Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVII (1912)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1912)
- Date
- 1912-01-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 JUEDISCHE RUNDSCHAU M*1le 5 Aufruf! Als eine immer stärker werdende Notwendigkeit für unsere Bewegung hat es sich herausgcsiellt, muh die nichtakademische Jugend für den Zionismus zu gewinnen. Diese Aufgabe zu erfüllen, hat in Groll- Berlin der Herzl-Club (Vereinigung junger zionistischer Kaufleute und I landwerkcr) übernommen. Energische, groll/ügigc Propaganda nach außen, systematische und intensive Durchbildung der Mitglieder ist sein Arbcitsprogramm. Der Herzl-Club wendet sich mit . diesem Aufm! nun an alle jungen Kaullvujc und Handwerker, die schon Zionisten sind, und fordert zum Beitritt auf. Die zionistische Arbeit in Groß-Berlin mit seinen .150000 Juden erfordert abgegrenzte Arbeitsteilung. Wer aber kann es besser und wer hat mehr Gelegen• heit, den Zionismus unter der nichtakademischen Jugend zu propagieren, als die zionistischen Berufs- und Altersgenossen dieses Kreises. Deshalb bildet der Iferz.l-Club das beste und zweckmäßigste Iletätigungsfckl für jeden jungen nichtakademischen Zionisten. Junge nichtakademische Zionisten, organisiert Euch im II erz.I-Olub! Beitrittserklärungen nimmt Herr Max Sternberg, Cliarlottenburg, Kanlstr. 150a, entgegen. s3 TRiBvene ln seiner Fcstpredigt zur Gedenkfeier des 100. Cie. burtstages von Ludwig Philippsou, dieses cini• genden Symbols von All-Israel, batte Herr Rabbiner Dr, Kal 1s ch er den merkwürdigen Geschmack, die jüdisch-nationale Bewegung, der er im übrigen die übliche Reverenz erwies, als eine Verfallserscheinung zu bezeichnen, da sic, das war der ungefähre Inhalt seiner Ausführung, an Stelle der religiösen Idee als weg- und richtunggebendes Ideal die nationale setzen wolle. Es fällt mir nicht ein, Herrn Rabbiner Dr. Kalischer zur fragwürdigen Glorie eines Protestrabbi• ners redivivus zu verhelfen, es ist auch nicht meine Aufgabe, ilun klar/mnaclien, daß die Rabbiner durch die immer wieder einmal versuchte Bekämpfung der national-jüdischen Bewegung, die all das, was lehenskräftig und hoffnungsfroh Im Judentum lebt, in sich begreift, die splendid isola ion, in der sie sich heule befinden, in Permanenz, erklären. Aber ich muß gegen die Fälschung des jüdiscb-iutionalcn Ideals Einspruch erbeben. Niemand von uns war jemals so dumm, zu vor. langen, daß beim Volke des Buches das religiöse Ideal durch das nallonale ersetzt werden müsse. Wir bähen nur gegen die unberechtigte und geschichtlich durchans falsche Auffassung protestiert: D.is Judentum sei nur und a u s s c h i i e ß I i c h eine religiöse Gemeinschaft. Dadurch״ daß wir diese Fiktion in ihrer ganzen Hohlheit an den Pranger gestellt, den Inhalt des Judentmnes wieder erweitert, ihm seine Ursprung, liehe große, weitspaunende Bedeutung wiederg*.־gehen haben, haben wir in einer Zeit der religiösen Skepsis auch denen, denen das religiöse Moment allein nicht mehr genügte, gezeigt, daß das Wort: iwri onaiiclu eine tiefe Verpflichtung in sich trägt. Wenn sich eine Bewegung von dieser hohen ethisehen Bedeutung im Kopfe eines Rabbiners als eine Verfallserscheinung spiegelt — habcat sihi; wenn er durch sie eine Beeinträchtigung des religiösen Ideals fürchtet, so muß ich, wie wir vieles Jüdische gegen die Rabbiner in Scliutz nehmen müssen, hier das religiöse Ideal dem Rabbiner gegenüber in Schutz nehmen. Wir, auch die Freidenker unter uns, denken von diesem Ideal zu hoch, als daß wir auch nur das Geringste für cs fürchten konnten. Wir gehen in Westcuropa' unseren Weg ohne die Rabbiner, sie mögen uns nicht zwingen, ihn gegen sie zu gehen. Bonn a. Rh. Dr. Edelstein. PALfleSTINA-RUNDSCHAU Die Jerusalemer Stadtverwaltung hat die Auf- Stellung von Stühlen und Ruhebänken auf dem Platze vor der Klagemaaer verboten. Diese Verfügung hat in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung große Erregung hervorgerufen. In einer Versammlung des W and- H a 1 r wurde beschlossen, den neuen Chacliambisdii Franco aufzufordern, beim Pascha von Jerusalem Protest zu erlichen und nötigenfalls durch Vermittlung des Großrabbiners Mai m N a h u in bei der Zmtralregierung vorstellig zu werden. Die Juden von Jerusalem sehen in der fraglichen Verordnung der Stadtverwaltung, die ohne jede Begründung erlassen wurde, eine bloße Schikane, da die Aulstellung von Ruhebänken seit Jahrzehnten üblich war, ohne daß von irgendwelcher Seite Einspruch dagegen erhoben worden wäre. ״Haor“ erinnert daran, daß die Klagemauer auf Grund eines Firmans des Sultans A b d u I A z i z Eigentum der jüdischen Gemcinde ist und der betreffende Firman den Juden die ungestörte Verrichtung ihrer Andacht an der Klagemauez gewährleistet. * Wie die Zeitung ״Hnor“ in einer ihrer letzten Nummern mittcilt, bewirbt sich eine anglo-ägyptische Gesellschaft um die Konzession zum Bau einer neuen Eisenbahn von Port •Sa hl nach Jaffa. Die seit längerer Zeit schwebenden Unterhandlungen mit *Irr türkischen Regierung haben (huch den Ausbruch des tripoülamsdieii Krieges eine Unterbrechung erlitten, doch sollen nach einer Meldung der englischen Zeitung ״Globe“ die Verhandlungen vor kurzem wieder aufgenoniinen worden, und dem Abschluß nahe sein. Man schätzt die Kosten des Bahnhaues auf 60 Millionen Francs. Die betreffende Gesellschaft erwägt auch den Plan einer Weiterführung der Eisenbahn nach Jerusalem über Bcer-Schcba. Sollte das Projekt zur Ausführung gelangen, so würde damit eine direkte Eisenbahnverbindung zwischen Jaffa bz.w. Jerusalem und Kairo geschaffen sein. Dies wäre für die Entwicklung des Hardcls und Verkelirs zwisehen Palästina und Aegypten von der allergrößten Bedeutung. יי Das Odessaer Komitee der Chowcwe-Zion geht daran, in Jaffa ein Seminar für hebräische I. e 11 r e r i n n e 11 und Kinder g ä r t n e r i 11 n e n zu errichten. Die Anstalt soll schon zu Beginn des neuen Schuljahres eröffnet werden. Die erforderlichen Geldmittel werden in der Hauptsache durch einen Fonds aufgebracht, der den Namen des im Vorjahre verstorbenen hebräischen Schriftstellers E. L. Lew i n s k y trägt und bereits eine ansehnliche Höhe erreicht hat. Die neue Lehranstalt soll an die vom Odessaer Palästinakomitec in Jaffa unterhaltene Mädchcnschule (Bcth Scplier Le-Banoth) angegliedert werden. MISTISCHC G€t;£6UMG Agitationsreisen des Parteisekretärs Bonn. Am Montag, 11. Dezember, sprach hier in einer öffentlichen zionistischen Versammlung unser Parteisekre är Herr Kurt R o s e n b a u in über ״T a u f i u d e n t u in und Z i o n i s m u s“. I Jas Thema, da» in dem durch Mischehe und Kindertaufe in hohem Maße verseuchten Bonn zurzeit recht aktuell ist, ,vermochte die für hiesige Verhältnisse große Zahl von 12» Damen und Herren zusammenzubringen. Nach einigen einleitenden Worten des Vorsitzenden, Herrn Dr. Edelstein, der scharf gegen die in Betracht kommenden Professorenluid Bankierskreise ins Feld zog, ergriff Herr Rosenbaum das Wort. I r sprach zunächst über Taufbcwcgungcn und Assiinilationsbestrehungen iin Judentum. Er sagte, daß wohl der einzelne in der, Lage sei, öurch Taufe und Mischehe in der Umgebung aufzugehen, daß aber dieser Weg für die größere Masse nicht zum gewünschten Ziele führe, wie die Geschichte deutlich zeige. Dennoch seien die Taufziffern erschreckend. Da die Religion allein nicht mehr imstande sei, dem drohenden Masscnahfail vom Judcntuinc abzuhclfen, so müßten andere jüdische Ideale an ihre Stelle treten; diese bringe der Zionismus. Der Redner ging sodann dazu über, die Erfolge des Zionismus zu wiirdigen, der namentlich die Jugend wieder zum Judentum zurückführt und durch sein Schaffen in Palästina die dauernde Erhaltung des jüdischen Volkes garantiere. In der Diskussion gab Herr Rechtsanwalt Dr. C o 1111 unter lebhaftem Bcifallc des Publikums seiner Anerkennung über die bisherigen Leistungen der Zionisten Ausdruck, wenn auch an der Bekämpfung der Tauf Bewegung nicht nur die Zionisten, sondern auch andere Juden ihren Anteil haben. Die beste Bekampfung der Taufjudeu liege in ihrer gesellschaftlichen Boykottierung durch Christen und Juden. Die Herren F r ö h l i c h und G i d i 0 n cntgcgnctcn, daß ' das Judentum sich nicht mit Hilfe von Nichtjuden, sonder» nur aus sich seihst heraus mit eigenen Kräften erhalten könne und dürfe. Unter der Leitung der Herren vom Verein Jüdischer Studenten wurde ein freier jüdischer Diskutierklub gegründet, zu dem etwa 2» Meldungen cingingen. R. G. Düsseldorf. Am 4. Dezember sprach in einer öffentlichen Versammlung Herr Parteisekretär Kurt R o s e n b a u m aus Berlin über ״Die Zukunft der Juden". Im Anschluß daran hob ilerr Rechtsanwalt Dr. Wcyl I den Wert des Zionismus in politischer und ethischer Richtung hervor, Herr I. Braunschweigcr, Düsseldorf, sprach über die praktischen Erfolge in Palästina. Im Schlußwort wies Herr Rosenbaum darauf bin, daß gerade die jüdischen Akademiker — cs war gerade eine größere Zahl da— sich ilircr Pflichten gegenüber ihrem Volke bewußt werden müßten, naclidem sie bisher nur das Zeichen zur Assimilation u!)d Taufe gegeben haben. Escbweiler. Wir hatten die Freude, Herrn Parteisekretär Rose 11 bäum am 10. Dezember d. J. auch bei uns zu sehen. Infolge Gcmcindewahlen in Escbweiler konnte hier ein Vortrag nicht stattfinden, statt dessen sprach Herr Rosenbaum nachmittags in Höngen über die ״Zukunft der Jude n". Der Parteisekretär verstand cs nicht nur, durch seine in jeder Beziehung vortrefflichen Aus• führungen die zionistischen Ideale bei den er• sclueneiieii Gesinnungsgenossen zu befestigen, son• dem er widerlegte und zerstreute auch gründlich die Bedenken einiger erschienenen Gegner. Abends sprach I lerr Rosenh.iuui in Stolherg in einer vor Stolneigcr und Escbweiler Gesinnungsgenossen gut besuchten Versammlung über das gleiche Thema. Auch hier wurde ihm der lebhafte Dank der Er• scliieneneii für seine so klaren und leichtfaßlichen Darlegungen zuteil. Drei neue Mitglieder konnten an diesem Abend gewonnen werden, und eine auf Veranlassung des Herrn Leopold Weil, Stolbcrg, eingeleitete Sammlung ergab den Betrag fiir zwei Oelbäume. Wir möchten nicht verfehlen, auch an dieser Stelle Herrn Parteisekretär Rosenbaum für seine Vor• träge zu danken, die uns, das war deutlich zu erkennen, in unserer Agitation wieder ein gutes Stück weiter brachten. Elberfeld. Am 12. Dezember BMI sprach Herr Parteisekretär Rosen bäum in einer gut besuchten geschlossenen Mitgliederversammlung über das Thema: ״Die Politik des Zionismus." Der Redner verstand es, uns das komplizierte, umfangreiche Material scharf Umrissen und in vorbildlich klarer Darstellung zu vermitteln, und ein wie guter Gedanke es war, einen Teil der Winteraibeit in den Dienst der lunenprogapamla zu stellen, das zeigte die rege Diskussion, an der sich eine erhebliche Anzahl von Mitgliedern beteiligte. Wir sielten durchaus unter dem Eindruck, daß Herr Roscnbamu der Bcwegmig durch solche Abende wesentliche Dienste leistet, da auch nicht einer ohne Bereicherung seines Wissens und ohne neue Anregungen erfahren zu haben die Sitzung verließ. 1 Rees am Niederrhein. Am 7. d. M. veranstaltete die hiesige Schckelzahkrgruppe eine Versammlung, 1 ו der der Parteisekretär Herr Kurt Rosenbaum eii: Referat über den ״Zionismus" hielt. Der glänzende Vortrag und die darauf folgende sehr rege Debatte trug zur Aufklärung der zahlreich erschieitcnen Nichtzionisten bei. Infolge dieses Vorträges meldeten sich verschiedene Herren als Mitglied unserer Gruppe, und es wurde eine Anzahl N.-F.-Bücltscn verteilt. Aufklärendc Schriften über den Zionismus wurden zum Teil gratis verteilt. Der Verlauf des Abends war ein in allen Teilen erfreuheiter. * Mitteilungen der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Warnung. Unsere Freunde in Karlsruhe berichten uns, daß bei der (,hanukalifcier des Jüdischen Mädelieiikhihs in Karlsruhe ein Mann, der sich Dr. ined. Arthur Weil nannte, für den Jüdischen Nationalfotuls gesammelt hat. Auf Reklamation unseres Vcrtr.iuensmaimcs erklärte er, den Betrag nach Oesterreich ahfüliren zu wollen und meldete sich gleichzeitig als Mitglied der Ortsgruppe au. Nachforschungen er* gaben aber, daß er eine falsche Wohnung angegeben hat und daß er he* der Polizei übcihaupt nicht gemeldet ist. Angesichts dieses Falles bitten wir alle unsere Vertrauensleute, streng daraut zu achten, daß Saimnhingen für zionistische Zwecke ausschließlich von Bcauftragten der Vorstände durcligeführt werden und Sammlungen unbekpnnter Personen unter allen Umständen zu verhindern sind. Nur so kann der Gefahr vorgebeugt werden, daß Gelder, die für unsere Instlüitioncu gesammelt werden, nicht zur Abführung gclangen. ÄUS-:D€N GCMeiNDCN Bremen. Am Donnerstag, den 21. Dezember BMI, veranstaltete das Bremer Comitc des Hilf*- Vereins der Deutschen Juden in den Auswandererhallen für jüdische Auswanderer eine Chamikalifcicr. Nach dem An/ündcu der Lichter hielt Herr Rabbiner Dr. Rose na k eine ergreifende Ansprache an die Auswanderer, betonte besonders die religiöse Bcdeutung des Festes. Mit großer Begeisterung wurde die largonrede des Sekretärs des Hilfsvereins, Herrn Bloch, aufgenommen, der seine Worte ganz, ins Nationale kleidete und die armen Auswanderer als die wahren Makkabäer hc/cichnctc, die aus Liebe zu ihrem Volksttune Leid und Elend aut sich laden. Die ca. 200 Auswanderer wurden mit Gebäck und Obst reichlich bewirtet. Es war ein ergreifendes Bild jüdischen Volkslebens, das manchem Teilnehmer und Gast tief zur Seele sprach. Oldenburg. I'ür die jüdischen Gemeinden de* Herzogtums war die Sitzung des Landtages am 21. Dezember von großer Bedeutung. Der Landtag nahm die Vorlage der Regierung an, den Staatszuschuß in der vom Jüdischen Landesgeincindcratv beantragteil Weise zu erhöhen, wodurch die Gemeinden, welche einen Lehrer besolden müssen, erheblich entlastet. werden. Stuttgart. Die israelitische Gemeinde Stuttgarts kann heuer das 50jährige Jubiläum der Synagoge begehen. Die Feier ist aut den 23. Dezember angesetzt worden. Zu diesem festlichen Tage hat das Kirchenvorsteberamt eine umfangreiche Festschrift gibt ein außerordentlich anschauliches Bild Kirchenrat Dr. Kroner, Bc/irksrabbincr Dr. Stößel und KircJtenpfleger Meyer bearbeitet wurden. Die