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Jüdische Rundschau · 1912-02-09 · Heft 6 (9.2.1912) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 6 (9.2.1912)
Date
1912-02-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6 J UEDISCHE RUNDSCHAU botc 4'J! { Zum Schlüsse möchte ich mit einigen Worten eine Frage berühren, welche die .Huliere und politische Lage betrifft. Ls ist dies die oft gestellte, Frage, ob die Türken es ־/»lasse« würden dal) wir uden uns in Palästina ansiedcln. Nach niemer festen Ichcr/cugung ninli die Türkei /um Bewußtsein kommen, daß die jüdische Ansicdlmig in Palästina für sie selbst geradezu eine Notwendigkeit ist. Bis jet/t konnte die verjüngte Türkei für sich selbst noch nicht viel tun, und um so weniger war sie in der läge, sich mit uns näher zu beschäftigen. Ich bin aber überzeugt, dail sobald einmal in der Türkei eine gute Ordnung plnt/gVgriffeii liahen wird, und die richtigen Männer an die Spitze kommen, die Fr- Kenntnis sich b.ilinbrechen wird, dal! Palästina mit einer grollen jüdischen Bevölkerung grolle Vorteile der gesamten Türkei bringen mul im Gegensätze 11׳ manchen ihrer Provinzen, die ihr so oft gerauht werden, dem oltomanischen Reiche für innncr gesichert bleiben wird. Aber die Frage, die an uns oft gestellt wird, ob es die Türken wollen, muH ich mit einer Gegenfrage beantworten: Wollen es die luden schon? (Beifall und Heiterkeit.) Zuerst müssen die Juden selbst wollen, dann werden schon auch die Türken wollen. Dann wird der herrliche Traum, den Moses Hell und viele unserer Besten geträumt haben, ein glückliches jüdisches Volk auf dem Boden unserer Väter zu sehen, in Erfüllung gehen. (Langanhaltender Beifall und Händeklatschen.) Mit der Vorlesung einiger Partien aus ״Rom und Jerusalem“ schloii gegen Mitternacht die würdevoll verlaufene Gedenkfeier, die einen grollen Lindruck auf die Versammelten machte. Warum lernen wir Hebräisch? Es ist wohl an der Zeit, jetzt, wo die Organisation für hebräische Sprache und Kultur (Histadrulli) mit greller Energie ihre Arbeit aiilgenommen hat, sich über die Frage klar zu werden, zu welchem Zweck wir als Zionisten Hebräisch lernen sollen. Zunächst ist eins klar. Für diejenigen unter uns, denen es ihr Beruf und ihre wirtschaftliche Lage gestattet, ini Laude unserer Väter zu leben, ist cs eine unabweisbare Notwendigkeit, Hebräisch zu sprechen und •zu verstehen. Nicht zwar, als oh ohne dies eine Verständigung in Erez. Israel unmöglich wäre! Soweit ist cs leider noch nicht. Aber, wer eben als Zionist in Palästina lebt, wer zur Erfiilhing seiner jüdischen Sehnsucht, seiner jüdischen Ideale dort wohnt, für den wird cs jetzt, wo die Schtilsprache Hebräisch ist, wo die junge Generation Hebräisch wieder als ihre Mutiersprache empfindet und spricht, eine selbstverständliche Pflicht sein, zum endgültigen Siege des Hebräischen dadurch bei- /»tragen, dal! er selbst Hebräisch spricht und vor allem auch seine Kinder daran gewöhnt. Aber mir wenige von uns sind in der Lage, Ihren Zionismus für sich so vollkommen zu verwirkliehen, dall sie als hebräisch sprechende Juden in Palästina leben. Für die grolle Mehrzahl tmtcr^ uns wird Palästina noch immer das Land unserer Sehnsucht, unserer Zukunft, nicht aber unserer Gegenwart sein. Doch gerade für diese hat vielleicht Hebräisch eine noch gröbere Wichtigkeit. So sehr wir cs bedauern mögen, so ist es doch heute noch eine Tatsache, dall wir deutschen Juden — auch wir Zionisten — stark assimiliert sind und dall 1ms das Gcmcinsamkcitsgcfühl vielfach verloren gegangen ist. Und da helfen logische Beweise und Deduktionen über unsere Rasse und unser Volkstum nichts, da hilft nur eins: zurück zur jüdischen Kultur! lind zu der führt mir ein Weg: Die hebräische Sprache! Der deutsche Jude, der mit dem galizischcn oder russisehen wieder Hebräisch spricht, auch wenn er es nur radebrecht, der hat sich seine jüdische Kultur zurückerobert, für den ist die Assimilation und der Gegensatz zwischen Ost und West endgültig und innerlich überwunden. Und noch eins. Für das Erwachen unseres Nationalgefühls ist, wie allgemein anerkannt, die Beschäftigung mit unserer nationalen Literatur imerlälllich. Wie beschämend ist es da, wenn wir Jeluida ba-Lcvi’s Zionsselmsticht, wenn wir llialiks herrliehe Gedichte in deutschen Ucbertraguiigen, statt in der Ursprache lesen müssen! Und vor allem, in wie unendlich höherem Malle kann uns das Original ein Stück jüdischer Kultur zeigen und gehen, als noch so gute «!•‘titsche Uebersetztmgen. Es ist schon an mul für sieh schwer, bei der Uebersetzung eines Dichters die dichterischen Schönheiten in die fremde Sprache hinüber/.uretten: wie schwer gerade beim Hebräischen, das eine so völlig andere Sprache ist als Deutsch. Schließlich noch ein Punkt, der, wenn auch nicht so wichtig, wie die vorigen, doch hervorgelioben zu werden yerdient. Es ist ja bekannt, dall sich die Assiunlationswut unserer ״Liberalen" mit Vorliebe die hebräische Gebetssprache zum Opfer nimmt, um durch ihre Verdrängung die Assimilation der dcul* * selten Juden noch mehr zu beschleunigen: denn das Hebräische ist ja nicht mehr ״zeitgemäß", die junge Generation verstellt cs nicht mehr. ״Was die zeitgemäße Ausgestaltung des Gottesdienstes aiilangt," סי konnte man im!)e/ember IMKJ im ״Liberalen Judentum" lesen, ״so kann gerade liier die jüdische Jugend die hauptsächlichste liberale Forderung, der deutschen Sprache einen breiten Raum zu gewähren, nur mit großer Freude begrüßen . . . Den meisten deutschen Juden der jüngeren Generation ist ein rein hebräischer Gottesdienst ein toter." L)n sollte es eine Ehrenpflicht jedes Zionisten sein, aei« zeigen, daß cs nicht wahr ist oder ,richtiger: nicht mehr wahr ist, daß die jungen Juden kein Hebräisch mehr verstellen! lins ist der deutsche Gottesdienst tot, nicht der hebräische! Aus allen diesen Gründen müssen wir Hebräisch lernen. Aber nicht genug damit! Wie es zum Zio• nisten unbedingt gehört, daß er Schekel zahlt und Mitglied der Organisation ist, so sollte es ebenso seihst verständlich seif., dal! er die Trumecli zahlt mul der I listadmth migeliört. Wenn wir wirkliche Sehnsucht nach jüdischer Kultur ]iahen, dann gibt es dazu mir ein Mittel: Hebräisch lernen! Fritz Löwen st ein (Berlin). 4: AUS P.LLCR W£U ״ De ul א di?and Die Arbeitslast in den Parlamenten liegt he* kanntlich nicht in de״ Debatten des Plenums, son* dem in den vorbereitenden Beratungen der Kommis• sionen. Bei der geringen Anzahl jüdischer Ab* geordneter ist cs nun bemerkenswert, in wie Sterken! Malle dieselben zu den mühevollen Kominissions• arbeiten herangc/ogen werden. So wird im preußisehen Abgeordiietenhause die freisinnige Volkspartei in die Peiitionskominission die Abgeordneten Thurm und W o I f f l.issa, in die Handels- und Gewerbekoinuiissioii die Abgeordneten Rosenow und Wciike, in die Justi/kouimission die Abgeordneten l.ippmutiu und Peltasohu, in die Rcchnungs* koinuiissioii den Abgeordneten Aron soll n und in die Untcrrichlskommission die Abgeordneten Cassel mul Ernst schicken. — Abgeordneter Aronsohn wurde zum Vorsitzenden der Rechmingskommission gewählt. Russland In der Angelegenheit der Ermordung des Kna* ben Justschinsky, die von den reaktionären Kreisen Rußlands bekanntlich als ״Ritualinord" liiugestellt wird, hat der Mitarbeiter des ״Russkoje Slowo", Brasul 11 r u s c h k o w s k i, der Kiewer Staatsanwalt- Schaft eine Denkschrift überreicht, die sensationellc Enthüll 11 u g e 11 enthält. Bruschkowski ist auf Grund eines von ihm gesammelten umfangreichen Materials zu der Uebcr/etigung gelangt, daß der Mord das Werk einer berüchtigten Verbrecherb a n d e ist, die unter der Leitung des in Kiew an• sässigen französischen Staatsangehörigen Mifle und der Verwandten des ermordeten Justschinsky steht. Für Mifle und ,Konsorten war die Beseitigung Justseliiiiskvs notwendig, weil dieser Kenntnis von ihrem verbrecherischen Treiben hatte und sie Verrat von seiner Seite fürchten iimlUcn. Zwei Zeugen, die mit der Verhrecltcrbaudc in Beziehung standen, die ehemalige Geliebte Mifles, T s c 11 c b i r j a k o w a , und der Tischler Petrow, haben außerordentlich schwerwiegende Tatsachen bekundet, die zur Fest* Stellung der wirklichen Mörder führen müssen. Dieser Tage hat min Bruschkowski die beiden genannten Zeugen der Staatsanwaltschaft vorgeführt. Die anwesenden Stnatsaiiwaltsgchilfen weigerten sieh aber, die Bekundungen der Zeugen, die die Situation völlig ändern mul Lieht in das Dunkel bringen, entgcgenziiiielimeii, und begründeten ihre Weigerung damit, dall der l laiiptstaatsanwalt in Angelegenheit Justschinskys nach Petersburg abgereist sei. 111 dieser Angelegenheit erhielt der Flilfsvercin der deutschen Juden folgende Mitteilungen aus Kiew, datiert vom 2. Februar: Die rätselhafte Mordaffärc Justschinsky, die ganz Riilllaml seit einem Jahre in Aufregung hält, die manchen Ministerrat und selbst die Duma beschäftigt hat, ist jetzt ihrer Aufklärung nahe. Die gestern gemeldeten Enthüllungen des Journalisten Brasul Bruschkowski füllen ganze Spalten der Kiewer mul sonstigen russischen Zeitungen. Unter dem Drucke der öffentlichen Meinung hat auch die Kiewer Staatsanwaltschaft ihre anfängliche gesetzwidrige Hai- Uuig aufgeben müssen. Noch spät am Mittwoch abend wurde dem Verlangen Brasuls nachgegeben und er und seine Zeugen einem fünfstündigen Verhör unterworfen. Die von Brasul angegebenen Zeugen machten für Mifle mul seine Bande sehr gravierende Aussagen. Der Tischler Petrow hat kurz vor der Ermordung Justschinskys gesehen, wie Mifle eine Schustcrahle präparierte. Nach der Ermordung Justschinskys fanden zwei Knaben, der Knabe T s cli c b y r j a k o w , der später merkwürdigerweise ebenfalls einen rätselhaften Tod fand, und der Knabe S a r u t s k y , diese Ahle. Sie war voll Blut. Neben der Ahle fanden sic an der Mordstcllc auch eine eigentümliche Feile. Als Mifle Kenntnis von diesem Fund erhielt, wurde er sehr erregt und befahl, diese Gegenstände in eine Kloscttgrtibe zu werfen. Die Mutter des getöteten Knaben Tschebyrjnkow und der Knabe Sarutsky machten nach dieser Richtung die bestimmtesten Aussagen. Zugleich erzählte die Mutter, eine ehemalige Geliebte Mifles, von geheimnisvollen Zusammenkünften Mifles und seiner Genossen N e s c h i « $ k i, P r i c h o d k o , Nasa renk o und anderen vor und nach der Ermordung Justschinskys. Sie schwuren sieh gegenseitig, das Geheimnis ihrer Verschwörung zu wahren mul bestätigten ihren Schwur mit ihrem Blut, indem sie sich Einschnitte in die Hand machten. Mifle äußerte mehrmals vor Petrow, daß seine ehemalige Geliebte ihn zugrunde richten wiirde, und er stellte daher ihrem Lehen nach. Durch Verbreitung des Märchens von einem Ritualmorde versuchte die Verbrechcrlxiiidc den Verdacht von sich abzulcnken. Frankreich Bei den jüngst stattgehabten Erganzmigswahlen für den französischen Senat wurde Ferdinand Crcmieux zum Senator des Bezirkes Gard v. iedergewähU. Der französische Senat zählt somit nach wie vor •I jüdische Mitglieder, und zwar Ferdinand Dreyfus, Seine et Oise, Eduard Miiliaud, Rhone, und Paul Strauß, Senator des Seine-Departements. Holland Der Ge11teindvr.1t in Rotterdam hat die jüdische Schüchtmcthodc für alle christlichen Fleischer als unzulässig erklärt. Der Wortführer der Majorität, welche sich aus den konservativen, liberalen und sozialdemokratischen Mitgliedern des Gcmcindcrats ziisammeiiset/t, be/cielmcte diese Schlachtmctliodc als entschieden minderwertig den anderen gegenüber. Die katholische und christlich-demokratische Minderheit stimmte für die jüdische Schüchtmcthodc. Griechenland Im nächsten Frühjahr findet ein Kongreß der jüdischen Gemeinden Griechenlands statt. Die Zahl der Juden des Königreichs wird auf etwa 8(100 Seelen geschätzt: die bedeutendsten Gemeinden sind die in T r i k a I a , Korfu, Larissa, V o I o und A t h e ». Eine jüdische Schule gibt es bloß in Larissa. Dieselbe wird von der Regierung subventioniert. Obwohl die Juden Griechenlands in ihren Reihen eine ansehnliche Zahl wohlhabender Personen zählen, ist doch infolge des allgemeinen Imlifferentisimis allem Jüdischen gegenüber im ganzen Lande kaum eine nennenswerte jüdische Institution vorbanden. KORRespoNDenzen PotAfcKttri» Es muH nicht schwer sein, eine I wie*( ot/lil Salyrc über das Kapitel ״russische Logik" zu .schreiben. Während die braven Echtritsscii in der Duma ihren Grips austrengeu, um ein (iesetz über die Ausschließung der Juden aus dein Heere zustande zu bringen, wird die Aushebung jüdischer Rekruten im ganzen Reiche mit der größten Schärfe gchamlhabt. Nur ein Beispiel. Die jüdische Bevölkerung Warschaus macht nur >;! der Kiesamtcinwolnicrscliaft aus; dennoch wurden im Vorjahre in der Hauptstadt Polens 023 Juden, aber nur 536 Christen unter die Fahnen gerufen. Allerdings ist die Annahme des Rckrnteiigesetzcs durchaus mich nicht gesichert, trotzdem sich höchste und allerhöchste Kreise darum hemuheu. Die Bauerndeputierten sind nämlich erbitterte Gegner der No. veile; sie wissen genau, daß die Ausschließung der Juden aus dem I leere eine schärfere Anspannung der militärischen Leistungsfähigkeit der Landbcvölkerung zur Folge haben würde. Sc! darf man erwarten, daß eine etwaige Debatte sieh in den üblichen Phrasen über jüdische Tücke und Feigheit erschöpfen werde־. Inzwischen wird brav weiter ausgewiesen. In Nisclmi-Nowgorod wurde eine Revision der Aufcnthaltsprivilegien der dortigen KauflciUc mit dem übliehen Erfolge vorgcnomincn. Auch in Cliarkoff fanden Ausweisungen statt; unter den Exitentcn befand sich ein Greis, der 70 Jahre am Orte gelebt hatte. In Kiew wurde die Gründung der neuen Terrainverwcrtungsgcsellschaft nur unter der Bedingütig gestattet, daß Juden von ihr ausgeschlossen wurden. es TRIBUChe Sehr geehrte Redaktion! Ich bitte um freundliche Aufnahme nachstehender Zeilen in Ihrem sehr geschätzten Blatte. Seit einigen Jahren arbeite ich an einer Saminlung von Biographien berühmter Juden aller Zeiten und Länder. Bis heute sind über •100 solcher Biographien zusammengetrageu und gedenke ich, seihe 1111 kommaulen Frühjahr in einer derart volkstümlichen Form zu veröffentlichen daß auch den .iruisfeii Interessenten die Anschaffung dieses Büchleins möglich sein wird (etwa l Kr. bis 1 Kr. 50 per Exemplar). Der Mangel eines solchen Nnchschlagwcrkes hat sielt schon lange fühlbar gemacht, und haben sich bedeutende Männer durch Veröffentlichung ähnlicher Sammelwerke sehr verdient gemacht. — Leider fehlt diesen Werken die Popularität. <— Sie konnten den i I! j I I t! I 1 t t 1 I 1 \ t I » I t! I 1' 1 \ . I I l I \

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