Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 52 Nr. 7 ehrenwerte Männer an seiner Spitze stehen, denen cs mit ihrem Judentum heiliger Ernst ist, würde ich ihm nicht beigetreten sein, Allein, ich scheue mich nicht, den ,־Finger in eine, wie mir scheint, offene Wunde zu legen. Die Männer, die an der Spitze des Zcntralvcrcins stehen, blicken von vornherein mit Anti* patliie auf die Bestrebungen eines bewußten Juden* tums (um nicht den leicht zu Mißverständnissen führenden Ausdruck ״Nationnljudcntum" zu ge* brauchen, mit dem übrigens nur dasselbe gemeint ist), die in irgendeiner Weise zu Zionismus führen •können. Das ist meines Erachtens tief bedauerlich. Es gibt so wenig Juden, die positiv für ihre Sache cintrctcn, daß man sich nicht — mag man im übrigen ihre Ansichten im einzelnen für noch so verfehlt halten — den Luxus leisten kann, einen grollen Teil derselben zu bekämpfen. Keinesfalls darf aber diese Antipathie dazu führen - Sic verletzen sonst ihre Satzungen —, daß ein Mann wie Sombart, wenn er — ohne natürlich Zionist zu sein — im zionistischen Sinne spricht, mm sofort zum Antisemiten gestempelt wird. Ich gebe ohne weiteres zu, daß diese Staupe* Jung Im guten Glauben geschah, aber daß sie ge* schchcn konnte, beweist mir aufs schlagendste, Ihre ungeheure ־ Voreingenommenheit. Wenn Sic sich ernsthaft Rechenschaft geben, müssen Sic denn auch finden, daß die Schläge, die Sie dem Antisemiten Sombart zugctcilt haben, letzten Endes doch nur dem ״Zionisten'• Sombart (der allerdings nur in Ihren Augen Zionist ist) vermeint waren. Der Zcntralvcrcin wird heute duschen, daß Sombart nicht Antisemit ist. Er wird au sich seihst nicht geringere ethische Forderungen stellen, wie an seinen Gegner! Ich bin daher überzeugt, daß er, wenn nicht den ganzen Brief, so doch zum mindesten die Reso* fulion und ihre Begründung in seiner Zeitschrift ver* öffentlich! und zugesteht, daß er sich gelinde gesagt — Sombart gegenüber in der Tonart ver* griffen hat. Mit der Versicherung meiner vorzüglichsten Hoch* achtung habe ich die Ehre zu sein Ihr Dr. oec. publ. Rudolf Wassermann, Mitglied des Zcntralvcrcins Deutscher Staats* biirger jüdischen Glaubens. München, den V. Februar 1012. Gustav Landauer über Judentum und Sozialismus Man sagt, daß es schwer ist, in Berlin zionistische Versammlungen zu veranstalten und Publikum dafür zu finden. Es ist alles schon so oft gesagt worden — sagt man —, und cs ist so wenig Neues, das erörtert werden könnte — definiert man —, daß cs kein Wunder ist, wenn die großangelegtesteu Versäumt• hingen mit den zugkräftigsten Themen *״ •־Das Er* wachen des Judentums“ oder ״Das neue Judentum" oder ״Die Revolution des Judentums“ ttsw. - mul mit den berühmtesten Rednern keinen Reiz mehr ausüben. Die Begeisterung ist nicht mehr vorhanden und die Illusion ist gewichen, und die Ver- Sammlungen sind leer. Im Zionistischen Verein West-Berlin, der über* haupt seine eigenen Wege wandelt, waren am verflosseuen Mittwocli rund 30(1 Menschen versammelt und lauschten mit tiefer Aufmerksamkeit tmd in tiefster Erschütterung einem Redner. Die 300 Leute waren zu mehr als halb ״Fremde“, man kannte ihre Gesichter noch nicht aus zionistischen Versammlungcit, also ein Propagaiulapuldikum, wie es vergleiche oben — schon für fast unmöglich gehalten wird. Der Redner war Gustav Landauer und der Vortrag ging über ״Judentum und Sozialismus“, Am Ende des Vortrags war der Eindruck so stark, daß man die Diskussion auf I I Tage verschob, um allein mit dem Vorträge nach I lause gelten zu können. Ich kann auch jetzt noch nicht über den Vortrag ״berichten“, beschreiben, was Landauer gesagt oder etwa bekämpfen, was er behauptet hat. Ich stehe zu sehr unter der Einwirkung dieses Abends, als daß ieli es mir anttm möchte, daß ich jetzt meinen vollen, tiefen, meinen schönen Eindruck /erlege und zerstöre. Die Grundlinie dieses Eindrucks war bei mir eine ästhetische. Das ist gewiß sehr einseitig. Aber ich habe hier nicht die Bedeutung dieses Vortrags für den Zionismus zu untersuchen, ich gebe meinen eigensten Eindruck wieder, der viel-' leicht nur der meine war. Der Eindruck war astltetisch: Ich erlebte einen Menschen, der sieh ganz öffnete, sein Tiefstes-bloülcgte. Und was er bloßlegt, ist edel und wie er sielt öffnet, ist schön. Der Eindruck war ferner der eines tragischen Erlebnisses: Man hörte einen Manu, einen Mann im besten Sinne des Wortes, seinen großen furchtbaren Zweifel zum Ausdruck bringen, den Zweifel, der ihm .ווו sein Leben geht. Und der Mann ist ästhetisch so sehr gebändigt, daß er den Zweifel in eine Künstlerisch vollendete Form bringt. Ich muß fürchten, daß man mir liebertreibung nachsagt, sonst würde ich von einem Propheten und einem Dichter sprechen. Gustav Landauer ist das Judentum zum tragischen Erlebnis geworden. Er, der einen reinen Sozialismus predigt, eine nur geistige Bewegung und deren prtktische Verwirklichung jetzt schon m und von jedem einzelnen, der ״Edelanarchist“ und poli/.cihelmtctste JUgPlSCHE RUNDSCHAU Mann Deutschlands, der eine neue Gcscllscliaflsordniui;׳ erh-hcii will, die als Ziel einzig die Gerecht 1g-!,״eit hat’, ihm ist da״ Judentum begegnet und er ist ihm 11 teilt ausgcwichen, Und wir erlebten am Mittwoch den Kampf, den dieser Aufrechte atisficht, wirklich aus ficht, mul 'wir waren Zeugen der Niederlage, die dieser Wahrhcilssttchcr nicht verschweigt, die er ebenso predigt, wie er vorher .seinen Sozialismus propagiert hat. Sein hohes Ideal von der Gcrcchtigkelt als der Löscrin vom Hebel scheitert oder scheitert noch au der ״letzten Kluft“, die er so.richtig sicht, wie sie schließlich als •letzter, kleiner, aber nicht üherbrückharer Spalt übrig bleibt, der Spalt zwischen Juden und Niehl Juden. Alles reinigt, klärt, erlöst die Idee »1er Gerechtigkeit, aber nicht diesen Gegensatz, der ihm ganz selbstverständlich als ein pliystologiselier erscheint, der auf der Zeugung beruht, auf den männlichen Samenfäden und weiblichen Eitierche», wie er sagt. Das ist das letzte tler Erkenntnis, zu der Landauer gelangt, daß diese Kluft von seiner Gereell(igkeit nicht au-gefülll wird. Und er möchte nicht einmal, daß cs geschieht. Das Judentum in ihm ist mächtig mir schien, mächtig geworden das Judentum, «las er sc» definiert, wie Mariin üuhcr es in seilten ״Drei Reden“ getan hat. Und — hier berührt er sich seltsam mit dem, was wir neulich an anderer Stelle von , Goliisrmnantik“ lasen — ihm ist dieser tragische Widerspruch zwischen seinem hohen Ziel der allgemeinen Erlösung durch die Gercchtigkcit und der Erkenntnis, daß er an dieses letzte Ziel in seiner Unhegren/theit nicht mehr glauben kann, weil er Jude ist, notwendig, damit er seinen Prophetenberui erfüllen kamt. Diese Einsamkeit des Golus mul dieser innere schmerzvolle Widerstreit geben ihm die Tragik, deren er bedarf, um den Ruf rufen zu können. Noch hat er aus diesem Widerspruch nicht gefunden, weder sielt noch seine Idee. Ist es ein Wunder, daß mir ein ästhetischer Eindruck blich? Unheil wir hier nicht ein tragisches Motiv, das vielleicht »lern Tiefsten gerecht wird, unter dem ׳>cutc die vorgeschrittensten jüdischen Köpfe und die feinsten jüdischen Herzen leiden? Anderen wurde wahrscheinlich der Vortrag zu einem Triumph des Zionismus, zu einer Apotheose des Nalionaljudentimis. Und dem Redner? Ich habe Landauer zum ersten Male gehört, und ich habe neulich zum ersten Male aus seiner Feiler Geflossencs gelesen. Ich gehe vielleicht fehl, indem ich diese tiefe innere Krise aus seinen Worten heraushörte. Vielleicht bestand sie ihm nie in dieser Schwere und vielleicht lut er sie längst überwunden. Sonst wäre er wohl auf dem Wege dazu. Ich denke, der Zionismus ist imstande, auch auf die schwere Trage, die Gustav Landauer gestellt hat, eine Antwort zu geben. In Pakistinn wird die Kluft nicht vorhanden sein, und itn neuen jüdischen Volke und in der neuen jüdischen Gesellschaft wird das Gercchligkcitsidenl mit dem Einheitsstreben des Juden zu der Vollendüng verschmolzen sein, die Landauer als die allerletzte, äußerste, beste Losung׳ vorausahnt. Und dieser Wirklichkcitsapostcl, denke ich, wird uns auf dem Wege zum Ziele begleiten, vorausgehen. J. Brg. NB. Wir werden ersucht, auch an dieser Stelle nochmals darauf aufmerksam zu machen, daß die Diskussion über den Lniidaucrvortrag am kommen• den Mittwoch nicht im Cafe Sezession, sondern in den Atigusta-Viktoria-Sälcii, Lutherstraße 31, stattfindet. :: AUS ALLER WELT :! Oetiilidiftind Die Wahlen zum israelitischen Konsistorium des Bezirks Oherelsaß hatten das Ergebnis, daß die sogenannte fortschrittliche Liste bis auf einen Kami;• daten siegte. Von 1)00 eingeschriebenen Wählern machten etwa 1100 von ihrem Wahlrecht Gebrauch. Es erhielten int ganzen Bezirk Bankier Manlieimcr- Colmar 707, Rechtsanwalt Burg-Colmar 001, Dr. Hirt/.- Colmar 733, Kaufmann. Wormser-Colmar SOI) Stimmen; Giiil/hurgcr-Mülhauscn dagegen nur 001 Stimmen. Er ist also unterlegen gegen den Kaufmann J. Meyer- Mülhausen, der 722 Stimmen erhielt. Von der Gegenliste, der sogenannten orthodoxen Partei erhielten attßetdem Picard-Colmar (»01, Rttcff-Colmar •II‘), Wurmser-Coluw 120, Apotheker Zivi-Colmar 317 Stimmen. Es stehen noch zwei kleine Gemeinden aus, die aber am Ergebnis nichts mehr ändern. 22h ff fand itt der Frage der Neubesetzung des englischen Oberrabbh.er-Postcns ist ein ernster Konflikt zwischen den von Lord Rothschild geleiteten United S y n ג g 0 g u e s und der unter Führung Lord SwaytIllings stehenden Federation of Synagogucs attsgebroehen. Die Folge dieses Konflikts ist. daß die Federation es endgültig ablehnt, an der Wahl des Chief Rabbi teiT/miehinen. Dt׳.־ jüdische Großknufmamt W. Ter Io in Lissahon hat dir poraig'.esBcncn Kammer eins Denkschrift nebst einem Ckseucatwurf (•her. ule Ansiedlung von Juden am den PInleaux von Angola und Mossa- 'medes (Portugic.n.elt-We.stafrika) unterbreitet. Der Entwurf, den der Dcjniticrtc Dr. Manuel Bravo, jm Einverständnis pint sämtlichem parlamcntariHlicn Gruppen, der Kammer vorlegte, gelangte dort am 6. Februar zur Verhandlung und fand eine sehr gün. stige Aufnahme, nachdem er schon vorher in dfn bedeutendsten Tageblättern bckaiuttgegchcn und sVm. patliisch besprochen worden war. Di e A n n a 11 ne des En t wttrfs sowohl in der Deputiertenk a m 1» er als a u e 11 im Senat erscheint g esichert. Der Gesetzentwurf sieht vor, dal; die Regierung an die jüdischen Ansiedler 500 lltkiar pro Familie unentgeltlich abgibt und ihnen aufU-rdem verschiedene Vergünstigungen gewährt. Die portugicsischc Tagespresse hebt bei Besprechung des Pro jekts hervor, »laß der politische und wirtschaftliche Verfall Portugals von der Vertreibung der Juden datiert. Das in Rede stehende Gebiet liegt an der Westküste von Südafrika und ist reich an pflanz• liehen und tierischen Produkten aller Art. ISulf/arien Am 2, Februar fand in der herrlichen spamoliselten Synagoge in Sofia anläßlich der Großjährigkeltserkl.’irimg des Kronprinzen Boris ein feierlicher Gottesdienst statt, der imposant verlief. Es w.uen u. a. anwesend: Vertreter des Königspaares, Ministvr- Präsident Ges cito w und mehrere Mitglieder des Kabinetts, der Chef der Spanischen Somlermis'itn, Graf de 1.1 Via 11 za, spanischer Botschafter in Petersburg, tler Vorsitzende der Heiligen Syn.»dc, ür/hisclu,( V a s s i I i, ferner der Erzbischof von S >f!a P a r t!; > ״ i und die Vertreter aller anderen Religi msgenossensdiafteii. Der Besuch hoher kirchlicher Würdenträger in der Synagoge geschah higr zum ersten Male utul ist von guter Vorbedeutung für das friedliche Zusammenleben der Biirger. Großrabbimr I >r. E 11 r e 11 p r c i s hielt eine sehr eindrucksvolle Festrede in bulgarischer Sprache, die von der bulgarischen Tagespresse vollinhaltlich wiedergegeben wurde. Bei dem am Abend abgelialtcuen offiziellen Empfang am Hofe wurtle Dr. Ehrenpreis von König Ferdinand zu seiner Rede und zum schönen Verlauf der Feier begltiekwüiischt. Der König dankte für die patriotische Kiimlgebimg mul schloß die Unterredung mit den Worten: ״Ich kenne die Treue tmd Loyalität der jüdischilt Burger.“ Am darauffolgenden Tage erschien I>r. Ehrenpreis mit den Mitgliedern des Zentral- Konsistoriums beim Thronfolger, Kronprinz Boris, um die Glückwünsche aller jüdischen Kultusgcmeinden des Königreichs zu überbringen. aonisTisaie bewcgung Der XIU. Dclegierfentag Laut Beschluß des Zentralkomitees vom •1. Fi׳• brtiar findet der XIII. Delcgiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland in der Zeit vom 26. bis 28. Mai a. c. (Pfingsten) in Posen statt. Lokal und Tagesordnung werden noch bckaiintgegeben. Wir fordern unsere Ortsgruppen und Vertrauens• leute schon heute dringend auf, für rechtzeitige Ah• lülirimg der Landesbeiträge Sorge zu tragen, Laut Beschluß des Zentralkomitees vom t, 11• lirttar sind die l.umlcsbeiträge von PM2 für das Wahl• recht der Ortsgruppen maßgebend. Nach unserem Statut i>t das Wahlrecht zum B» '.»•• «icrteiitag• abhängig von der Zahlung des Lande - Beitrages. Jede Ortsgruppe wählt einen Delegierten. Ortsgruppen von mehr als 61t Mitgliedern zwei Be!-׳• gierte, Ortsgruppen von mehr als 100 einen Uilc• gierten für jedes angefangene HK). Zentralkomitee Das Erscheinen unserer neuen Broschüre ״Zionismus oder Liberales Judentum“ ist von vielen unserer Gesinnungsgenossen überaus freudig begrüßt worden. In zahlreichen Zuschrii'..■״. die au uns gelangt situ), kommt die Genugtuung »!.זו• über zum Ausdruck, daß wir mm endlich über »atc Kampfschrift verfügen, die die Argumente unserer radikal liberalen Gegner in fündiger Weise wider* legt. Es ist zu hoffen, daß diese treffliche Schüft einen überaus günstigen Einfluß auf unsere Pro,>גי• gatula in Deutschland ausüben wird. Wir legen Wert darauf, daß die erste, verhältnismäßig geringe Auflage so schnell als möglich zum Versand gelange•, und bitten, uns in diesem Bestreben durch sofortige Bestellungen zu unterstützen. Für größere Bezüge haben wir wiederum erhebliche Ermäßigungen festgesetzt. Der Einzelpreis des zwei Bogen starken Heftes beträgt 20 Pfennige. 100 Exemplare kosten Mark 15,— -,36 ״ ״ ״ 300 500 . 50,- Zionistische Vereinigung für Deutschland Berlin W. 15, Sächsische Str. 8.