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Jüdische Rundschau · 1912-02-16 · Heft 7 (16.2.1912) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 7 (16.2.1912)
Date
1912-02-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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N Nr. 7 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 t ihrer sozialen Seite zu beschäftigen haben. Er könnte eine gemeinsame Aktion aller bestehenden grollen jü• dischcn I lilfsvcreiiiigmigen in die Wege leiten und eine Vereinheitlichung der jüdischen I lilfstätigkeit vor allem in der schwierigsten ״Iler Fragen, in’ der der jüdischen Auswanderer, herbeifiihrcn. Die soziale Finge des jüdischen Volkes bietet dem alljüdischen Kongrell ein überreiches Arbeitsfeld, das allein schon seine Einberufung und Hegründuug notwendig mach». Mit den religiösen Fragen des Judentums halte ein alljüdischer Kongrell sich nicht zu beschäftigen, nicht, weil Religion Privatsache, sondern, weil zwischen den verschiedenen religiösen Richtungen im gegenwärtigen Judentum unüberbrückbare (iegensätzc bestehen, und eine Behandlung jüdisch-religiöser Fragen, und alles dessen, was damit zusammenhiingt, das schöne Werk einer Vereinigung aller Juden itu ailjüdischon Kongrell nur gefährden würde. Mit diesen zwei Zweigen seiner Tätigkeit, der |>olitisclien und sozialen, könnte ein alljüdischer Kon* grell ungeheuer segensreich für die Oesamtjudcnhcit werden. Er allein könnte in unseren Tagen, in denen dem Judentum der l>ias|K»ra der Untergang von jütlischcn und niclitjiidischen Gelehrten prophezeit wird, für die Juden, denen das Zionsideal zu hoch erscheint, als daß sie daran glauben könnten, für diese Juden, die nicht im Zionismus die Rettung erblicken, vielleicht ein letzter Rettungsanker werden, der die in alle Länder zerstreuten, scheinbar ersterbenden Glieder der jüdischen Gemeinschaft zu einem einzigen Volkskörper wieder vereinigt. Sombart, der ״Antisemit“ Ein offener Brief.*) An die sehr verehrliche Vorstaudsschaft des Zentralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischcn Glaubens, Berlin. I. Am I. Februar hat Werner So inbart in Müneben einen Vortrag über das Thema ״Die Zukunft der Juden“ gehalten. Schon einige Tage vorher war von den ״Spitzen“ der jüdischen Gesellschaft Münchens die Parole ausgegeben worden: ״Oelit nicht zu Somhart! Sombart ist ein Antisemit, solche Menschen unterstützt man nicht!“ Heute steht fest, dall diese Parole auf'einen Brief zuriiekzuführen war, der von der Leitung des Zcntratvcrcins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens an sein Münchener Lokalkomitce gerichtet worden war. Ob auch die München-Loge, veTanlatlt durch ihre Berliner Schwester-Institution in diesem Sinne tätig war, kann dahingestellt bleiben. Sombart sprach trotzdem hi einem überfüllten Saale und fand begeisterten, einmütigen Beifall. Zahlreiche Personen, die. Einlall suchten, mußten zurückgcwiesen werden t II. Gleichzeitig mit Sonibarts Vorträgen in München ist in Berlin Nr. 2 der Zeitschrift des Zcntralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ״im Deutschen Reich“ ausgegeben worden. Dieselbe ent• hielt S. 105 ff. im Briefkasten folgende redaktionelle Notiz, dje in die Form einer Antwort auf eine Anfrage gekleidet ist. Wir gehen diese Notiz wört* lieh wieder. Geändert ist nur der Druck, da wir diejenigen Steilen hcrvorhcl>en, an die wir im nach* folgenden nnkniipfen. ״Die Sombartschen Vortrage haben mit Recht bei vielen •unserer Glaubensgenossen tiefe V c r - Stimmung hervorgerufen. Schon die äußere A r t der Ins/ e n i c r u n g, die großen R c - klaniczettcl an den Litfallhiiulcn, ״Judenpoli* tik“, erinnerten an die Zeit und Art Ahlwardts, der in derselben Weise seine Vorträge über ״Juden- Hinten“ ankündigte. Von Männern der Wissenschaft sind jedenfalls noch nie in Deutschland Vorträge in dieser Form angekündigt worden. Es ist dem Herrn Professor allerdings damit gelungen, volle Säle und gute Einnahmen zu bekommen und - was sich leider nicht leugnen laßt auch lebhaften Beifall von einer Anzahl der zum größten Teil Jüdischcn Zuhörer. Sombart versichert, daß er der Juden frage unparteiisch gegenüberstehe, und er läßt es auch an einigen .Komplimenten für die Beden* Bing der Juden in der Kultur der Menschheit (deutsch!) nicht fehlen. Aber wie er im Grunde seines Herzens denkt, insbesondere über die eiste und unerläßliche Forderung der vollen Gleichbcrcchtigung, verrät sein Ausspruch: Die ,Staaten werden den Juden die Gleichberechtigung geben müssen, und die Juden werden den Takt haben müssen, von dieser Gleichberechtigung keinen Gehr a u c h zu machen. Diese Worte beweisen, daß der Herr 1’mfcssor von dem Wesen der Gleichberechtigung keine Ahnung hat oder nicht haben will. Denn Gleichberechtigung, gewährt mit dem Vorbehalt, . . *) Herr ür. W. hat uns diesen Brief, den er gleichzeitig im ״Hamb. Jsr. Farn.“ veröffentlicht, zum Abdruck zur Verfügung gestellt. , D. Red. daß ich davon keinen Gebrauch mache, Ist Farce, ein Possciispiel, eine Verhöhnung. Ich •״״ge die volle Gleichberechtigung nicht als schenk und Gnade, sondern als ein Recht, das mir geboren ist, auf das ich nicht• verzichten kann, ohne mich selbst als minderwertig zu bezeichnen mul mich zum Paria herab/.uwiirdigeu. Und diesen so natürlichen Forderungen und Empfindungen, die nicht bloß für einen Professor, sondern für jeden politisch Denkenden selbstverständlich sein nilißteil, tritt Sombart mit Witzen aus dem Metropol the ater entgegen - und jüdische Zuhörer klatschen ihm Beifall. Das ist der Gipfel der Besclicidcnhcit und Selbstlosigkeit, oder sollen wir sagen: Würdelosigkeit? - Sonibarts wissen- ^chaftliche Bedeutung, die Richtigkeit seiner Darlegungen über Kapitalismus und Juden- .tum, wird hoffentlich recht bald von einem Fach* mann beleuchtet werden. Sache jüdischer Theologen wird cs sein, die Richtigkeit seiner Talmudzilate zu prüfen. Sombart seihst, hält sich freilich für einen Talmudkcmier, weil er den Talmud zwei Jahre studiert habe. Diese Auffassung beweist nur, wie wenig Ahn u n g er von diesem Riesenwerke hat. Im Augenblick muß cs genügen, unsere Glaubeiisgenosscn davor zu warnen, daß sie sich durch ein wissenschaftliches Gewand und scheinbare Un- Parteilichkeit von einem Manne blenden lassen, dessen Ausspruch: ,Die Juden sind unser Schicksal‘ in fataler Weise erinnert an das so unheilvoll ausgebeutetc Wort eines anderen Professors: ,Die Juden sind unser Unglück׳.“ III. Am $. Februar bat die zionistische Ortsgruppe München einen Diskussionsabend über den Sombartsehen Vortrag veranstaltet. Nach der Diskussion habe ich der Versammlung, die auch von zahlreichen Nichtzioitisten besucht war und die von einem Mitglied des Zcntralvereins geleitet wurde, die folgende Resolution vorgelcgt, die einstimmig angenommen wurde. Resolution, Die Versammlung mißbilligt aufs schärfste, die Stellung, die die Leitung des Zentralvereins Deut■ scher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu dem Auftreten des I lerru Professors Werner Sombart und zu seinen Vorträgen über die Juden frage cingcnom men hat. Sie erblickt insbesondere in der Redaktions notiz der Fcbruarnmnmer des Vereinsorgans ״Im Deutschen Reich“ die übrigens lediglich Einzel beiten der Sombartschen Vorträge in Berlin ent׳ stellt widergibt mul daran eine unzutreffende Kritik knüpft, eine schwere Beleidigung Sombarts und eine Kränkung oller bewußt jüdischen Hörer seiner Vorträge. Diese Resolution habe Ich wie folgt begründet: t. Es war bisher der antisemitischen Presse vor• behalten, zu untersuchen, oh nicht Aufsätze oder Vorträge philosemitischen Inhalts mit ״jüdischem: Gehl" bezahlt seien. Auf das gleiche Niveau steigt das Zenlralorgau herab, wenn es untersucht, ob Sombart ״gute“ oder schlechte ״Einnahmen“ aus seinen Vor■ trägen zieht. Wir verlangen stets vom Gegner, daß er persönliche Verunglimpfungen• unterläßt, wir müssen das Gleiche auch von unseren Freunden fordern! 2. Sombart wird außer daß er mit Alilwardt verglichen wird, auch noch der Vorwurf der Unchr l i c 11 k c i t gemacht. Was sollen denn sonst Sätze bedeuten ״wie er im Grunde seines Herzens denkt usw.V“ Dieser Vorwurf ist für einen Forscher die schwerste Beleidigung, die cs geben kann, wird ihm damit doch der Mut zur Wahrheit und vor allem das Streben nach Wahrheit und damit die Voraussetzung»• losigkcit abgesprochen. Und das einem Mann, über den in dem gleichen Organ vor acht Monaten aus der Feder des Privatdozenten der Geschichte, i>r. Caro zu lesen stand: ״Sombart hat unlängst ein Buch veröffentlicht, das nach der Versicherung im Vorwort streng wissenschaftlichen Charakter tragen soll.; Daß solche Absichten nicht nur an die Spitze gestellt, sondern auch befolgt sind, dafür bürgt der Name des Autors. Sombart war wirklich in sehr ernstem Forschen bestrebt, objektive Erkenntnis zu gewinnen, und was er erreicht hat, ist keinesvv e g s gering an/uschtagen. An den auf umfassender Litcraturkcnntnis beruhenden Auscinaiidcrsctzmi* gen (gemeint ist das Buch ״Die Juden und das Wirtschaflslcbcn“) werden seine Fachgenossen um so weniger vorübcrgclicn dürfen, je geringer ihre Sachkuiide bei Behandlung des Gegenstandes zu sein pflegt. Weitere Kreise hinwiederum muß das aufrichtige• Streben nach Wahrheit (!1 Zusatz d. Verf.) wohltuend berühren, das zwar des Ocftcrcn nicht zum Ziel geführt haben mag, jedenfalls aber die Lektüre des Buches zu einer ebenso lehr- •reichen wie a 11 r e g cn den gestaltet.“ Wie mag dem;mnen Herrn Privatdozenten Dr. Caro, der selbst im Auftrag der Vereinigung zur Förderung der Wissenschaft des Judentums an einer eine I großen jüdischen Wirtschaftsgeschichte schreibt, deren vercister Band bereits erschienen ist, zumute sein, wenn Geer den oben abgedruckten ״Schrei nach dem Fachmit ן manu“ liest? 3. Und worauf gründet der Zontralvcrein seine Vorwürfe? Er gründet sie einerseits auf die Form, in der die Vorträge angekündigt wurden (Plakatiermig). Da müssen wir fragen: Italien nicht Männer wie Östwald, Haeckci, Harnack und zahlreiche audere ebenfalls in Konzertsälen auf Veranlassung von Agenturen gegen oft recht hohe Eintrittspreise Vorträge gehalten, die auch plakatiert wurden? Seit wann geniert es aber bewußte Juden - und im Zcntralvcrein gibt es selbstverständlich nur solche - mehr, wenn auf einen! Plakat steht ״Die Zukunft der Juden“, als wenn ein Vortrag über die ,,Entwicklung des Menschengeschlechts“ in dieser Weise angekündigt wird? Andererseits gründet er seine Vorwürfe aber nicht etwa auf den Inhalt der S.'schen Vorträge im ganzen, sondern mir auf ein oder zwei noch dazu schief wiedergegebene Sätze. Sombart hat weder in Berlin noch in München gesagt: ״Die Staaten werden den Juden die Gleichberechtigung geben müssen, und die Juden werden den Takt haben müssen, von dieser Gleichberechtigung keinen Gebrauch zu machen", sondern er hat sein Programm so formutiert, wie in seinem Buch ״Die Zukunft der Juden“: ״Die Staaten geben ihren jüdischen Mitbürgern die volle Gleichberechtigung, und die Juden werden die Klugheit und den Takt besitzen, diese Gleichberechtigung nicht überall und in vollem Umfang auszunützen.“ Kanu man diesen Satz ־ dem ich im übrigen auch nicht vollständig zustimme wirklich so mißverstehen, als ob die Gleichberechtigung unter einer Bedingung gegeben werden sollte? (Man vergleiche doch nur den Unterschied der Tempora. In der ersten Satzhälfte (״geben") ist das P rase 11 s gebraucht, in der zweiten Satzhälfte (״werden") dagegen das Futur!) Wie kann es der Zcntralvcrein ferner rechtfertigen, die vvesentliehen Einschränkungen ״n i c h t ii b c r a l1“ und ״i n vollem Umfang“ zu unterdrücken? Seit wann beurteilt er im übrigen einen Manu nach einzelnen Sätzen (die vielleicht, wirklich nicht einwandfrei sein mögen), und nicht nach dem Geist seiner Rede? Für andere, die so verfuhren, hat er früher oft recht kräftige Töne gefunden! Hört denn wirklich in dein Augenblick die Wissenschaftlichkeit eines Menschen, die vorher feststand, auf, in dem er etwas sagt, was dem cincii oder anderen jüdischen Ohr mit Recht oder Unrecht unangenehm klingt? •I. Ich bin kein Zionist und ich habe diese Rcsolution nur als Jude, als Mitglied des Zentralvereins, dem ich allerdings erst seit kurzer Zeit arigehörc und als Fachgenosse Sonibarts einbringen zu müssen geglaubt. Allein, irh muß doch fragen, wie können sich die Zionisten unter den Hörern Somharts - und sie haben doch seinen von ehrlicher Hochachtung für das Judentum und innerem Feuer getragenen Ausfiihrungen mit am meisten Beifall gespendet - den Vorwurf der Würdelosigkeit gefallen lassen?! Ich habe bisher geglaubt, die Würdelosigkeit in anderen Kreisen suchen zu müssen: in jenen Kreisen, in denen man sich keine jüdische Zeitung zu abonnieren traut, weil auf dem Kopf ״israelitisches Familienblatt“ oder ״Jüdische Rundschau" steht, in jenen Kreisen, in denen man wünsch», daß die Zeitschrift ״Im Deutselten Reich“ im Kuvert geschickt wird, damit de Angestellten und Dienstboten nicht sehen, daß man Mitglied jüdischer Organisationen ist. IV. An dem gleichen Tage, an dem ich meine Resolution nicdcrgcschricbcn habe, hat S. Mciseis ein feines Essay über Sombart im ״Hamburger Israelinsehen Faniilienblatt“ veröffentlicht. In diesem Essay hat er klar und entschieden ausgesprochen ־ das hat übrigens Sombart auch ausdrücklich in München bekundet •-, dall Sombart sicher kein Antisemit sei, und er hat daran noch manche gute Bemerkung geknüpft. Ich muß sagen: es ist unendlich traurig, daß man hierüber überhaupt ein Wort verlieren muß. Wer Sombart ohne Voreingenommenheit gehört hat, weiß, daß er kein Antisemit ist, wer ihn nicht gehört hat, kann sich heute, nachdem seine Vorträge im Druck erschienen sind, diese Ueber/cugimg ohne weiteres verschaffen. Das sollte genügen! (An dieser Stelle möchte ich bemerken, daß Sombart* Vorträge, die am I. Februar in München bereits im Buchhandel zu haben waren, schon in der erste■ Hälfte des Januars im Manuskript abgeschlossen sei* mußten, cs kann also sicher nicht behauptet werden, Sombart habe auf die Angriffe des Zcntralvereins hin, etwas an dem Text seiner Vorträge geändert!) V. Und nun noch einige persönliche Worte an Sie, meine sehr verehrten Herren vom Zcntralvcrein! . Es ist an dieser Stelle unnötig, die Verdienste de• Zcntralvereins hervorzuhebeu. Sie sind bekannt und unbestritten. Wenn ich außerdem nicht wüßte, dai

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