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Jüdische Rundschau · 1912-03-22 · Heft 12 (22.3.1912) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 12 (22.3.1912)
Date
1912-03-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 100 JIJED ISCHE RUNDSCHAU• ko 111111111 ׳• Der Ahs.1t/. unserer neuen vortrefflichen Broschüren, zahlreiche Hciirilt*n1cMun«c1» der Ü. /. V. und das Ergebnis der Nationalfondssaiiimlimgeu lassen, uns hoffen, daII der Erfolg der Veranstaltungen ein nachhaltiger sein wird. ׳*״ An dieser Stelle sei noch ein irreführender Druckfehler rieliliggcstclli, der sieh im Berichte über die Berliner Gedenkfeier zur Emaii/ipatiori der deutschen Juden cingeschlichcn hat: Die Versammlung war von über •UM) Personen besucht, nicht, wie berichtet wurde, nur von über 100. Das Jahrhundert der deutsch• jüdischen Kulturniischung Von Heinrich M a r g u 1 i c s. Deutschlands Judenhcit ist in Festesstimmimg. Ein Jahrhundert rundete sich, seit die üleichhereditigung /uw Gesetze erhoben wurde. Wie haben wir’s doch so herrlich weit gebracht ruft man sich leuchtenden Auges zu. Es gibt Skeptiker, die voll tiefer Ironie den Nachweis führen, dali diese KM) Jahre uns politisch so gut wie gar nicht vorwärts brachten. Manche, die glauben, dali die Gleichberechtigung im Jahre 1912 nicht allzu erheblich alnveicht von dem Status des Jahres 1812. Aber weder dem einen, noch deq1 anderen wollen wir uns zuwenden. Nicht die politischen Früchte abwägen und kritteln. Nicht das Aeullcre gilt uns hier, die Stellung des Juden innerhalb des deutschen Staatsorganismus. Alle jüdischen Blätter blieben hierbei stellen. Und doch gilt es vor allem, wie stets int Kulturleben, die Dinge nach innen zu wenden. Der Wert und die Bedeutung der Emanzipation! Wir können sie nicht selten im Sozialen, im l'olitischen, im Wirtschaftlichen. Können nicht urteilen: sie habe den Juden diesen oder jenen (politischen) Vorteil gebracht. Das sind Aeullcrlichkeiten. Die Emanzipation ist ein jüdisch Ding, und jedes jüdisch Ding will jüdisch gewertet werden. Drum heißt es hier nicht urteilen, was halte der Mettseh, was hatten die Juden von der Emanzipation — hier gilt es einzig zu fragen: wie steht das Judentum, wie steht der Judaismus dazu? Wir dürfen uns nicht darauf beschränken, den Juden als soziologisches Individuum zu betrachten; er ist in erster Linie für uns — ein Behälter des Judentums. Nur als solcher dünkt er uns wesentlich. Darum würden wir eine Jubelfeier auch dann ablclmcn, wem! die Eiiianz.ipation mehr als eine europäische Farce gebliehen wäre, wofern das Judentum dadurch in den Hinter- «rund gerückt wäre. Die Frage, ob 000 000 Mensehen Reserveoffiziere werden können oder als Parias gelten, dünkt uns lächerlich belanglos neben der Frage nach dem ideellen Faktor, den diese 600 000 verkörpern. Würde doch zweifellos unser Interesse an dieser Menschengruppe in dem Momente gleich Null sein, wo dieser ideelle Faktor zu existieren aufgehört hat. Darum scheint cs uns notwendig, die Worte ,,Emanzipation der Juden“ zu modifizieren und die ״Emanzipation des Judentums“ an ihre Stelle zu setzen. So werden wir die Seite des Problems, die uns am tiefsten berührt, deutlicher formuliert haben. Verzichten wir also darauf, den Juden als einen Staatsbürger zu betrachten, der lediglich um seiner Abstammung willen leidet. Verzichten wir darauf, zu untersuchen, welche Wege dieser Staatsbürger cinsvhlägt, um seine staatsrechtliche Position zu ändern und zu bessern. Betrachten wir einmal den Juden nur vom kulturell-jüdischen Gesichtspunkte ätis und verfolgen \yir die Einflüsse des Einan/ipalionsjahihunderts auf jenes eigenartig determinierte KuHurquantuin, das unter dem Etikett ״Jude“ verborgen liegt. * An der Spitze dieses Zeitabschnittes steht die Geburtsstunde des Intcrnationalitätsgcdankens. Völkerschranken fallen, und das XIX, Jahrhundert wird zu einem Chaos der Völker, zu einem Chaos der Kulturen. Kulliirmischungeu geringeren Umfanges zwar hatten durch die Kriege des 16. und 17. Jahrhunderts bereits stattgefunden•, doch diese neue Epoche bekam durch ein neuartiges Phänomen einen besonderen Charakter. Inmitten all dieser ununterbrochen im Kric/fstaumcl durchcinandcrwirhclnden Völkerschaften hatte «in Volk gehaust, das sich bislang von jeder Bertlhrung mit fremden Kulturen ängstlich rein hielt: das jüdische Ghettovolk. Ein Volk mit einem scharf ausgeprägten ludividuulcharakter — ein asiatisches Volk mit asiatischen Sitten, Brauchen, Träumen und Erinnerungen. Heißblütige Orientalen, die man in finstere Sklavenkcller verschleppt hatte und die im trüben Dämmerlicht ihrer Kerker all ihre sehnsüchtige Melancholie ostwärts lenkten. Man hatte ein Haus von hohen Mauern um sie gebaut, aber sie schmückten sein Inneres mit Bildern, die ihnen lieb waren. Sie woben sich in diesem Hause ein eigen Wunderland; sic lebten und träumten in ihrer Welt ודיr ׳/ 7 «־• "י! n \ ך1ך •ן ׳ tl)' Vm>’«ä 0 Mit der nächsten Nummer hcschlicsst die .JUEDISCHl• RUNDSCHAU-׳ das erste Quartal ihres XVU. Jahrganges. Wir richten an unsere Abonnenten die dringende Bitte, sich des beiliegenden Posiucheckformulars zu bedienen, um den Betrag von 1־ ד׳יז iyio 19^41׳ für die Monate April-Juni zu entrichten und damit die verhältnismässig hohen Nachnahmegebühren, die sonst entstehen, zu sparen. Die Ortsgruppen und Vereine, die unser Blatt im Sammclbezuge abonnicren,wollen uns sofortVcrUndcrun^cn im Abonnentenstande mitteilcn, damit Verzögerungen in der Zustellung unseres Blattes vermieden werden. Adressen, an die wir Probenummern mit einiger Aussicht auf Erfolg versenden können, sind uns in diesen Tagen besonders willkommen. Die rege Diskussion, welche die Fragen, die den Deutschen Delegiertentag bcschuftigen werden, in unseren Spalten auslösen dürften, sowie die Fragen des Gemeindebundes, die sich bekanntlich immer mehr zuspitzen, dürften die dauernde Lektüre unseres Blattes gerade im kommenden Quartal einen jeden zionistisch Interessierten unentbehrlich machen. ״lücllcelie Iwunsüdodiaut“ Verlag und Redaktion Berlin V/15 Sächsische Str. 8 die nichts gemein hatte mit der, die das Haas umgab. Krumme Rücken hausten in den Kellern, und schielende Augen schlichen sich durch die Gassen. Wer wollte es leugnen? Wer auch verschweigen, daß oft, nur allzuoft, auch Geist und Seele darunter litten? ModordutT und Lelcliengcruch schlug dem Fremden entgegen, daß er voll jähen Entsetzens sich abwandte. — Und doch: eins hatte sich dieses Kriippelvolk der Katakomben bewahrt. Das war seine Stärke, seine unüberwindliche Kraft. Vollnaturen bargen sich hinter dein Kaftan, überwältigende Lebenszuvcrsicht unter zerschlissenen Gewändern. Wilde Triebe, die zum Schaffen drängten, wurden notdürftig zuriickgedüuunt, und nur aus den Flammen der Scheiterhaufen heraus und in tierischen Folterkammern brachen sie sich Balm, Mit einem ״Schema Jisroel“ auf den Lippen verbluteten Märtyrer, mit unerreichtem seclisclicn Gleichmut trotzten sie der Bestialität der zivilisierten Menschheit. Sie, die Asiaten, die Barbaren, sie hatten mir ein Lächeln und ein Achselzucken der Wehmut für jenes grellbunte Farbenspiel, das sich als abendländische Kultur ausgah. — Es wäre lächerlich, hier von religiösem Fanatismus zu sprechen. Was hülfe cs auch? Das Pliünomen wäre dadurch vielleicht benannt, aber nimmer geklärt. Die innere Einheit war es, die Identität des ein- /einen — das war die Wurzel jener Stärke, die ganz. Europa verständnislos bewundert. Die Juden hatten sich rein erhalten von allen zersetzenden Einflüssen, sic halten sich ihr unerschütterliches Zutrauen zu ihrer Eigenheit bewahrt, sie waren rein geblieben — als einziges Volk. K ul tu rci n h c i t nur ihre radikal durchgcfülirtc Kulturhomogenität befähigte die Juden, der Menschheit den Heroismus zu lehren. Das waren die Ghettojuden. Schmutziges Kaftangesiudd wie heute in Galizien. Verkrüppelte Körper wie im Juiieuvicrtel zu Odessa, In Schrauben gcpreßter Geist wie in den chassidischcn Wunderschulen zu Sadagora —, aber unter all dem verborgen: Vollnaturen. Uebermcnschcn, Heroen. Das Bewußtsein der Kulturhomogenität ließ aus Schnon• lern I leiden werden ganz gleich, ob auf dem Scheiterhaufen, ob in den Droliohyczer Blutgas,cl,( oh in den GheMowinkcln von I lomd, Kixchinew und Odessa. Jeder Jude glich einer in Seh11u1tzp,»1״v, gehüllten Bibel und das gab ihm che Krall, den Holzstoß zu betreten mit dem Wort: ״War da» das Leben? Wohlan! Noch einmal.“ Die Zeiten des Flammentodes sind in IViM.ch. 1,11111 entschwunden. Ihre Rückkehr ist für alHehlurc Zeit kaum anziiiielmieii. Aber mit den Scheitcrlianun schwand ein anderes: der jüdische Heroisinuv Und weiter rückwärts gleitend zu den Wurzeln: die jüdische Kulturhomogenität. Explosiv sprangen die Glicllomaucrn und mit der Kraft ziirückgedämmter Instinkte nahm da•! Ghetto. Volk die Bollwerke abendländischer Kulturen ״n Sturmangriff. An Stelle der Kiillurlioinogeiiität trat der Kultur, dualismiis. Man ״war“ noch, als form, Jude. Aber die Bonn nahm nur mehr niclitjudisehe Inhalte .mf, mul es begann ein verheerender Kampf zwischen beiden. Vergeblich war das Bemühen, amu A11&. gleich zu schaffen und Form und Inhalt zu über• brücken. Tragisch das Streben, die Form zu ver• tilgen und nur Inhalt zu sein. Verzweifluiigsvoll das krampfhafte Mühen, sich ins Deutschtum Inneinzufrcsseii. Irgendwann einmal borst die Form. Irgendwann einmal kam das Wesen zum Durchbruch, Dodi dann war cs meist bereits zu spät. Ein neuartiger Typus Jude trat auf. Ein Typus, der es bis zum höchst Erreichbaren brachte. Malilos wie in allem j>ote11z.iertc11 auch liier die Jude« den neuen Typus bis zmn Genie doch es war ein bleiches, ein leidenseliafllich.wirbelndes, ein hektisch• verzerrtes Genie. Es war die Antithese zum Genie der Einheit, wie die Juden es in Spinoza, die Deutsche•» in Goethe besaßen. Es war das Genie des Kontrastes. Zerfressen von einem quälenden Dualismu*, zu• saimnengekaiicrt unter der Notwendigkeit eines ewigen Kiiltiirkomproinisses, rallos, rastlos, atiasveriseh, zynisch bald und bald erhaben, revolutionär von ticfiiuierstein Grunde, da die Ruhe der Einheit ihnen nicht beschiedcn war, rettungslose Neurastheniker, Volksführer bald und bald Verführter — das war der neue Jude. Sein Lebensinhalt, das Judentum, war iluu verloren gegangen. So griff er gierig nach anderem. Er hatte keine ״eigene“ Sache mehr, darum machte er bald die Sache der Freiheit, bald die des AJheiters, bald sonst eine zu seiner eigenen. Im Deutschtum, wie es war, fand er nicht das, was er suchte. Darum modelte er cs um, gab ihm Form nach seinen Wünschen, schuf neue Strömungen. Es gab ein Jahrhundert lang kaum eine neue Richtung, die nicht von Juden geschaffen wurde — in Politik, Literatur, Kunst. Ein planloses Hasten und ein gieriges Suchen, ein Umwälz.cit und Umstürzen aBos Bestehenden, ein Zersetzen aller bisherigen Werte — das war der neue Jude. Mau stelle sie doch ׳zusammen, diese Riesen des neunzehnten Jahrhunderts in Deutschland,!!eine, Börne, Marx, Lassalle — und weiter bis in iuimtc Zeit die Weiningcr, Jacobson, Galt* — und all die unzähligen anderen. Und man vergesse einen Moment, daß Heine der ״deutsche Dichter“, Marx, Lassalle die Schöpfer der ״deutschen Sozialdemokratie“ waren. Man greife sie einmal ticfimierst heraus und betrachte sie, die Menschen, die nackten, unvcrhülllcii. Man sehe doch, wie sie unter diesem fürchterlichen Dualismus litten, wie sic mehr mul mehr au ihm zugrunde gingen! Wie hat Heine au dem Deutschtum, dal er so unendlich lichte, gewürgt. — Als aber ein Jahrhundert verging und keine Aus• sicht war, dem Kampfe zu entgelten, da zog emi• gültig Mutlosigkeit, Schwäche und erbärmliche Niedergcschlagcnlieit in die Reihen. Weiningcr, Caie, Jacobscn •- die Namen dreier Männer, die starb••», eite sie reiUcu, Zwei von ihnen durch eigene Hand. Was war die Todesursache? Der Arzt wird ach'clzuckend leicht ein Ding sielt benennen, Neurastlume bei dem einen, Tuberkulose hei dem anderen. V! ic leichtgläubig doch die Menge ist. Gibt cs etw.;*, das dem verzweifelten Aufschrei gliche, den Jacobson seinem ״Werter, der Jude“ vorausschickte? Mit welcher Hingebung um die ersehnte Verschmelzung gebetet wird — einer Hingebung, die den tragischen Stempel der vorzeitigen Verzweiflung trägt. Gibt es ein gewaltigeres Ringen mit dem Dualismus als jenes Kapitel, in dem sich Weiningcr mit seinem Judcntumc auscinandersetzte? Aber man ist abgcbrüht, und einige Selhstmörderschüsse vermögen einen kaum ans dem Mittagsschlaf zu wecken. Das war der neue Jude: ein verzweifelter Wunsch! atifzugehen im Deutschtum, ein erbitterter Kampf, das Judentum aus sicli herauszuwerfen ׳— und schließ* lieh die zermalmende Erkenntnis, daß dies längst tolgcglaubte Judentum immer und immer wieder cm• mal — zum Durchbruch gelangte. —

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