Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1912)
- Date
- 1912-02-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 5 JUEDISCHE RUNDSCHAU ־ Seite 33 teils der Versammlung fernbleiben, gehört noch nicht ein Prozent der zionistischen Vereinigung an. Seitdem der Begründer der hiesigen Zionistischen Vereinigung, der bekannte zionistische Agitator Rechtsanwalt Gruneinann, nach Berlin übergesiedelt ist, hat hier jegliche Agitation, die sieh die Ge• mcinde verbeten hatte, aufgehört. ‘Umso empörter ist man in jüdischen Kreisen, dal! ein an einer hiesigen Privathandelssclmle «!!gestellter Oberlehrer lind ein von seiner Gemeinde seinerzeit wegen zionistischer Agitation suspendierter Rabbiner von neuem hier versuchen, durch zionistische Vcrsanuu• lungen, die oft lumultuarisch verlaufen, Propaganda zu machen.“ über die auch die Tageszeitungen ausführlich be* richteten. Herrn Rabbiner Dr. Emil Cohn sei auch hier nochmals herzlich gedankt. Deutsche Forschungen 111 Es lohnt sich, diesem anony m en Erguti einige Aufmerksamkeit zu widmen. Köstlich ist die Art, wie der dem Verfasser verhallte Herr Rechtsanwalt Oronemann hinciiigezogen wird, obwohl er mit der ganzen Angelegenheit auch nicht das mindeste /u tun hat. Spaßig ist auch die statistische Pest• Stellung -• die Statistik gehört offenbar zu den Lieb• lingsbeschäftiguugen des Herrn Verfassers —־ über das Verhältnis der Mitglieder der Syuagogengemcinde zur Anzahl der Atitglieder der Ortsgruppe. Dabei wird uns verschwiegen, dal! auf Grund eines allen, reaktionären Statuts die Gemeinde Hannover das Recht für sich in Anspruch nimmt, darüber zu he• stimmen, ob sie jemanden als Mitglied aufnehiiien will oder nicht, so dal! ein grober Teil der hiesigen Juden nicht die Mitgliedschaft der Synagogen• gemeinde besitzt. Interessant ist ferner, welche Auf• merksamkeit der Herr Verfasser den Privatvcrhäll• nissen der Referenten widmet. Der ״an einer hiesigeu Privathaudelsschuie angestclltc Oberlehrer“ verdient cs offenbar, dal! der Leiter dieser Schule auf die unerlaubte Tätigkeit seines Angestellten hinge• wiesen wird! Vielleicht geht cs ihm dam! noch ein• mal ähnlich wie Herrn Rabbiner Dr. Emil Colm — das ist natürlich der ״von seiner Gemeinde seinerzeit vom Amt suspendierte Rabbiner“ -־, der um seiner 0 c s i n n u n g willen von den Parteigenossen des Verfassers seines Amtes beraubt worden ist. Das ist offenbar in den Augen des Herrn Verfassers ein besonderer persönlicher Makel! Und endlich die Behauptung, daß die Hannover• sehe Gemeinde sich die zionistische Agitation ״ver* boten“ hätte. Das ist zwar einfach nicht wahr; und cs hätte natürlich auch keine Gemeinde 1111 d kein Gemeindevorsteher das Recht dazu. Aber charakteristisch ist diese Bemerkung; chnraktcristisch für den Geist, in dem das ganze Schreiben gehalten und aus dem heraus cs entstanden ist; charakteristisch auch für die Art gewisser Ge* m e i n d c m a c 111 h a b c r im heutigen Judentu ml Nun, dies Schreiben hat anders gewirkt, als sein Verfasser cs wollte — bei Christen und auch bei Juden. Man wollte die Versammlung von vornherein unmöglich machen ■— auch allerhand sonstige schöne Mittel waren versucht, u. a. anscheinend eine richtige Snalabtreihung —, mul der Erfolg war, dal! der Saal tiberfüllt war und dal! auch aus Kreisen, die sonst unseren Versammlungen fernbleibcn, Be• sucher erschienen waren. Unter den Besuchern waren allerdings auch eine Anzahl von Gegnern, die offen• bar hofften, im Laufe der Versammlung Gelegenheit zu lärmenden Demonstrationen zu finden — bisher nahm man ja an, daß «las nur von Zionisten gc• schähe; — aber der ganze Ton der Verhandlungen war ein so sachlicher und würdiger, daß diese Herren nicht auf ihre Rechnung kamen. Nach einer kurzen Erklärung des Vorstandes gegenüber dem oben erwähnten Pamphlet sprach zunächst Herr Dr. Schöiiemami über das Thema ,.Der Prozeß Wolf Metternich und die deutschen Juden.“ Er zeigt e in kurzen Zügen, wie die Schäden, die dieser Prozeß in gewissen Kreisen des großstädtischen Judentums offenbart bat, nicht zufällig sind, sondern ihren Grund haben in dem Verfall und der Zersetzung des Assimilantcn-Judentums. Dann folgte die Rede des Herrn Rabbiners Dr. Emil Colin (Kiel) über ״Probleme im modernen Judentum“, ein Meisterstück nach Form und Inhalt. Von der historischen Entwicklung des westlichen Judentums im 19. Jahrhundert ausgehend, beleuchtete er «las Kulttirproblem und das Wirtscliaftsproblcni des Juden• tums der Gegenwart und zeigte, wie alle diese Fragen letzten Endes zurückgelicn auf das eine Problem: das Persönlicbkcitsproblein des modernen westjuden, das nur durch die Rückkehr zum natio• nalcn Judentum, Im Zionismus, gelöst werden kann. Mit immer wachsender Aufmerksamkeit lauschten ״»■' Zuhörer diesen Ausführungen, und die Beifalls• Kundgebungen am Schluß zeigten, wie stark die “״de auch auf die gewirkt hatte, .die bisher den Zionistischen Ideen fremd oder gar ablehnend gegen- ״oergestanden batten. der Diskussion vertrat u, a. Rechtsanwalt ,, p°f'n den Standpunkt des unbedingten Kosmo- Politismus. Ihm antwortete Herr Dr. Emil Co 1111 Schlußwort in höchst wirksamer Weise. Damit *chloß die Versammlung, die allgemein als ein Broßer Erfolg unserer Sache bezeichnet wurde und Während die jüdlsch-uatfonalcn Pnlästlnabcstrc* billigen immer weitere Kreise des Judentums in ihren Bann zieht! und die Erkenntnis sicli immer mehr Bahn bricht, daß das Land unserer Väter berufen ist, das Land der jüdischen Zckunft, insbesondere ein Mittelpunkt für die kolonisatorische und kulturclie Tätigkeit der großen jüdischen Verbände zu werden, gibt sich auch in nicht jüdischen, nament• lieh wissenschaftlichen Kreisen ein stets lehhafleres Interesse für das heilige l.and, die Wiege zweier Kulturrcligioncu der Menschheit, kund, ln den letzten Jahrzehnten sind fast in allen größeren europäischen Ländern Vereine für die wissenschaftliche Ertön• sclumg Palästinas entstanden. Es seien hier bloß der englische P a I c s t i n e Exploration Fund, die Russische Palä st in agc Seilschaft, der Deutsche Pa lüstin ave rein und die ebenfalls vorwiegend In Palästina tätige Deutsche O r i e n t g e s e 11 s c 11 a f t genannt. Die letztgenannte Gesellschaft veranstaltete Sonn• tag, den I I. Januar, im Saale der Singakademie zu Berlin einen Vortragsabend, den der Deut sehe Kaiser durch seine Anwesenheit aus/ciclinctc. Professor Dr. Carl Watzinger, Ordinarius der klass. Archäologie an der Universität Gießen, hielt einen durch zalrciehe Lichtbilder erläuterten Vortrag über ״Deutsche Forschungen in Pa• I ä s t i n a“. Der Vortragende, der in! Aufträge der Deutschen Orientgescllscliaft 1905 mit Reg.-Baiinieistcr K o 11' die Sy n agogc n r ui ne n Galiläas untersucht und später 190$ und 1900 an den ebenfalls von der D. O.-G. veranstalteten, von Prof. Sellin (Rostock) geleiteten Ausgrabungen in Jericho teil• genommen, gab einleitend einen kurzen Ueberbiick über die bisherigen Forschungen auf dem Boden des heiligen Landes. Palästina, so führte der Vor• tragende aus, ist erst verhältnismäßig sehr spät zum Gegenstand eingehender und systematischer geo• graphischer und archäologischer Forschungen gemacht worden. Millionen haben das Land als Reisende oder Pilger betreten, ehe man daran gedacht hat, cs der Wissenschaft Oes Spatens zu erschließen und zu versuchen, ob sich nicht dem spröden Boden steinerne Zeugnisse «!)gewinnen lassen, die uns in den Stand setzen, die biblischen Berichte besser zu verstehen und naehzuprüfen. Seit etwa zwei Jahrzehnten aber ist in dieser Hinsicht ein entscheidender Wandel cingeiretcn: die systematische Erforschung des Landes durch Aus• grabimgen hat begonnen tmd bereits wertvolle Früchte getragen. Den Engländern, die mit Hilfe des reichdotierten Palestinc Exploration Fund Bedeuten* des geleistet haben, folgten die Amerikaner und ihnen, mit nicht geringen Erfolgen, die Deutschen. In den Jahren 1901—1903 hat Professor Sellin im Norden des Landes in der Ebene Jcsrccl im Kisontalc — von dem das Deborahlicd zu erzählen weiß — sehr ergebnisreiche Ausgrabungen allgestellt und 11. a. in dein heutigen Teil T .י ו a n nck die Stätte dos alten Thaanach entdeckt; Ihm schloß sieh 1903—1905 Baurat Schumacher an, der im Aufträge des deutschen Palästina-Vereins und mit Unterstützung der D. O.-G. in derselben Ocgend grub und in dem T e l •e 1 tu ut e s e 11 i m das biblisehe Megiddo erkannte; reiche Einzclfiimle wurden dabei an beiden Stellen zutage gefördert. Sind auch alle diese Arbeiten in erster!Linie ln religionsgescliichtiichcni Interesse unternommen worden, 60 ist ihr kulturhistorischer und archäolo• gisch er Gewinn wohl mindestens ebenso hoch zu veranschlagen. ln kaum geringerem Grade gilt dies von den Forschungen, die der Vortragende 1905 mit Kohl und Hölscher in den Synagogenruincjt Galiläas vorgenommen und deren Ergebnisse er seinen aufmerksam folgenden Zuhörern in wohlgeiungcnen Lichtbildern vorfülirtc. Bei diesen Arbeiten handelte es sicli nicht um Orabmigcn, sondern tun die Frei- Icgiing über dem Boden stehender, nchuttbedccktcr Arehitckturrcstc. Auf neun verschiedene antike Orte haben sich die Arbeiten erstreckt; ihr wichtigstes Ergebnis ist die Freilegung eines noch ln seinen Trümmern großartigen und baugesdiichtiieh ungemein iuterssanten Synagogenbaucs im alten Kapern au in (K cp har Nach um, beute unter dem Namen Teil-Hum ein großes Ruinenfeld). Schon der Grundriß des Tempels von Kapernaum läßt uns als seine Entsteliungszcit das erste oder zweite nach• christliche Jahrhundert erkennen. Wesentlich denselben Typus zeigen auch die untersuchten Synagogenroste, an den anderen Orten. Eine weitere Unter• auf denen die Frauen Platz nahmen. Ueberaus Intercssant sind die, wenn auch spärlichen Reste eines künstlerisch durchaus uiivcrächllichcn Skulpturensclumicks. Auch die Pulte für den Thoravorleser, die vielfach die Form eines »mschcKörmigcn Baldachins - zeigen, ebenso wie die Schränke, die der Aufbc- Währung der Thorarollcn dienten, trugen Arabeskenschmuck und lassen die Absicht künstlerischer Ocstaltuug erkennen. Wüßten wir es nicht aus anderen Quellen, so könnten diese Syiiagogenbautcn, in denen sich israelitische und römische Stilfonncn reizvoll mischen, cs uns in charakteristischer Weise deutlich machen, wie die Städte Galiläas in jenef verhältnismäßig glücklichen Menschheitsepochc unter dem Antonius-Szepter, vielleicht sogar unter der materiellcn Beihilfe eines Antonius Pius und Alcxandor Soverus Sitze einer blühenden Kultur waren. Zum Schluß gab der Vortragende noch ein zusamuicufasseiules Bild von de« Ausgrabungen in Jericho. Er zeigte die vierfache Schicht, die wir in den erhaltenen baulichen Resten, namentlich der grandiosen, zum Teil wahrhaft zyklopischen Mauer zu unterscheiden haben, und die vierfache Ansiedehing — in kanaanitisclier, früliisraclitischcr, isracll* tischcr Königs- und zuletzt in by/antisclicr Zeit. Weitaus die wichtigste und umfangreichste von diesen war die der Königs/cil. Die Großartigkeit der aus jener Zeit stammenden Baureste, namentlich der Mauer, die eine Doppclmaucr war und als forttfi« katorischc Anlage noch heute unsere Bewunderung verdient, wußte der Vortragende im Bilde anschaulich zu machen. Auch die bedeutenden Reste eines großen Wohnhauses, in dem der Vortragende den Palast des Cliiei, des Neugründers von Jericho, iin 9. vorchristlichen Jahrhundert wiederentdeckt zu haben glaubt, wurden eingehend geschildert. Mit dem Wunsche, daß die D. O.-G. das so glücklich begonnene Unternehmen der palästinensischen Ausgrabungen mit gleicher Tatkraft und gleichem Erfolge weiterführen möge, schloß Prof. Watzinger seinen gehaltreichen Vortrag. suchung ergab, daß alle Synagogen jener Zeit zweistockig, d. h. oben mit Emporen versehen waren, Antwerpener Brief Vortrag Dr. Klee. Die Kunde, daß Herr Dr. Klee aus Berlin hier sprechen werde, wirkte auf die Antwerpener Juden wie ein Sammelruf, und in Scharen kamen sie nach der ״Harmonie". Der ״Rote Saal" war lange vor Beginn überfüllt und viele mußten leider wegen Platzmangel wieder umkclircn. Der Vortrag war vom LamJeskoinitce veranstaltet und fand am 3. Januar d. J. statt. ״Kapitalismus, So* zialismus, Zionismus“ lautete das Thema. Redner begann mit «lern Hinweis auf die exzeptionclle Stellung des jüdischen Volkes innerhalb der anderen Kulturnatiimeu. Kein Volk wird soviel disktitiert, und es ist sowohl den eigenen Genossen wie dem fremden Betrachter ein schwer zu fassendes Problem. Man möchte cs gerne auf eine Formel reduzieren, und man will nicht cinselien, dal! seine Eigenschaften viel zu mannigfaltig sind, als daß sein Charakter von einem Punkte aus zu verstellen wäre. Sind die Juden denn nicht auf allen Gebieten des Lebens beteiligt? Wo im ganzen Weltgetriebe stellt der Jude sich nicht zur Verfügung? Gibt cs irgend• welche Ktiltiirinteressen, wo der Jude nicht mitstrebt und mitkämpft? Im Beginne der Einanzipations- Periode haben die Vertreter des jüdischen Volkes dasselbe als eine ״konfessionelle Gemeinschaft“ be• zeichnet. Jahrzehntelang haben sogar die Juden selbst sich für so einseitig gehalten. 1>och die Entwickhing innerhalb des neunzehnten Jahrhunderts zeigte, daß die Juden noch andere weithin wirkende Cliarakicreigciiseliaften besitzen. Professor So 111־ hart stellte als unseren Gruiuleharaktcr die kapi• talistische Veranlagung fest. Nur ein Nichtjude, «1er von der Seele des jüdischen Volkes einen allzu schwachen Begriff hat, konnte sich auf diese Formel versteifen. Auch den Griechen und Römern ist eine solche einseitige Beurteilung zuteil geworden. Der Kapitalismus ist eine zufällige Entwicklung der gcschidUticUeu Umstände, die das jüdische Volk auf Geld und Handel hindrängten. Aber seine Ursachen schon in der Urgeschichte «Jer Juden finden zu wollen, zeigt einen Mangel an Verständnis für die inneren Lcbcnsphasen «les jüdischen Volkes. Gclchrtcn-Mystik. Mit größerem Rechte könnte man die Juden als das klassische Volk des sozialen Gedankens bezeichnen. Der Glcicblieitsgedaiikc ist ein Ruhmestitel «ler jüdischen Weltanschauung. Es ist kein Zufall, daß die Vorkämpfer für die Unterdrückten luden sind. In «ler Praxis zeigt es sich!eitler, daß die sozialistische Weltanschauung die Juden m19 dem Judentum herausdrängt. Es ist ein etiler, großer Traiiiit, der Glaube au den Fortschritt des Menschengeschlucktes bis zur völligen Gleichberechtigung eines jeden Individuums. Gefährlich wird der Traum, wenn man annimmt, der Sorge fürs eigene Haus enthoben zu sein. Marx fordert vollen Arbeitslohn für jeden, «loch daß viele Tausende von Juden noch gar keine Arbeitsgelegenheit haben, das bedenken seine Anbänger nicht. Die Judenfrage ist eine Einzclfragc, die für sich selbst behandelt werden muß. Es ist eine Erschwerung der Lösung des sozialen Problems, wenn man tiie Judenfrage damit verquickt* Die Juden sind beispielsweise ein Fremdkörper in der deutschen