Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 50 1UEDI SCHE RUNDSCHAU Nr. 7 testen und am meisten Gelegenheit geben, aus ihren Reihen Mitglieder für unsere Organisation zu ge* winnen Wie leicht lallt sich ein jugendliches Heu durch ein frisches, nationaljüdisches Turuerhed für die Ehre und die Zukunft unseres Volkes begeistern. Durch die ganze Stimmung und den nationalen Geist, der in gut geleiteten Turnvereine!» herrscht, werden die Mitglieder einer Organisierung in der zionisti• selten Bewegung viel zugänglicher. Es ist hundertmal beobachtet worden, wie in einem Nichtzionisten, wenn er längere Zeit im Turnverein tätiges Mitglied gewesen ist, die assimilatorischen Hemmungen, die Hin vom Zionismus feruhieUcn, nach 11 d nach verschwanden. Abc.* noch ein zweites: Die Turn vereine stellen überhaupt die einzige llrttckc dar, die vom Assi• 111iIatio11־-l11gcr zu uns heriiberführt. Denn nur das Interesse am Turnen an und für sielt, als einer neu• tralen ül er allem Parteihader stehenden Sache, zieht die jung! j Leute oftmals in die jüdischen Turnvereine, und damit kommen sic in natioiialjüdische Kreise, manchmal die erste und oft die einzige Gelegenheit in ihrem Leben überhaupt. Ich weiß sehr, wohl, daß alle diese Gedanken־ giingc vielen sehr wohl bekannt sind. Aber gerade weil sie bekannt sind und weil trotzdem nicht folge• richtig nach ihnen gehandelt wird, sind diese Zeilen geschrieben. Vielle.clit durch die Kämpfe in anderen Ver• bänden ist cs gekommen, daß wir vergessen haben, wie notwendig die Turnvereine für uns und wie not• wendig unsere Arbeit in den Turnvereinen und für die Turnvereine ist. Darum: Zionisten, laßt eure stärkste und zuverlässigste Waffe in dem Kampfe um die Nationalisierung der jüdischen Jugend nicht unbenutzt. Besonders aber an die A k a d e m i k e r ergebt diese Aufforderung: Turnt, wenn irgend möglich, aber arbeitet aui alle Fälle in den naiionaljüdischcn Turnvereinen. Es braucht sieb bei dieser Arbeit gar nicht um das Verwalten irgendeines Vorstandsamtes zu hau* dein, sondern schon durch den Verkehr mit den Turn• brüdern auf dem Turnboden, auf den Kneipen, auf Turmuärschcn läßt sich ein gut Stück nationaler Erzielumgsarbcit leisten. Die Akademiker genießen doch bei uns (man mag darüber denken wie man will) ein ganz besonderes Ansehen, und deshalb ist ihre tätige Mitgliedschaft in den Turnvereinen um so wert• voller für die Nationalisierung der Jugend. Gewisse, soziale Uiilerschicih’ sind auch bei uns vorhanden, aber wir Zionisten müssen eiuseiien, daß wir im Kampfe um die Existenz unseres Volkes uns nicht den Luxus leisten dürfen, solche sozialen Unterschiede imnütig zu betonen. Zur nationalen Er• Ziehung gehört, daß die verschiedenen sozialen Kreise sich zusammenfinden. Wie heißt cs im Turoeriieü: ״Doch wir stehen fest zusammen Wir Brüder von Geist und vom Blut.“ Fritz Michel. Zur Demission des türkischen Großrabbiners Die Sitzung des Konsistoriums (Mcdschliss üschismani) vom 2. d. M. war vollständig dem Studium der Gründe der Demission des Großrabbiners gewidmet. Nach vierstündiger Besprechung faßte das Konsistorium folgende einstimmige Beschlüsse: 1. Das Konsistorium hält seinen Beschluß über die Legalität des Vertrages mit den Aschkenasinj aufrecht. 2. Die Genehmigung der Kousistorialbcschlüsse durch den Großrabbiner, obwohl nach Artikel 6 des Chacham-Cbanc-Nisam-Namessi erforderlich, ist bisher nicht üblich gewesen, ohne daß der Großrnbbincr jemals etwas dagegen eingewendet hätte. 3. Das Konsistorium unterbreitet den Vertrag dem Großrahbincr zur Bestätigung. •1. Falls der Großrahbincr Gründe finden sollte, die ihn verhindern könnten, die Bestätigung vor/unehmen, so wird das Konsistorium kommenden Sonntag seine persönlichen Erklärungen entgegennelimcio Ungeachtet dieser Beschlüsse, die von dem guten Willen des Konsistoriums zu einem Entgegenkommen Zeugnis ablegen, lehnte es der Großrabbiner ab, in der Konsistorialsit/ung vom 1׳. Februar zu er• scheinen, sondern beschränkte sich darauf, den Text seines an die Regierung gerichteten Rücktrittsgesuchs dem Konsistorium zu übermitteln. Am 5. Februar überreichte Rabbi Halm Nalitun der Regierung offiziell seine Demission nebst einem Entwurf der Motive; der Justi/miuistcr erachtete diese jedoch nicht für genügend detailliert und teilte da• her dem Großrabbiner mit, daß er vor einer Ergiin• zung der Motive das Gesuch der Hohen Pforte nicht unterbreiten könne. Er forderte den Großrabbiner auf, die Motive schriftlich eingehender darzulcgcn und dem Medschliss Dschismani zu erklären, er solle noch keinen Kaimakäm (stellvertretenden Oroftrabhiner) wähle». .Der Ciroßrabbincr übermittelte den» Konsistorium diese Mitteilung der Regierung. Die Ag. Ottomane1* glaubt zu wissen, 11 •ר fl uie unter dem Präsidium Faraggi Effendis stehende, für Anfang nächster Woche eiuberufene Natioiiaivers.umnhing (Mcdschliss U1!1m״i) die Frage entscheide» und daß der Großrabbiner seine endgültige Antwort auf die Wünsche des Ministers nach der Sitzung i>c* kaiuitgehen werde. Alljüdischer Kongreß Von Cliajim Kotau». Fs ist nicht zufällig, daß die Idee eines nlijüdisehen Kongresses aus der Mitte der deutschen Koufcreiizgemeinschaft der Alliance Israelile Universelle her vorgega iigen ist, einer Gemeinschaft, die als deutsche Landsmannschaft jener großen Vereinigung angcliört, die ihrem Namen entsprechend eine Alliance aller Juden der ganzen Welt sein will. Unsere dcut* sehen Alliance-Mitglieder sind einst dem Ruf zur Eini* gmig aller Juden, der vor mehr als 50 Jahren von Paris ansging, begeistert gefolgt und haben sich der Alliance zu so grellem Teile angeschlossen, daß sie von allen Ländern weitaus die größte Zahl der Mitglieder :uismaclieii. Sie taten es, weil die Uchcrzcugmig in ilinen lebendig wurde, daß den Juden unendliches Heil crspricflcn könnte, wenn der ideale Satz, daß alle Juden für einander bürgen, solidariscli hir einander cintretc», in die •Wirklichkeit umgesetzt würde. Diese Sehnsucht der deutschen Juden hat die Alliance bis heilt nicht erfüllt, sic ist, statt eine universelle Vereinigung der Juden aller Länder zu repräsentiren, zu einer nationnl-pnrtikuliircu Sondergemeinsciiaft der französischen Juden geworden. Aber aus!len Herzen der deutschen Allianoemitglieder isi jener grandiose Gedanke eines universellen religiös-politischen Zusammenschlusses der Juden aller Länder nicht geschwunden. Blutenden Herzens sehen sie den Verfall jenes grollen Werkes, das sie seihst mit aiifhaucn halfen, mit an, und auf den Trümmern der alten Alliance erwägen sie nun in ihrem offiziellen Organ ״Ost und West“ den Oedanken, eine neue Alliance auf festerer Grundlage zu errichten, deren größte Tat der alljüdische Kongrell werden soll. Damit dieser neue Ban nicht wie der alle zu- N.immeiistiüve, dazu ist es notwendig,!1.111 er auf eine ganz andere Basis gestellt wird, als bisher die französische Alliance Israelitc Universelle, Diese ImtU* nach Artikel I ihrer Statuten den Zweck: 1. Ucbcrall die Emaii/ipalion und den ntoralisehen Fortschritt der Israeliten anzustreben. 2. Denen eingehende Hilfe zu leisten, die in ihrer Eigenschaft als Israeliten zu leiden habe». i. Alle Publikationen zu unterstützen, die zu diesem Ergebnis fuhren können. Dieses Ziel der Alliance ist sicherlich ein ideales, großes, den Interessen der f icsanitjlidciihei! uiige* heuer dienliches. Aber trotz, fünfzigjähriger Wirksamkeit ist sie diesem hohen Ziel nur Verhältnismäßig wenig nahe gekommen. Die Emanzipation der Juden ist nicht nur nicht in allen Ländern durchgeführt, sondern bei dem größten Teil der Juden, der östlichen Judenlicit, auf lange Jahrzehnte noch hinausgeschoben. In den westlichen Ländern ging sie fast ganz ohne das direkte Eingreifen der Alliance vonstatten. Was de» moralische» Fortschritt der Juden aulietrifft, so wurde er im Orient zumeist durch Gründuug französischer .Schule» angestrebt, in denen für die moralische Ausbildung der Juden in jüdisch-religiösem Sinn mir sehr wenig getan wurde, aber alles für ihre Erziehung in französischem Geiste und in französischer Kultur, nicht im Interesse des Gesamtjiideiümus, sondern nur Frankreichs und damit höchstens nur der französischen Juden. Und das geschah deshalb, weil die große Alliance tatsächlich nicht die Repräsentantin der Gesamtjiulcnlioit war, sondern nur ciii/elner Juden aus verschiedenen Länder», weil sic nicht die offiziell anerkannten Judenverbände der einzelnen Länder iu sich «bloß, sondern nur einzelne Mitglieder, weil sic kurz, statt einer politischen Vertretung aller Juden nach außen hin nur eine Vereinigung einzelner mit pliilantropischhumani-, tiirer Tendenz, war. Wie soll mm aber eiij alljüdischer Kongreß ausscheu, wenn er eine wirkliche Organisation der ganzen Judenlicit schaffen will? Er muß die alleinige Repräsentanz des jüdischen Volkes sein, das Juden* Parlament darstellen und für die Jahresarbeit einen penn.iiicntcu Ausschuß wählen. Er muH im grollen fiir alle Juden, welcher Richtung auch immer, das sein, was der Ziouistcnkongrcß im kleinen nur für die Juden zionistischer Gesinnung ist. Nur darin unterscheidet er sich vom Zioiiistenkongreß, daß er seine Wirksamkeit nicht nur auf Palästina als das Ziiknnflslaml der Juden, sondern auch, mul dies im wesentlichen, auf die Länder der Diaspora erstreckt und ihre Gegenwarlsinfcresseti tatkräftig vor oller Welt vertritt. Um aber irgendeines Einflusses auf die Staaten, in denen Juden leben, sicher zu sein, müßte der alljudisClic Kongreß sich vorerst seines dominierenden Einflusses auf die Juden dieser Staaten sichern. Das wiederum ist nur möglich, wem» in! Kongreß wie in einem Rciclisparl.'iimnt die allgcmein von Juden und Nichtjudcu anerkannten Ver- (rcttuigcn der Juden der einzelnen Staaten sitzen. Es ist also zuvor in jedem Staate, in dem Juden leben, ein Verband der Gcsaiiitjinlcnlicit dieses Staates nach Art des Verbandes der deutschen Juden zu bilden, wie es bereits in manclieii Ländern mit Erfolg geschellen ist. Diese verschiedenen Landesverbände »kr deutschen, englischen, französischen, italienischen usw. Juden fasse» alle Juden, welcher religiösen und politischen Richtung sie auch seien, nach den jüdischen Gemeinden und Verbänden des betreHendeu Landes in t־mcr Zciitralorganisalion zusammen und bilden einen Ausschuß, der die Interessen des Lamlesver* bamles vor den staatlichen Behörden vertritt. Diese Landesausschösse sind zugleich die- Delegierten für den alljüdiselten Kongreß. Der ailjüdische Kongreß, das allgemeine Juden• Parlament, hat seine jährlichen Tagungen wahrend einer bestimmten Zeit und zwar an Orten, die Zentren der Judenlicit und des jüdischen Lebens darstellen. Welches sind min die Aufgabe» des alljüdischcn Kongresses? lieber diese Frage herrscht noch viel• fach Unklarheit. Wenn der alljüdische Kongreß so zusammengesetzt ist, wie wir ihn uns denken, dann ergeben siel» seine Aufgaben und Arbeiten von selbst. Eine politische Vertretung der Gcsamtjudcnhvit soll der Kongreß sein, der für die staatsbürgerlichen Rechte ■und die Freiheit der Juden aller Länder ein• zutreten hat, also hat er die Aufgabe, selbst oder besser noch vermittelst der Landesverbände mit den politischen Faktoren desjenigen Staates in Verbin• duug zu treten, in dem »len Juden die Staatsbürger• liebe Gleichberechtigung noch voreiithaltcu wird. Diese Arbeit scheint zunächst hei der gegenwärtigen poli* tischen Stellung der Juden aussichtslos und vergehlieh, aber sie wird dann von Erfolg gekrönt sein, wenn sie durch Mittel tatkräftig unterstützt wird, für deren allgemeine Anwendung bei den Juden der Kongreß mit .Nachdruck einziitreteii hätte. In folgendem soll ein* gehender erörtert werde», durch welche Mittel dem Kongreß die Möglichkeit gegeben ist, auf die Staaten einen Druck der Anerkennung der Gleichberechtigung der Juden nus/milnii. Der jütliuhe Kmigicß zeigt vor »Ihr Well, »laß die Juden »ler vcrscl1ü׳«lt1<'11׳eo Lautier trotz tlcr Ver* scliieilculieil der Sprache von einer höheren Einheit der Religion und des Blutes zusanmieiigehalten werden, trotz der Zerstreuung ein großes Ganzes bilden mul solidarisch für einander eintrclcn, einer fiir alle lind alle fiir einen. Die Juden haben in den meisten Ländern einen ungeheuren Einfluß auf das Wirtschaftsichen tlcr einzelnen Staaten, sic beherrsche» den Handel und die Börse. Bisher haben die Juden diesen ihren Einfluß fast gar nicht »Hier nur sehr wenig zugunsten ihrer uni» 1tl1ü»׳kl»11׳ (il.iuheiisbiutler gellem! gemacht. Das schmähliche Verhalte» der jtidischeu Financiers, die den russischen Staat umnittelhar nach den blutigen Pogroms durch Ahschließc» großer Anleihen vor »lein Bankerott gerettet haben, ist noch in aller Gedächtnis. Welchen ungeheuren Einfluß die Juden auf die Staaten haben könnten, zeigt augenblicklich der russisch-aiiierikanischc Paßstreit, der nur durch »las mannhafte Eintreten »ler amerikanischen Juden hervorgerufen wurde, die die öffentliche Meinung und die Regierung in den Vereinigten Staaten kraft ihrer wirtschaftlichen und politischen Bedeutung zu einer energischen Aktion zugunsten der Juden bestimmten. Ein alljüdischer Kongreß 11.1t nun die Aufgabe, den Juden »ler einzelnen Staate» die Direktive zu gehen Ihr ihr Verhalten den eigenen und fremden Staaten gegenüber. Die brenncmlsto Frage der Gegenwart ist für uns die traurige Lage der Juden in Rußland mul Rumänien. Unterhaudlunge!! der Juden mit den politischen Faktoren dieser Lander hätten vielleicht mir dann einen Erfolg, wenn die Juden iu den Ländern der Gleichberechtigung aß ihren Einfluß, tlcr, wie wir sahen, oft sehr bedeut• sam ist, benutzten, um ihre eigenen Siaaien zu einem geschlossenen Vorgehen gegen die aller Kultur und Humanität holmsprcdiciidcii Staaten ständiger Juden- Verfolgungen zu bestimme». Bei einem solidarischen Vorgehen hätten ferner die Juden der Waffen genug, um »las Wirtschaftsleben jener Staaten so lange zu schädigen, bis auch dort den Jiuleu notgedrungen die Gleichberechtigung gewährt wurde. Der ailjüdische Kongreß aber wäre der Ort, au dein die Delegierten aller Landesverbände über derartige energische Mall• nahmen aller Juden gegen die Vergewaltigung seitens einzelner Staaten zum Wolde »ler Judenlicit zu heraten und zu beschließen hätten. Die Aufgabe des einzelnen Landesverbandes ist es nun, »lafiir zu sor• gen, daß die Beschlüsse des alljüdischcn Kongresses yon den Juden respektiert und durchgeführt werde». Aber nicht nur auf die allgemeine politische Lage des jüdischen V׳: ׳<cs hat sich «Ue Tätigkeit eines alljüdischen Kongresses zu beschränken, sondern vor allem wird er sich mit der jüdischen Frage nach