Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1912)
- Date
- 1912-01-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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JNf. 4 J UED1SCHE RUNDSCHAU Sf'te 21 I \ j I 1 Merlin. I>r. O, W i t ko w s k y, Merlin. A. v;111 I) v k , CleinelnilevorHlelicr, Aurich. Dr. A, Klee, Ra'lus• niiwalt, Merlin. I>r. med, 11.1 n s M 1i 11 s .1111, piakt. Ar/t, Merlin. M e 11 j a in i וו Wolf(, Lehrer, Anrieh. Justizrat l > z i a I o s / y n s k i, Merlin. Aron Kober, Kaufmann, Breslau. Jacob Pels, Gcmcimlcvor• sieher, Enulen. I)r. J. Zwirn, Merlin. Der jüdische Volksliederabcnd in Prag י■ י Der Festabend des Vereins jüdischer Hodisdüiler Har Kocbba in Prag, der am IS. Jänner den grollen Festsaal des Hotels Zentral bis /.um lei/.teir IMiii/eluii lullte, hat die Erwartungen, die die Veranstalter und mit ihnen .־die jüdisch Mewullteu Prags au die grollte zionistische Veranstaltung des Jahres geknüpft hatten, durch seine Wirkung noch weit überholen. Die Ab• sicht des Volksliedcrabeuds war es, unsere Prager Judenschaft einen gemillreicheii Einblick in die Volks• lümliehe Psyche der Ostjuden gewinnen zu lassen! und mit dieser Absicht war die I loffmuig verknüpft, in unseren angeblich so ganz, assimilierten West pulen würden verwandle Saiten allklingen, das eigene jüdische Gefühl, für gewöhnlich von den Eindrücken des Milieus. verschüttet, würde sich dem Wesens• gleichen Geiste anfsehlielien, nmj so wurde ans den osliiuliseben Dichtungen auch für unser eigenes Judentum eipe unverlierbare Stärkung und Mclebmig erwachsen. Dali diese Hoffnung erfüllt worden ist, das bat jeder erkannt, der die Versammlung Prager Juden auf jubeln gehört bat. als die Lieder Gollniiins durch den Saal klangen; so jubelt mir, wer sielt selbst wiederfindet, wer äiis der Außenwelt die Stimme seines eigenen Herzens rufen hört. D.׳r Eul;:!1siasnms, der sich wieder und wieder erneute, gab für alle Zweifel und Frage» einen kostbaren Aufsehlull darüber, dall auch in uns allen, in allen Wcsljmlcu, der Strom des jüdischen Wesens nuversiegt rinnt; in der innersten Falte seines Herzens kann noch ein jeder Westjude — wie Nathan Mirnbaum, optimistisch wie lange nicht, sagte das Sehlüsselchcii finden, das ihm das Tor znin jüdischen Volke, zu seinem ur* eigenen jüdischen Lebensinhalt aufsperrt. I)r. Nathan Mi rn ha uni, zu Beginn seiner Rede lebhaft begrülit und nach ihrem Ende stürmisch umjuhclt, hielt über das Lied der Ostjuden die einleitende Konference. Das Temperament, das in Mathias Aschers Schriften sprüht, schlug auch durch seine gedankenreiche Rede durch, mit seiner leidenschnftiichcu Hingebung au das Thema die erwartungs• volle Spannung der Hörer fcslhahcnd und steigernd. Mirnbaum ging aus von der Polemik gegen die Mili־ Verständnisse, in denen die übliche Meiirteihmg der Ostjuden, der Mehrheit unseres Volkes, wurzelt. Lr wandte sich zuerst mit bitterer Anklage, dann mit feuriger Forderung gegen die Vorurteile, die die Eigenart der Ostjuden für alle Nichtjuden mul, was nocli schmerzlicher berühren müsse, auch für die meisten Westjuden in verzerrende Beleuchtung rücken. Wenn Nichtjudcu vielleicht niemals der jüdischen Eigenart restlos gerecht werden können, so müssen doch die Westjuden den Weg zur Erkenntnis und Wertung des lebendigen jüdischen Geistes, der in unseren ostjüdischen Volksgenossen wirkt, suchen und sic können ihn finden. Am dichtesten ist das Verständnis für das jüdische Volk aus der jüdischen Dichtkunst und vor allem aus jener Kunst zu schöpfen, die ganz in das Leben hinein und aus dein cLhcu heraus wächst: aus der oVIkskunst und aus der volkstümlichen Kunst, die das jüdische Volkslied ge• schaffen haben. Der Redner wullte in scbarfebarakterisiercnder Analyse einige Hauptzüge des jüdischen Volkseharakters aus dein Volkslied der Ostjuden zu erschlichen. Die Ostjuden sind nicht, wie man zu urteilen gewöhnt ist, Menschen, die stets jammern, die niedergedrückt und resigniert ihr Judentum wie einen Katzenjammer empfinden. Der jüdische Weltschmerz, ist eine westjüdische Erfindung und, auf die Ostjuden he־..ogon, ein optischer Irrtum. Die Ostjuden sind ganze, lebcns* frohe rml lebenskräftige Menschen, mit einem starken ursprünglichen Humor, der wertvoller ist als der westjüdische Witz. Eine natürliche Ursprünglichkeit, die sich besser mit gefühlstarker Weisheit als mit intellektuell überspitzter Klugheit verträgt, ist bei ihnen ebenso zu finden, wie tief jüdische (kdankcnphilo־ Sophie, wie das echtjiidischc grolle religiöse Pathos, das, frei von jeder Salbung, in die Ewigkeit hinauf• langt. Die s y n a g o g a l e n Lieder verlieren nicht den Zusammenhang mit dem Leben, denn zwischen Reh• gion und Volkstum ist die Kluft nicht aufgetan, die das westliche Judentum zur Konfession zu ändern scheint. In kurzen Worten umschrieb Mirnbaum die Bedeutung des c 11 a s s i d i s z s e » Weltgefübls für die osijiiUiscbc Psyche, das ein verinnerlichtes, treudiges Leben mit Öott und mit der Welt ist und mit dem entarteten Auswuchs des Wuuderrabituins, dieser kompromittierenden Geberde des Chassidismus, im Wesen nichts gemein bat. Nachdem der Redner an der Hand des Programms den zum Vortrag bc* stimmten Liedern eine uie Zusammenhänge amieulemle Erläuterung gewidmet hatte, schloll er mit dem Hinweise darauf,• dall ein Volk doch nicht Untergangs־ reit genannt werden könne, welches, als ein Greis durch die Menschheitsgeschichte wandelnd, sich noch eine ursprüngliche, ungebrochene jugendliche Kraft, wie sie die Liebeslieder beweisen, bewahrt habe. Und nun kamen die Jüdischen Volkslieder, von Leo Gollanin aus Berlin, in wahrhaft künstletischer Vollkommenheit interpretiert. Gollanin versteht es, mit seiner reichen musikalischen Individualität den /auber der in den Liedern ruht, wirksam zu e.utfalteu, ohne den volkstümlichen Charakter dieser Poesie zu za stören. Die Volkslieder sind durch eine tiefe Inner• hehkeit geweiht, mau hört «uv ihnen ein Volk sprechen, das, in einen kleinen Bezirk gebannt, mir ganz leise sprechen und rängen muH, um vom iMulsfretuule ge• hört zu werden; das nur ganz leise vor sich hinsummen darf, wenn es sein Geheimstes ungestört ziiiii Ausdruck bringen will. Und das ist üollanins Meisterschaft, dall er diese jüdische Intimität uneiitweiht sviederzugeben vermag, so dall jeder Hörer einem sich einsam Widmenden die feinsten Regun• geil der Seele abzulausehen meint. Wir sind tief ergriffen, wenn Gollanin die tiefe Tragik verdolmetscht, die aus dem Lied ״Di mamc un dos kiiuF' klingt; wir fühlen mit unserer ganzen Seele das stolze SelhsthewiilUsein des alten Lehrers, der die Kinder das ״Alcf-bciß“ lehrt, mul ״Dos peckcle“ hebt uns über alles Golusleid hinaus, dall wir imerschiittert an die Zukunft unseres Volkes glauben. Die kostbarste Weisheit holt Golanius Teiiorstinime aus dem .,Parom", diesem einheitlichen Ausdruck einer wahrliaft philosophischen Lebensauffassung; mul jener echte Humor, der sieli durch die Sinnlosigkeit des Lehens-doch wieder einen optimistischen W«'g findet, durchströmt die köstliche ״alte Kasche“. Der Sänger von seiner Frau 111 a G o 1 a n i n , verständnisvoll auf dem Klavier begleitet, mullte einige Lieder wiederholen, und, als das Publikum stürmisch Zugaben verlangte, naehgebeii und das Programm noch durch einige köstliche Lieder hereiehern. Im zweiten Teil des Programms rezitierte Fraulein M a r g a r c t h c N c f f, vom Kgl. IX'iitscben Lamlestheater, ostjüdischv Dichtungen von J. Schncjr, Ahr. Reisen, Nürnberg, 1), Frischrnaim, Mennehcm. Diese Dichtungen von Dr. Hugo Herr mann und Ur. Hugo Zuckermann mit liebevoller Treue dem ()riginal gegenüber und mit feinem sprachlichen Verständnis ins Deutsche übertragen, fanden in Fräulein Neff eine ausgezeichnete Interpretin, der es ge• lang, die reichuiiaiizierlen Feinheiten auch in die Uchersetzuiigen liineinzutrageii. Sie wullte zu rühren, ohne sentimental zu werden, sic brachte das helle, erlösende Lachen so gut heraus wie das verträumte Lächeln und die sülle Seinvermut. Begeisterter Jubel dankte der entzückenden Künstlerin und unter Jubel und Entzücken ging der Abend zu Ende. können, dall ein christlicher Knabe irgendwann von Juden gelötet worden ist (bewiesen hat man einen solchen Fall nicht), so konnte es nur aus Rache für üble Mebandlimg mul für Verfolgungen geschehen, welche die Juden solange seitens der Christen haben erdulden müssen. Weder die Religion noch die Rasse hat damit zu tun. In vielen Ländern ist es vorgo kommen, «lall Männer dieser oder jener Religion, dieser oder jener Abstammung, in ihrem Hall gegen ihre Feinde für die Leiden, die sic von ihnen zu er• dulden hatten, an ihnen oder -- o wehe! •— selbst an ihren Kindern sich rächten, Haben jedoch irgend etwas Aehnliclies jemals die Juden getan?י Ich zweifle daran. Wenn aber selbst die christliche Legende vom kleinen Simon aus Trient irgendwelchen Grund haben sollte, wenn die Juden damals tutsächlich ein solches Verbrechen begangen haben, so kann es in meinen Augen keine andere Erklärung haben. Erinnert Euch daran, wieviel Male Christen bei Juden Kinder ge• raubt haben, um sie zu taufen. Schon dies allein konnte blutige Repressalien hervorrufen. Jene Russen, die bemüht sind, diesen Fleck von Rußland abzuwaschen, die der roten und verleumde• rischen Beschuldigung 11er Anstiftung von Ritualmorden durch Juden ein Ende bereiten wollen, er• weisen ihrem Vntcrlandc einen grollen Dienst und werden es in der Achtung «ler zivilisierten Welt re• habilitier». Darum werde ich glücklich sein, meinen Namen neben den Unterschriften jener'Ihrer Landsleute zu sehen, die ihre Pflicht erfüllen und mit ejncm Protest gegen die Ritunlmordhcsduildiguiig hervortreten.'Die Beschuldigung selbst aber beschmutzt weit mehr die Ehre derer, die sie Vorbringen, als derer, gegen die sie gerichtet ist.“ Ein Schreiben von Anatole Leroy-Beaulieu In KuHland Inheu sich bekanntlich 'in den letzten Wochen viele Stimmen angesehener Personal (dar• unter von Hunderten Professoren, Schriftstellern, Po• litikern usw.) gegen die überhandnelimeiule Ritual• mordhet/.e erhoben. Jetzt hat sich diesen Kund■ gclniiigen auch der bekannte französische Gelehrte Anatole L c roy B e a u I i c u durch einen spe• ziellen Brief an die Ketsch «!!geschlossen. Der Brief lautet: ״Ich war tief betroffen und begann mich — ich wage es zu sagen — für Rußland zu schämen, als ich erfuhr, daß man in der russischen Presse und selbst von der Tribüne der Rcichsduma herab im Ernst mit der Erörterung der Legende über rituelle Ermordungen christlicher Kinder durch Juden sich befassen konnte. Dies beweist in erster Reihe, wie stark und blind die antisemitischen Leidenschaften bei uns nöch sind. Indes, wenn es auch in Westeuropa noch zahlreiche Antisemiten gibt, sei es aus religiösen, sei cs aus wirtschaftlichen Motiven, so wird doch selten jemand unter ihnen es noch wagen, derartige Märchen auf■ recht zu erhalten. Sonst müßte man auch der Ucberzeugung der chinesischen Volkamasscn recht geben, daß die Christ• liehen Missionäre für chinesische Kinder nur zu dein Zwecke Heime errichten, um ihnen für bestimmte magische Bedürfnisse die Augen auszureißen. Hat doch niemals die Legende vom Rilualmord, die eine Ausgeburt des Mittelalters ist, auch nur durch eine einzige wohlbcgriindctc Tatsache ihre Bestätigimg gefunden. Im Gegenteil! Alle Untcrsuchun* gen, die in verschiedenen Ländern ««gestellt worden sind, haben ihre völlige Lügenhaftigkeit ergeben. Da• bei ist cs ja in einem solchen Falle Pflicht derer, die von einem Rituahnord schreien, Indizien zu liefern. Hingegen von jenen, die ein solches Vorurteil nicht teilen und cs für völlig grundlos halten, Bcweise zu fordern — das heißt alles^ umdrehen und auf jegliche Logik Verzicht leistcnr**■”"**'׳“■—-- Gestatten Sie mir auf das angeführte Beispiel zu• riiekzugreifen und die Frage zu stellen: Ist jemand berechtigt, von den christlichen Missionären Beweise zu fordern, daß sic niemals kleinen Chinesen die Augen ausgerissen haben? Was mich betrifft, so habe Ich.nach langjährigem Studium der Frage gefunden, daß die diesbezügliche Beschuldigung nicht nur ungerecht, sondern auch sinnlos ist, und daß sic in erster Reihe völlige Unkenntnis dessen offenbart, was «las ganze Judentum und alle jüdischen Gesetze enthalten. Wenn cs, wie ich in meinem Werke ,Israel chez les Nations‘, geschrieben habe, hat passieren KORRespoNDenzen Noch vor der offiziellen Kundr uersuurg m-pung der amerikanischen Re-, gierung betreffs der Lösung des Handelsvertrages vom Jahre IST2 hat zwischen dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Taft und dem russischen «hplo• inntischeii Vertreter folgender Zwischenfall stattgefluiden. Im Sommer «les vergangenen Jahres hat der Redakteur des in New York erscheinenden und stark verbreiteten ״Jüdische» Tageblatts“ Kamaiko vom Präsidenten Taft tleu Auftrag erhalten; die Auswamlcrmigsfrage in Rußland genauer zu studieren. So oft mm ein amerikanischer Staatsbürger im Aut. trag des Präsidenten nach Rußland gellt, wird die russische Botschaft davon in Kenntnis gesetzt. Es ist eine Formalität, die niemals zu irgendwelcher diplomatischen Korrespondenz Anlaß gibt. Diesmal entstand aber daraus eine komplizierte Affäre. Baron Rosen ließ nämlich der amerikanischen Regierung die Mitteilung zukoimncn, «laß cs der russi•’ sehen Regierung erwünscht wäre, daß an Stelle von Kamaiko eine andere Person gewählt würde, die nicht die Unzufriedenheit seiner Regierung hervorruten dürfte. Kamaiko wäre einstmals russischer Untertan gewesen (heutzutage ist er bereits seit 20 Jahren amerikanischer Staatsbürger und spielt eine angcscheue jxditisehe Rolle) und sei dazu Juilc. Diese eigenartige Antwort des Baron Rosen vcranlaßtc den amerikanischen Abgeordneten Sulzer, den Präsidenten Taft darauf aufmerksam zu machen, daß das Ver• halten des russischen Botschafters eine Verleugnung der interiialionalcn Ethik und einen Anschlag aut die Autorität der Amerikaner bedeute. Daraufhin lud der Piäsidcn! Taft, der erst durch Sulzer die russische Antwort erfahren hatte, zu sieh in «Las ״Weiße Haus“ sowohl Kamaiko als «kn russischen ׳Botschafter Baron von Rosen ein. Bei dieser ״Konfrontation“ wiederholte Taft seinen Wunsch, daß Kamaiko nach Rußlaud behufs Studiums «les Auswnudcrungswcsens sich begehen möchte. Baron Rosen erklärte, «laß er dagegen nichts einzuweiulcn hätte, und erbat sich die Erlaubnis, Petersburg davon telegraphisch in Kenntnis zu setzen. Nach drei Tagen drückte Baron Rosen sein Bedauern darüber aus, daß er mit Rücksicht aut bestimmte Anweisungen aus Petersburg die Erlaubnis zur Einfahrt nach Rußland Kamaiko verweigern müsse. Dieser Vorfall verschärfte die Beziehungen zwisehen RnhbuHt \»u! den Vereinigten Staaten und Hatte ein noch schnelleres und entschiedeneres Vorgehen seitens «ler amerikanischen Regierung zur Folge. Der spezielle Konflikt zwischen Taft und Baron Rosen übte in Amerika eine außerordentliche Wirkung aus. Denn wenn der Präsident Jemand nach Rußland zu reisen beauftragt, so trägt die Benachrichtigung des russischen Botschafters von einer «lerartigen Tatsache sonst einen rein informativen Charakter. s: AUS ALL6R W6LT « t Böhmen In dem Kampfe um die Landtagswolilrcform, der gegenwärtig das politische Leben in Galizien bc* herrscht, haben auch die Juden Stellung genommen, ln einem Aufruf, den das LcmbcrgcrZlonistisehe Zentralkomitee an die gaUzischcn Juden