Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1912)
- Date
- 1912-03-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2651763-2651774--08263-2665492- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
- Odesa 1× ep/1000834
- Vilnius 1× ep/1000947
OCR text
1 k Nr. U JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 91 artikcl der ״Nowoje Wremja“ ersehen, der siel! mit Bezugnahme auf diese Kundgebung der englischen Juden in wüsten Schimpfereien gegen das ״inter• nationale Judentum“ «geht, welches in die souveränen Rechte des russischen Staates cingreife. Die einzige Antwort, die Rußland darauf geben könne, führt das vornehme Patriotentblatt aus, sei eine allgemeine ausnahmslose Grenzsperre gegen alle Juden .... ftussiand Dieser Tage begann vor dem Militärgericht in Saratow die Verhandlung gegen den gewesenen Polizeichef von Uralsk, Liwkin, der die beiden Juden ßenjaminowitz und Bielostotzki, welche ihn bei seiner Vorgesetzten Behörde wegen seiner fortgesetzten Er. Pressungen angezeigt halten, kurzerhand niederknallte. 40 Zeugen sollen in dem Prozeß vernommen werden. Liwkin war ein judenfeindlicher Wüterich schlimmster Art, der von den Juden in Uralsk horrende ״Abgaben“ erhob und sich durch seine Erpressungen ein großes Vermögen erwarb. Schließlich konnten die jüdischen Bewohner die unersättliche Geldgier des Polizeioberhauptes nicht mehr ertragen, und die genannten zwei jüdischen Kauflcutc erstatteten gegen Liwkin die Anzeige beim Gouverneur, der eine strenge Untersuchung anordnete. Aus Rache erschoß Liwkin die beiden auf offener Straße. Man sicht dem Aus• gang des Prozesses mit Spannung entgegen. In dieser Angelegenheit wird der ״N. J. K.“ ferner aus Petersburg unter dem 8. d. M. tele• graphiert: Das Militärgericht in Saratow hat heute in der Mordaffäre des Polizeimcisters Liwkin folgendes Urteil gefällt: Die Mordtat au den beiden Juden sei mit Vorbedacht, aber im Zustande höchster Erregung vollbracht worden. Liwkin wird zu einer Gefängnis• strafe von 3 Jahren tuid zum Verlust der htirgerliehen Ehrenrechte verurteilt. Ferner mul! er den Witwen der beiden Ermordeten eine Rente von je 20 Rubel monatlich als Schadenersatz zukommen lassen. Das Urteil erregt peinliches Aufsehen. tuag ihrer christlichen [Mitbürger sehr drohend geworden war. Auch hier klärte sich bald der Vorfall in Wohlgefallen auf. Unterdes aber hatten die Juden des Ortes trübe Tage verlebt. Wahrlich, ein hartes Los haben jetzt die südrussischen Juden, da sic ständig auf der Hut sein müssen. Und wie leicht können Mörder und Verbrecher eine neue Ritualmordaffärc inszenieren I I<yran kreidt Die Rituaimordaffäre Justschinsky hat im ganzen Südwesten, eine förmliche Epidemie von Ritualmord־ beschuldißungen hervorgerufen. Nur der Wachsamkeit der sich überall bedroht fühlenden Juden ist es zu verdanken, daß stets die Grundlosigkeit des Gerüchts nachgewiesen oder sogar der Ursprung des Verbrechens eruiert werden kann. Denn zumeist hau• delt cs sich um verbrecherische Versuche von Mör• dern oder Mordattentätern, ihrer Tat den Schein eines angeblichen Ritualmordes zu geben und so die richtigen Spuren zu verwischen. Den Gipfelpunkt der neuen Kunst erreichte ein Vorkommnis in Odessa. Dort verlockte eine gewisse ' Kupricnko ihren Mann, den sie loswerden wollte, in den leeren Raum einer jüdischen Bäckerei, veranstaltete mit ihm ein Trinkgelage, brachte ihm dann, als er berauscht war, am Halse mit einem großen Messer mehrere Schnitte bei und bängte ihn dann an einem Handtuch auf. Da lockte das Gc• stöhn des Gehängten viele Leute herbei. Kiipricnkos Weih erhob nun ein Geheul, daß die Juden ihren Mann, den sic angeblich schon lange verfolgten, auf• gehängt hätten, ״um sein Blut für ihre Osterkuchen zu benützen“. Der zum Bewußtsein gebrachte, schwer verwundete Kupricnko vermochte jedoch den ganzen Tatbestand aufzuklären, so daß damit eine neue Kata- Strophe verhindert wurde. Das bestialische Weib gc• nierte sich aber nicht, den frechen Ausruf zu tun: ״Wie konnte icli ahnen, daß er noch am Lehen ge־ blieben sei? Wäre er tot, so hätten sicherlich alle geglaubt, daß ihn die Juden für ihre Mazzoth ermordet haben.“ Jetzt ist die Kupricnko verhaftet, und ihr Mann dankt öffentlich den Juden für seine Rettung. Wie leicht hätte aber im Falle seines Todes eine neue Affäre ä la Justschinsky entstehen können! Sowie überhaupt irgendwo in einem kleinen Nest ein christlicher Knabe verschwindet, taucht das Ge• spenst einer Ritualmordbcschuldigung auf, das die ungebildete Volksmasse in Rachestimmung versetz(, und gleich bemächtigt sich der Juden des Ortes eine wahrhafte Panik. Hintereinander werden soeben zwei Fälle — aus einem Städtchen Rsistschcw und aus einem anderen Nest namens Woroschilowka — gemeldet, ln Rsistschcw war ein Knabe, der bei einer Jüdin Schwarz Unterrichtsstunden nahm, plötzlich für einige Tage spurlos verschwunden. Sofort hieß es, die Juden hätten den Knaben beiseite geschafft und zu rituellen Zwecken abgcschlnchtct. Die Aufregung war in beiden Lagern außerordentlich groß und die Stimmung besorgniserregend. Unerwartetcrwcisc , tauchte der Vermißte mit abgefrorenen Beinen wieder auf; aus Furcht vor Bestrafung ob einer von ihm zerschlagenen Lampe hatte er sich in einem großen Faß tagelang versteckt gehalten. Und die Ruhe kehrte in Rsistschcw wieder ein. Schlimmer war cs noch in dem anderen genannten Neste, In Woroschilowka, wo sich ein ähnlicher Vor• fall zugetragen hatte. Hier hatte die jüdische öc. völkerung bereits zu flüchten begonnen, da die Hai• In Lyon findet diese Woche der Kongreß der französischen Sozialisten statt. Auf der Tagcsordming stellt unter anderem auch die prinzipielle Frage, welche Stellung die französischen Sozialisten zum Antisemitismus zu nehmen haben. Sollen die Sozialisten diese Bewegung bekämpfen oder liegt cs in ihrem Interesse, den Antisemitismus zu stärken und ihn nach Möglichkeit zu propagieren? Der Lyoner Sozialistcnkongrcß wird wohl der erste seinesgleichen sein, auf welchem die Stellungnahme zum Antisemitiss• mus seitens der Sozialisten in so prägnanter Form zur Diskussion gestellt ist. Amerika. Die russische Regierung hat eine echt russische Revanche für die Kündigung des Handelsvertrages seitens Amerika ersonnen, indem sic in New York eine blutrünstige Zeitung gründen ließ, welche aus Rußland große Subventionen erhält. Das neue Blatt ״Rußkij Immigrant“ ist wohl nicht die erste russisch• antisemitische Zeitung, in New York. Es besteht schon seit längerer Zeit ein anderes ähnliches Blatt ״Swjet“ (Die Weit). Die Aufgabe dieses Blattes war hauptsächlich, lügenhafte Berichte aus Rußland über die Juden zu verbreiten. Die ״Swjct“ enthielt sich aber jeder Hetze gegen die Juden in Amerika seihst. Anders der ״Rußkij Immigrant“. Er verleumdet nicht nur die Juden in Rußland, sondern auch die bereits in New York lebenden cingcwan• eierten russische« Juden und hetzt zu Pogromen in den Judcnvicrteln auf. Auffallend ist cs, daß dieses von der russischen Regierung soutenierte Blatt es niemals verabsäumt, den gegenwärtigen Präsidenten der amerikanischen Republik, Taft, als den nufrichtigen Freund der Slnven und besonders des russischeu Volkes hinzustellcn und zu behaupetn, daß die Juden'dem Präsidenten die Kündigung des Handels• Vertrages erpreßt hätten. Hingegen, meint das Blatt, sei (ler gewesene Präsident Rooscvclt der ge• schworcnste Feind Rußlands. In diesem Sinne agitiert dieses russisch-antisemitische Regierungsorgan für die Wiederwahl Tafts, UMDSClifiU BezALeu Ilci dem Unterzeichneten gingen ein durch die Federation of Zionist Socictics of Canada, Montreal (Sammlung der Frau Pevsncr): Montreal: Mr. J. A. Jacobs $ 200,—, Winnipeg: per Bnai-Zion 300,—, Vancouver: per Mr. H. Sigicr 500,—, Vancouver: per Mr. S. Gintzburger 325,—, Port William: per J. Enzer 05,—, Sydney: per ,Mr. I. Becker 80,-, zus. $ 1509,- « M. 6311,17. Von Frau Justizrat Zuckermann, Forst: Spende M. 44,—; für den Betriebsfonds: l)r. Marko Romano, Philippopcl M. 100,—, Dr. Jul. Loeb, Rcichenhall 100,—, Berthok! u. Elisabeth Perutz, Teplitz, 300,—, Simon Orange, Lemberg, Kr. 25,—, Dr Dawid Spindel, Lemberg, 10,—, Pr. rned. Sandler, Breslau, M. 50,— Dr. Harry Fricdenwald, Baltimore, $ 50,— *=» Mark 208,33, Dr. William Lcvy, Baltimore, $ 50,— ־=־ M. 208,33, Frau Dr. William Wolf, Baltimore, $ 20,- ¬ל¬ M. 83,34, Viktoria-Loge, Görlitz, 50,—, Direktor Carl Heymann, Berlin, 50,—, zus. M. 1185,—. Die Vorarbeiten zum Bau des jüdischen Tcchnikums in Haifa haben bereits begonnen. Aus einzelncn gallilüischett Kolonien sind jüdische Land• arbeiter nach Haifa gekommen, um als Bauleute beim Technikum Beschäftigung zu finden. Am 25. Februar wurde in Jaffa in dem neuen jüdischen Stadtviertel ״Nnchalalh-Ücnjamin“ — das bekanntlich nach dem Muster von Tcl-Awiw in dessen Nachbarschaft erbaut worden ist — eine jüdische Bibliothek und Lesehalle eröffnet. Die hebräische Eröffnungsrede hielt Herr Josua Eisen- Stadt (Barsilai). Sodann trug der hebräische Schriftsteiler S. Ben-Zion eine seiner neuen Novellen vor. Die neue Lesehalle entspricht einem fühlbaren Bedürfnis der Bewohner von Tel-Awlw und Nachalath-Benjamin, die bisher auf die Bibliothek ״Schaar Zion“ im weit entfernten Stadtinnern angewiesen waren. Bcrtranü Hamburg, Schatzmeister des ״Bczaicl“. Berichtigung. Bei der in Nr. 9 ausgewicscnen Spende für den B c z a I c I von S. Pachter, Sydney, soll cs statt £ 10.— richtig heißen: £ —.10.—. Am 16. Februar stattete Rabbi Benzion Usicl aus Jaffa der Kolonie Pethach-Tikwah einen offi• zicllcn Besuch ab. Von seifendes Waad wurde ihm ein festlicher Empfang bereitet. Am Sabbat hielt Rabbi Usicl in der Synagoge eine mit großer Begeisterung aufgenommene hebräische Predigt. Abends versammeltcn sich die Kolonicbcwohncr iin Gemcindchausc zur Begrüßung des Chachambaschi. Am Sonntag bc* suchte Rabbi Usicl die Schulanstaltcn der Kolonie und fuhr dann nach Jaffa zurück. rn a 30n1ST1scHe Ba;16une Agiiationsrcisen des Parteisekretärs Dt. Eylau. Am 17. Februar sprach hier Herr Parteisekretär Rosenbaum vor einer Vcrsammtung, zu der außer den Mitgliedern der Ortsgruppe auch Herren und Damen der Gemeinde erschienen waren, die unserer Bewegung bisher fern standen. Der Redner behandelte das Thema: Der Zionismus und sein Verhältnis zu den anderen jüdischen Organisationen in anregender und temperamentvoller Weise und knüpfte daran, eine aus der Versammlung an ihn gerichtete Anfrage beantwortend, eine intcr* essantc Erörterung der augenblicklichen Verhältnisse im Orient. Der Vortrag fand lebhaften Beifall; die Anwesenden stifteten als flank einen Oclbaum im Hcrzlwaldc auf den Namen des Redners. Dresden. Am 8. Februar konnten wir Herrn Kurt Rosen bäum zum ersten Male in seiner Eigenschuft als Parteisekretär hei uns begrüßen. Er sprach in einer gut besuchten Versammlung über: ״Situatlon des Zionismus nach dem X. Kong r e ß“. Das Thema fand bei den Zuhörern um so größeren Anklnng, als bislang kein Hcr.cht über den letzten Kongreß in unserer Gruppe erstattet wurde. Auch gelang cs dem Redner, ein klares und abgerundetes Bild zu verschaffen über die wichtigsten auf diesem Kongresse gefaßten Beschlüsse, die unmittelbar eingesetzte eifrige Tätigkeit unserer Leitung zu dessen Verwirklichung und die in der kurzen Zelt von ihm erzielten Erfolge. Nach dem Vortrage kam eine Aussprache zustande, an der insbesondere ein Gegner in längeren Ausführungen sich beteiligte und hierin den Nachweis zu erbringen versuchte, daß unser Programm unausführbar sei. — Den direkten Erfolg des Abends bildeten Ncuanmcldungcn von 14 Mitgliedern. Die meisten Anwesenden erwarben die Lichtheimsclie Broschüre: ״Das Programm des Zionismus.“ AUS D£M GSMCfttDCN Dieser Tage fand in Rechoboth die Qrundstcinlcgung für den Bau eines Beth*Haam (Volksbildungsheims) in Gegenwart der Herren J. L. Ooldberg aus Wilna und W. Gluskin aus Warschau statt. Die Errichtung des neuen Bcth-Haam ist den Bemühungen der genannten beiden Zionsfreunde zu verdanken, die auch den größten Teil der Kosten beigestcuert haben. Der Wnad (Vorstand) der Kolonie Jcmma hat Herrn Dr. mcd. Levinsohn aus Dwinsk zum Kolonicarzt berufen. Herr Dr. Lcvinsohn wird auch die Übrigen jüdischen Kolonien in Untcrgaliläa bc• suchen. Kiel. Am 6. d, M. erstatteten im Sitzungssaal der hiesigen jüdischen Gemeinde auf Einladung des Gemcindevorstandes die I )elegierten der Geincindo auf den letzten Tagungen des Üculsch-Israeli.ischcn Gcmcindcbtindcs und des Veihandes der Deutschen Juden, die Herren Dr. mcd. K a 1 m u s •Hamburg und Notar Dr. Victor■ Wandsbek, einen Bericht über die Verhandlungen. Zunächst referierte Herr Pr. Kalmus über den stürmisch verlaufenen Gemeindetag. Er gab ein anschauliches Bild der Verbandlungen und legte daun eingehend die Gründe dar, die ihn und die Mehrzahl der Vertreter der kleineren Gemeinden bewogen haben, sich gegenüber der vom Ausschuß beantragten Satzungsänderung ablehnend zu verhalten. Er taueltc auch das neuerliche Verhalten des Ausschusses, der jede Verbesserung des Ent• Wurfes zugmisten der kleineren Gemeinden zurück• weise und durch sein Verhalten die bisher so segen* bringende Arbeit de!« Gemeindebundes für die Zu• kunlt ernstlich gefährde. Es folgte dann der Bericht des Herrn Dr. Victor über die letzte Tagung des Verbandes der Deutschen Juden. An die Vorträge schloß sich eine lebhafte Diskussion, in der dio Redner die Stellungnahme der Vertreter der Gemeinde billigten. Es wurde insbesondere bedauert, daß im Deutsch-Israelitischen Gemeindebund nach erfolgter Ablehnung dc9 Organisationsentwurfcs nunmehr versucht werde, durch Satzungsänderung die Reihte und Interessen der kleineren Gemeinden, zu schädigen. Im Schlußwort sprach der erste Vorsitzende der Ge• meind״, Herr Dr. Jacob, den beiden Vertretern namens der Gemeinde den Dank für ihre Mühewaltung aus. A