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Jüdische Rundschau · 1912-03-08 · Heft 10 (8.3.1912) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 10 (8.3.1912)
Date
1912-03-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 80 J U E DI S C H E RUNDSCHAU Nr. 10 Das deutschsprachliche Aiislanilspnlenitun ist eines der ״iiädistlicgemlen" ('ichioU* t'ur moralische Eroberungen Deutschlands. Bislu’r aber hat!111’ »tcu1>c!1c Judcnpolitik im 111• und Ausland recht wenig Interesse daran gezeigt, die Vorteile /u fnihtdi/ieren, die wahr• lieh schon laugst vor den oben wicdcrgegchcucn konsularischen Itestätigungen und nicht nur hier oder nur in wirtschaftlicher Beziehung / u 111 Greifen n a h e I a gen! Aus ״Das volksorganisclie Massiv4‘51) Von Qchciiurat Prof. Dr. Max Breitung. Den Zionismus möchte ich keineswegs mit dem Malle des Utopismus gemessen wissen. Es mag sein, dali die Ziele desselben sieh nicht |)ohtisch s o realisieren lassen, wie sie autgetreteu sind. Gegen die Lege n d e v o n der K o n f e s s i o n sollten doch endlich alle sclbsthcwuliten Juden ganz, ent• schieden Front machen. Man denke: Iftit Bauer iu Westfalen, Hildemar Aiigerdissen, dessen Ahnen schon seit den Zeiten ries Tacitus auf einem und demselhen Hof sitzen, welche unter Widukind die Streitaxt ge• tragen haben, fühlt sich religiös gedrungen, zur jii• dischcn Konfession überzutreten. Würde der Mann auch nur von einem Glaubensgenossen als vollwertiger Jude betrachtet werden können? Ja — auch mir von einem überhaupt denkenden Menschen überhaupt? Würde er überhaupt als vollberechtigtes Mitglied angenommen werden können. Ich stelle diese F;rage ohne jede Voreingenommenheit mul höre unter Lachen der ganzen Welt: Nein! Man kann nicht ״Jude“ werden, so wenig als man Germane werden kann, das muß man sein. — Jede rassische Abgrenzung ist Fortschritt, und kein Akt einer unzeitgemäßen Neigung zur rassoiuauen Ligenhrödelei. Rasscu-Konsuliilation ist so wenig Slawonianic als Romanomanic oder Cur• ntanomanie, es ist Kraftzentrifuge, naturwissenschaft• Ucl.es Evolutionsbestrehen. Man bleibe doch end- Uch bei der Anerkennung der Tatsache, daß das Er• gebnis der Rassenlehre das ist, daß ihre Erbmassen ״anderswertig" sind. Anderswellig ist noch lange nicht minderwertig. Diese vollkommene F.ilschung der Begriffe ist auch in der Frauenbewegung nicht tot zu machen. Auch bei der ruhigsten Erürte• rur.g der Frage, ob die Frau fiir diesen oder jenen Beruf tauglich oder nicht tauglich ist, erlicht sich eine kampfbereite Frauenrechtlerin, um mit /um־ behender Stimme flammenden Prolcst dagegen zu erheben, daß die Frau dem Manne gegenüber -- so lautet ja die patentierte Frage -- minderwertig sei. Durch nichts beweist aber eine Frau ihre Mm• derwertigkeit, als gerade dadurch, daß sie einfache Begriffe wie anders wertig und minder wertig nicht zu trennen weiß. Bismarck war gewiß anderswertig als z. B. Werner Siemens. Aber beide Männer würden in ein homerisches Gelächter ausgebrochen sein, wenn man nuderswertig auch mir den allergeringsten Beigeschmack von minderwertig bähe geben wollen, Mull mau denn immer verglei• eben, muß mau immer messen! Jeder 1 ischlermeister, jeder Glasermeister, der tüchtig ist, ist mir ein ebenso vollwertiger Volksgenosse und iu seiner Art ebenso bedeutungsvoll, als irgendein llochintdleküieller, wenn auch anderswertig. Jedenfalls ist er für die völkische und nationale Oekonomie hochwertiger als iigcndein Entarteter, der seinen Namen mit dem• seihen Recht trägt, als ein in lichtscheuem Keller gemachter Kunstwcin den Namen Marcobrunnc(! Es besteht vielfach bei den Intellektuellen eine gewisse Ucbervinpfiiidlidikcit gegen das Wort ״völ* kiseli“ und gegen das Wort ״Rasse*•. Ich glaube diesen notorischen Widerwillen darauf zurück führen zu sollen, daß diese Worte mit besonderer Emphase seit dem Erscheinen von Chamberlains Grundlagen in antisemitischem Sinne ins Treffen geführt worden smü. Gct innere Wert der Worte ist im Streite des Tages so verkehrt worden, daß völkisch in auti• semitisch gefälscht worden ist. Vielen Völkischen aber fällt das Wort ״antisemi• tisch" ebenso auf die Nerven, als anderen das ״völ• kisch". Man verlerne doch die Begriffe auf ihren Gegensatzwert zu gebrauchen. Der Begriff des Völkischen schließt an sich jedes co 11'• tra aus. , Erkennen wir: Es gibt kein Volk, welches, so lange es in der Geschichte aufgetreten ist, sich mehr als völkische Einheit /usammcugchalten hat, als das •) Diese Bruchstücke sind einem ausführlichen Vortrag ״Der Säuglingsschutz in seiner Bedeutung für das volksorganisclie Massiv", gehalten auf dein 3. internationalen Kongreß für Säiiglingsschnlz, abgedruckt iu der- Polit. unthropol, Revue, Januar lölg entnommen. Die Kritik Zollschans u. a. muß an Ort und Stelle nachgelescn werden. — Felix A. Thcilbabcr zur Rcligion der Rasse, der Drang nach rassischem jüdische, mul cs gibt kaum einen größeren Rassentheorcliker und Anthropologen als Moses. Dieser gewaltige Rassepolitiker ist der eigentliche Erzieher Zusammenschluß ist erwachsen in den Spuren dieses Heros, welche man als vestigia leonis erst nach Jahrtausenden erkannt und zu Leitlinien erhebt. *־* Der neue Rheinbund und die Alliance Seit einem Jahre führt die Deutsche Konferenzgemeiiischaft der A. I. U. einen schweren Kampf gegen die Chauvinisten des Pariser Zentralkomitees, gegen «lie Reinach und Bigart, deren die Alliance vermeidendes und das Judentum schädigendes Ver• halten wir des öftere״ unsern Lesern klargelcgt haben. Die jüdische Presse und die ()effeiilliehkeit sind sieh bisher nach dieser Richtung hin ziemlich einig ge• wesen, haben die Berliner Herren iu ihrem Kampfe unterstützt, und als die Pariser jede Opposition imiud• tot zu machen suchten, indem sie »lie Wahlen einfach ahseliaffteu und so alle NiclUfranzosen zur Ohnmacht verdammten, herrschte helle Entrüstung. Aber diese Pariser Herren, die in der allgemeinen Politik so וווו• endlich radikal sind, huldigen im jüdischen Leben einer Autokratie, die in ihrer Rücksichtslosigkeit fast groß• zügig wirkt. Da sind sie jüdische Napoleons d, 11. den Formen nach. Aber der Pariser Geschäftsführer Bigart־Na|H)leon hat sich auch sonst sein großes korsisches Vorbild zum Muster genommen. Er huldigt nämlich »lern alten Satze: ,,divide et impera" und sucht die deutsche Gegenaktion der Bildung eines l.amleskomitees »lurch die Schaffung eines Rhein• blindes mit Frankfurt a. M. als 1 latiptstadt zu hinter• treiben. Leider Gottes hat er bei diesem Beginnen nicht ohne Grund auf die innere Zerfahrenheit der deutsche״ Juden gerechnet. Mau sollte es kaum glauben, »laß sieh iu einer solchen Situation Juden bereit finden wurden, dem deutschen Landcskouiitee in »len Rücken zu fallen. Dennoch ist es geschehen. Und dieselben Frankfurter Herren, »lie früher in dauernde״ Kämpfe״ mit Paris lagen, unter ihnen der Justizrat BI a 11, der vor 2 Jahren wegen des Streits mit Paris aus dem Zentralkomitee aiistrat, mul Dr. B a c r w a I d , schreiben im Einverständnis mit den Parisern an »lie Breslauer, Hamburger, Königshergcr tisw., tun Ile• zirksk«nnitees für einzelne Landesteile zu bilden, eine Zersplitterung licrbei/nfülircn, den l'ran/osen »len Sieg zu sichcni. Es winl auch »lei* Siegespreis natürlich nielil vergessen: Die Zentrale der Alliance soll aus »lein verseuchten Berlin entfernt und nach Frankfurt a. M. verlegt werden. Und »lie Herren Dr. Rosen• t h a I, J o s c p h t h a I, S a I v e n d i sollen unter Füll• rtmg des eifrigen Vorkämpfers der Pariser, Stailiverordneten F i s c h e r aus Linden bei Hannover, nach Frankfurt wandern, um dort mit Blau, Baerwald und Dr. Adler über eine neue Ordnung »ler Dinge in Deutschland nach französischen Wünschen zu he* raten. Eine Neuordnung, die zwar dem Alliance• ged,mkcii schaden, den Frankfurtern aber nützen wird. Denn auf 11er neuen Vorschlagsliste für Kooptationen, »lie Paris soeben verbreitet, stehen als deutsche Mit• glieder - Blau mul Baerwald. Dagegen hat man kühlen Bluts »len Rabbiner Dr. Werner, München, »ler mutig die fraiizösisiereudcn Tendenzen bekämpft hat, seil 25 Jahren im Vorstand »ler Alliance saß und mm tiirmiMiiäßig ausscheidet, von der Liste gestrichen. Seine Stelle aber nehmen die Frankfurter freundlich• ruhig ein, ohne zu erröten. Das ist w»dd die kläglichste Phase in diesem an Kläglichkeiten reichen Kampfe. Bigart-Napolenii reibt sich »lie Hände, »ler Rheinbund kämpft für ihn. Möge das neue Lan»lcsk»>mitcc der Alliance, »las »len Kampf mutig .mfgemmimeii hat, stark genug sein, um auch diese mm der Oeffentlichkeit bekannten Plaue zunichte zu niacnen. Zionismus oder Liberales Judentum ln »ler vorliegenden, zur Agitation bestimmten mul darum populär gehaltenen Broschüre *) hat sich »ler V».־rfasser mit großem Geschick der überaus schwierigen Aufgabe unterzogen, »las Verhältnis des Zionismus zum jüdischen Liberalismus dnr/ustcllcu. Zionismus oder Liberales Judentum" lautet der r‘u!; 1,5,׳mit konstatiert der Verfasser von vorn• herein eine Gegensätzlichkeit, die ja auch in der Praxis besieht und deshalb nicht erst bewiesen zu werden braucht, die aber ~~ theoretisch -- nicht ohne weiteres verständlich ist. Zionismus und religiöser Liberalis- *) Zionismus oder Liberales Judentum. Von Rechtsanwalt Dr. Max K o 11 e!1 s ch e r •Posen. Flcr• ausgegehen von der ״Zionistischen Vereinigung für Deutschland". Preis 30 Pfennig. K ums sind verschiedene Aeußcrmigvn des jüdischen Lebens, schließe״ sieh aber a priori mir zum gC. ringsum Teil aus. Dem Unbefangenen mußte deshalb eine Gegenüberstellung, wie sie »ler Titel »ler |;f״. schtirc enthält, genau so unverständlich sein,;,1$ wollte man etwa Saiiglingssehulz. und B»)1lenrefc1rn1 als einander aiisschbcßcutle Seilen des sozialen Pro. blems hinstellen. In kluger Absicht hat cs der V rfasscr veimieden, für diesen Unbefangenen, »len e» in unscriii (icnicimlclcben mehl mehr gibl, zu schrei, bei! und seine Ausführungen auf »liest• akademische Frage /u/uspit/eii. Wahrend er vielmehr diesen Gegensatz als »lurch »lie Tatsachen gegeben ansidit, weiß er »kicli »ler erwähnten Frage, ohne sie direkt zu stellen, eine durchaus befriedigende Antwort /-U geben. In dem ersten: ״Die Methoden des L i b e r a I i s in 11 s" betitelten Kapitel weist er einwamlsfrei nach, daß c.s sieh iu utiserm Gemeinde• leben nur um eine pseudoliherale Bewegung handelt. Dieser fehlt »las Recht, sich liberal zu nennen. I>c״n weder vertritt sie »lie allgemeinen, freiheitlichen Ver* waltungsgrumlsät/e, wie allgemeines und gleiches Wahlrecht, Proportion.11 wähl, Wahlkieiseintcihing, noch die rebgu»s-freil1eitI1d1en Forde rungen, wie T״]c• ranz (Unter»laickung der konservativen Minoritäten) und Recht der freien Meinungsäußerung (Bcvormun• »hing der Rabbiner). Spezielle religiöse Leitsätze kennt dieser Lilien• lisinus nicht. Selbst die Forderung der Verbindung von Leben und Lehre, »ler Uebereinstimmiing v״n Schule und Haus entspringt nicht einer sittlichen Forderung, sondern opportunistischen Ueberlcgtingcu, Mit aller Schärfe und äußerster Prägnanz hebt K o 11 c n s c h e r hervor, wie unmoralisch, wie jedem religiösen Empfinden widersprechend es ist, den Sabbat, den die Über,den selbst als elbisch um.nl•!)ehrliche Institution anerkennen, dem Nüt/Iiehkciis• prinzip uiitcr/uonincn, indem man seine Befolgung als wirtschaftlich schädlich hinstellt. Der einzige positive Progr.immpimkt dieses Liberalismus ist der Kampf gegi'11 »len Zionismus. Indem man die L'vistenz einer jüdischen Nation bestreitet und nur von einer jüdischen Glaubensgemeinschaft spricht, glaubt man zu diesem Kampf berechtigt und verpflichtet zu sein. Es ist »lurebaus folgerichtig, daß »ler Verfasser iu einem besonderen Kapitel ״Nationalismus 1111 »I R e I i g i»» n" auf »lie dem jüdischen Volk eigentümliche ״Durelulringung" von Nation und Religion eingellt. Vielleicht wäre es ratsamer gewesen, »liest• sehr bedeutsame Frage ausführlicher zu lie• handeln und dafür »lie Polemik gegen Dr. Gold* m a n n ganz, zu lassen. Ich glaube, wir sind heute so weit, dem Gegner gegenüber Distanz wahren zu können, und wir vergeben uns etwas, wenn wir uns mit Leuten vom Schlage des Dr. Goldmann in eine Polemik einlassen. Dieser edle ״Geistliche" hat eine Broschüre geschrieben ״Zionismus oder Liberalismus, Atheismus oder Religion", und verschmäht «las erbärmliche Manöver nicht, durch «liese Gegen- »liierstelhiug in dem harmlosen Leser »lie Vorstellung zu erzeugen, als ob Zionismus und Atheismus irgendwie zusammen gehören. Niedriger hängen ־— das ist alles, was wir solchem Machwerk gegenüber zu tun haben. Daß Sie aber, lieber Freund Kollenschcr, im Vorwort auf »liese Schrift Bezug nehmen, ist wirklieh zu viel »ler Ehre. Auch die Zitate, »lie Sie brittgen, daß die Juden ausgerechnet in Erez Israel zum (Christentum übertreten, würden, wenn cs »len jüdischen Staat gäbe, «laß »lie jüdische Religion — welches Unglück! - Staatsreligiou werden müßte, und was dergleichen mehr ist, zeugen auch ohne Kommem.tr — für die geistige Armut ihres Urhebers. Gerade in »ler Polemik sollten wir nicht vergessen, was 1,:•; von - sagen wir strebsamen Leuten dieser An trennt. — — — Nach einer vortrefflichen Schilderung der 11,1110nnlen Begabung «ler Juden, die sich auf religiösem, politischem uml wirtschaftlichem Gebiete durch Jahrbitisende liiiirlureh dokumentiert Italic und ihre Krummg in Oer Arbeit für Zion finden »liirfte, faßt Kol• lenschcr sehr wiikiingsvull zusammen, was uns von jenen angeblichen Liberalen trennt. ״Weniger Judentum" ist die Parole dieser Richtung, die noch nie «lie Kraft gezeigt hat, auf »las Geschick der grollet! JmlcnmasNcu mit ihren Ideen ei i/invirkcn. ״Mehr Judentum", «las Leitwort «les Zionismus, «ler allein befähigt ist, das Judentum 111111 damit auch die jüdische Religion zu erhallen. — An «lern propagandistischei» Lrfolg vier Broschüre zweifle ich keinen Augenblick. Der logische Aufbau, «lie klare Sprache, der vortreffliche gedankliche Inhalt ermöglichen cs. daß man sie auch iu den kleinsten Gemeinden wird lesen und verstehen können. Und nach Ausmerzung des erwähnten kleinen Schönheitsfehlers wird auch »las ästhetische Behagen an dieser neuen Propagandaschrift ein ungetrübtes sein. I)r. Gustav W i t k o w 8 k y. I

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