Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1912)
- Date
- 1912-03-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. ה• JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 81 Zur Reform der Berliner Gemeindeverwaltung Am 5. Mär/, veranstaltete 11er ״Neue jüdische CU■• mcimlevcreiit" eine öffentliche Versammlung, in der Fabrikdirektor E. Lieh teilst ein und l)r. Zwirn über ״H i e Reformierung der Berliner j ii ■ d i s c h e 11 O e 111 e i 11 d e v e r w a 1111 n g S t e I 11111 g n!1111» e /. 11 in G e s e t z e 111 w 11 r f i 111 Herrenhaus'• unter dem lebhaften Beifall der Versammelten referierten. In der angeregten Debatte wurde die Bedeutung der geplanten Aeiidcrung nach den verschiedensten Richtungen erörtert. Einstimmig wurde folgende Resolution ange• nniiiiucit: ״Die am 5. Miir/. in den Arminlialleii tagende Versammlung jüdischer (icmeindcmiigliedcr erklärt sieh mit der an das Herrenhaus gerichteten Petition des Neuen jüdischen (iemeindevereins, betreffend den Gesetzentwurf über die Vertretung der Berliner jüdischen Gemeinde einverstanden. Sie lehnt die Anstellung besoldeter Vorstandsmitglieder ab und hält die Vermehrung des Vorstands und der Re• präser.tnnz nur bei gleichzeitiger Abänderung des bestellenden Wahlrechts für angemessen. Die erwähnte Petition hat den folgenden Wortlaut: An das I loht Herrenhaus z.u Berlin, Dem hohen Hause beehrt sich der Vorstand des 130(1 männliche Mitglieder umfassenden Neuen lii• disclicn (iemeindevereins zu Berlin in bezug auf den ״Gesetzentwurf über die Vertretung der Berliner Svna• gc.gengemcinde“ ganz, ergebenst die Bitte z.u unter• breiten, dem Gesetzentwurf in der vorliegenden Form die Zustimmung zu versagen. Begründung: Die Vermehrung der Vorsteher und Repräsentanten der Berliner Jüdischen Gemeinde ist zwar in Anbetracht der Grolle der Arbeitslast durch• aus berechtigt, jedoch lassen die religiös-politischen; Differenzen innerhalb der Gemeinde eine Vergrölk■• rmig der leitenden Körperschaften für den Augen• blick unz.weckmiiliig, ja sogar schädlich erscheinen. Seit Jahrzehnten stellen hi der Jüdischen Gemeinde die sogenannte liberale, d. h. die' r('iigins>frcidcukc• rische, und die konservative, auf Erhaltung der über• lieferten Religion bedachte Richtung einander schroff gegenüber. In den leitenden Körperschaften herrscht die im Vorstände sogar ausschließlich vertretene lihcrale Richtung, weil das bestehende ListeiiAVahlrceht die Minorität von der Leitung völlig ausschlielit. Bei diesem Wahlsystem werden nur die Vertreter einer einzigen Liste gewählt; dadurch war es z. B. bei der letzten Gemeindcwnhl im Jahre PRO möglich, dall die konservative Uiclituug nicht einen einzigen Vertreter in die Repräsentanz, und damit in den von dieser zu wählenden Vorstand entsenden konnte, obwohl •12יי;" aller gezählten Stimmen für die konservative Richtung in der Gemeinde abgegeben waren. Durch dieses einseitige Regiment fühlen die rcligiös-konscr* vativen Elemente «er Gemeinde in ihren vitalsten Interessen sich geschädigt und glauben, dall ihren religiösen Gefühlen mul Bedürfnissen nicht genügend Rechnung getragen wird. Sie klagen 11. a. darüber, dall von Juden dicht bevölkerte Stadtteile, wie z. B. Wilmersdorf mit 000(), Schöneberg mit 1100!) Juden, zurzeit noch ohne Synagoge sind, dall die religiöse Unterweisung der Jugend mul die Seelsorge Schaden leiden mul dall seil langem zu wenigstens teilweiser Abstellung dieser Millstünde unter erheblichen persönlichen Opfern durch Bildung von Religioiisvcreincn zur Selbsthilfe ge• schritten werden mulite. Eine weitere Vermehrung der Vorsteher und Reiräscntanten, wie sic der Gesetzentwurf plant, würde 1ei dem herrschenden Wahlsystem ntisselilkT.lich der liberalen Richtung zugute kommen und daher von weiten Kreisen des konservativen Judentums als eine erneute Brnskicrmig ihrer religiösen Empfindungen angesehen werden. Ganz besonders aber bitten die Unterzeichneten das hohe Haus, die Zulassung besoldeter Vorstandsmitglieder auch aus folgenden Gründen abz.ulelmcn: Bei den geschilderten religiösen Parteiungen in der Gemeinde ist in der vornehmlich zur Wahrung religiöser Interessen berufenen obersten Körperschaft kein Platz. für besoldete, mit den übrigen Versichern gleichberechtigte Beamte! Die Besoldung widerspricht der jüdischen Tradition, nach der das Vor- Richeramt stets ehrenamtlich bekleidet wurde, und sie widerspricht aullmlein noch den Normen der kirchlichen Behörden anderer Konfessionen. Zur Beseitigung der Arbeilsnbcrbürdimg des Vor• Standes und ״zur Heranziehung tüchtiger technischer und juristischer Mitarbeiter" dient zurzeit weit zweckmälliger die vermehrte Austeilung besoldeter i\1׳rh• dez.crnenten und Syndici, die dem Wahlkampf der Parteien entzogen sind. Die Anstellung solcher Kräfte ist von der Ver• wnltung auch bisher schon mit gutem Erfolg durchgeführt worden, und es liegt nach den gemachten Erfahrungen kein Anlall vor, jetzt plötzlich von einem bewährten Grundsatz abzuwciclien. Aus den'genannten Gründen bitten die Unter• zeichneten wiederholt, das höbe Haus wolle die Be* soklung von Vorstehern ablehnen und der Vermeil• rtmg der Vorsteher und Repräsentanten erst dann ziisümmcn, wenn nach Abänderung des bestellenden Wahlsystems auch dem religiös-konservativen '1 eil der jüdischen Bevölkerung eine entsprechende Mitwirkung n.•1!f f)cl,K׳imJcvcrwaltu11g gesichert ist. tzes Hohen Herrenhauses hochachtungsvoll ergebener Vorstand des Neuen Jüdischen (iemeindevereins z.u Berlin, L. Bloch, Kaufmann. Regcnsbiirgcrstr. 31; Dr. Alfred Mee, Rechtsanwalt, Neue Wintcrfcldstr. 8; E. Lichten• stein, l'abrikdjrektor, Uaehsir. 7, Dr. Gustav Witkowski, Arzt, Westfälischeste 35, Dr. lsaae Zwirn, Arzt, Nassauischestr. 56. Der Wahlsieg in Königsberg Der Wahlkampf ist zu Ende. Die Repräsentanten• wählen am 28. Februar haben zu einer schweren Niederlage der ,,Liberalen*4 geführt. Die Liste des (iemeindevereins ist ausnahmslos mit erdrückender Majorität gewählt. Die 0 Kandidaten der ״Liberalen" erhielten zwischen 255 und 276 Stimmen, die 9 Kandidaten lies Gemeinde Vereins zwischen 318 mul •121. Ge• wählt sind: 1. Prot. Rudolph Cohn (121) 2. Dr. jur. Leo Laser*) (•115) 3. Kauimann Julius Frciideulieiin (110) 1׳. Knuhiiaim Max Feinstein*) (107) 5. Dr. Arthur Pelz (102) 6. Kaufmann Elias Hirsch (399) 7. R.-A. Dr. Kaitane (396) 8. Kaufmann Lesser Hirsch (382) 9. Kaufmann Heymaiin Ginzburg (370) anllerdem 7 Herren, die bereits der Repräsentanz. angiT,ölten mul von beiden Parteien zur Wiederwahl atilgestellt waren. Die beiden durch *) bez.eiehncten Herren waren ebenfalls bisher Mitglieder der Ver• Sammlung gewesen, aber in die gegnerische Liste nicht ausgenommen worden, Der Wahlkampf, ein Novum für Königsberg, ist allein von der lincralcn Vereinigung ausgcgangeii und von ihr seit langer Zeit geplant und vorbereitet worden. Gegenteilige Behauptungen von jener Seite, durch die mail in letzter Zeit das Odium, den Kampf in die jüdische Bürgerschaft getragen zu haben, aut unsere Seite nbwälzcu wollte, sind angesichts der allgemein bekannten Tatsachen nirgends ernst ge• nonimeii worden.!111 Frühjahr 1911 erklärte der damalige Vor• sitzende der Liberalen Vereinigung, I lerr Rentier W p 11 h c i in , dem Vorsitzenden der Repräsentanten• Versammlung, Herrn Max Arendt, mau werde den Kami)! aiifiielimen und rechne auf den Sieg. Im Sommer bemühte sieh I lerr Max Arendt nochmals, gegenüber dem augenblicklichen Führer der Liberalen, Herrn Justizrat Dr. L i c h t e n s t e in , ihn für den Frieden und die Aufstellung einer gemeinsamen Liste z.u gewinnen, was von Herrn Dr. Lichtcnstein wieder- 11m entschieden abgeleluit wurde. Am 27. November fand eine öffentliche Versammlung der Liberalen Ver• einigimg statt, in der Dr. Lielitenstein offiziell den Wahlkampf proklamierte. Unter heiligen Ausfällen gegen die iiiehtliberalen Repräsentanten, insbesondere die Zionisten, denen er das Recht bestritt, in Ge• meimlesaehen niitz.ureden, forderte er Entfernung der den Liberalen unerwünschten Repräsentanten aus der Körperschaft und Majorität der Liberalen (d. 11. natiir• lieh der Liberalen Vereinigung) in der Vcrsamm• hing. Trotz, des heftigsten Widerstandes nicht nur aller Niehtlibcralen, die sämtlich von Anfang an für den Frieden eintraten, sondern auch angesehener Mit• glieder der Vereinigung seihst und insbesondere des ganzen, der Liberalen Vereinigung mindestens sehr nahestehenden, Synagogeiivorstaudes gelang es nicht, den Kampf zu verhindern. Er wurde von zwei Ver• einen organisiert und ausgekämpft, dem jüdischen Gcmeiiideverein auf der einen, der Königsberger Lilie• ralen Vereinigung auf der anderen Seite. Der üeiucimlcvcrcin wurde, nachdem die liberalen Kreise sieh gegenüber der Anregung, einen solchen zu schaffen, stets ablehnend verhalten hatten, vor 2 Jahren im wesentlichen von Mittelparteilern 111111 Zionisten gegründet; damals wurden alle Gemeinde• milglieder zum Beitritt aufgefordert, und tatsächlich gehören ihm bis heute eine ganze Anzahl Liberaler und insbesondere fast der ganze Syiingogcnvorslniul au. Er sollte vor allen Dingen die Geuieindewahlen aut breiter Basis vorbereiteii und dem bisherigen 1111• hatlhareu Zustand ein Ende machen, dal) ein kleines Komitee, das sieh regelmäßig seihst wählte, dieses wieböge Ckscbiib vorbereitete uml dwehUihrte. Bald nach jener denkwürdigen Versammlung der Liberalen Vereinigung berief der Geiueiudcvcrciii eine solche ein; hier sprachen sämtliche Redner, darunter Prol, 1׳ a I k e 11 h e i m ,!Mitglied des Vorstandes und damals noch der Liberalen Vereinigung, für den Frieden, Der Vorstand des letzteren halte es für gut gehalten, am Morgen dieses Tages seine Mitglieder auf offener Postkarte vor dem Besuch der Versammlung zu warnen. Der Erfolg war eine sehr zahlreiche Be• teiügtmg der Liberalen au der Versammlung, mul später, wie verlautete, eine lebhafte Auseinander• setz.ung im Scholle der Liberalen Vereinigung. Der üemciiidevereiii stellte mintneltr eine Kandidatenliste aut; ausgehend von dem Grundsätze, dal) der hier herrschenden Tradition entsprechend, die ntisscheiden• den Mitglieder wiederz.uwählen seien, wurden zunächst diese — U) an der Zahl — und aullcrdem 5 weitere Herren der verschiedensten Richtungen als Neu• /!!wählende autgesteilt, darunter 1 Vorstandsmitglied der Liberalen Vereinigung und als Vertreter der Zionisten Dr. Arthur Pelz. Etwa eine Woche vor der Wahl wurden durch die Bemühungen cinflul)• reicher Gemeinilcniitglieder Einigungsverhandlungcn herheigefülirt, die aber an den unerfüllbaren Fordertmgen der Gegner scheiterten. Sie verlangten, dal) zwei aiissclicidende Repräsentanten nicht wieder• gewählt würden, unter den Neiiliinziiztiwählenden keiner Zionist sein dürfe, und imhcdiugtc Majorität der Liberalen in der Versammlung. Der Gemeinde• verein war schon bereit, geleitet von dem Wunsche, wenn irgend möglich, den Frieden zu erhalten, und da immerhin schon 3 Zionisten der Repräsentanz angchörten, die zweite Forderung zu bewilligen; miiiuichr blieben aber die Liberalen nicht nur bei ihren ersten Forderungen, ohne die geringste Konzession zu machen, sondern sie erklärten jetzt, sie würden auch nicht mehr, wie bisher, einen Vertreter der vielen liimdert russischen (ieuicindemitglieder an Stelle des bisherigen verstorbenen Vertreters in die Rcpräsen* tniitenvcrsamniliing zulasseu. Angesichts dieser For* derungen konnte natürlich für den Gemeimleverein eine Fortsetzung der Verhandlungen nicht mehr in F'rage kommen. Die vielfach verbreitete Meinung, dal) die Verhandlungen seitens der Liberalen nicht ernstgemeint gewesen seien, sondern dall sie gerade den Kampt wollten, ist vielleicht nicht zutreffend, jedenfalls aber nach diesen Vorgängen erklärlich. Der (iemeindeverein stellte jetzt eine Kampfliste aul, die keinen Liberalen mehr enthielt und strich, durch das entsprechende Vorgehen der Gegner dazu genötigt, nunmehr auch ihrerseits zwei der zur Wiederwahl stehenden Liberalen von ihrer Kandidatenliste. Es mul) festgestellt werden, dal) der Wahlkampf trotz der ungeheuren Erregung in der jüdischen Bürgerschaft in würdigen Formen geführt wurde uml mir unmittelbar vor der Wahl einen schärferen Charakter annalini. Vorgänge wie seinerzeit in Berlin sind uns erspart geblieben. Die Wahlbeteiligung war eine ganz auDerordentlieh grolle. Während vor drei Jahren 10״o der Wähler, vor sechs Jahren 38״;« gewählt hatten, wählten diesmal 700 7()״״ der wahlberechtigten. Aut beiden Seiten wurde mit grülitem Eiter unter Benutzung des gesamten inoderneu bei Wahlen üblichen Apparates gearbeitet. Auf seiten unserer Gegner wurde in der Bemühung, denjenigen Teil der jüdischen Bevölkerung, den sie mit richtigem Instinkte für ihre Domäne hielten, nämlich die jüdisch nicht Interessierten, an die Wahlurne zu bringen, das Menschenmögliche geleistet. Das Wort; ״soviel üojim hat mau noch niemals in der Synagoge gesellen," hörte mau bezeichnenderweise mellt nur aul unserer Seite. Das Erscheinen mancher — allertlings nicht durch ihr Interesse für jüdische Dinge — bekannter Persönlichkeiten riet im Wahllokal unverholilcue Heiterkeit hervor. Das Ergebnis der Wahlen löste bei Bekannt• werden in der jüdischen Bürgerschaft einen Jubel aus, wie wir ihn hier noch nicht erlebt haben. Stein. Eine jüdische Versicherungs-Abteilung Die Frage wegen der Begründung einer be• sonderen jüdischen Versicherungsgesellschaft bildete in leitende» zionistischen Kreisen den Gegenstand mehrfacher Erörterungen, die auch auf dem letzten Baseler Kongreß ein Echo fanden. Bei der grollen Ausdehnung und Verbreitung, die das Versiclicrur.gswesen mit dem Fortschreitcn der Erkenntnis von der Bedeutung der sozialen Vorsorge überall erfahren hat, war die Nützlichkeit einer derartigen Institution! so einleuchtend, dall darüber keinerlei Zweifel und Meinungsverschiedenheiten herrschen konnten. Nur ist nicht immer das Bedürfnis gleichbedeutend mit der Ausführiingsuiögliclikeit. Die Schaffung einer allgemeinen jüdischen Versicherungsgesellschaft würde einen Aulwand an sehr beträchtlichen Mitteln und Kräften und einen riesigen organisatorischen Apparat erfordern. Diese Schwierigkeiten konnten nur mit Hilfe einer bereits bestellenden Versiclicrungsgesell• scliaft umgangen werden, die über die nötige Organi• satiou und die erforderlichen Mittel verfügt. Das ist mm durch das Ucbercinkommeii des Actions-Comites der Zionistischen Organisation mit der Basler Lebens• Versicherungs-Gesellschaft in hohem Malle erreicht worden. Auf Grund dieses Vertrages hat die Basler Gesellschaft, eine der angesehensten und kulantesten Versicherungsgesellschaften, eine besondere Jüd i s c 11 e Abteilung errichtet, aus der sowohl der z. i o 11 i s t i k c h e 11 Organisation wie den V e r• sieh eile 11 seihst erhebliche einmalige und fortlaufende V e r g ii 11 s t i g 11 n g e 11 gewährt werden. Diese Einrichtung hat, wie zu erwarten war, in den Kreisen unserer Freunde lebhaften Auklaug gefunden und bereits erfreuliche Erfolge gezeitigt. Und wir hoffen, daß unsere Freunde überall fortfahren werden, aus derselben seihst Nutzen zu ziehen und auch sonst für die ״Jüdische Abteilung" der Basler Lebensver• sichcrungs-Gesellsclinft bei jeder Gelegenheit sich einzusetzeu, Insbesondere machen wir darauf aufmerk• sam, dall auch die Sululircktion der Gesellschaft in Berlin, Friedrichstrafle 3) (Tel.: Moritzplalz, 2109) eine von einem Gesinnungsgenossen geleitete ״Jü• dischc Abteilung" eingerichtet hat und hierüber nähere Auskünfte erteilt.