Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 72 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 9 Wir ]iahen mit aller Ausführlichkeit über die zionistische lugemlarbcit in Posen hcrichlcl, einmal deshalb, weil inan bisher von uns nichts gehört hat, dann aber auch aus dem Grunde, weil wir uns von unserem Berichte neue Anregung für die allgemeine zionistische Jugendarbeit versprechen. Denn das ist unsere Ueberzeugung: Nur wenn der Zionismus nach wie vor bestrebt sein wird, die Jugend lür sich zu gewinnen, dann: Aud lau owdo tikwolkn; dann ist der Zionismus in der Tat kein Märchen. J e h u d a. 6: AUS ALL6R Wf.LT ״ Galizien Wieder ist ein Fall von der Entführung eines jüdischen Mlidchcns behufs Taufe in Galizien zu berichten. Diesmal ereignete sich der Fall in (iliniani, wo das dreizehnjährige Mädchen des Isaak Sä kl er durch den Gciiiciiulesclireibcr des Ortes entführt und bis nach Kozlow zum Geistlichen gebracht wurde, wo es für die Taufe vorbereitet worden war. Diesmal gelang es, das Kind noch rechtzeitig aus den Klauen des Seelenfängers zu befreien. Aber wie viele jüdische Mädchen verschwinden in Galizien spurlos aus dem Elternhause, um in einem der Klöster getauft zu werden. Der Advokat Dr. Matthias Wcinrcb, welcher sich in diesem Falle der Familie Säkler annahm und das Kind beim Pfarrer aufstöberte, hat gegen den Entführer den Prozeß angestrengt. Russland Dieser Tage ist in Petersburg eine vom Dumadeputierten Nisselowltsch verfaßte Broschüre in russischer Sprache erschienen, welche den Titel ,,Wie lange noch?" führt und sich mit der russischen Politik im allgemeinen und mit der Judenfrage im besonderen befallt. Zum Motto für diese Broschüre wählte Nisselowitsch den Psalmvers: ״Erhöre die Stimme meiner Klage mein König und Gott, denn zu dir bete ich!" Nisselowitsch wird diese Broschüre sämtlichen Mitgliedern der Duma, sowie des Senates zusenden, und auch sonst unter der russisehen und jüdischen Bevölkerung verbreiten lassen. Er hofft, durch diese Broschüre gerade jetzt bei den bevorstehenden Wahlen in die vierte Duma eine güustige Wirkung zu erzielen. Die Broschüre wird wahrschcinlich auch in den wichtigeren Sprachen des russischen Reiches übersetzt werden. » Aus Petersburg wird berichtet: Die Dumnkommission für nichtrussischc SchulaiigelegCnhciten hat in ihrer letzten Sitzung beschlossen, bei der Duma zu beantragen, daß in den ersten zwei Klassen der nichtrussischen Volksschulen der Unterricht in der Mutterspräche der betreffenden Nationalitäten gestattet werde. Bloß in den jüdischen Schulen müsse der Unterricht ln russischer Sprache erfolgen, da die hebräische Sprache keine lebendige Sprache sei und die jüdische Sprache keine Grammatik und auch keine Literatur habe. Dieselbe Kommission hat auch beschlossen, zu beantragen, daß Juden in die Volksschulen in unbegrenzter Zahl aufgenommen werden können, während für die Mittelschulen nach wie vor die Prozent norm zu bestehen habe. Im übrigen gibt die Kommission der Meinung Ausdruck, daß cs für alle Teile zweckdienlicher wäre, wenn die Juden eigene Gymnasien errichten würden. In geheimer Sitzung setzte die keichsduma am Freitag, den 16. d. M,, die Beratung über die Reform der Heeresdicn8tordווunßי fort. Der Referent der Justizkoimuission, Skoropodsky, führte aus, »laß der Paragraph 393 des alten Reglements, wonach die Verwandten eines jede» Juden, der sich durch Aus- Wanderung oder in sonstiger Weise der Wehrpflicht entzieht, eine Strafgebühr von 300 Rubel entrichten müssen, dem allgemeinen Grundsatz, der russischen Rechtspflege widerspreche, demzufolge niemand für die gesetzwidrige Handlung eines andern verantwort'• lieh gemacht werden kann. Oesterreich In Wien hielt am 2a, Februar abends Rabbiner Dr. Max Grün wa Id eitlen Vortrag, der als Antwort auf den Vortrag Professor Werner S o m b a r t s über ״Die Zukunft der Juden" beabsichtigt war. Dabei kam es zwischen den Veranstaltern und den als Anhänger Souibarts sehr zahlreich erschienenen jüdisch-nationalen und zionistischen Studenten im Saale selbst, und zwischen diesen und der Polizei in der Strauchgasse vor dem Beethovens,aale zu argen Zusammenstößen, die mehrere Verhaftungen zur Folge hatten, Unf/arn Am 2*1. Februar starb im 74. Lebensjahre der Budapestcr angesehene Kaufmann Herr Max Neumann, der bis zu seinem Ende ein strenger A n h ä 11 g e r des J u d e 111 u 111 י war. Zur größten Ucberr.ischniig wurde א e 11111 a 11 ״ nach römischkatholischen! Ritus begraben. Wie verlautet, soll Neiini.inn in seinen letzten LebeiifstunUen getauft worden sein. Dieser Vorfall erregte große Sensation. Die Polizei hatte ein großes Wacheaufgebot zu1 Leichenfeier beigesteiit, es fand aber kein Zwischenfall statt. Neum.uin war Besitzer des Kronen- Ordens zweiter Klasse, Vizepräsident der Watentuid Effektenbörse und bekannt als strenger Anhänger des Judentums. Bosnien Aus Sarajewo wird uns berichtet: Bei der jüngst stattgchabteii Konstituierung der Advokatcnkaiimicr wurde, wie schon oft, auch diesmal ein Jude zum Präsidenten der Kammer gewählt. Diesmal ist es der Präsident der Aschkenasische» Kullusgemeinde in Sarajewo, Dr. Moritz Roth köpf. Im Sinne der Landesverfassung besitzt der jeweilige Temlciit der Advokateiikammer eine Viriistimiuc im Landtage für Bosnien und Herzegowina. Auf diese Weise wird nun der bosnische Landtag zwei jüdische Mitglieder attfwciseii, und zwar den scphartiisdieii Alkalay und Dr. R o t h k o p f. I >er letztgenannte genießt nicht mir als Advokat einen sehr guten Ruf iin Lande, sondern auch als Jude, der alles aufbietet, um eine Einigung zwischen den Askenasim und Scphardim licrbcizuführcii und den Frieden unter ihnen dauernd zu erhalten. Diesem Bestreben gab Dr, Rolhkopf schon zur Zeit der Annexion wiederholt Ausdruck. Rumänien Die zionistischen Vereine Rumäniens feiern diese Woche »len 30 jaiirigeii Gedenktag der Gründling »les ersten rumänischen Vereins für die Kolonisation Palästinas. Diese erste Pulüstiua-Orgauisatiou wurde im Jahre DS2 in üalatz unter dem Namen ״Jischuh Frcz-lsrael" ins Leben gerufen. Zur Feier dieses historisch denkwürdigen Ereignisses veraustaitet die zionistische Föderation Rumäniens eine Reihe von Festlichkeiten in den verschiedenen Städten des Landes. Als Vertreter des zionistischen Actions-Comites nimmt Herr Naiium Sokolow an dieser Jubelfeier teil. Am 23. Februar traf er in Focsani ein, wo sicii zu seinem Empfange Dclegierte des zionistischen Zentralkomitees und zahlreiche angesehene Zionsfreunde aus allen Teilen des Landes ciiigcttmdcii hatten'. Am Vorabend des Sabbat und Sabbat morgens fanden in der üemcimlesyiiagogc■ Fcstgoltcsdienstc statt, Rabbiner Dr, Nacht hielt eine schwungvolle Fcstpredigl. Abends fand unter BeteiJigung des Gesainlvorstamtes und der Buci-Brith- Loge eine große öffentliche Versammlung statt, in der Herr Naiium Sokolow eine mit stürmischer Begeistennig nufgcnoninienc Gedenkrede hielt. Der Vcr- Sammlung folgte ein Festbankett, wobei auf Anregung Sokolows und des Rabbiners Dr, Nacht eine Kommission jüdischer Notabcln des Landes zur Fürderung des hebräischen Schulwesens eingesetzt wurde. Am 25. Februar fand eine großangelegte Feier in Galatz, dem Sitz des zionistischen Zentralkomitees, statt. Weitere Festlichkeiten werden in Bukarest, Jassy und einer Reihe anderer Städte nbgehaiten werden. PA LAE571 A-R U N DSC HAU An demselben Tage, au dem die bosnischen Scphardim in Jaffa landeten, trat auch eine größere Anzahl jemenitischer Juden ein. Sie haben die Absicht, sich in den jüdischen Kolonien, insbesondere in I* e 111 a c 11 T i k w a 11, als Landarbeiter niederzulasscu. Die Jemeniten werden von den Kolonisten sehr gern als Arbeiter verwendet, weil sie anspruchslos, arbeitsam und ehrlich sind. Insbesondere werden sie auch ihrer großen Frömmigkeit wegen von den Kolonisten orthodoxer Richtung gern }:eschen und vielfach den .*111! Rußland stammenden asclikenasisehcu Arbeitern Vorgc/ogen. Die Jemeniten, bei denen aucli die Frauen und Kinder arbeiten, sparen im Laute der Zeit von ihrem Arbeitslohn einiges Geld, das sie zum Ankauf kleiner Parzellen und zur Erridiluug eines Häuschens verwenden. Es wäre für Paiästiuafreunde eine überaus dankenswerte Aufgabe, diesen strebsamen, sympathischen Ansiedlern durch kleine Darlehen den Bau eines Häuschens und den Erwerb eines Stückchen Landes zu ermöglichen. in letzter Zeit sollen »lie Juden in Jemen, da die kleineren Stanmiesfürsteii (Iniame) wieder an Ataeht gewonnen haben, in manchen Teilen des l.:1״»les schweren Verfolgungen aiisgesetzt sein. Die neu eingetroffeiieii Jemeniten erzählen, daß sehr viele ihrer unglücklichen Brüder den Wunsch gehabt hätten stell ihnen aiizuscltließen, ״m sich durch Uebersiedl lung nach Palästina vor den Verfolgern zu retten, daß sic aber leider keine .Mittel für die Reise gehabt liätten Die Neuankömmlinge selbst haben ihre geringe Habe verkauft, um die Reise unternehmen zu können. ־׳r״.VQM״BCZAL£L2=״ Dieser läge besuchte Rabbiner Levy aus San Francisco, der < iroßineistcr des Ordens B 11 a i B r i 111 in Amerika, die Bc/aielschule, und äußerte sieh in begeisterter Weise über den Eindruck, den die Lcistungen der Anstalt auf ilm gemacht haben. Er versprach der Leitung der Scliule, .seinen ganzen Einfluß als Ordensgroßmeister aufbieten zu wollen, um samtliehe Bnai-Brith-Eogeii in Amerika zum Ansdduß an den Verein ״Bc/alcl“ zu veranlassen. Mitte Februar wurde in Kairo eine Bezalcl- Ausstellung eröffnet, die sehr erfolgreich zu werden verspricht. m Für den Betriebsfonds gingen bei dem Unterzeichneten ein: Dr. PI!. Schreier.. 250,— M. Dr. Walter Frankel, Frankfurt a. M, . 250,-• ״ Fritz l'räukel, Frankfurt a. M. . . 210,— ״ Frau Anna Fciielitwangcr, München . 500,— ״ Herr Felix Fcuchtwaiigcr, München . 25,— ״ Herr Simon Marx, München .... 20,— ״ Herr Prof. I>. Simonsen, Kopenhagen . 250,— ״ ״Ciiowewc-Zion", Kopenhagen . . , 1000,•״ ״־ Herr A. Gewitsdi, Wien. 250, -• ״ Herr J. L. Gohlbcrg, Wilna (in Jerusalem eüigcgangcii).. . . 250,— ״ Herr Dr. M. Silherstrom, Lodz . . . 230,— ״ Herr M. Schwadron, Zloczow Kr. 291,10 ״_-,250 ״ Summa 3315,— M.'״ B er t r a 11 d II a 111 bürg. Schatzmeister des ״Üc/alel". Mitteldeutscher Gruppenverbandstag Der dritte Gruppcnvcrhnmlst.ig des mitteldeutschen Bezirkes faml aut Sonntag, den 11. Febr., in Halle a. S. statt. Zahlreiche Vertreter der Ortsgruppen Chemnitz, Köthen, Dessau, Dresden, Halber- Stadt, Halle und Leipzig, ferner die Vertrauensmänner und eine Anzahl einzelner Gesinnungsgenossen aus Erfurt, Jeßnitz, Nordhauscri und Tliale nahmen an »len Verhandlungen teil, während vom Zentralkomitee 1!cr Zionistischen Vereinigung für Deutschland Herr Rechtsanwalt Dr. A s c 11 e r, Dessau, mul vom Engeren Actions-Comite Herr Naiium Sokolow der Tagung beiwohnte, im ganzen waren etwa 75 Gcsüuiungsgenossen ans »lein Bezirk zum Verbamislag erschienen. Um 2!/;. Uhr nachmittags wurde »lie Tagung von Herrn Isaak Fe »!erring, Halberstadt, eröffnet, »ler in einer kurzen Ansprache die Entwicklung der Bewegung im letzten Jahre /eiebnete mul die Teilnehmer begrüßte. Darauf üherbrachtv in wirkungsvollen Worten Herr Rechtsanwalt Dr. Ascher, Dessau, die Grüße des Zentralkomitees »ler Zionistischen Vercinigmig für Deutschland. Der Bericht über die Tätigkeit des Verbandes wurde von Herrn Feuerring, Halbcrstad!, erstattet. .Mit Rücksicht auf die Kürze »ler zur Verfügung stehenden Zeit brachte der Bericht nur eine gedrängte Wiedergäbe der Arbeit, die vom (lescliäHsliihrcinlcn Ausschuh des Verbandes in Haiberstailt geleistet wurde. Ucbcrnll im Bezirk konnte ein erfreuliches Steigen »ier zionistischen Anhüngerzaht konstatiert und eine Zunahme des Interesses für unsere Bestrebungen festgestellt werden. Die Schekcl/ahlergruppc in Zwickau konnte in eine Ortsgruppe umgewanddt \yer»len, wahrend es der uuenmidiieheii Arbeit des Erfurter Vertrauensmannes gelungen ist, in diesem Orte eine Scliekelzalilergruppe zu konstituieren. In einer Reihe von Orten wurde »lie Propaganda »lurch Versendung der Liclitheinischcn Broschüre eingcleitct, während »ler Staiul der Arbeit in anderen Orten ein baldiges Steigen »ler Zahl unserer Anhänger erwarten läßt. Die Vertreter »ler einzelnen Gruppen erstatteten nacheinander Bericht über »lie Situation in den betreffenden Orten, während in der sieb daran knüpfenden Aussprache mehr allgemeine Gesichtspunkte »ler Agitation besprochen wurden. Von seiten »ler Ortsgruppe (.benmitz wurde die t.oslösimg »ler sächsischen Uruppcii von dem Verbände befürwortet itml »kr Wimseli ausgesprochen, einen besonderen sächsischen Oriippenverbaiul zu gründen. Der Ausschuß des Verbamlcs in I talberstailt erklärte sicii mit diesem Anträge unter Vorbehalt »ler Zustimmung des Zentralkomitees einverstanden, woraufhin beschlossen wurtie, eine Ent■ Scheidung ilber diese Frage erst nach Anhörung «les Gescliattstuhrenilen Ausschusses der Zionistischen Vereinigung für Dciitsclilniul zu treffen. Nach Erteilung der Dccliarge erstattete Herr Dr, fielt ei, Chemnitz, sein Referat über ״National■ t o n d 8 A r b c i t im B e z i r k“. Das Referat brachte eine solche Hille von Anregungen, daß ein Abdruck ui «U־r ״Jüdischen Rundschau'‘ empfohlen wurtie. 1 s ist ah.o ineiit notig, dublier naher zu berichten, da das Referat in einer der nächsten Nummern dieser Zeitung veröffentlicht wird. Wir wollen nur nicht unterlassen zu erwähnen, daß sich der Gruppcitverbandstag allen von Herrn Dr. Sichel gegebenen ansci1ioß^C״ ״l״* ßc;mßerten Wünschen einstimmig ■ Schhiß der Diskussion iiber diesen Punkt erhielt Herr Naiium Sokolow das Wort zu seinem Vorfrage über ״Kulturelle Aufgaben der Clonts tischen Org anisatio n". In ungefähr eincmhalbstündigcn Ausführungen gab der Redner