Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 51-52 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51/52 J U EDI SC HE RUNDSCHAU Sehe 611 Unrecht aber hat er, wenn er darin etwas Un־ jüdisches, Unreligiöscs erblickt. Die Verehrung der von ihrem Gott und ihrem Judentum erfüllten Mensehen ist etwas tiefinnerst Jüdisches. J e h n d i. KORReSPONDCNZen AnoinvitinAnnl lrt «״s'rcr Stadt jagen sich, IVOnSiamiUOpei wj״ sles in unruhigen Zeilen, die unglatibiiclisk’ii Gerüchte, bald hat jemand fern am Horizont die Rauchfahne italienischer Linienschiffe bemerkt, bald sind irgendwo feindliche Offiziere in allen möglichen Verkleidungen entdeckt wurden, bald hat man im Bosporus Minen gelegt und alte Schiffe versenkt, tun eine Forcierung der Dardanellen zu hindern. Und die Kaffeehausbesucbcr auf beiden Seiten der Meeresengen haben genügend Stoff z.u wichtigen und überaus aufregenden (jesprächen. Freilich, etwas Wahres steckt stets hinter solchen Erzählungen. Es ist längst ein offenes Geheimnis, dab mit fieberhaftem Eifer nu dem Ausbau der Dar־ danellenforts gearbeitet wird, und dal! man jetzt endlich energisch mit dem Schlendrian, der auf diesem Gebiet noch von Abdul-Hamid her herrschte, auf• /.uriiumen beginnt. Dennoch gibt es weite Kreise auch hier, die selbst in dieser schwersten Krise, die die junge Türkei bisher durchzumnchen hatte, teilnahmslos bei, Seite stehen. Das sind die Wiukelliteraten, Cafchaiis• Journalisten, die unzähligen Scharen der Zwischen• träger und üelegenheitspolitiker, die Geheimagenten ler Halkaustaaten und anderer, gröberer Mächte, he• •ahIle Spione und derartiges Gesindel, das überall im Trüben fischt, stets sein Geschäftchen zu machen weil) und mittels einer korrumpierten Presse das Unglaublichste an Schwindel, Aufhetzung und Verliiumdung leistet. Da sind Blättchen, wie ״Yeni-Gazetta“ oder der ״Tiempo“, wenig gelesen, aber hin und wieder schaut doch jemand hinein, hin und wieder wirkt doch das Gift, das hier fast täglich verspritzt wird. Das Neueste ist ein Artikel von Lbbonzia Tcwfik-Bcy, dem grollen Juden•, Zionisten• und Freimaurerfresser, der, der liitnmel weil) zu welchem Zwecke, die Türkei durch• aus gegen die Sicdelung in Palästina aufzuhetzen sucht. Was er schreibt, ist freilich derart unsinnig, dal) man es kaum wiedergeben kann; aber man bc• denke, für wen der Artikel bestimmt ist •■•• und inan wird sich kaum einer gewissen Besorgnis entziehen können. Wenn liier den Juden vorgeworfen wird, mit italienischem Oelde Freimaurerlogen zu gründen, zu dem Zwecke in Palästina ein jüdisches König• reich zu errichten, wenn man seit Beginn des Krieges die Worte ״Juden“ und ,,Italiener" stets zu verknüpren wcill, wenn man überall Material und Oe• legeuheit zur Judenhetze findet ~« so wird man eben ajiiielunen dürfen, dal! es sich liier um einen wohl• organisierten und gut vorbereiteten Feldzug bandelt. Man erinnert sich noch der Affäre des ermordeten Journalisten Z eki Bey und die daran ankuüpfemle Vcrlcumdungskampagnc gegen Dschawid Bey, die Donines, den Zionismus, die Freimaurer, die Juden sowie — und das scheint der springende Punkt zu sein gegen das juuglürkisehc Comitd. Es sind eben, wie überall, auch hier die Juden, die im Kampfe der Parteien die ersten und wichtigsten Schläge abbekommen. Freilich, solange Regierung und Parlament sich nicht in Mitleidenschaft ziehen lassen, darf inan über all solche unsauberen Angriffe getrost zur Tages- Ordnung übergeben. Weit gefährlicher für den Bc• stanu des jüdischen Volkes in der Türkei ist die ausgedehnte Tätigkeit christlicher. Missionare. Man stelle sieh das vor: (;!glich besuchen in Koustantinopcl;!llciit U000 junge Juden und Jüdinnen die Missionsschulen. Jährlich fallen Hunderte vom Glauben der Viiter ah. An allen christlichen Festen sieht mau Prozessionen jüdischer Kinder mit Kreuzfahiicn und I Iciligciihildcru demonstrativ au den Mausern ihrer trutigdiliebem'ii Fitem und an den Synagogen voriiber/iulicn. Und unermüdlich sorgen die Missionare dafür, duB die Kleinem wenn sie her.mgcwachscn sind mul die Schule verlassen haben, sich ihrem Fiiifliil! nicht wieder entziehen. Da gründet man Lesezirkel und Klubs, Bibliotheken lind Tanzkr.'in/eheii, gibt Konzerte und Feste, veranstaltet Tlieatcraufiüliriingen, kurz, kargt nicht mit Geld und Zeit, wenn es gilt, halbe Erfolge z.u ganzen zu machen. Vergehens weisen klarsehende Juden immer und immer wieder auf diese Zustände hm. Au der Stelle, die allein helfen könnte, werden sie einfach nicht gehört. So liest mau eigentlich aus jeder Zeile von Artikeln, wie der, den 7>r. Israel Auerbach in der hiesigen ״Aurore“ veröffentlicht hat, eine einzige grolle Anklage gegen die Alliance heraus, die noch immer nicht die Initiative zu einem energischeren Aushau ihres Schulwerkes in Koustantinopel ergriffen hat. Es ist wirklich die höchste Zeit dazu und hedepiend wichtiger als all die Streitfragen,, die gegenwärhg die hone Leitung in Paris so intensiv bcschattigem Das ist klar: der Gegner kann nur mit den eigenen Waffen geschlagen werden. Aber ebenso sicher ist, dal) er geschlagen werden wird, \vcnn mau mir die Hälfte nu Zeit, Energie und Mitteln anwendet, mit der die Mission arbeitet. Denn eine bewiililc Taiifbewcgung gibt es Gott sei dank hier noch nicht; die Schuld liegt einzig und allein an denen, die skrupellos tausende von Kindern ver• kümmern mul in die 1 Linde rücksichtsloser Konveititeiiniacher fallen lassem » AU5.flU.eR wen ״ Galicien ln den letzten Tagen fand in Lemberg der Kongrell der polnisch-sozialdemokratischen Partei statt. Einen I lauptgegcustand der Beratungen bildete die Frage der Anerkennung der jüdischen Nationalität innerhalb der Sozialdemokratie. Das Referat darüber erstattete Abgeordneter Duszynski, der sieb im Sinne der Anerkennung der jüdischen Nation aussprach. Nach längerer, stellenweise erregter Debatte wurde eine Resolution angenommen, in der die Ancrkenmmg der jüdischen Nation innerhalb der Sozial: deinokr.itie ausgesprochen wurde. 53 TRiBi/ene ®e Dessau, den 18. Dezember 1011, An den Redakteur der ,,Jüdischen Rundschau“, Herrn i* *rit/. Abraham Berlin W. Sächsische Str. 8. In dem in Nr. •18 der von Ihnen als verantwortliehen Redakteur geleiteten Zeitung der ״Jüdischen Rundschau“ vom l. Dezember BMI auf Seite 5(1(1 ahgcdrucktcu Artikel mit der Uebcrschrift: ״Was wir brauchen (Prinzipien)" ist behauptet, ״dab z. B. in Dessau ein Mann an der Spitze der Gemeinde steht, der seine Kinder zum Taufbecken geführt hat, der deren kirchlicher Trauung am Altar, der Einsegnung durch den Pfarrer, wie auch der Taufe des Enkels durch den Pfarrer beiwohnte“, iis ist in dem Artikel ferner die Rede von dem ״Dessauer Fall, wo ein Kommcrz.ic11r.il, ohne von der Bildlläche des (Jemeindclebeiis zu verschwinden, im Gegenteil noch die höchsten Lhreiistelkii ciiinrimicn kaum“ Des weiteren hei 15( cs in dem Artikel: ,,Wir sagen auch vielen unserer St.ummsgeiiosseii durchaus nichts Neues, dalt andere vom Vertrauen der Gemeindemitglicdcr zu Uhren stellen berufene Herren es durchaus mit ihrer Maiineswurde und Jiidcnehrc vereinbaren können, mit soleheu Edelnatiiri 11, die die Kinder mul Kiudeskinder dein Judentum entführen und uns moralisch desavouieren, im Synagogenrate zusammensitzen. Ist es nicht eine Auszeichnung, mit Männern am seihen Vorstandstiseh beraten z.u dürfen, die einen Titel, sogar einen Orden, und mächtig viel Geld haben?*' Diese Behauptungen sind sämtlich unwahr. Der Geh. Kommerzienrat Hugo Sonnentl1.il ist seit etwa •Hl Jahren Repräsentant und Vorsteher und seit über einem Jahrzehnt Vorsitzender des Vorstandes der israelitischen ■Kulttisgcmcimlc z.u Dessau. Als solcher hat er in nimmermüder Tätigkeit die Gemeinde mustergültig verwaltet und durch schlimme Krisen hincliirciigebraeht, und das religiöse Lehen nachhaltig gefördett. Nicht nur dem Namen nach war er Vorstcltcr, sondern er hat sich durch seine Betätigung nie erlöschende Verdienste um die Dessauer Ge• meiude erworben. Einer seiner Söhne ist, nachdem er volljährig war, gegen den Willen und die eifrigen Bemühungen des Vaters und des von diesem herbeigerufenen Rabbiners zum Christentum übergetreten. Im übrigen sind seine Kinder und Enkel sämtlich Juden. Wir weisen aber weiter mit Ernst und Eiltrüstung zurück, daß den Repräsentanten der Ge• meindc Dessau die unwahre Behauptung nachgesagt wird, dal! wir den Vorsteher der Gemeinde midi seiner sozialen Stellung mul nicht nach seiner Be• falugung im Sinne des Judentums wählten und ihn hielten, auch wenn er Kinder und Enkel einer an• deren Religion zuführte. Wir halten es gerade hei einer jüdischen Zeitung für überaus bedauerlich und tadelnswert, daß sie Angriffe auf eine jüdische Gemeinde und ihren Vorsteiler ohne gründliche Prüfung der Sachlage veröffentlicht, dazu so gänzlich unbegründete Angriffe und in so ungehöriger Form. Wir ersuchen Sie daher um wörtlichen Abdruck gegenwärtiger Zuschrift iiy Ihrer Zeitung und machen davon unsere weitere Stellungnahme abhängig. Ergebenst Die Repräsentanten der israelitischen K u 11 u s g e m e i 11 d e z. u D c s s a u. Dr. Cohn, Vorsitzender. Ferd. Blumberg. Hermann Gutmunn. Hermann Marcus. Simon Marcus. Dr. Muses. Gust. Oppenheim. Otto Kusenbaum. Albert Steiiilhal, Moritz Wohlimuh. Zu der in unseren letzten Nummern ausführlich behandelten Affairc gehen uns noch zwei Zuschriften zu, deren Inhalt wir unseren! Leserkreise vermitteln wollen, um alsdann die Erörterung endgültig z.u seitlichen: Herr Rechtsanwalt L i e It t e 11 b e rg , I lannover, bittet uns um Aufnahme der folgenden Zuschrift: t{Die von Herrn Julius Katzen stein in Nr. 50, h. 5öl Ihres Blattes aufgcstclltc Behauptung, ich hätte iluu und einer anderen Person erklärt: ״Wenn der Zionismus nicht gewesen wäre, wäre ich längst getauft“, bezeichne ich hiermit wiederholt als die Verbreitung einer unwahren Tatsache. 0 I lochuchleiid Rechtsanwalt A. Lichte 11 b e r g.“ den Verdacht erhaben, den Untertitel: ״Aus dem Nachlaß eines jungen jüdischen Rechtsanwalts" ge• wählt zu haben, um der Schrift nach außen hin noch ein besonders pikantes Mäntelchen umzuhängen 1 Das Judentum des jungen Anwalts, aus dessen Nachlaß die von Eulenberg ״heraiisgcgehenen" Be■' kenntnisse stammen sollen, ist in der Tal nicht etwas Zufälliges und willkürlich von dem Dichter Hineingetragenes, sondern tiefiuuerlich mit Text und Rhythmus der ganzen Novelle verwoben. Es ist ein• echter Nachkomme üct alten Propheten, dieser kleine, verwachsene Mensch, der vor Gericht, statt seine Klientin zu verteidigen, in einem Anfall edler Raserei ein furchtbares Anklagelicd aus seiner totwunden Seele beratisscbrcit und diese Tat mit seinem Leben be• zahlen muß. ״Furor Asiaticus", nennt das der Dichter. (Lieber wäre mir noch, er hätte statt dessen, dem schönen Inhalt die gebührende schöne Form gebend, das Wort ״furor Judaicus“ gewählt, das er ja ohne•' hin meint.) Das ist derselbe furor Asiaticus, den Eulenberg bei seinem Helden schon im Anfang der Novelle an einem kleinen Zuge zeigt: Ais im Lokal am Nebentisch ein Offizier eine Kellnerin, ein nicht hübsches, schielendes Ding, so wüst anfährt, daß sic weint, und der Freund den kleinen schwäch• liehen Juden ״nur mit Aufbietung seines ganzen Ernstes" von einem unangenehmen Auftritt mit dem Offizier zurückhalten kann. Derselbe furor Asiaticus, der so unendlich höher und reiner ist als jener andere berühmte furor der kühl-korrekten Völker des Nordens, der seine Fittiche nur zur Vernichtung des eigenen Feindes, zur Befriedigung des Rachcgcfiihls cmpurzitschwingeu vermag. Auf die eigentliche Tendenz, der Novelle genauer einziigcheii, würde nicht in den Raluncn dieser Zeit• schrift passen. Eulenberg meint, daß die von ihm mit so glühendem Hasse bekämpften Strafbestimmungen ein unwürdiges, entehrendes Joch der Menschheit bilden, daß sie insbesondere in jeder Ehe friedenstörend, Widerwillen bringend und vergiftend wirken müssen. Wer Gelegenheit gehabt hat, auch die Kehrseik des Problems kennen z.u lernen und wcill, welch entsetzliche Verrohung und Verwüstung an Leib und Seele die andere ״Richtung“ zu züchten geeignet ist, ׳.ler wird sich in dieser schweren und schwerwiegenden Frage nicht bedingungslos, mit einem zornig-leichten Znsiimmungswort, zugunsten Eulenbergs entscheiden wollen. Dieser aber mag sich den von ihm zitierten, wundervoll tröstenden alten Spruch vorsagen: Eine jede Sacli' hat stets zwei Seiten Du kannst mir für die eine streiten•. -- C. Kaiser. :־: Miscenen Aus Ciiristipnia wird gemeldet: Dieser Tage ist in einem hiesigen Verlage ein eigenartiges und inter• essantes Buch erschienen: Mali A i k o, der einzige Schriftsteller, den das Lappenvolk besitzt, hat einen R 0 m a » mit zionistischer Tendenz geschrieben, der ״Des H'e br ä crs S ohn“ heißt. Aiko, der aus dem nördlichen Norwegen stammt, läßt diesen Entwickhingsromnii in Christiauia, in Deutschland und in Russisch-Polen spielen. Man ist überrascht, wie lief er sich in die Psyche der Zionisten ciiigelebt hat. Aber freilich gibt er gleichzeitig auch viel Persönliches und Nationales. Denn wie die Juden über die ganze Erde, so sind ja auch die Lappen über ganz Skandinavicu zerstreut, besitzen keine nationale Heimat, keinen Staat, und wenn ihnen auch die staatsbürgerliche Gleichheit gewährt ist, so begegnen sie doch großer Geringschätzung. Und das wehe Gefühl, das aus dieser Zurücksetzung entspringt, hat diesen ersten Schriftsteller eines uralten Volkes wahrscheinlich zur Abfassung dieses Romans veranlaßt. , Das nachstehende Gedicht ist ein bisher unveröffcntlichtcs poetisches Erzeugnis Heinrich Heines. Es wurde, wie die in Gzeruowilz erscheinende ״Volks• wehr“ mitteilt, von einem Enkel des Rabbi Akiba E g e r in Königsberg ahgeschrieben. Von allen Sprüchen, die ich gelernt, Hab’ ich die meisten vergessen, ich bete nicht mehr beim Schlafengehen, Beim Atifstchen, nicht beim Essen. Doch einen, den halte ich im Leben hoch Und werde seiner stets gedenken, Er soll im Glück frohen Sinn, Im Unglück Trost mir schenken. Und wollt ihr• wissen diesen Spruch* Den uns die Alten schufen? , Er heißt seit uralter Zeit Bore Perl Hagofen. /