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Jüdische Rundschau · 1912-01-19 · Heft 3 (19.1.1912) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVII (1912)
Issue
Heft 3 (19.1.1912)
Date
1912-01-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 10 und der Ziele der A. I. U. sielt mit dem C. <1 in Paris in Verbindung /u set/cii hat. Auf diese Weise wird den deutschen Mitgliedern ein starker und bleibender Einfluß auf die Geschäfts• leitimg in Paris gesichert. Zur Beratung über die Kon• stituierung dieses Latulcs*Comitls lade ich Sie zu einer Versammlung sowohl der Deutschen Gonfcreitz• Oemeinschaft wie auch der LokabOmiitcs auf Sonntag, de n 28. J a n ua r 1912, nachmittags 5 Uhr, . in den grollen Saal des Verwaltungsgebäudes der Jüdischen Gemeinde /u Berlin C,, Roscnstr. 2/1. Die Tagesordnung ist: 1. Stelluugnalune /.u dem Beschlull des Central- (x)iuites vom 3. Januar 1dlI, 2. Konstituierung eines deutschen Laiulcs-Comites, 3. Verschiedenes. Die Wichtigkeit der zur Heratung stehenden Fra• gen liegt auf der Hand. Wir bitten Sie deshalb dringend, zu dieser Sitzung hier zu erscheinen, um durch einen einmütigen He• schind jene Gewaltakte der Pariser C. C. zurück• zuweisen und Zeugnis abzulegen dafür, «lall die deutschen Mitglieder bereit sind, alles daran zu setzen, Uad das grobe Werk der A. I. U. mul insbesondere ihr universeller jüdischer Charakter aufrecht• erhalten werde, der durch die provokatorische Geltend• inaclnmg der einseitige 11 von Paris vertretenen Interessen aufs schwerste gefährdet wird. Berlin, im Januar 1912. Das Präsidium der Deutschen Co 11* f e r e n z •(3 c in e i n 8 c h n f t der A. I. U. Max Puchs, Justi/rut. Prof. Dr. Landau, Geh. Mc«t.-Rut. Dr. Werner, Rabbiner. , Die Reform der Bodengesetzgebung und die finanzielle Stärkung der Türkei IJas türkische Parlament wird sich in seiner jetzigen Session mit einer hochwichtigen Wirtschaftiichen Frage zu beschäftigen haben: mit dem schon in der vorigen Session cingchrachtcn, aber nicht durchberatenen Gesetzentwurf über die Reform der Bodengeset/gebung. Die wirtschaftliche und finanzielle Schwäche der Türkei beruht in letzter Linie auf ihrem veralteten Licgcnschaftsrccht, das im wescut. liehen noch feudal-mittelalterliche Züge trägt. Der Grundbesitzer hat nicht das volle unbeschränkte Ver. fügungsrecht über seinen Hoden, sondern ist beim Verkauf, bei Errichtung von Gebäuden, bei der He- Pflanzung mit Fruchtbäumei» usw. von der Zustinimung der staatlichen Behörden abhängig. Nach dem Gesetze soll diese Zustimmung zwar ohne weiteres erteilt werden, falls durch die Mallnahmen des Grundbesitzers nicht eine Verschlechterung des Grundstücks und seines Steucrcrtrages zu befürchten ist. Da aber die Entscheidung hierüber in die Hände der unteren Verwaltungsorgane gelegt ist, so ist damit der Willkür Tür und Tor geöffnet. Mancher ׳wünschenswerte Verkauf oder Kauf, manche zweckmäßige Amcliorntion unterbleibt, weil der Besitzer die damit veriuiudcnen Plackereien und Kosten scheut. Das freie Verfügungsrecht des Bodenbesitzers wird auch nocli dadurch beschränkt, daß der Staat für den Hoden keine testamentarische Erbfolge anerkennt. Hat ein Hodenbesitzer keine gesetzlichen Erben, so kann er nicht durch Testament einen Erben für das Oruiulstück cinsctzcn, sondern er muß das Grundstück noch bei Lebzeiten verkaufen, sonst fällt das Grundstück an den Staat. Hier zeigt sich deutlich, daß das türkische Eigentumsrecht am Boden nur ein Lelmsrecht ist. Ein großer Teil des Bodens ist überhaupt dem freien Verkehr entzogen, nämlich jener Boden, der frommen Zwecken geweiht (vakuf) ist. Dieser Boden bleibt ewig im Eigentum der ״toten llaiiil“, d. lt. der un/ähligcn Moscheen, Klöster, Koranschulen usw., und seine Veräußerung ist nur mit besonderer Genchmigung des geistlichen Oberhauptes des Islams, des Scheich ul Islam, möglich. Der Vakuf-Hodeu wird gewöhnlich auf eine Reihe von Jahren an Päclttcr vergeben; die Bildung eines bodenständigen Bauernstandes läßt er nicht zu, und darin liegt natürlieh ein großer Nachteil, denn nur der Hauer, der den Hoden auf ewig besitzt, wird ihm all seine Arbeitskraft zuwenden und auch vor mühseligen Amcliorationen und Anpflanzungen nicht zurückschrecken, die vielleicht erst seinen Enkeln zugute kommen. Noch ein anderer Grund kommt hinzu, um die Landwirtschaft auf niedriger Stufe zu halten: das ist der Umstand, daß in sehr vielen Dörfern der ganze Boden noch Gemeindeeigentuni ist und die zwei Jahre von neuem unter die Dorfgenossen verteilt wird. Bei diesem Zustande kann natürlich der einzelne keine intensive Bodenbearbeitung treiben, weil er die Früchte seines Fleißes nicht ernten kann. Daher kommt cs, daß /״ B. in so vielen Gegenden der Türkei von rationeller Düngung keine Rede ist, daß keinerlei Aufforstung stattfindet, uml die Land- Wirtschaft über einen extensiven Körnerb.m nicht liinniiskoiunit. liier könnte nur die Aufteilung des (iemciinlolaiiiles, wie sie Preußen im Anfang des 10. Jahrhunderts durchgofülirt hat, helfen. Aus «ler Rückständigkeit der türkischen Land- Wirtschaft folgt ganz direkt die Schwäche der türkischeu Finanzen, Das türkische Steuersystem beruht auf der Grundsteuer und auf dem Zehnten (״< )silier'', jetzt 12■/* v. II. vom Werte der landwirlscliaftliclicii Erzeugnisse betragend). Neben diesen Steuern spielen alle anderen Steuern nur eine geringe Rolle. Fine entwickelte Landwirtschaft könnte mit Leichtigkeit «las Doppelte mul Dreifache dessen au Steuern auf. bringen, was eine rückständige l.amlwirtscliafl beule mit größter Mühe erschwingt. Allerdings müßte dam auch die Art der Erhebung der Steuern geändert werden. Heute beruht die Grundsteuer auf einer allen Taxe, die mit dem Werte gar nicht mehr übereinstimmt. Uml der Oselier wird nicht direkt von der Regierung eingc/ogcu, somleru für jedes Dorf hesonders an einem Steuerpächter vergehen, der sich ‘«labei früher, oft die grollten Ungerechtigkeiten zuschulden kommen ließ und die armen Fellachen bis aufs Blut schikanierte. Unter dem neuen Regime sicht• die Regierung den St« nerpäclitcrn etwas mein auf «he Finger, aber das System als solches ist entschieden falsch und muH durch direkte Einziehung des Oschers «lurcii den Staat — in natura oder in Geld — erset/t werden. Ein ferneres unbedingtes Erfordernis ist die I;in. fidmmg eines Katasters nach europäischem Muster. Die Türkei hat zwar seit etwa 5t) Jahren ein Grund, buch, alter seine Grundlage ist keine feste, weil infolge des Fehlens eines Katasters «lie Grundstücke nicht nach ihrer genauen Größe und Lage, soiulern nur ungefähr nach ihren Grenzen bezeichnet sind, üren/pro/csse sind daher sehr häufig, und die allgemeine Sicherheit des Eigentums leidet darunter. Noch wichtiger als die Einführung «les Katasters ist die Einführung eines modernen I lypolhekeiisysteius. Bisher keimt «las türkische Recht überhaupt keine I fypolhck im europäischen Sinne, sondern nur eine Art von Surrogat, den Kauf im Wicdcrkaiifsrecht. I >nbci ”kann aber der Eigentümer sein Grundstück mir einmal hypothekarisch belasten, eine zweite und dritte Hypothek ist unmöglich.* Außerdem fehlt dem erwähnten I lypotlieken-Surrogat jene Leichtigkeit und Bestimmtheit, die der europäischen Hypothek innewolmt, uml die dem Agrarkredit eine so große Ausdehnung gegeben hat. In der ganzen Türkei gibt es nocli keine einzige private I lypothekenhaiik, nur der Staat hat ein Institut für bäiicrlichcu Kredit geschaffen, das sich aber noch keiner großen Erfolge rühmen kann. Die Gründling einer Hyp«>!l1ekenbank oder überhaupt einer Immobilieiigesellscluift War schon deshalb unmöglich, weil das türkische Recht nur natürliche Personen als Grundeigentümer ancr• keimt und den juristischen Personen den Gruiulcrwerb nicht gestattet. Das neue Gesetz will in vielen Punkten diese veralteten Vorschriften reformieren. Es begegnet aber dem Widerstande der Hodschas, der mohammcdaiiisehen Priester, die in einer Abänderung der auf rcliginser Basis ruhenden Bodcugesct/.geinmg eine geführlichc Auflehnung gegen die Religion erblicken. I!öffentlich gelingt es, diese reaktionären Elemente zu überwinden, denn ohne eine gründliche Aendcrung der jetzigen Gesetze ist keine Entwicklung der Land- Wirtschaft möglich, und ohne diese wird die Türkei als ein agrikolcs Land stets finanziell — und damit auch politisch — schwach bleiben. 1 (Der Tag.) Dr. A. Ruppin (Jaffa). Aufruf Als eine immer stärker werdende Notwendigkeit für unsere Bewegung hat cs sich herausgestellt, auch die nichtakademische Jugend für den Zionismus zu gewinnen. Diese Aufgabe zu erfüllen, hat In Groß- Berlin der Herzl-Cluh (Vereinigung junger zionistischer Kaulkute und Handwerker) übernommen. Energische, großzügige Propaganda nach mißen, systematische mul intensive Durchbildung der Mitglieder ist sein Arbcitsprogr.imm. Der Her/.1-Cluh wendet sieh mit diesem Aufruf nun an alle jungen Kaulleute und Handwerker, die schon Zionisten sind, und fordert zum Beitritt auf. Die zionistische Arbeit in Groß-Berlin mit seinen 150000 Juden erfordert abgegrenzte Arbeitsteilung. Wer aber kam! es besser und wer bat mehr Gelegenbeit, den Zionismus unter der nichtakademischen Jugend zu propagieren, als die zionistischen Berufs- und Altersgenossen dieses Kreises? Deshalb bildet der Herzl-Cluh das beste und zweckmäßigste Betütigungsfeld für jeden jungen nichtakademischen Zionisten. Junge nichtakademische Zionisten, organisiert Euch im H cr7.I• CIubI Beitrittserklärungen nimmt Herr Max Sternberg, Charlottcnburg, Kantsfr. 150a, entgegen. Ein Gannim — eine palästinensische Arbeiterkolonie Eiii'Gnunin! ist eine von jüdischen Landarbeiten! mit Hilfe der russischen Cln>wewe-Zion vor drei Jahren begründete l'ilan/uiigskoiuiiie in uimiillclharer Nähe von IVtliach-likwali. Die neue Siedelung hat sich in «ler kurzen Zeit ihres Bestandes sehr günstig entwickelt, insbesondere, seitdem vor einigen Moii.iteu eine Gruppe neuer Ansiedler, durchweg junge, kräftige uml in der Lanilwirtscliult erfahrene Arbeiter, hmziigvkoimiivit waren. Die Kolonie zahlt bereit# 60 Wohnhäuser, auch ausgedehnte Stallungen sind׳ vorhanden, uml alle diese Bauten sind ausschließlieh van jüdischen Arbeitskräften errichtet worden. In diesem Jahre wurde wieder eine Bodenflaehe von (»0 Duuam urbar gemacht. Gegenwärtig wcr«len etwa 2000 Zitronen- und Elhroghäume neu angepflau/t. Die Kolonisten legen auch Baumschulen mul Gemüse• gärten au und treiben Geflügeluml Viehzucht. Auf einer 100 Dunam grollen Fläche, die die Ansiedler gemeinschaftlich erworben haben, ist ein Eukalyptuswäldeben gepflanzt wor*t»n. Demnächst soll ein zweiter Brunnen gcgiabcn und ein neuer Motor auf• gestellt wcr«lcn. Die Kolonisten siuil voll Zuversicht und Arbeitsfreude. Sie scheuen keine Mühe mul keine Kosten, um ihren Buileii zu .!meliorieren mul ihn immer ertragreicher zu gestalten. Zur Zeit, wenn es in Ein•( lanniin nicht gelingend landwirtschaftliehe Beschädigung gibt, stad manche Kolonisten im benachbarten Petliacb-Tikwah als Lohnarbeiter tätig uml finden so guten Nebenerwerb. ־ Die ersten Ansiedler von Ein•( lannim waren meist völlig mittellose Arbeiter. Den Boden erhielten sic von «lern Odessaer Komitee der Chowcwc-Zimi auf Abzahlung, ebenso wurde ihnen der Motor leihweise von der Steinschcn Fabrik zur Verfügung gestellt. Trotzdem ist es ilmcn im l aufe von drei Jahren gehingen, Eigentimier eines beträchtlichen lebenden In• vcnlars und wertvoller (ichäudc zu werden, sowie etwa 23 0(10 Frs. an Schulden zu bezahlen. AU dies dank ihrer mühevollen Arbeit und ohne daß sie von irgciiilwclehcr Seite materielle Unterstützung in An• Spruch genommen hätten. In Ein-Gaimim werden sämtliche l.uulwirtschaltlichen und sonstigen Arbeiten ausschließlich durch jüdische Arbeitskräfte verrieb• tet. Auch die Frauen uml Töchter der Kolonisten sind vielfach in «ler Landwirtschaft tätig. I in großes Verdienst an «len Aufschwung von Eimliannim hat die zionistische Bank (AiiglmPnle• stiiic Compan«) in Jaffa, die dort eine Darlehenskasse cinrichtetc. Der Direktor der Anglo*Palcstinc Compauy, Herr Levontiu, uml der verstorbene Vizedirektor Saphir brachten «ler Entwicklung der Kolonie stets lebhaftes Interesse entgegen mul standen den Kolo• nisten mit Rat und lat hei. In diesem Jahre hat die A. P. C. der Kolonie einen größeren Kredit ein• geräumt, der für aussichtsreiche Invcstionen Vcrwcn• düng finden soll. Hierzu wird uns von Herrn Trietsch geschrieben: Diese Nachrichten über den Erfolg einer erst vor drei Jahren für meist mittellose Arbeiter gegründeten Pflan/ungskoloiiic sollten nicht so ohne weiteres, ״ad acta" gelegt wcrilen. Ich glaube vielmehr, daß aus den hier gemachten Erfahrungen Dinge zu lernen sind, die auf die große Frage der Ablenkung der jüdischen E!Migration aus Ost• e ti r o p a nach Palästina und anderen Teilen des Orients (~ mit anderen Worten auf das alles andere weitaus überragende Hauptproblem des Zio- 11 i s m u s —) eiitscheidcmleu Einfluß haben können. Eiii-Oaimim hat nach den neuesten Aufstellun• gen*) ein Areal von ö5 I lektar. Darauf stehen nach obigem 60 Wohnhäuser. Vielleicht gehen von der genannten Fläche sogar «lie UM) Dunam (0 Hektar) Eukalyptus.pflaiizimgen ab. Auf alle Fälle kommt auf die einzelne Familie nur etwa ein Hektar Land. Also intensivste Kultur. Trotzdem aber die Kolonie als IM I a n 1 u « g s Kolwvuc UcrcvcUuel vvird (nach einer noch immer üblichen Auffassung können solche erst nach vielen Jahren Ertrag geben und wären daher nur für wohlhabende Leute!), sind bereits 25 000 Francs z u r ü ckb c /. a 11 lt und die Kolonie bildet eine gesunde Kreditbasis! Die Sache ei innert mich so sehr an Dinge, die ich bei einem mir sehr nahestehenden Autor seit 12 Jahren immer und immer wieder zu lesen bekomme, «laß ich wünschen möchte, wir könnten sehr viel Eingehenderes über l:in־(i.111nim erfahren. Wie sehr auch eine genauere Darstellung das einschränken mag, was aus der obigen Notiz zunächst hervorgehen würde, so wird sicherlich genug übrig bleiben, um Möglichkeiten zu zeigen, die weit über alles bisher Anerkannte hinausgehen. Vielleicht erfahren wir von möglichst offizieller Seite, wieviel Geld die ganze Gründung gekostet hat, wie die Häuser gebaut wurden, welcher Teil •) Schachteis Merkbuch 1912.

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