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Jüdische Rundschau · 1912-03-29 · Heft 13-14 (29.3.1912) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 13-14 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 112 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 13 Neue Waffen. Von Fritz Mard 0c 11 a i• Kaufm a 1111. Ein Schatz ungcmünzsten Golde« ruht in diesem Buche.*) — Uns Zionisten aber scheint der nordische Goltith plwintasielos und nüchtern gemacht zu haben: Wir waren keine Schatzgräber. Mühten uns lieber seit Jahren schon mit stumpfen, oft zweischneidigen Schwertern, die der rechnende Verstand: Statistik und Soziologie uns hinreichten. Als konnten wir mit denen allein entwurzelte, abgeirrtc Juden zu ihrem Volkstum zurück — schrecken. — •Zu lange schon und zu ausschlielllich bedienten wir uns der nackten Zahl, des blassen, kaum das Hirn nufrüttelnden logischen Schlusses; Westjuden gegenüber, denen alles jüdische Volksleben fremd war. Gaben ihnen drum mit alldem nicht das, was iluicn am meisten «oltat: Das jüdische Er* lebnis, das tiefe, visionäre Schauen der Juden• iiot in ihren tragischen, typischsten Bildern. Nun haben Wir ein Buch, das in seiner tiefen Menschlichkeit, seiner tendenziösen, künstlerischen Reinheit selbst dem entwurzeltsten Assimilation zum Erlebnis werden — kann. Dann nämlich, wenn wir Zionisten Künstler genug sind, Waffen daraus zu schmieden, neue, golden funkelnde Schwerter, die tief hinab, tiefer als zum Gehirn, bis ins Herzblut tauchen; bis in jene verborgenen, verschütteten Kam• inern, in denen das jüdische Empfinden und Seltnen und alle unbew’itfUe jüdischkeil des Westjuden schlummern. Zahlen aber sind uueh nie bis in diese Kammern vorgedrungen. Nicht in mystischem Dunkel ruht das Gold zu den neuen Schwertern. Aus jedem dieser traurig• schönen Bilder der wandernden Judenheit strahlt cs entgegen; in einer Klarheit, die an Goethe erinnert. Man kann von diesen Szenen nicht reden wie von einem guten Roman. - Das Buch ist viel mehr: Ein Werk eigenster technischer Art, für die einem die Etikette fehlt; die gewaltigste Synthese der jüdischen Wanderung, des jüdischen Untergehens; in einigen ganz, schlicht gemalten Szenen die furchtbarste!,linse!einer Volkslrngödic restlos komprimiert; in Szenen, die wirken wie cdelc, tra• gische Plastik — so sind sie aiisgcltaucn. — — Wer es versucht, sich den Schaffcnsprozeft so gut wie möglich vorzustcllcn, ihn dem Künstler nach• zuerlcbcii, der erst wird mne, welch grolle künst• Icrischc Selbstzucht, wieviel bewußter Schönheitssinn liier gestaltend w’irkten. — Da sind wortkarge Szenen, die alles sagen, und die redseligeren Dichtern einen starken Baud ballen füllen müssen. Stoffe von einer Tragik, die einen schwächeren Künstler immer wieder verleitet lütte zur pathetischen Geste oder gar zur anklagcnden Rhetorik eines Tcndcnzbuches. Hier ist nichts von dem allen. Lauernd mir, wie drohende Schatten der Nacht lastet das jüdische Hungern!über diesen Bildern, ragen übermächtige Gewalten, die uns zum irrenden, volksvcrnichtviulcn Wandern zwingest, in das Buch hinein. Nun ist cs seltsam: Man kann dies Buch, das technisch, wie wir nodi sehen werden, mehr als ״famos gemadit“: eine Meisterarbeit ist, nicht rein ästhetisch werten. Denn - cs ist das Buch der jüdischen Wanderung. Und jede Szene darin schreit cs förmlich heraus; Ihr Zionisten seid *) Schalom Asch: Amerika, ein Roman. Verlag Neues Leben (Bomgräber), Berlin 1911. wird ihre Zahl. Und die Sederfeicr der Alten Be• freiung soll beim Kinde die Sehnsucht nach Herren• tum verstärken und zum Kampfe gegen die Sklaven entflammen. Je weniger SklaVcn, desto eher, stärker und sicherer naht die Befreiung. M. S. Ein jüdisches Motto! Der ,.Jüdische Sängerchor" in Köln a. Rh. hatte zur Aukiimli• gung seiner Purimfeier eine Annonce in den ״Stadtanzcigcr** gesetzt, der folgende Strophe als ״Molto“ vor• ausging; Im Liede stark Deutsch bis ins Mark Im Glauben fest Das ist das Best'. Gedeutet und bekrittelt Hat man erwähnten Vers, per Eine zuckt die Achseln: ״Die Leute sind pervers I" Der Zweite in Erregung Fährt auf: ״Deutsch bis ins Mark! Das ist mal wieder echter Assimilantcnquarkt“ im Recht, HK)• und ItKXImal im Recht; im Emigrationsproblem, da liegt der wundeste, tötendste Punkt für das jüdische Volk; wird es nicht gelost, dann kommt das Ende; daun werdet ihr eingestampft im grollen Schmcl/ticgcl der Wirlsvülker. Nicht der Dichter .sagt das. Seine Kunst weil! nichts von Theorien, nichts von Parleikämpfcn, Meinungen; er tat nichts als schauen und gestalten; wie jeder grolle Gestalter: tendenziös. Aber die Bilder, die •Szenen, die er hiumalt, hiu/eichuet in jener nicisierhnflcn Strieheltcchnik, die andeulend alles sehen lallt, das Leben in seiner tragischen Nacktheit, die weiden es laut und vernehmlich verkünden, wenn wir es verstehen, den hohen s o z i o I o g i s c 11 c n und s o z. i n I p s y c 11 o I o - gischen Weit des Buches ganz, atisziuuilzen. — In 20» Jahren wild man ihn schätzen, wenn das jüdische Volk ein gesundes, bodenständiges Gebilde geworden ist und die Historiker der Nation heran* gehen, die einzelnen Phasen der tragischen nationalen Auflösung, die um das Jahr 1900 ihren Höhepunkt erreichte, zu deuten. Da wird das Buch sein wie eine Lichtquelle und hellsten Schein werfen über das damalige nationale Sterben. Wollen w irZio n istenbisdahindiesc stärkste, weil unbeabsichtigte Rechtfertigung unseres Kampfes unbenutzt lassen? Wir haben keine wirksameren Belege zu unseren Zahlen, zu unseren abstrakten Urteilen, als diese Szenen. Weil es keine l'inzclschicksale sind, die der Dichter uns erleben läßt; weil kaum ein Dichter heute so typisch so alle Aiigcnblieksmomente aus• scheidend, und nur das Wesentliche, den Typus, feslhaltcucl zu schauen und zu gestalten vermag wie Asch; weil in diesem Buche jede psycho• logische Schilderung ihren individuellen, singulären oder temporären Charakter verliert und zur reifsten k ü 11 s 11 c r i s c he n M a s s e n p 8 y״c h ologie wird. Wir Beben tausend Hannah Lealis über die Landstraße, nach Westen ziehen; sehen täglich die Berclcs in den Warenhäuser» und Kon• toren der Großstädte sieh nttgli-, ainerikani* und gorinanisiereii; sehen luuidcitmal das frühgeftirchle Alte• müiuiergeslelit des kleinen Jussele, Und wie dieser Dichlcr uns das Uiclicln der jüdischen Menschen malt, mit '2, 3 Federstrichen — wie er eine ganze Welt von Empfindungen: Impulsivität, Sinnciilust, Keuschheit, Zurückhaltung, Resignation heraus* strömen läflt aus den Händen dieser Männer, wenn sie sieh den Bart streichen wie er das Meer von Möglichkeiten י־ nur in Andeutungen, nicht in aiisgereiftcu I lamlhingen ändert sielt ja die Golussecle —, scheuen Acullerungcn der Vater• liebe aus all diesem jüdischen Elend erschließt, deutet und In ein paar Worte festbannt, das ist meisterhaft. Hier zuckt die Seele der jüdischen Massen, wie sie um das Jahr 1900 herausdrängen will, sich groll, frei zu ändern, und die, kaum daß sie sich herausgewagt, sieh wieder zurückzichen mud, scheu, fast beschämt über ihren Lebensdrang, in ihre vielen Schlupflöcher. -* — — Was sonst noch alles zu sagen ist, tim dem Werke möglichst gerecht zu werden, das mag in unseren Arbeitsgemeinschaften, den Ortsgruppen, an manchen Abenden erörtert werden. Aber im Vorder• grunde dürfen hier nicht mehr die ästhetischen Fragen stehen, wodurch so manche gute Waffe unausgc• nutzt blieb und in den Bücherschrank versenkt wurde. Die Waffen, die wir uns schmieden aus diesem Buch, . '"'".1״ -יr—"■■■. 111■■! ■■■J'I ■11». ■ Eilt Dritter: ״Die glauben wirklich Blauäugig und blond zu scinl" Ein Vierter wettert heftig: ״Das wollen Juden sein!“ Als ich den Vers gelesen, Da hab ich still gelacht ... Voll Mitleid, in mildem Versieben Hab ich nur: — — ״N e b b i c h“ gedacht. L. L. Erlauschtes! Szene: Ein Stadthahnkupee. Zeit: Erew Schnhhos (d. 8. März. IQ 12). Personen: 2 Herren, anscheinend Zahnärzte, von gut jüdischem Addieren. Die beiden Herren haben soeben die Besprechung einer beruflichen Frage beendet, darauf die üblichen Fragen über die letzte Gesellschaft, den kommenden Sonnt,igsausflug und die Rcichstagsvcrhnndlungen gewechselt, als plötzlich A. (ein ״^geschnittenes Kuvert aus der Ucbcrrock• tasclie zieht, ihm eine gedruckte Einladung ent• nimmt mul sie dem anderen Herrn mit den Worten überreicht:) Sagen Sie mal, haben Sic das Ding eigentlich auch bekommen? B. Natürlich, ich bin doch auch Mitglied des Zentral* Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glauben«. müssen in den Kampf getragen werden. Sie erst werden jene ״Vertiefung der zionistischen Argumentation“ cinleiteii, die von allen klaren Köpfen als notwendig erkannt, mul die nur dann möglieh sein wird, wenn wir unseren Abgeirrten nicht mir Zahlen cinpauken, sondern ihnen das Leben, das jüdische Lehen erstellen lassen, im Bild lind durch das Wort unserer Dichter. Gartenstädte und Gartenstädte Mit der Idee der Gartenstadt geht es so wie mit zahlreichen anderen schonen und schon dein Klang des Wortes nach verführerischen Ideen: Man findet leichter hundert Leute, die sich dafür he• geistern, als zwei, die sie auch recht ver• steh v n. Dies trifft auf die Gartenstadt im al lg ein eineu zu. derart, dad der Vater der Idee, der Eng• Linder Ebcnczcr Howard, nur das eine Le teil• wortli als wirkliche Gartenstadt gelten lassen will, trolz all dessen, was sich in Annoncen und Pro• spekten mit dem schönen Namen schmückt - mul mich für die eben erst cinsct/cndc j 11 d 1 s c 11 c Garten• stadt•Bewegung gilt etwas ganz ähnliches. Als ich vor etwa sieben Jahren (in der .aut ,,Altuculaiul“ uingetauftcn Palästina-Zeitschrift) aut'die Gartenstadt als neue und aussichtsreichste Form jüdischer Kolonisation im Orient hinwics, da sollte es tatsächlich eine Ansiedlimg halb städtischer, halb gartenbau-ländlicher Art sein. - eine Ar• h e i I e r-Ansiedlimg aut jeden l all in erster Linie, wenn auch dem kleineren oder größeren Reut• ner die Tore nicht gerade verschlossen sein sollten. Es verging dann eine hübsche Reihe von Jahren, und als der Vorschlag endlich aufgegriffen wurde, da handelte es sieh in Wahrheit um eine Villen• kolonie. Nun ist ja die Gründung von Villen• kolonicn auch eine zweifellos gute und sympathische Sache, aber mit der Gartenstadt.Idee hat das doch nichts zu tun. Auf j c 11 e Weise können wir dein Palästina.Interesse allenfalls einiger Hundert reicher oder wohlhabender Leute einen Anhaltspunkt bieten, wahrend die dem Vorschlag einer iudischcit Garten• Rtailt•Kolonisation zugrunde liegende Idee aul die Möglichkeit der Ansiedlimg von 11 1111 d e r 11 n u s e 11• den hinaiislicf! Eben jetzt wird wieder für gartenstädlisehe Grün• düngen Propaganda gemacht. Diesmal glücklicher• weise betrifft es die billige Ansiedlimg einer Ar- I» c i t c r Bevölkerung in nächster Nahe der gro• Heren städtischen Jmlen/eiitreii: Palästina. Nach meinen Informationen dürfte es sich um J ernstlein und Ti her ins handeln, In der Nahe dieser Städte sollen Terrains erworben, Haus- und Garten• grimdslücke parzelliert und städtische (sowie wohl auch ncucjngcwaiidcrte) Elemente angesiedelt wer• «len. Die Nahe der Stadt wird einen guten Markt für die zu erzielenden landwirtschaftlichen Produkte abgeben, und in der landwirtschaftlich nicht ansge* nutzten Zeit wird der gleiche Umstand zur Fort• führtutg städtischer Berufe (Handwerk, Industrie, Ktinstgewerhe nsw.) führen. Je mehr dieses billige und sachgemäße System sich cinbiirgcrt, um so mehr Bmlenfläclien könnten in der Nähe der Städte aut ,diese Weise besiedelt werden. In der l.indwirtschaftlichcn Arbeitszeit hafte man cs leicht, Hilfskräfte aus der Stadt hcranzm ziehen, bei denen das sonst so hinderliche Woli• n 1111 g s p r o h I e m keine Schwierigkeiten vertir- Sachen würde, und andererseits käme der Müßiggang der Kolonisten und Landarbeiter, zu dem sie bei den bisherigen Formen der nur Landwirtschaft• Helten Kolonisation (besonders bei Baum zucht!) ge• zwimgen waren, in Fort lall. A. Na und werden Sie zu dem Kommers gehen? B. Wissen Sie, lieber A., ich möchte ganz gern 11111• gehen; aber offen gestanden, ich weiß gar nicht so recht, worum sich 's eigentlich handelt. Was feiern die Leute eigentlich? Jiidcnemanzipation? Was ist das? A. (sichtlich entrüstet) Das wissen Sic nicht? Na — vor 100 Jahren — 1812 —, wissen Sie, da wurden am II. März die Ohetlomaucrn geschleift; also in ganz. Deutschland an einem Tage alle ülicttomaticm einfach so -- (er macht eine B<'• wcgiuig, um das Niederstürzen zu verdeutlichen) «iedergerissen, umgcstiirzl. B. hat andächtig zngchört und macht mm eine Miene, als Wollte er sagen; ״Man kann doch immer noch etwas zulcrncu!“ — — — Ich drücke mich in meine Ecke, um mein Lachen zu verbergen. — Ich habe auch ganz etwas Neues dazugclcrnt. )-p*. An dem vorige Woche beendeten internationalen Schachturnier in San Sebastian nahm bekanntlich auch 1 C1׳ r״sst!»chc Schachmeister Akiba Rubinstein teil. Als Rubinstein nach einigen Siegen plötzlich mehrere Verluste zu verzeichnen hatte, entstand in . 1זח.?־ ״•dcr. bdgendc Volkswitz: ״Wie kommt es, daß Rubinstein auf einmal seine Ruhe verloren hat?“ -- ״Es War gerade Purim, und er dachte, er sei Ahasveros und spiele mit zwei Königinnen!“

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