Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1912)
- Date
- 1912-02-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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\ •Seile 34 », , ndüiuc Schaustück i» tlcr guten Stube des detit• *»:heu Bürgers stehen und verstauben. ' , Wenn dieser Wahlkampf sicherlich auch keines• falls zur Minderung der antisemitischen Volksuislinkto bcigctrageii hat, so hat er doch den politischen Anti• seinitisinus schwer getroffen. Seine Niederlage sieht וונוס am besten aus Vcrglvichs/ahlcu. Oie Christ• lich'Sozialcn bestehen seit IS78, die Reformer seit 188(1 und die l>cu(sch*$oztalcu seit ISS‘). Alle nj>.» le.eu Vereinigungen und Entzweiungen lielleu diese 3 Hauptgnippcn, neben bimiljerisduii Mittelstands-Antisemiten. Oie Entwicklung des samlantiseiiiitisiiius zeigt eine Tabelle: Wahlen 1887 1890 1893 1898 1903 1007 Slimnien in ו itiscml 12 48 330 391 479 015 400 M mlatc I ־26 20 21 20 ל I I Man sieht, nach beinahe 20 jähriger Blütezeit geht cs abwärts. Die kleinste Mandatzahl von all den Hhitejahren und auch die kleinste Ütimmcuzalil. Es sin 1 diesmal maximal lOOtKH) antisemitische Stimmen abgegeben worden: 1893 allerdings 330 000. Seit 18•' I ist aber die Wälder/ahl in Deutschland lim 60 1• gewachsen. Die Antisemiten müllteii daher, um gleichstark wie 1893 zu sein, 550 003 Stimmen auf• gebracht haben. Dies ist hei weitem nicht der Fall. Sehen wir uns die örtliche Verbreitung des Anti• scmilisimis an. Die Abgeordneten sind gewählt.• 1911 1907 doch und (11•• 1912 in: Mitteldeutschland Süddeutsclilaud Brandenburg Sachsen 8 I I 1 1(1 5 I 1 der Noch ein paar Angaben über die Verbreitung Wähler im Blütcjahr 1907. Ich errechne: Im Vergleich zu einer gleichförmig verbreitet ge• dachten antisemitischen Wählerschaft, also im Vergleich zu einer erredmctcu Ihirchschnittsverhreitimg gibt cs in Hessen-Nassau die vierfache und in Sachsen und Bayern je die zweifache Menge Antisemiten. In diesen 3 ,Gebieten zusammen wolmt beinahe die I lälttc aller Antisemiten Deutschlands. Iler Antisemitismus hat hauptsächlich ländliche Wälder. 1907 wohnten in Orten unter 2000 Einwohnern 43״•׳ aller deutschen Wähler; jedoch 70״״ aller Antisemiten. Auf dem Lande gibt es verhältnismäßig 3 mal soviel Aiitiseiiii־ ten wie in Orten über 2000 Einwohnern. Ein anderes Mal mehr von diesen Dingen, die auch uns angehen. STI). Professor Stein gegen Professor Sombart Ein Beitrag zur K a in p f 111 e t h o d e u n s e r e r Gegner. Am 20. Januar sprach Professor Ludwig Stein vor den Mitgliedern der Montefiore*Loge und wohl einigen Dutzend Gästen über — ja, worüber cigcnt• lieh? Als Thema war uns genannt: ״D i c Zukunft des Judentums nach SombarJ," und Herr Arthur Kahn, der einige Worte zur Einführung sprach, meinte, die Einseitigkeit und der grolle Pessimismus in den letzten Erörterungen des Juden- Problems erforderten eine Rektifizierung und eine Nachprüfung der Frage durch einen Philosophen. Hiernach hätten wir eine Auseinandersetzung mit Thcilhabcr und mit Sombart erwarten dürfen, denn nur der ersterc hat ein Buch mit einem pessi* mistisch aussehenden Titel geschrieben (״Der Unter• gang der IX־utschen Juden"), und was für Vorwürfe gegen Sombart außer dem der Einseitigkeit erhoben werden würden, darüber brauchten wir Zio• nisten uns nicht im unklaren zu sein. Aber cs kam anders. Zuerst allerdings nannte Professor Stein Theilhabers Buch und bekämpfte seine pessimistischen Lehren. Nun ist ja Tlieil• habers statistische Methode auch von Autoritäten tlcr Statistik scharf kritisiert worden, auch in zio• nistisclien Blättern; aber was Professor Stein gegen ihn anführtc, traf gar nicht den Kern der Sache, weil er eine Lehre vom Untergang des Judentums bekämpfte, die Thcilhabcr nie und nirgends aufgestellt hat. Nur die Verhältnisse der Deutschen Juden hat Thcilhabcr untersucht, ihnen und den andern westeuropäischen Judcnscliaften kündigt er an, sie müßten zugrunde gehen, wenn ihnen nicht (das muß man wohl herauslesen) fortschreitende Nationalisierung einen neuen Geist, Erstarkung und Gesundung von innen heraus brächte. Professor Stein aber machte aus dem Untergang der Deutschen Juden den Untergang des Judentums. Da hatte er cs natürlich viel leichter, Thcilhabcr zu bekämpfen. Zumal da es ihm mir auf die Erhaltung der Lehre der Propheten ankommt, wofür ihm auch eine kleine Anzahl Juden genügt. Und nun war der Herr Professor mit einem Male bei Sombart. Nicht sein Buch über das Wirt• schaftülebcn und die Juden wollte er kritisieren -- * JUEDi CHE so sagte er und von den Voi trägen .me!« nur den einen, den über die Jut'enpulitik. Aber wer diesen zweiten Somiiarlscheii Vortrag geholt hat, der wartete vergeblich darauf, daß dessen Haupt• iiiuiin'iile herausgegriffen, den Hörern in niice wiedergegeben und zum Gegenstände eines Angriffs, einer Kritik gemacht würden. Die Folge davon war zu• nächst, d.iil die Hörer aiinelinioii mußten, Sombart habe die gleiche Ansicht, wie sie ITeilhaber nach Professor Steins Darstellung haben soll, auch Som•• hart sei von dem bcvoi stehenden Untergang ries Judentums überzeugt. Daß diese f olge eiogetieteii ist, hat dem Schreiber dieser Zeilen bisher jeder I lörcr bestätigt,' der gefragt worden ist: liegen welche Meinung Sumbarts hat mm eigentlich Professor Stein gekämpft? Was referierte mm aber Professor Stein ans Sumbarts Vortrag im besonderen, nachdem er ihn im allgemeinen mit Teilhaber in einen Topf ge• worfelt batte? Einzelheiten, aus dem Zusammen• hang gerissene Salze und Satzteile, von denen kaum einer in seinem ursprünglichen Sinne wiedergegeben wurde. Beispiele mögen «lies beweisen. Professor Stein entrüstete sich gewaltig, daß Sombart einen Unterschied zwischen Ost• und Westjude» machte. Es gäbe keilte scharfen Unterschiede zwischen beiden Gruppen, die Grenzen seien (lielleinl, die russischen Juden in Berlin seien nach kurzer Zeit von jüdischen Urbcrlinern nicht zu unterscheiden, wenn es den Juden in Rußland schlecht gehe, so stünden wir ihnen gern hei, und es gäbe nur eine Jmlenfrage. Herrliche Worte, hei denen wir gern vergessen wollen, wie oft uns das Gegen• teil (״Wir haben mit diesen Halhasiatc» nur die Religion gemeinsam!“) von ״liberaler" Seite ztige• rufen worden ist. Aber Sombart gegenüber war diese Ausführung ahsoltu nicht am Platze; denn er hat nichts anderes gesagt, als «lall ־ Professor Stein zitierte ihn hier fast wörtlich - für die «>stliehen Jiulen eine Untcrbrmguug-.poIitik notwendig ist, weil sic in ihren Wohnländcrn keine ertragliehen Daseinsbcdingungcn mehr finden, während für die westlichen Juden diese rein materielle Notlage nicht vorhanden ist. Also diese Binsenwahrheit, daß die russischen und rumänischen Juden infolge sysle• matisclier Bedrückung durch Ausnahmegesetze genötigt sind, zu Hundcrttauscndcn auszuwandern, während «lies die Juden der anderen Länder nicht nötig haben, wird in Steins Kritik zu einer Eintet• hing der Jiulen in zwei ethnisch verschiedene Volks• teile, und den gleichen Irrtum findet er darin, daß Sombart von seph,•irdischen und askenasischen Juden spricht, obwohl die Einteilung doch zur Be• Zeichnung der Herkunft oder der Sprache durchaus berechtigt und gang und gäbe ist, ohne daß man de.sb.11b an zwei verschiedene Volksstänunc dächte. Sodann zu den Westjuden. Jetzt kommt’s! dachten wir. Hier hat sich Sombart mit der großen Frage auseinandergesetzt, ob restlose Assimilation und ein Aufgehen in der Umwelt oder Erhaltung der eigenen Art mit eigenen Zielen (und welchen?) das Streben der Judeupolitik sein soll. Also muß sich auch Stein, wenn er Sombart kritisiert, mit dieser Frage ausein.uidcrsetzen. Aber diese Erwartung wurde getäuscht. ״Was die Wcstjiulcn betrifft, so wirft ihnen Sombart eine Anzahl Fehler vor, z. B. die beständige Zweckbedachtheit, «len (Mangel an Takt, «len Mangel an Selbstgefühl." Professor Steins Widerlegung dieser von ihm in Sombart» Vortrag entdeckten Vorwürfe war zum Teil höchst überrasclieiid. ״Wenn cs richtig wäre, daß die Juden stets auf ihren Zweck bedacht sind, wäre dann eine Institution wie die der Loge möglich?" (Ein au• mutiges Kompliment vor der Versammlung!) Oder: Die Meinung Somharts, der Mangel an Takt mache die Juden zur Bekleidung höherer Aemter unfähig, werde vollständig widerlegt durch das Beispiel an- «lerer Länder, z. B. Italiens, wo der Jude Luzzatti einen internationalen Kongreß von Gelehrten und Staatsmännern unter Betonung seines Judentums er• öffnet habe, und dennoch nach sieben Jahren Mb nisterprärident geworden sei. Auch dürfe Sombart über Takt nicht reden, weil er sich auch einmal (in einer Angelegenheit, die die Zeitschrift ״Der Mor• gen“ betriff!) nicht taktvoll benommen habe. Nun hat Sombart nicht im entferntesten derartige Vorwürfe gegen die Juden erhoben. Profcssor Stein zeige uns die Stelle, wo Sombart auch nur etwas annähernd ähnliches gesagt haben soll wie das, daß die Juden für höhere Stellungen im Staatslcben durch Mangel an Takt disqualifiziert wären. Wohl aber hat Sombart folgendes betont: ״Das Streben nacii Arterhaltung verbessert die Art selbst. Wertvolle Eigenschaften gelangen dadurch zur Entwicklung, wertlose verschwinden. Wenn ein V«dk Volk hleihcn will, so besinnt cs sic!» auf sich selbst und nimmt bei sich eine Scheidung von gut und schlecht vor. Sind doch viele bei den Juden nls unangenehm empfundene Eigenschaften verbunden mit dem Streben, Niolitjude sein oder scheinen zu wollen. Darum findet man solche Eigenschaften, Nr. 5 «h 11 ,Mangel an Respekt Vor Menschen mul Dingen, manche Taktlosigkeiten (hier hatte Sombart .auch den Wdlmaehtshaimi in jüdischen, Häusern erwähnen koiinen), Duckmäuserei und Würdelosigkeit nicht eigentlich in «len jüdisch fühlenden Kreisen, :011• dem in den durch die Entwicklung aus dem Junen• nun lu.rausgcschleiulerteH Kreisen .«les Gohisjuilen• tuius um mich zionistisch aus/uilrückcn." ׳ Um vieles schärfer lut solche schlechte Eigen• art einmal in einem Vortrag Herr Oeheimrat Tunen• dorfer ciiaiaktcrisierl. Aber Sombarls Ausführungen sind für Professor Stein nichts als ״nherzuckcrtcr SaUmaiitiscmitismus von Chamherlainsclier Art." Und warum «lies alles! Sombart kommt mit seiner Beweisführung zu /loiiidisclien K01tse«|1ienzen. Daß cs ein jüdisches Volk gibt, slchl ihm .«0 •er aller Diskussion, «laß dieses Volk wert ist, weiterziilcbcn, bejaht er •als Außenstehender, lind daß cs selbst das Streben habt•, sich als Volk weiter zu er• hallen, erscheint ihm als ein moralisches Postu at für die Judeiihcit. Als Mittel zur Erhaltung «ies jüdischen Volkstums aber erscheint ihm nichts סי sehr geeignet und notwendig, wie die Vcrwi.k• lichtmg der zionistischen Bestrebungen. Merkwürdig, daß nichts von diesem (iedankeiigang in dem Vor* trag von Professor Stein erwähnt wurde! Konnte er ihn widerlegen, warum hat er es dann nicht gewollt? Die Lehre von der jüdischen Mission, in deren Verhcrrlielimig sein Vortrag ausklang, ist «loch kein Gegensatz zu Somharts Ausführungen. Be«|Ue1ner als die Widerlegung eines in sich gescldosseiien (ic«l aiikeiigaiigcs mag es sein, dess« n Urheber zum unwissenschaftlichen Charlatan und Antisemiten zu stempeln. Wie viele von Steins Hörern, «lenen einmal Somharts Vortrag in die Hände kommt, werden ihn ungelesen beiseite legen mit dein Bemerken: ״Ach, was «ler schreibt, wissen wir ja von Stein!" Und wie viele um ihnen mögen auch den Zionismus von vornherein .iblelmcii, wenn sie später einmal hören, «leim bei Professor Stein haben sie es nicht gehört daß Sombart für diese Bewegung eingetreten ist. Die jüdische Oeffentliclikeit muß aber aut'•* euer• gischstc gegen ein solches Verfahren protestieren. Die Behandlung, die Professor Stein einem ancr* kannten Gelehrten aiigcdeilicn ließ, indem er ilmi zunächst ungereimtes Zeug in den Mund legte, um ihn dann mit Applomb und Pathos zu widerlegen, ist nicht minder verwerflich, als die gewaltsame Irreführimg «ler öffentlichen Meinung. Die Zionisten hallen Somharts Ausführungen nicht kritikhis hin• genommen, sowohl seinen Vorträgen wie seinem großen Werk gegenüber lialien unsere Autoren ihre Einwendungen gemacht. Um so weniger haben wir Anlaß zu schweigen, wenn in dieser Weise versucht wird, den Namen des Mannes zu «liskreditiercn und die öffentliche Diskussion der Jmlenfrage von def Hauptsache abzulcnken. Hans S t e i n i t z, Berlin. Brief aus Hannover Trotz vielfacher Widerstände macht der Zionis* inus in Hannover Fortschritte. Es geht langsam vorwärts; aber es geht vorwärts. Wir haben es dahin gebracht, «laß sich vor allem die jüdische Jugend — oder wenigstens die intelligenteren darunter •— mit oberflächlichen Schlag Worten über jüdische Dinge nicht mehr begnügen. Die Fragestellung ״Zionis* ums oder Untergang des Judentums?" beginnt sich durchzusetzen. Seit Jahren waren hier von «ler Ortsgruppe keine größeren öffentlichen Versammlungen mehr veran* staltct. Erst im vorigen Winter traten wir mit zwei wohlgclungeiien Blumen fehl-Versammluugen wiedef an die Oeffentliclikeit. Einen ausgezeichneten Erfolg errangen wir daun mit einer großen Versäumt« hing, die am 27. November 1911 stattfaud. Obwohl am seihen Abend eine Reihe anderer jüdischer und allgemeiner Veranstaltungen statt* fanden, war die Versammlung stark überfüllt. Zum Teil wenigstens verdanken wir diesen zahlreichen Besuch den Bemühungen eines Hannoverschen Herrn, der dem Zionismus auch früher schon zu wieder* holten Malen seine Aufmerksamkeit gewidmet hat. Wir hatten die Versammlung durch Plakate an den Anschlagsäulen angekündigt. Daß auf diese Weise zu einer ״öffentlichen jmlischcn Versammlung" in• vollster Oeffentliclikeit ungcscheut ungeladen wurde, daß also auch Niciiljudcn auf den Gedanken kommen konnten, es gebe noch so etwas wie ein lebendige• Judentum — das halte offenbar den Zorn «les erwähnten Herrn erregt und ihn zu folgendem Schreiben veranlaßt, «las in einen! Teil «!er Hannoverschen Zei* tungen a 11 o!1 y m erschien: ״Es dürfte von Interesse sein, das Publikum darüber aiif/uklärcii, daß in hiesigen jüdischen Krei*’ sei! die Anberaumung «ler am Montag abend hier stattfiudeiideii Versammlung und namentlich die geschmacklosen Themata der Vorträge als ״grober. Unfug" bezeichnet werden. Von den Mitgliedern der hiesigen Synngogengeinciudc, die auch größten*