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Jüdische Rundschau · 1912-03-22 · Heft 12 (22.3.1912) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 12 (22.3.1912)
Date
1912-03-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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So änderte wieder einmal das Judentum sein Gesicht. Einst kämpften stolze Heerführer vor den Mauern Jerusalems, einst war es ein Volk aufrechter Männer. Krieger und Propheten, Schaffende und Ziel• setzende, die beiden Gipfel aller Kulturen, sie zeiclincten das Judentum aus. Dann kam die Zeit, der Finsternis, und aus den ‘ trotzigen Männern wurden passive Heroen. Hier wie dort war cs ein Volk der Vollnaturen. Dann endlich kam die Zeit der Wurzellosigkeit. Man halte doch nebeneinander: Ernst Trampe ״Ein König von Juda“, die Geschichte der Kreuzzüge (i in Lande), und Schnitzlers ״Der Weg ins Freie“. Drei Epochen eines und desselben Volkes! Juda Makkabi, der graubärtige Märtycrcr und Schnitzlers Ucermann oder Nürnberger! Mich dünkt, diese rapide fallende Skala redet für sieb selbst. Und da sollten wir cinstinuncn in den Jubclruf: ״Wie haben wir*s doch so herrlich weit gebracht!“ Da sollen wir uns freuen der Fortschritte des letzten Jahrhunderts? Wahrlich, nicht die Römerkriege und auch nicht die Scheiterhaufen haben so maßlose Verheerung angcriclitet in unseren Reihen wie dieses Jahrhundert dcutschjüdisclicr Kulturiiiischungl Sollen wir angesichts der bleich• .süchtigen Schlotlergcstplteii, die heute die Universi• täten füllen, angesichts* jenes so zahlreich produzierten Typus des jüdischen ״Schmocks“, dieser echtesten Mischung, sollen wir angesichts der tiefinnersten Verzweiflung und Depression, exotischer Sensationsgier und lüsterner Dekadenz — der äußeren Freiheiten, die wir wohl zu schätzen wissen, ganz, froh werden? Wollen wir vielleicht den Knall der Pistolen übertönen mit unseren Böllerschüssen? Fort mit dem Klange der Huudcrtjahrglockcn!- Uns ziemt Ernst und nicht leichtfertige Sorglosigkeit. — Das Mild ist grau in grau. Wohl uns, daß wir cs mit lichteren Pjnsclstrichcn ergänzen können. Seit zwanzig Jahren keimt und sproßt cs neuer• dings. Wieder entsteht ein neues Geschlecht, wieder scluilt sich das Judentum — altncuc Wünsche werden laut, und die Sehnsuchtsinelodicn vergangener Zeiten summen in den Dätnincrstu/ulen. Eine Sehnsucht ist erwacht, die in uns pocht und hämmert tmd freien Weg begehrt. Heiß quillt in uns der Wunsch nach längstveriorvncr Einheit. Stark strebt in uns der Drang, die Synthese zu finden, die Form und In• halt üherhrückt, die Synthese, die das antithetische deutsch-jüdische Zeitalter versöhnend abschließt. Voll neidischem Begehren denken wir unserer Viilcr und suchen bei ihnen zu lernen, was stark macht. Wurzel wollen wir wieder schlagen hei ihnen, Volluaturcu. werden wie jene, voll Kraft, voll Lebensmut, voll sieghafter Lebenszuversicht. Und durch das nachtliehe Chaos der tappenden Versuche drang 41er Erlösungsruf zu uns: die Rückkehr zum Judentum. Und wie durch ein Zauberwort fielen die morschen Hüllen von uns. Die leuchtenden Judenaugeii, jlie wir so lange vergeblich suchten, sie leuchten uns wieder entgegen. Der aufrechte Jude, der eine Idee sich zu eigen macht und sich in ihren Dienst stellt von ganzer Seele und von ganzem Herzen und stets an sie und an ihr Heil denkt, wenn er aufstellt und wenn er sich niedcrlegt, der vom Genius beseelte Jude — er ist wieder auferstanden, und auf dem Turnplatz gilt wieder die Faust des Makkabäers. Wohlan, wenn cs denn gefeiert sein muß, so laßt uns feiern die Emanzipation des Judentums, laßt uns feiern, da;ß es uns gelang, uns zu emanzipicrcn — von der Assimilation; daß es uns gelang, wieder den Weg einzusclilagen, der uns unseren Vorfahren gleichwertig und unserer ruhmreichen Ge• schichte würdig machen wird; daß wir den Weg fanden, der uns aus dem Chaos des Kulturduaiis-, mus rettend hinausführen soll zur Einheit, zur Kulturhomogenität, daß wir endlich im Begriff sind, wieder Juden zu werden, Volljuden und dadurch erst Volhncnschen. Diesen Weg hat uns Theodor Herz! gezeigt. Palästina als Judenland Wenn man von dieser Broschüre*) sagt, daß sic berufen scheint, ihrer eigentlichen Bestimmung, Palästinafreuude und Zionisten zu werben, in hervorragender Weise zu dienen, und daß sie gleichzeitig einem jeden von uns eine lehrreiche und an• regende Lektüre bietet, so ist das gewiß ein hohes Lob. Denn schließlich wird bei ernsteren Leuten, d i e Propaganda die wirksamste sein, die nach Möglichkcit auf die dialektischen Künste der Ueberredung verzichtet und durch Tatsachen, eigenes Bei- *) Elias Auerbach, Haifa: Palästina als Juden■ land. Verfaßt im Aufträge des Zionistischen Aktions• komitces. Preis: gewöiutliche Ausgabe 30 Pfg., bessere Ausgabe 1 M. 100 Exemplare 20 M., 200 Exemplare 35 M., 300 Exemplare •15 M., 500 Exemplare 50 M. Die Schrift hat die gleiche vornehme Ausstattung gefunden, wie die letzten Bro• schüren der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. spiel und' logische Beweisführung zu wirken sticht. Elias Auerbach, der seinen Zionismus durch Ucbersietlelung nach Palästina ״verwirklicht“ hat, entkr.iftet schon allein durch diese Tatsache manchen Lin wand mul erzwingt sich Gehör bei denen, die unsere Ziele in bequemer Weise als ״zu fern liegend“ ahz.iilcliticn belieben. Vieles von dem, was er in gründlichem Studium der einzelnen Fragen erkannt hat, Iaiul er in eigener Anschauung bestätigt; die Vertrautheit mit den Wünschen, Sorgen tmu Hof(, iiuiigen der Bewohnerschaft des heiligen Landes -• Juden, Christen lind Mohammedaner ermöglicht es ihm, alle in Frage kommenden Faktoren in sein kolonisatorisches Kalkül cinzubczichcn und so zu einwamlfrcicn Ergebnissen zu gelangen. Auerbachs Stil und seine klare, logische Dar- Stellung ist unseren Lesern bekannt von der Zeit 11er, als er noch zu den eifrigsten Mitarbeiten! dieses Blattes /iililte — sie bedürfen an dieser Stelle keiner he sonderen I!ervorhehung. Die Schrift liest sieh bei aller Sachlichkeit äußeret flüssig und interessant, so daß es selbst de.» prinzipiell Ablehnenden schwer fallen dürfte, sich der bündigen und lückenlosen Beweisfiilmmg des Zionismus, die hier vorn paliistincu* sischcn Standpunkte geboten wird, zu entziehen. Das erste Kapitel gibt eine Uebersicht über die Geschichte der jüdischen Emigration und stellt dem Emigrntionsprinzin der Zerstreuung das der Sammlung gegenüber. Abgesehen von gefälirlichcn exotiseiicn Experimenten, die der ernste Politiker nicht wagen darf, verbleiben als nufunhnicfähige Territorien Argentinien und Palästina. Gewissenhnft wird das Für und Wider beider Möglichketten erwogen und das hier und dort mit so ungleichen Mitteln Erreichte angeführt. Mit der Entscheidung tiir Erez Israel ist zunächst das Ziel »eujiidiseher!׳olitik umschrieben, und der Autor wendet sielt der Darstellung von Land und Leuten Palästinas zu. Die städtische und ländliche Bevölkerung findet getrennte Betrachtung. Während in der Schilderung des alten Jischtib die grauen Töne noch *iberwiegen müssen, ist das Bild, das Auerhach von der ״neuen Schicht" zu entwerten weiß, ein reell! farbenreiches und hoffmtngsfrohes. Tel Awiw, N'achlaih Benjamin, jüdische Feste im jüdischen Lande und die zionistiseften Institutionen sind Träger Und Zeugen der kommenden Entwicklung. Die S p r a c h e n f r a g e ist ausführlich behandelt. Gleichlaufend mit unseren nationalen Wünschen strebt sie der Einsetzung des Hebräischen als Einhcitsspräche zu. Im Kapitel ״Schule und Erziehung“ wird das Sehulwerk der einzelnen Organisationen in gerechter Weise gewürdigt. Alliance, I lilfsverein, Ko* loniesehuleii, I lebräisehes (iyinnasiuin, Tacbkemonischule, die Reform der Chedarhn sind die erzielterischen Faktoren des Landes, denen ein gemeinsames Ziel gezeigt wird: die Eizieluing zur Arbeit, die die 1110Ullt) Juden des Landes erst zu dem bedeutendsten und einflußreichsten Element des Landes machen könnte. Vier Dinge bähen nach Auerbach die bisherigen Ergebnisse der Kolonisation einwandfrei erwiesen: 1. Die Eignung der Juden zur Landwirtschaft. 2. Die Seßhaftigkeit der jüdischen Bauern. 3. Den Gemein• sinn der Juden. •I. Die Eignung Palästinas zur Kolo• uisation. Ali das wird durch ein reiches Material an Tatsachen belegt. Nach einer zusainuicnfnssendcn Darstellung der bisherigen wirtschaftlichen Ergebnisse schließt «las Kapitel mit den ״Kulturellen Ergebnissen“, deren vornehmstes dieses ist: ״Der Jude in der Diaspora trägt in sich den Stachel, daß durch seine Anlehnung an Fremdes sein Judentum und sein Menschentum fortwährend in Kontlikt kommen. 1111 Judentum Palästinas dagegen tritt ans Lieht — zum erstenmal seit 2000׳ Jahren — die Selbstverständlichkeit, zugleich gan zer Mensch und ganzer Jude z u s c i n,“ ״Zukunft un<f Ziele der jüdischen Kolonisation“ nennt sieh das abschließende Kapitel des Büchleins, Die Araberfrage und die innerlürkische Politik sind da die zunächst maßgebenden Faktoren. Takt tmd Klugheit, die sieb bei aller Intransigenz des nationalen Programms von provozierendem Chauvinismus fernhält, wird die Araber lehren, daß ein jeder Fort• schritt, den wir «lein Lande bringen, auch ihnen zugute kommt. Die luden sollen versuchen. Leiter, Berater und Arbeitgeber der eingeborenen Bcvölkcrimg zu werden. Der vielfältige Nutzen, den wir dem Lande; bringen,** wird auch von der türkischen Regierung nicht dauernd verkannt werden, zumal die Kolonisten durch Annahme der türkischen Untertanenschaft immer mehr ihren Willen kundgeben, ihr Schicksal politisch allein mit dem der Türkei zu verketten. Was der Zionismus nicht will ist die Schaffung eines jüdischen Reiches. Das ist hundertmal auf Kongressen, in Zeitschriften und Versammlungen ge• sagt worden, mtilHe je«l״eb auch hier erwähnt werden, weil die Mißverständnisse und — Verleumdungen nicht zur Ruhe kommen wollen. Wa s wir wollen, wird dann in schlichten, klaren, eindeutigen Sätzen ausgesprochen: , ״Wir wollen nur, daß in dieser Provinz des Türkischen Reiches sielt ein Zentrum jüdischer Kultur, ein jüdisches Gemeinwesen bildet. Mögen unsere Söhne in Adrianopel oder Smyrna beim Heere stehen, unsere Steuern nach Konstantinopcl wandern -- wir wollen mir, daß in Palästina, in Erez-Isracl, ein Platz sei, wo jeder' Jude, der irgendwo in der Welt seines Judentums wegen leidet, eine wahre Heimat findet. Wir verzichten auf alle politische ־ Macht und Herrlichkeit, wenn nur das Judentum, das wir über alles lieben, hier eine Rettung und die Möglichkeit einer neuen ’eigenen Entwicklung findet, wenn nur das jüdische Volk, auf das wir überaus stolz sind, nicht verschwindet, sondern auf seiner historischen Scholle, in allen Berufen des Lebens arbeitend, seinem alten Berufe wieder nachgehen kann: der Verkünder der Gerechtigkeit und Sittlichkeit ״zu sein.“ Nun haben wir eine Palästiuahroschürc, wie wir sie brauchen. Die stärkere Bclonung der nalästincil• sischcn Fragen, die in «len Beschlüssen der letzten Kongresse ihren Ausdruck findet, hat jetzt auch im Arsenal unserer propagamlistischen Waffen ihre gebührende Vertretung. Sorge ein jeder, der an der Schrift seine Freude hat, dafür, daß sic durch eine Massenverbreitung die aufklärcmle Wirkung erzielt, die wir im Interesse der jüdischen Sache von ihr crltoffen. Salomon Maimon Salonton M a i in o n ist kein Unbekannter. Er war einer der tiefsinnigsten Erklärer Kants, einer der Freunde, oder sagen wir besser, der Schützlinge Mendclssoluis. Seine Memoiren gefielen selbst in Weimar. 111 ihnen, die mm neu aufgelegt sind*), schildert er in schlichter, aber ergreifender Form die Geschichte seiner Familie, die alles Leid des polnischen Juden zu kosten hatte, seine eigene Erziehung im Ghetto, seine zwei Verlobungen und seine Heirat mit elf Jahren, wie cs der damaligen jüdischen Sitte entsprach. Dann werden wir eingeführt in Kreise, wo die Thora, die Kabbala herrschen, wo die allgemeine Bildung verpönt war. Endlich begleiten wir den 23 jährigen in seinen Irrfahrten als Schnorrer durch Deutschland, sehen ihn jahrelang in Berlin, Han*• bürg, Posen, trinken und faulenzen, während zwischendurch einige kleine Arbeiten die hohe Perzeption bezeugten, die Salomon Maimon für die Matheinatik und die Philosophie besitzt. Außerdem versucht er sich als Apotheker, Hauslehrer, als Schüler auf dem Gymnasium (mit 30 Jahren!), nirgends kann er cs aushaltcn, nie bringt er cs fertig, einen praktischen Beruf zu erlernen. Nur am Philosophieren findet er Freude. Er wagt sich an die schwersten Werke heran und erklärt spielend schon früh Maitnonides, später Spinoza, Humes, Leihniz. Seine T r a 11 s z e n d e 111 a I p 11 i I o s o p h i c wurde auch von Kant mit den Worten gewürdigt: ״Allein ein Blick, den ich darauf warf, gab mir bald die Vorzüglichkeit zu erkennen, mul daß nicht allein niemand von meinen Gegnern mich und die I lauplfragc so wohl verstanden, sondern daß auch nur wenige zu dergleichen tiefen Untersuchungen so viel Scharfsinn besitzen möchten, als Herr Maimon.“ Er schreibt noch ein paar Sachen, bald in Hebräisch, bald in Deutsch. Ciulliclt findet der Ruhelose, der sieh stets auf die Unterstützung der Gönner verfassen muß, bei einem Grafen Kalckreiith als Haus• philosopli Unterkunft. Er stirbt auf dessen Gut unweit Glogau im Winter lSDO. Seiner Leiche wurde der jüdische Friedhof verweigert. — Frunter hat das Buch seines Landsmannes herausgegeben. Er schildert ihn einmal so: Unzufrieden mit sich und an der Zukunft verzweifelnd, beschließt er, sielt zu ertränken. Als er aber ins Wasser springen will, versagen ihm die Beine. So steht er eine Weile über das Wasser gehengt: i in Kopfe der Kultur mense 11,indcnBci n cn der Ohcttoj u «I e. Für dieses erlösende Wort muß inan Herrn Frottier dankbar sein. Fis gibt eine Sorte von Mett- Helten, die bei uns stets das Judentum dein Nächstbesten verkaufen. Nein nicht verkaufen, nicht einmal verschenken, sie wollen dem, der ihre Bürde abnimmt und ihnen ein Kreuz dafür gibt, noch etwas dazu geben! Maimon gehörte wie Fronicr, Rathenau, Levitan und Genossen zu den theoretischen Jongi!euren. Das beißt, sie ließen andere für sielt das Kunststück ausfübren. Maimon selbst wurde, wie Frottier z. B. so schön sagt, ״des Kölnischen der Situation bewußt und gab nun alle Selbstmordgcdart• ken auf“. Salomon Ma imon zeichnete sich aber trotz aller Assimilationsversuche durch eine seltene Anständig'■ keit und Wahrheitsliebe aus. Er will ״die Christliehe Religion annelimen, um dadurch seine zeitlichen UiUstämic zu verbessern“. Aber er schreibt wörtlieh an den evangelischen Pfarrer, den er um die Taufe (und wohl auch um Verbesserung seiner Lage) attgeht, nicht nur, daß er jüdischer Nation sei, sein- «lern auch daß ״die jüdische Religion in Ansehung ihrer Glaubensartikel der Vernunft!!überstellt als die christliche“. So ein offenes ehrliches Bekenntnis zum jüdischen Volkstum, so ein warmes Eintreten für die religiösen Glaubensartikel verhinderten den Ucbcrtritt. Wenn er aber später von sich sagt: ״Ich muß daher bleiben, was ich bin, ein verstockter Jude. Meine Religion befiehlt mir nichts zu glauben, sondern die Wahr- *) München 1912 bei Georg Müller.

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