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Jüdische Rundschau · 1912-03-08 · Heft 10 (8.3.1912) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 10 (8.3.1912)
Date
1912-03-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 82 JU2DISCHE RUNDSCHAU Nr. 10 r: AUS.AlieR WaT ״ Deulsdtland rigorosen Bestimmungen bis jetzt nocli bestehen, liegt, nacli dem obigem zu urteilen• nicht an den Finnländern, In der nächsten Session wird der Reichstag einen Gesetzentwurf über die Sonntagsruhe zur Entscheidüng vorgelcgt erhalten. In § 4 dieses Entwurfs heißt cs: ״In Betrieben des Handelsgewerbes, die an Sabbaten 1u1d jüdischen Feiertagen gänzlich ruhen, dürfen Angehörige jüdischen Glaubens an Sonn■ und Festtagen bis zur Dauer von fünf Stunden mit der Maßgabe beschäftigt werden, daß die Geschäftsniumu für den allgemeinen Verkehr geschlossen bleiben. Russland Die Gerichtsverhandlung gegen den des Mordes an dem Knuhen Justschinsky angeklagten Juden Hcilis findet im Mai d. J. statt. Als Sachverständige für die Frage des Vorhandenseins sogenannter ״Ritualmorde“ bei den Juden hat die Verteidigung eine Reihe russischer Uiiiversitätsprofessoreu — Theo* logen, Orientalisten, Psychiater und Chirurgen — sowie den Berliner Professor Strack vorgeschlagcn. Unter den Verteidigern von Beilis befindet sich auch der hervorragende Advokat Bohritschcw-Pusehkin. Die infolge der Enthüllungen des Journalisten Brastil- Bruschkowsky verhaftete Frau Tschcbyriakowa wurde vom Polizeigewahrsam ins Gefängnis iihergeführt. Eine Gruppe jüdischer Frauen aus dem Poddicr Gouvernement hat..wie aus Petersburg־ berichtet wird, an die Rcichsdiuua eine Petition gerichtet, in welcher sie die Annullierung zweier Bestimmungen, betreffend die jüdische Ehescheidung, ,verlangt. Die jüdischen Frauen verlangen: 1. es sei in Zukunft verboten, den Scheidebrief der Frau durch einen Ikvolhnäehtigten zuzuschicken, und 2. sei auch die Bestimmung aufzuheben, wonach ein Mann, dessen Frau geisteskrank geworden ist, auf Grund eines Dispenses seitens 100 Rabbiner ohne Ebcschcidiuig sich nbcriuals verheiraten kann. Die Petition ist den entsprechenden Kommissionen zugewiesen worden. ׳ Rinnland Die aus Anlaß der Beratung der Finnlaiidvorlnge in der Duma angeschnittene Judcnfragc, soweit sic auf Finnland sich bezieht, hat in einem Teil der rechten Presse hämische Bemerkungen und Auslassungen darüber erzeugt, daß die Finnländer trotz ihres zur Schau getragenen Liberalismus das Los der Juden in Finnland nicht erleichtern wollen tuid sich sogar von Rußland ausgehenden liberalen Maßnahmen widersetzen. Ohne auf die Lage der Juden in Pinnland, deren cs dort nach den letzten Angaben etwa 500 Familien auf zirka 3 Millionen Finnländer gibt, näher cinzugchcn, sei hier, der ״Pet. Ztg,“ folgend, nach fiunläudischcn Quellen der Sachverhalt durch dokumentarische Belege bekräftigt dargelegt. Art. I der Regierungsform Finnlands von 1772 lautete anfäuglich dahin, daß zu den Bürgern Finnlands ausschließlich Personen lutherischen Glaubens gehören dürfen. Er wurde dann zum Teil geändert in der Be- Ziehung, daß Bekenner christlicher Konfessionen zu den Bürgern Finnlands zählen dürfen. Personen mosaischen Glaubens waren und blieben mithin ausgeschlossen. Der fiimliindische Landtag nahm sich im Herbst 1‘XW der Judenfrage an. Da der Landtag auf Grund der bestehenden Gesetze keine die Grundgesetzt* tangierenden Initiativanträge stellen kann, soiu der« ihm nur der Petitiouswcg offen ist, so wurde dieser bescliriltcn. Eine Gruppe von Abgeordneten brachte das Projekt einer untertänigsten Petition!•in. Die Grundgesetzkommission sprach sich im positiven Sinne aus und beantragte heim Landtag, sich an den Monarchen mit einer Petition zu wenden, in welcher der Zar darum gebeten wird, dem Landtag baldmöglichst eine Allerhöchste Proposition zukommcu Jru lassen mit dem Projekt eines Gesetzes über die Bedingungen, unter welchen Personen mosaischen Glaubens sich in Finnland aufhalteu und Gewerbe treiben dürfen, wie auch über die Bedingungen bzw. der Aufnahme von Juden in den Bestand der fimiländischen Bürger. Der Landtag akzeptierte den Vorschlag der Orundgcsct/kominission. Die Petition wurde jedoch ohne Folgen belassen. Der finnländischc Senat hätte jedenfalls im Laufe der zwei Jahre, die seit dem Zustandekommen der Petition im Landtage verflossen, wenn er nur gewollt hätte, einiges in der Judcnfragc tun können. Er hat es jedoch unterlassen. Was die Beziehungen zu den Juden anlangt, so sei auf die mehr als zuvorkommende Haltung der Finnländer den im Jahre 1905 mul später vor den Pogroms flüchtenden Juden gegenüber hingewiesen. Es wird in Erinnerung gebracht, daß Wiborg z, B. von flüchtenden Juden überfüllt war und daß die Einwohner keine Zahlung für Logis und auch oft für Kost von den Flüchtlingen erhoben. Immer und überall wurden die auf die Juden bezugliehen einschränkenden Bcstinumuigcn mit der gTÖßtcn Vorsicht und Milde geliandhabt. Daß die ג־ t . h Wir entnehmen der ״Neuen Jüdischen Korrespondenz“: Der jüngste Bericht des deutschen Vizekonsulats in Jaffa veranschlagt den Wert der jährlichen Orangeausfulir Jaffas auf nahezu 6 Mill. Frcs. Die Bedcidtmg dieses Artikels für den Außenhandel Pal.i .lin.is geht auch daraus hervor, daß der Orangen* export ״״(•(׳ ihr Gesamtaiisfuhr des J.iffacr Hafens ausmacht. Der Export ist von •HO 000 Kisten im Jahre!001 auf 1000 000 in der Saison l‘)IO gestiegen und beträgt 1011, obwohl dieses Jahr nur einen Dreivicrtclertrng aufweist, bis jetzt schon das gleiche Quantum. Da von Jahr zu Jahr neue Pflnnzüngelt angelegt und frühere Anlagen ertragsfähig werden, wird man in einigen Jahren auf eine Ausfuhr von 2 Millionen Kisten rechnen können. Hauptahnehmer von Jaffa-Orangen ist England. In der Saison, von November bis März, gehen regelmäßig Frachtdampfer nach Liverpool, Die Fracht, die in der Regel 1 Shilling pro Kiste beträgt, ist von einer Linie bereits auf (1 Pence herabgesetzt worden. Der Export nach England betrug in der letzten Saison zwischen 700000 und 800 000 Kisten. Nicht unerheblich ist auch der Absatz nach Aegypten und der europäischen Türkei. Neuerdings hat sich auch Rußland als guter Abnehmer erwiesen, und es sind Vcrsuche im Gauge, neue Märkte in Südafrika und Australien für die Orangen zu erschließen. Kleinere Menge׳)! nehmen Oesterreich, Frankreich und Italien auf. Der Verkauf in Deutschland beschränkt sich im wesentlichen auf die Zeit vom Spätherbst bis Anfang Dezember. Die Einfuhr belief sich hier in der Kampagne 1010 auf etwa 10 000 Kisten und bat in der diesjährigen Saison ungefähr die gleiche Höhe erreicht. * Für den im April d. J. beginnenden Ban der Eisenbahnlinie A p h u 1 c — J c r u s a I c in werden die technischen Vorarbeiten emsig durchgclührt. Durch die neue Linie erhält bekanntlich Haifa eine direkte Eisenbahnverbindung mit Jerusalem. Aplrnlc liegt an der Eisenbahnstrecke Haifa-Damaskus, und hier wird die neue Balm nacli Jerusalem hin — über Gattin und Nablus (Sichern) — ahzweigen. Die Länge dieser Zweiglinie beträgt ca. 170 km, also doppelt soviel als die Strecke Jaffa—Jerusalem. Der Bau dürfte 3 Jahre in Anspruch nehmen und wird einen Kostenaufwand von annähernd 40 Millionen Frcs. erfordern. Ein angesehener jüdischer Bürger von J e r u - salcm, Herr Mendel Rand, beabsichtigt, jm Verein mit anderen jüdischen K.mflcutcu eine ineelian i sc 11 e Weberei in Jerusalem zu eröffnen, die 200 jüdische Arbeiter beschäftigen :;oll. Das Aktien* kapital des neuen Unternehmens beträgt 200 (MIO Frcs., wovon Herr Rand selbst die Hälfte gezeichnet hat. * Der Waad der Kolonie R i s c 11 o n L e z i o n hat beschlossen, für die hier ansässigen Jcincnitcnfainilicn weitere zwanzig Wohnhäuser zu errichten. Die he* Ijördliche Genehmigung hierzu dürfte demnächst ein* treffen. Die Schaffung einer neuen jüdischen Landarbeiter* kulonic in der Nachbarschaft von Kischou gilt als gesichert. Sechzig Familien sollen auf dem bc-!reffenden Grundstück angesiedelt werden und dort hauptsächlich Gemüse- und Gartenbau treiben. « Am 0. Februar iraf in Jaffa eine Gruppe von 30 si'phardisehcn Juden aus Sarajewo ein. Die Teilnehnier der Reisegesellschaft sind gutsituierte Kaufleute mit einem CUucham an der Spitze. Gleich nach- «lern sie liier eiiigetroffcu waren, besuchten sie den Chachamhaschi Usiel, bei dem sich zu ihrer Begrii- Illing einige Milglieder der Gemeinde versammelt hatten. Der Chachamhaschi hieß die Gäste mit herz* liehen Worten willkommen und legte ihnen ans Herz, in Ercz-Isracl nicht mir die Denkmäler unserer rühmreichen Vergangenheit zu besichtigen, sondern auch den neuen Schöpfungen unseres Volkes im Lande der Väter ihre Aufmerksamkeit zu/uwenden. Die Mitglieder der Reisegesellschaft begaben sich sodann in die Mädchenschule der russischen Chowcwc-Zion (Bcth-Sefer Lebanoth) und folgten mit Interesse dem in hebräischer Sprache erteilten Unterricht. Nach einer eingehenden Besichtigung des jüdischen Stadt- Viertels Tel-Awiw reisten sie nach Jerusalem. Von dort aus werden sic eine Rundreise durch die jiidisehen Kolonien unternehmen. Es wäre zu wünschen, daß das Beispiel der bosnischen Scphardim auch unsere spaniolisehen Brüder in den anderen Län- ‘lern, insbesondere in der europäischen Türkei, zur Nachahmung ancifem möchte. Bisher haben sephardtsehe Juden nur in Aegypten ähnliche Gesellschaft*- fahrten nach Palästina veranstaltet. TURrieh 5-sport Die Sport-Abteilung des J. T. V. ״Bar Kocliba“, Berlin Herrliches l’riihlingswctter! — In rascher f ahrt braust der Zug durch den aus dem Wintcrsclihf erwachenden Tegeler Forst. — Fauchend und zischend läuft er in den Bahnhof Schulzendorf ein. Hurtig entsteigt ihm eine Reihe jugciidliclt-frischer Gestalten, die der erste schöne Sonntag hcrausgeloekt hat aus der dumpfen, stickigen Großstadtluft, und denen inan es anmerkt, wie große Freude cs ihnen macht, sich ״,H|, den gesellschaftlichen Anstrengungen des Berliner Wiiiterleheiis wieder in Gottes frischer, freier Luft zu tummeln. — Bar-Kochhaner! — ca. 10 Jünglinge, eine s tattliche Anzahl für unser erstes Zusammentritten in diesem Jahr. Freudigen Schrittes, ein Teil kann die Zeit kaum erwarten und eilt voraus, schreiten wir unserem /ick*, dem nahe dem Baliiiliofe gelegenen Sportplätze zu. Welcher Gegensatz, zwischen den Cafchauscru der Großstadt und diesem Idyll! I» wunderbarer Pracht, sowohl Herz und Lunge wie auch den ticist erfrischend, liegt die Flur vor uns, die Schneedecke abgeworfen, in Erwartung des kommenden Frühlings und Sommers. Und in den Büschen fröhliches Vogelgezwitschert ln kurzer Zeit sind wir im Sportdreß, und sofort ist ein vollständiges Fußballspiel arrangiert. Unsere I. Mannschaft ist zum größten Teil am Platze und findet sich schon gut zusammen. Auch die zweite zeigt teilweise gute Leistungen, und bei regelmäßigem Training werden wir bald zwei annehmbare Mannschaften stellen. Bei durchweg flottem, lebhaftem Kampfe nahm das Spiel einen anregenden Verlauf. Demnächst werden wir bereits einige Treffen mit fremden Vereinen haben, und nicht lange dürfte es dauern, bis wir im Rahmen der Jüdischen Turner- Schaft Spiele mit auswärtigen jüdischen Tum- und Sportvereinen austragen können. Nicht zuletzt denke ich hierbei an unseren nächsten Turntag zu Pfingsten und unseren Bruderverein in Hamburg. Aber auch am Fußballspiel nicht Beteiligte kamen keineswegs zu kurz und erprobten ihre Kräfte in den verschiedensten volkstümlichen und Sportubimgeii. So war dieser Sonntag für uns alle eine seit langem ersehnte Erholung. Treffpunkt bis auf weiteres jeden Sonntag 1 Uhr 20 Stettiner Vorortbahnhof. Gäste willkommen. Nähere Auskunft erteilt Herr Alfred Burin, Berlin NW., Flensburger Str. 8. S a 11 y S a I /. in a 1111. Berlin. Die III, Münnerabtcilung des jüdischen Turnvereins ״Bar Kocliba“ verlegt vom 1. März ab ihre Turnstunden in die Turnhalle Alt-Moahjt 21 für Montag, abends 8 10־ Uhr. Mit der Vcr- Icgiuig dieser Abteilung bezwecken wir, den zahlreichen jüdischen Einwohnern im Nordwesten Berlins Gelegenheit zu geben, in unserem Verein gesunde Leibesübungen zu pflegen. Wir glauben gerade bei den Lesern dieser Zeitschrift fiir unsere Bestrebungen nicht nur Wohlwollen und Interesse zu finden, sondern auch auf tätige Mitarbeit rechnen zu dürfen. Wir veranstalten am Montag, den II. März, ein ßffontliebes Althirnen, zu «km wir alle freimdliclist einladen, i )er j u d i s e 11 c T u r n v c r c i 11 ״C harlot teil bürg" ist dem J. T. V. Bar K o e 11 h a als Abteilung heigclrctcn. Diese Fusion ist im luteresse der Geschlossenheit und Einheit aller nationaljüdischen Turner in Berlin auf das wärmste zu begrüßen. Ein ״Kartell deutscher Turner jüdischen Glaubens“ hat sich vor kurzem gebildet. Es bestellt aus zwei Vereinen in Berlin und Posen. In einer Zuschrift an die Presse geben die Leiter des Berliner Vereins bekannt, daß sie sich nicht als Naüonaljuden fühlen, ״sondern“ als deutsche Staatsbürger, die nur der Glaube eint. Wir übergehen dieses famos zweideutige ״sondern“, das natürlich beileibe keine Verdächtigung gegen die staatsbürgerliche Zuvcclässigkvß der Ration.iljudcn bedeuten soll, mul haben zu dieser Gründung nur zu bemerken, daß wir eine rein konfessionelle Absonderung nicht billigen können. Wem das Judentum nichts weiter ist als eine Glaubensgemeinschaft, der soll sielt mit seinen Gesinnungsgenossen zu jeder Art religiöser Ucbtmg vereinen, aber konfessionelle Treuntingsliiiicn nicht dort errichten wollen, wo sic nicht hingehören; wer sieh aber mit seinen Volksgenossen durch gemeinsame Abstammung und Geschichte vcr• huiulen fühlt und den Willen hegt, die jüdische Gemeinschaft auf dieser Grundlage zu erhalten, der wird in nationaljüdischen Turnvereinen einen Reeigiictcn Sammelpunkt zur Arbeit für dieses Ziel erblicken. Wieviel erfolgreiche jüdische Arbeit da zu leisten ist, das haben die zahlreichen Vereine'der ״Jüdischen Turnerschaft“ durch ihr langjähriges Erzichungswcrk bewiesen. — Wir befürchten, daß das Kartell mit dein langen und mühevoll ,׳msgetüf teilen Namen dem Fluche der Lächerlichkeit anheim fallen wird.

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