Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. y JUED1SCHE RUNDSCHAU beite 71 Missen nicht» davon, daß der Ausschuß des I). I. G. H. im Jahre 1007 den R o 8 i n s c h c n Gesetz• ent wurf zur Zugang »Organisation der preußischen Juden heit vorlcgte. Sie wissen nichts davon, daß, nachdem dieser Entwurf oh der Entrüstung der öffentlichen Meinung zurückgezogen werden mußte, im Jahre 1909 auf dem Gemeinde• tage in llerlin der M a c h o I s c 11 e G e k e 11 e n t w u 1• f vorgelcgt wurde, dem erst die Resolution Fried• manu mit knapper Majorität .ein sanftes l-mle beleitete. Sie wissen auch davon nichts, daß für die im Vorjahre vorgcschlagcnc Satzungsänderung kein c rlei sachlicher Grund vorhanden ist, so daß sieh mit Notwendigkeit die an Gewißheit grenzende Vermutung ergibt, diese Satzungsänderung sei nichts an• «!eres als ein Umweg, um doch noch zu einer /wangsorganisation zu gelangen. Von alledem wissen Sie, sehr geehrter Herr, nicht das Geringste, und in dieser von keinerlei Sachkenntnis getrübten Unbefangenheit halten Sie sieh für berufen, den Männern eutgegenzutreten, deren Verdienst es ist, die erwähnten Versuche zur Küche• hing der jüdischen Gemeinden verhindert zu haben. Sie imputieren unserem Komitee,- daß es i in Namen der kleinen jüdischen Gemeinden das Wort führt. Diese liehauptuug ist, gelinde gesagt, eine Unrichtigkeit. Das Rundschreiben unseres Komitees spricht nicht i m N a m e 11 der G e in e i n d e 11, soll• dem richtet sich an die Vorsteher der Gemeinden. Es gibt ihnen eine sachliche Darlegung der Ereignisse der leiden Jahre und erbittet lediglich die Eriiiäeliti• gung, die Gemeinden in dieser Angelegenheit auf «lern laufenden erhalten und Ihnen zurzeit Vorschlüge zu ihrer Vertretung auf dem Gemeindetage vorlegcn zu dürfen, falls die Gemeinden nicht «inen eigenen Vertreter 7.u senden wünschen. Wo ist hier auch nur der Schatten eines Vcrsuche» zur Bevormundung der kleinen Gemeinden zu erblicken? Sic werden sich der Verpflichtung nicht cntsehlagen können, angesichts dieser Tatsache, die zu Ihren Behauptungen im krassesten Wider- Spruch stellt, Ihre Vorwürfe ztirückzunelimcti. Nun eine kleine Gegenfrage: In ihrem Artikel heißt es: ״Uns Vorstehern, die wir aus kleinen, mittleren und großen Gemeinden zusnuuucugctrctcn sind, um pflichtgemäß und ernst die Fragen des jüdischen Ocmcindcwcscns zu besprechen, wurde dadurch die Teilnahme — ich muß das Wort des Herrn Vorsitzenden des Rabbinerverbandes wieder• holen, weil c» die häßliche Sache mit dem riehtigen Namen nennt — verekelt.'• Sic sprechen hier also nicht für Ihre eigene Person, sondern Sic sprechen von ״uns" Vorstehern. Ich bin so neugierig, zu fragen, wer diese ״uns" sind. Außer Ihnen doch vorläufig niemand. Die hunderte von Zustimmungen, die unserem Komitee auf sein Rund, schreiben vom 12. Januar n. c, zugegnngen sind, beweisen, daß die Sympathien der kleinen mul uiitU leren Gemeinden unseren Bestrebungen weiter treu geblieben sind. Unt so dringender wird die Frage, wer die ״uns" sind, in deren Namen Sie das Wort fühlen, Ein glücklicher Zufall setzt mich in die Lage, auf diese Frage eine Antwort selbst erteilen zu können, Es scheint, daß diese ״uns" noch nicht vorhanden sind, sondern .daß Sic sic erst suchen, allerdings auf eine recht eigentümliche Weise. Der glückliche Zufall, von dein ich eben schon sprach, hat mir Ihr Rundschreiben vom 16. Februar a. c. in die Hand gespielt, das ich zu Nutz und Frommen der jüdischen Gesamtheit hier wiedergebc. Sie schreiben: ״Neumark, Wcstpr., 16, Februar 1012. Vertraulich! Hochgeehrter Herr! Die für den Bestand des Deutsch•! sracliVischcn Gcmcindcbundcs bedrohliche Lage, die Verkennung der dem Wohlc der kleinen Gemeinden von seiten seines Ausschusses gewidmeten Arbeit, v o r a 11 c m aber die unwürdige Rolle, zu der das Hogcii, ״Komitee zur Wahrung der Rechte der kleinen und mittleren Ge. mclndcn" uns verurteilt, haben mich zur Abfassung des Beifolgenden im Kölner ״Isracliti. sehen Painilicnblattc", im Hamburger ״Israelitischen Fatnilicnblaltc*' und im Berliner ״Israelitischen Wochcnblatte" erschienenen Artikel veranlaßt. Ich hoflc, daß Sic, sehr geehrter Herr, der •Sie aus eigenster Tätigkeit mit der Lage der kleinen Ge. mcinden und ihren Bedürfnissen bestens vertraut sind, meinen Ausführungen zustimnten werden. Deshalb lade ich Sic hiermit ganz ergebenst ein, mit gleichgesinnten Freunden der kleinen Gemein, den, solchen, die wirklich durch ihre Leistungen berechtigt sind, in deren Namen zu sprechen, zu. ■anunenzutreten. Die gleiche Aufforderung richte ich an Herren aller religiösen Richtungen im Judentum: denn alle sind berufen, den kleinen Gemeinden das Verständnis für die unwürdige Zu• mtilung des Komitees zu wecken und der ge• störten Eintracht im Gemeindeteben zu dienen." So weit, so gut! Es ist Ihr gute« Recht, sielt Gesinuiusgsgctumcii zu suchen, die mit timen, wie Sie so schon schreiben, ״der gestörten Eintracht int Ge• mciiulclchcn dienen" sollen. Nun kommt aber ein Passus, dem ich das Prädikat ״gut" leider nicht zuerkennen kann, und auch Ihre Freunde aus der Steglitzer Straße werden das nicht können. Sie fahren nämlich fort: ״W e 1111 ich innerhalb von acht Tagen keine gegenteilige E r k I ü r u n g v o n Ihnen erhalte, werde ich tn i r d i c Frei• heit n e 11 m c n , Ihren geschätzten Namen u11U׳r den b e i f o l g c n d c n A u f r u f an die B u 11 desge meinden des D. I. G. B. zu setzen. Mit vorzüglicher Hochachtung gcz. Landshut, Vorsteher der Synagogengemciude Nctunark, Wp. Nein, verehrter Herr Synagogenvorstelier, das geht wirklich nicht! I Iahen Sie gar nicht daran ge. dacht, daß von den vielen Adressaten, denen Sie Ihre Epistel zugehen ließen, ein Teil verreist, krank oder durch sonstige Umstände verhindert sein kann, Ihnen initzuicilcn, daß er in dieser immerhin nicht ganz unwichtigen Frage nicht ganz Ihrer Meinung sei, daß er nicht so bereit sei, wie Sie, ,,der gestörten Eintracht im Gcineindelcben zu dienen"? Und alle diese, wie die anderen, die Ihnen aus irgendeinem anderen Grunde nicht antworten, wollen Sie als Ge• siuumigsgcuosseu annektieren —- verzeihen Sic das harte Wort! -- mul ihre Namen als Unterschrift unter Ihr zu erlassendes Zirkular setzen? Sehr geehrter I k-rr, das gellt wirklich nicht, und ich hoffe, daß sogar meine schwachen Worte hiureichen, um Sie von der Uuausführbarkcit dieser Idee zu überzeugen. Da es aber wirklich schade wäre, Ihr Rund, sehreihen der Öffentlichkeit vorzuenthnltcn — der Schlußsatz allein wird hinreichen, den Neid des Herrn Wippchen in Bernau zu erregen —, habe ich die Redaktion dieser geschätzten Zeitschrift ersucht, cs diesen Zeilen als Nachtrag folgen zu lassen. Berlin-Wilmersdorf, 20. Februar 1912, Mit ausgezeichneter Hochachtung Moritz A. Locb, Das von Herrn Landsliut geplante Rund• schreiben bat folgenden Wortlaut: ״Verchrlicher Vorstand I Die Einmischung des sogen. Komitees zur Wah• rimg der Rechte der kleinen und mittleren Gc• iticiuden in unsere Angelegenheit veranlaßt uns, die an der Sache nächst Beteiligten, die wir Anhänger der verschiedensten religiösen Riehtinigeii sind, an Sie hcrairaitretcn. Jene Herren gehören mit verschwindenden Ausnahmen dem Deutsch-Israelitischen Genieitulelniiulc nicht'*1) an um! können sich in ihrer Mehrzahl nicht in der Eigenschaft als Vorsteher oder Rabbiner von kleinen Gemeinden legitimieren, sondern sind als Parteifülircr bekannt. * Der beifolgende, im Kölner ״Israelitischen Gc• iiicindcblaU", im Hamburger ״Israelitischen Fa• milienblatt" und Berliner ״Israelitischen Wochenblaß" erschienene Artikel des rnituntcrzcichnetcn C. Landsliut wird Ihnen die Augen öffnen über die unwürdige R o II c, d i c u n 8 z u g c m u t c t wird, und über die Gefahr, die aus der Zwietracht zwischen den O c incindcn.bcsondcrsfürunsklcjncrc, aber auch für das gesamte deutsche Judentum entspringt. Machen wir uns nicht zu .Mitschuldigen an dem drohenden Zerfall des mühsam durch die treue Arbeit des Ausschusses zu seiner jetzigen Bedeutung allsgebauten Gcmcindcbundcs IW i r sind nicht in der Lage, den Schaden und die Vorantwortung zu tragen! Wir brauchen die unerbetene Hilfe des oben bezeichnten Komitees zur Führung unserer eigenen Sache nicht 1 Wer nicht geneigt ist, sich bevor• munden zu lassen, der woll« das durch Benutzung der beifolgenden Postkarte kund tun. Das Komitee zur Abwehr der Bevormundung der kleinen und mittleren Gemeinden." ") Das ist eine Unwahrheit; sämtliche Herren gehören zu Gemeinden des ü. J. Q. B. M. ,L. Einiges aus der zionistischen Jugendarbeit in Posen Seit jeher ist der Vorwurf unserer Gegner, di« Anhänger des Zionismus setzten sich zum größten Teile aus jungen Leuten zusammen, unser Stolz ge• wese»; immer haben wir nt t Genugtuung darauf hin• weisen können, daß unsere erhabene Idee der jiidi• sehen Jugend wieder neue Liehe und neue Begeistc• rting für unsere Gemeinschaft cingcflößt hat. Und daß wir recht daran taten, uns der Jugend als der Bürgen für unsere Zukunft zu versichern, erhellt am besten die Tatsache, daß liehen der allgemeinen Jugendarbeit und Jugendfürsorge von allenthalben her mail auch im JtidcuUmic daran geht, die Jugend zu organisieren und sie für jüdische Dinge zu intercssicrcu. So sehen wir hier, wie man in der allge• meinen Judcnlieit bewußt und unbewußt unsere An״ regungcii akzeptiert. Und wir freuen uns darüber. Sind (ioeh all die Erscheinungen der letzten Zeit nur Geist von unserem Geiste, Wissen wir doch sehr Wohl, (laß alle Bestrebungen zur Organisierung und zur Zus.uiiiueiifassung der Juden letzten Eudes zur Natio• iialisiciuig des Judentums führen müssen. Allerdings dürfen wir Zionisten dabei nicht übersehen, unseren Idee» überall durch eifrige Propaganda-Arbeit den Platz zu erringen, der ihnen gebührt, dürfen aber auch nicht Vergessen, daß das Bekenntnis zum Zionismus von jedem seiner Anhänger eingehende Kenntnis der zionistischen Materie, der jüdischen Geschichte und Literatur, sowie aller das Judentum bewegenden Fragen verlangt, und in erhöhtem Maße diese F«*rde• rungen an die zionistische Jugend stellt. Wir jungen Zionisten in Posen, die wir vor ca. zehn Jahren die Kleinarbeit in kleinem Kreise begönnen haben, und uns später als zionistische Junguiaiinscliaft darauf beschränkten, jüngere Mitglieder der Ortsgruppe zionistisch /u vertiefen, haben uns Ende vorigen Jahres genötigt gesellen, unseren Kreis zu erweitern, wir liahcit uns mit der inzwischen be• gründeten M.ülcliengrtippc zu der nunmehr über 70 Mitglieder zählenden ״Zionistischen Jugendgrupnc" vereinigt. Unsere Gruppe stellt natürlich auf (lein Boden des Baseler Programms. Neben der Verbrei• •tiinß U111I Forderung des Zionismus üi jeglicher Art ist die Beschäftigung mit jüdischer Geschichte und Literatur, sowie die Kenntnis der hebräischen Sprache unser Ziel. Unsere bisherigen zunächst weiterer Pro• pagauda gewidmeten Veranstaltungen, hatten wir einer größeren Ocffeiitlichkeit zugänglich gemacht. Trotzdem wir nicht annoncierten, waren die Vcrsamm• luiißcn diiiclisduütilii.11 von 120 Personen, fast nur jungen Leuten, besucht. Ferner veranstalteten wir eine große öffentliche Versammlung, in welcher Gg. Heinrich Margu* lies über das Thema: ״ D a r f s i c 11 d i e j ü d i s c h c Jugend j üd i s ch-1 ibc ra I organisieren?" sprach. Veranlaßt wurde diese Versammlung durch die Gründling des jüdisch-liberalen Jtigcndvereincs in Posen, und durch die Art lind Weise, wie dieser Verein ins Leben trat. Da man doch etwas haben muß, was wie ein Programm aussiclit, hatte man in richtiger Spekulation, daß der Zionismus auf manche Juden noch immer wie *las rote Tuch auf gewisse Tiere Wirkt, diesen als Mittel zum Zweck benutzt, und das Ziel des jüdisch - liberalen Jugeiidvereiues ist: Be• kämpfung des Zionismus. l)cr Verein schließt nach seinem Tendeiizparagraplien Zionisten, auch religiös• liberale, von der Mitgliedschaft aus. Nun sollte man doch meinen, daß man den Angegriffenen Gelegenheit zur Verteidigung ihres Standpunktes gegeben hätte. Weit gefehlt! Wie die liberalen Alten suuuucn, so zwitschern auch die Jungen. In echt liberaler Weise veranstaltet man unter Ausschluß der Ovffcnt• liciikcit Versammlungen, in denen der Zionismus mit Argumenten wie vor zehn Jahren abgcschlachtct wird. Als die Zionisten dennoch hiugehcn und sich zur l>isktission melden, wird ihnen das Wort verweigert. Ist dies auch weder jüdisch noch liberal, so ist cs doch immerhin jiidischdiher.il. Natürlich haben wir cs nicht daran fehlen lassen, dies*: pseudo-liberale Handlung»- weise, wo wir nur konnten, gebührend zu beleuchten tun! bekannt zu inadieu. Diesem Zwecke war auch der oben erwähnte Vortragsabend gewidmet. In überaus trefflicher Weise legte Gg. Margulics dar, wie nur der Zionismus als die Organisation des Judentunis angesehen werden könnte, und wies an ■ Hand der Geschichte der letzten Jahrzehnte die Haltlosigkeit des sogenannten liberalen Judentums nach. Den Liberalen fehle jegliche einigende Grundlage, und die Geschichte beweise, daß alle Versuche, die einigende Grundlage zu schaffen, kläglich gescheitert seien. Das liberale Judentum sei auch eine Gefahr, denn es führe aus dem Judentum« heraus, indem au die Stelle unserer großen Zukimftshoifuungen all• gemeine Mcnschhcitsideale gesetzt würden. Hierzu komme noch, daß überall da. wo die Liberalen die Macht jn Händen haben, sie sich durchaus rück* schrittlich betätigen. Der jüdische Liberalismus sei also innerlich nicht berechtigt, sei unjüdisch und reaktionär und müsse daher bekämpft werden. Der Rcicrcut schloß seine begeisternden Ausführungen mit der Mahnung: Die jüdische Jugend möge die Wichtigkeit de» Augenblicks erkennen, und — die rechten Schlüsse ziehen. In der Debatte versuchte der Vorsitzende des jüdisch-liberalen Jugend verein» den liberalen Standpunkt zu verteidigen; ihm wurde von orthodoxer, zionistischer und neutraler Seile cutgcgeiigetreten. Zahlreich() Netimcldungen zur Zlonlstiselien Jtigemlgruppe waren der äußere Erfolg des Abends. Dem Referenten an dieser Stelle noch• male tiuscra Dank.