Veröffentlichung zu: Die Pariser Leitung der Alliance hat in einer Sitzung, zu der wiederum die auswärtigen Mitglieder des Zentralkomitees nicht eingeladen waren, den Beschluß gefallt, allen Lokalkomitccs mit/utcilcn, daß die Satzungen des Deutschen Laudeskomitces gegen die allgemeinen Statuten der Alliance verstoßen, und ,sie hat ferner die Drohung ausgesprochen, alle Komitees und Mitglieder. die sich dem Landcskomitcc anschlicllcn, aus der Alliance nuszuschliellcn. Dieses Verfahren ist in der Tat die Krönung des Gebäudes, Was sich schon als Tendenz, der Beschlüsse vom 3. Januar 1912 gezeigt hat, das wird liier mit einer nunmehr keinen Zweifel ztilassenden Deutlichkeit erklärt; Paris will nur noch mit den einzelnen Lokalkomitccs zu tun haben, in der sicheren und gerechtfertigten Ucberzeugimg, daß keines der Lokalkomitccs, Daneben hätte man noch die Wirkung, daß die Leute in Licht und Luft leben würden, statt in den engen und schmutzigen Städten (im Inneren lertisnlems und in Tibcrias innerhalb der Mauern!) bansen zu müssen, so daß ein gut Stück Volksgesundheit 1ms aus dem Projekt erblühen kann, mit dem die Chovcve-Zion den Festtag ihres dreißigjährigen Bestehens zu verewigen suchen. Dem schönen und praktischen Vorschlag ist die tätige Anteilnahme aller Paliistinafrcumle aufs herzliebste zu wünschen! Davis T r i e t s c h. * Wir lassen den Aufruf des vorbereitenden Komitees hier folgen: Gesinnungsgenossen! Die jüdische Renaissanccbewegiing hat einen seltenen Gedenktag zu verzeichnen, /.um ersten Mate feiert» wir ein dreißigjähriges Jubiläum aktiver Regenerutiousarheit. Genau ein Meuschenalter ist vorüber, seitdem die historische Volkssoluisucht nach der Wiederaufrichtmig Zions moderne Formen als zic'hewulitcs Streben nach nationaler und politischer Wiedergeburt angenommen hat, und genau soviel ist es, seitdem zwei führende Persönlichkeiten der Bewegung in die Arena traten, um seither luiablässig und unermüdlich auf den exponiertesten Posten für die große Volkssache zu kämpfen und zu schaffen. Dreißig Jahre sind vorüber, seitdem Ussiselikin und Tschlcnow dieses einflußreiche Dioskureiipaar 1111serer nationalen Bewegung in Rußland, die ganze Kraft und Energie ihrer reichen Persönlichkeiten in den Dienst der Ucuaissanceidee stellten. P Miskers stolze Losung von der Selbstbefreiung, Lilienb I u m s1 zündender Ruf nach ״nationaler Wiedergeburt“ des jüdischen Volkes im Lande seiner Väter, die auf die Edelsten unseres Volkes wie eine Offenbarung wirkten und eine neue Aera der jüdischen Geschichte eiiileiteten, fanden von der ersten Stunde ווה in den empfänglichen und reichverniilngten Jünglingen ihre hingebungsvollen und erfolgreichen Apostel, die sie Jahrzehnte lang von Sieg zu Sieg führten. U s s i 8 c 11 k i 11 mul T 8 c h l e 11 o w , das sind die markanteste(» Typen des neuen, aktiven Juden, die dem Zeitalter ihren Stempel nufclrückten. ' Der eine mit eisernem Willen, dem unablässigen und imerschütteriichcn Tatendrang, der andere mit der ahcklärten Milde und der weisen Unverdrossenheit; cide — mit der Zielsicherheit und Uncntwegtheit der großen Schaffenden —, sic schienen wie von einem gütigen Geschick dazu vorbestimüit, ihrem Volke die Fahne eines neuen Lehens durch' den Sturm und Drang einer wogenden Uebergangszeil voran/utragen. Sie wußten stets, was sie wollten und was sie sollten. Ihnen haben wir nicht zuletzt die grollen Urrungcutciiaflcit zu verdanken, die minnielir /.um eisernen Fonds unserer Bewegung gehöret»: unsere Positionen in Palästina und die Vertiefung' des zionistischcn Gedankens, Sie waren es vornehmlich, die dem ursprünglich planlosen Tun der Chowewe- Zion Sinn und System verliehen und sie waren es auch, die in unserer Gcsaintbcwegung die neue Riehtung — die Richtung auf eine großzügige, von politischen Gesichtspunkten getragene, planmäßige und zielbewußte Arbeit auf allen Gebieten des Wirtschaftliehen und kulturellen Lebens in Palästina, mit großem Eifer vertraten und durchsetzten. Zur harmonischen Synthese zwischen Chihbatli-Zion und politischem Zionlsmus, die bereits Tatsache geworden ist, haben nicht zuletzt die Bemühungen Ussisdikins und Tschlenows beigetragen. Ihrem Einfluß ist es zu verdanken, dal) die Cliowewe-Zion den» Rufe lierzls folgten und sich der neuen großzügigen Bewegung anschlossen, und sie waren es auch, die in der Gesamtbewegung an der Spitze eines zahlreichen An- Bücher und Zeitschriften *■' Friedrich Delitzsch, der Apostel der neubabylonischen Religion. Ein Mahnruf au das deutsche Volk von Dr. H e rin a n 11 Kl ii g e r. •־- Leipzig, Krüger (5! Co. 1912. Die BaheUBibel-Thescu Delitzschs haben nicht nur die theologischen Kreise in Wallung versetzt, auch die Fachwissenschaft hat nicht geschwiegen und ist über die unerhörten Schlußfolgerungen, die der sonst so verdienstvolle Gelehrte aus einigen Keilschriittexten höchst zweifelhafter Art gezogen und mit unleugbar kaufmännischem Geschick in Szene gesetzt hat, längst zur Tagesordnung iibcrgegnngcu; cs waren, um einen taliiiudischen Ausdruck zu gebrauchen, ,,Berge, die au einem Haare hingen“, und das Sensationelle der ganzen Aufmachung bürgte für ihre Kurzlebigkeit. Psychologisch begreiflich ist ja diese bnbyloitozcu- Irische Richtung, die heute noch nicht ausgclduiigcn hat. Es gibt nämlich nicht mir eine Geschichts- und Volkspsychologic, es gibt auch eine Forsehiuigs- Psychologie, die sich darin äußert, daß Gelehrte und Archäologen geneigt sind, die Früchte ihrer Arbeit zu überschätzen und Ganglienzellen maisch• lieber Kultur zum Range des Großhirns zu erheben, r— Als die Aegyptologic ״en voguc" war, mußte der Monotheismus ein den Ägyptischen Priestern entrissenes Geheimnis sein. Ja, es ist noch nicht lange her, daß ein namhafter Aegyplologe den Gottesnnmen der Israeliten mit dem lieben Vieh identifizierte, welches bei den Nilanwohnern bekanntlich in» Gerüche der Heiligkeit stand; der Mann war später ehrlich genug, seine scheußliche Verirrung zu bedauern. Nun der Babylonismtis hoch kam, war es von vornherein natürlich, daß er sich zum P a 11 b a b y 101» i s m u s entwickeln mußte, dirigiert von einer fanatischen Priesterscbaft, die geneigt war, gegen jeden Ketzer den Bamistrahl zu schleudern, der es wagte, die alleinscligmac;ende Kraft der neuen Kirche anzu/.vveifefo. Hat ein jeder Mensch das Recht zu irren, so kommt dem Forscher ein doppeltes Anrecht zu, solange nicht böser Wille die Wahrheit mit Absicht vorschieiert. Bei •Delitzsch fällt es recht schwer, an die Ehrlichkeit seines Irrens zu glauben. Die hartnäckige Verstiegenheit, mit der er die Gleichwertigkeit baby- Ionischer und israelitischer Sittlichkeit predigt, die Verblendung, mit der er für seine Götzenbilder die Lanze einlegt, die himmelschreienden Vermiglimpfungen, die sich die arme Bibel von ihm gefallen lassen imilS, das alles grenzt schon an das Groteske, und wäre nicht die Leichtgläubigkeit eines urteilslosen Publikums geradezu sleinerwcichcnd, so könnte es einem leid tun um die TiulenversclnvctuUing, die der Bahel-liibel-Riiinmcl im Gefolge hatte. Der Verfasser der obengenannten׳ Schrift setzt mit Recht voraus, daß cs noch immer Naive gibt, die zwischen Marduk und Jehova hin• und herschwänken und unentschlossen auf beiden Schwellen hüpfen, und darum wollen wir sein Buch mit Freuden begrüßen, mag auch der Untertitel ״ein Mahnruf an das deutsche Volk“ etwas übertrieben sein und dem Prof. Delitzsch einen Einfiuß viiulizicrcn, den er glücklicherweise denn doch nicht hat. Das Buch enthält dankenswerte Parallelen babylonischer und biblischer Theologie, und der 1111befangene Leser wird nicht r.inhin können, nach dem Strafgericht, das der Verfasser mit dem babylonischen Gottcrgesindel vollzieht, aiis/.urufen: ״Der Ewige ist Gott, der Ewige ist Gott.“ Vielleicht bat der Verfasser seinem gerechten Unwillen über die — seien wir parlamentarisch — Mißverständnisse des Professors allzusehr die Zügel schießen lassen. Menschlieh begreiflich ist's ja, daß einem bei den Expcktoratioucn von Delitzsch die Scham- und Zoruesrüte ins Angesicht steigt. Aber auch im höchsten Affekt hätte der Verfasser Kosewortc wie Harlekin, Marktschreier u. a., vermeiden können, seine Ausführungen wirken auch olme diese Epitheta. Die Widersprüche, zwischen denen Delitzsch sich windet, warn sein christliches Gewissen mit der babylonischen Liebschaft in Konflikt kommt, sind mit erbarmungsloser Deutlichkeit aufgedeckt, — wozu dem kranken Löwen noch Fußtritte versetzen? Er kann nur noch Mitleid erregen. — Kaltes Blut, ihr Eiferer für Israeli —> Uebcr den Gewässern der babylonischen Sintflut schwimmt friedlieh unsere Arche, und wir können in Ruhe abwarten, bis die Gewässer sich verlaufen haben. E. Le.

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