Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 51-52 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 010f B klein •industriellen Möglichkeiten" des Landes /u!■eiten, die für uns nach Lage der Dinge viel wichliger seien. Ls sei ein ganz, paralleler l all zu dem .,,groHagrarisehen" Standpunkt einiger unserer besten Lmidwirlschaltslcutc in Palästina, die am«liebsten nur gröbere Kapitalisten im Laude willkommen licilieii mochten. Das grolle l'eld der industriellen und kmdwirtsehaltliehen Klein- und ״Kleinsthelriehe", auf dem unsere al lergrü Ilten Ui.mccu lagen, sei soz.11• .,:»gen noch völlig unerforschtes üehiet. Bezüglich l'rut. Warlmrgs Ileinerkung, dall der Grund und!Joden auch den kuultigcu Mehrpreis wert sei, meinte Trielseh, dies sei wohl /.weilellos richtig, aber zu wünschen wiire es doch, dall diese!,reis- Steigerung jüdischen Uodeuspekuhmten oder jü* discheu Instituten und Lunds zugute kuiniuc. Hinsichtlich der I lauptdifferenz zwischen seinen beiden Vorredner», nämlich der Bewertung der /io- ..istischen Tätigkeit in Palästina meinte Trictsch, dall sowohl Zufriedenheit wie Unzufriedenheit berechtigt seien, im Verhältnis zd den früheren Phasen des Zionismus könne mau wohl zufrieden sein, nicht aber, wenn mau die bisherige Tätigkeit ui i t de u Möglichkeiten des Landes vergleiche. Dies aber sei der weitaus ״zionistischere" Mallstab. Nur eine positiv gerichtete U11 z u - f r i c d e 1111 e i t könne unsere Sache vorw ä r t s bringe 1». . In Anbetracht der vorgerückten Stunde und des reichlichen Üiskussionsmalerials verzichtete *'.er keferent auf ein Sehlullwort, doch wurde ein Dis* kussiousabend vereinbart (auf Mittwoch, den 27. Dezember, im Cafe Kutschern, Kurfürsteudamm Nr. 2US), an dem nach einem kurzen einleitenden Referat speziell die Krage der zionistischen Tätigkeit in Palästina behandelt werden soll. Breslauer Brief Sombart — Auhagen Die letzten Wochen brachten zwei ereignisvolle Abende. Breslau lernte den neuartigen Typus Christ-!jeher Zionisten kennen. Zuerst war es Prof. So inhart, der vor gut besuchtem Hause im Uürseusaale uber: ״Die Zukunft der Juden" sprach. Wenn auch der Wert dieses Vortrags weniger in *dein liegt, was Sombart sagt (denn das haben die Zionisten bereits vor zehn Jahren gesagt), als vielmehr darin, dal) er (Prof. Sombart) es sagt, war doch die Wir- 'kimg eine recht erhebliche und der (Jesainleiinlruek ein erfreulicher. Nicht ohne Beschäimmg hören wir, dall unsere Ideen in hervorragenden iiu'htpidUchcii Kieisen mehr und mehr iilielderii mul 11 «*11ן|0ון1ו1%ו *lieliailihl um! gi m 11.11/1 sveideil, v.ilhieml 1111 | nyc! (■ich lihcialf Jikm'ii d.iildiei!!lieileu, ob SoiiiImiI AiiIi■ M'iml it,i oder iiield, Diiuneii ■,piulil Soinhail von di r Liidieridiing eines Kongresses der Machte zur Lösung .-ler judeidrage wie von einer bevorstehenden Selbst- Verständlichkeit, und wir hören, dall Lord ilcacons- ״.,Id bereits ISfü den Plan dazu in der 'lasche trug ■ draullcn aber debattieren Zeidralvereinsler, ob es überhaupt ein jüdisches Volk gebe •׳־. Welch seit- :,,nies Volk der Phantasten sind doch die Juden! War Sombart ein christlicher üeSclirtcr, der aus S.udicu heraus den Zionismus als die einzig mögliche 1׳ ul wünschenswerte Lösung der Jmleuiiage er- : nute, begndlieii wir in Hr. Hubert Auhagen •men ganz entgegengesetzten, einen, ich möchte sagen .rehr muerlieliei! Ptiilozionisten. Als Sachverstäiidi- •*er in Kolonisationsfrageu reist Auhagen im Aufdien Judcnfluch lösen: ״Ich will Euch zerstreuen i.iter die Völker der Erde!" Doch der Führer, unser 1 Icrzl, uiuUte klagen, wie schon einst Moses ge- ':l1־gt hatte: ״Ihr seid ein starrsinniges und hart-!׳;,ckiges Volk." Denn cs zeigte sich, dall nicht alle .:11 Uuf verstanden, der an sie erging, die einen, .veil nie es nicht konnten, die anderen, weil sie es uic'it wollten, die einen aus Schwachheit, die andern aus Böswilligkeit. Es erhoben ferner Renegaten ihre . .\h\nvw, Abtrünnige, die den alten, glorreichen Stamm ergessen hatten, den Stamm an Ehren so reich, aicht minder reich aber au Leiden und Verfolgungen. Sie hatten Augen und sahen es nicht, Ohren und!unter, es nicht, besahen ein Herz mul fühlten es nicht, fühlten nicht den, heiligen Augenblick, da der Sammclrof erging an ein unglückliches und geknecli- ',des Volk. Sie begriffen unseren Herzl nicht, einen zweiten Moses und Befreier, der da kam aus der Ünsclicinbarkcit eines Literatcndaseiiis und sich kühn anscluckte, das Volk herauszuführen aus den Liindein der Knechtschaft, aus den Ländern des Exils. Lieber einen besonderen Dank der Mitwelt halte sieh Herzl nicht zu beklagen; und wie es Moses nicht vergönnt war, seinen Kuh ins heilige Land zu setzen, so war es Herzl nicht vergönn», das Ziel seiner herr- 'icltcn Pläne zu erreichen, ein Ziel, das unbedingt erreicht 'wird; denn was liegt an noch so vielen Jahrzehnten, wo Juda 201׳X) Jahre lang sieh zu gedulden hatte? Wir aber, wir Jungen und Mutigen, wollen .voll Pietät das kostbare Erbe unseres Führers Übernehmen, wollen mitarbeiten an dem ülück unseres JUEDISCHE RUNDSCHAU Nf. 51/52 A,A/w'ä.Zä/h. Von unserer diesjährigen Cliamikdmunmicr (Nr. 50) senden wir gegen Einsendung von IÜ Pfennig in Marken ein Propaj'amlacxeinplar au jede aufgegebene Adresse. — Den Ortsgruppen und Vereinen stellen wir die Nummer bei giöllcren Bestellungen /tun Selbstkosten preise zur Verdigung. Wir bitten unsere Freunde, von diesem Augebot ausgiebigen (iebrauch zu machen. Verlag ״Jüdische Rundschau“ Berlin W. 15, Sächsische Str. 8. yy ygr ■*q/ 'S/ N7 trage der deutschen Regierung nach Palästina, lernt dort Land und Leute, lernt die jüdische Kolonisation keimen und sieht in ihr ein!.<> unvergleichliches, ein so erhabenes und segensreiches Werk, das jugeiidliehe Begeisterung in ihm erwacht und er, der reife, objektive und völlig unbeteiligte Gelehrte sein Leben mul seine Arbeit in den Dienst dieser Idee stellt.‘ Das unterscheidet ihn von Sombart. Sombart ist der Zionismus die rechnerische Lösung eines Exempels. Darum spricht er kühl und rechnerisch. Auhagen aber lebt in der Idee, und darum spricht er, wenn auch manchmal etwas unbeholfen» mit Wärme, Liebe und Begeisterung. Er kann es nicht fassen, dall es noch Juden gibt, die sieh dem so dankbaren und so überaus segensreichen Gedanken der Kolonisation des ilmen von jeher zugehörigen, verwahrlosten und doch unvergleichlich fruchtbaren Landes vcrsehlidkn lind ihn bekämpfen. - Audi manche intcrcssniitcu Einzelheiten brachte sein Vortrag. Die Dinge, die er berichtete vom Interesse für den Zionismus in I fofkreiseii, beim Kaiser, beim verst. Grollhcrzog von Baden, die Stellungnähme Btilows das waren alles Dinge, die den staunenden Zuhörern bewiesen, tlall man in der Welt der Realpolitik längst mit dem Zionismus realpolitisch zu rechnen hcgoimvu hat. Die Ortsgruppe, die mit diesem Liehtbildervortrag die Saison eröfmete, ver/eiclincle einige Neiianinel• düngen. Broschüren wurden nicht imhetriichtlicli abgesetzl. Der Boden ist für die diesjährige Arbeit recht gut vorbereitet, und dürfte bei rationeller Bebaimng Erspriellliches zutage fördern. II. M. Presseschau Ihm ״Kraclilischi־ 1 ׳‘nuiilk׳uhlnltיי billigt au h’ltcii• 111111*1111> ׳111*111' ׳ Ailllt'l MI י י M/jinlciilimi" von löthb, Dr. < oilihiNiiiii * )ppi lii. Der V11׳ fmuii'i, ihr 11111! Im*• In■.ihn׳!111 1111111> ׳ htkaimlt׳ l'oli’inlk (lohlniaim- Joseph etwas bckamiier wurde, geholt zu jenen sei• teilen Merkwürdigen, die mit wahrer Sehnsucht nach positivem Judentum eine temperamentvolle Gegnerscliaft gegen den Zionismus vereinen zu können glaubt. Wenn Antiziouisten sich ihres Judentums brüsten, wird man gemeinhin ein wenig vorsichtig sein und prüfend den Finger auf dieses Judentum legen müssen. Demi man kämt verständlich finden, dall positives Judentum am Zionismus voriihergeht nie und nimmer aber, dall cs ihn bekämpft. Dr. Goldmaim gehört dennoch zu diesen Unverständlichen. Darüber zu urteilen, ist naturgemäll unmöglich. Mau kann nur beurteilen, was mail versteht. Darum kann Volkes, an unserem eigenen Heil. Jugend und Zio* iiismus: ganz unwillkürlich verschmelzen diese beiden Begriffe zu 'einem einzigen, denn Zionismus bedeutet ״Jugend". Er ist wie der Frühling — der immer wieder mit der Jugend verglichen wird — und der da kommt, in Erz gepanzert. Und er zertritt mit U11gestüm alles Morsche, alles Faule, alles Kranke. Morsch und faul und krank ist die Assimilation, in dieser Zeit aber gedenken wir gerade eines beiden• mittigen Kampfes gegen die Assimilation, eines beidenhallen Kampfes zu ewigem Ruhme des Judentums. Rührender als die glänzendste dichterische Schildermig ist die einfache, schlichte Ueberlicfcrmig: In den Tagen des Maltalliias, des I lohepriesters, des I lasniou.icrs und seiner Söhne; da stand auf das Reich der Gricchliuge, das sündige und verderbte, gegen das Volk Israel, zu tilgen die öotteslelirc aus ihrem Gedächtnisse, auszurotten jüdischen Geist und jüdischen Sinn, und statt dessen den faulen Baum der griechischen Assimilation in Judas Mitte zu pflanzen. Doch die Vorsehung, die über Judas Stamm waltet, gab die Starken den Schwachen in die Hand, überlieferte die Vielen den Wenigen, die Unreinen den Reinen, die Sünder den Gerechten. Da zog ein Juda Makkabi mul seine I leldeiisehär in die Hallen des Tempels und reinigten ihn und reinigten das Heiligtum und zündeten das Licht an in dessen Höfen; sic setzten ein die ״acht Tage der Wellie", zur ewigen Erinnerung an die Taten der Makkabäer. Es leuchten die Chanukah-Kcrzeti; sic leuchteten zwei Jahrtausende hindurch ׳ in den Ländern des Dr. Gukliuaiiu nicht beurteilt, sondern mir registriert werden Er schreibt Artikel, die von Zionisten geschrieben werden könnten (und oft wurden!). Er wendet sich bitter gegen das Phrasentimi, das die heutige westeuropäische Judeuheit — und wir müssen liinziiiügen: insbesondere dort, wo der Liberalismus grassiert •* erfüllt. Wir brauchen keine Juden, die sieh aus Trotz Juden nennen, keine jüdischen titudeiiteiiveibimliiiigcn, die sich mir aus Abwehr heraus organisieren und sieh aus Leuten rekrutieren, denen ihr Judentum erst bewulit wurde, als sie in eine Burschenschaft nicht aufgeiionuueii wurden. Uns ist ״auf die Dauer nicht gedient mit solchen Anhängern, die wohl wissen, dall sic unserer Gemeinschaft äugehören, aber nicht, w a r u 111 sie Juden sind." — ״Immer stärker klingt der Ruf nach positivem Judentum " Wahrlich, mau kann sich kaum vorstellen, dall der Schreiber dieser Zeilen ein Gegner des Zionismus ist. Kann es noch weniger, wenn man sieh den Artikel voriuuiiut, den Clieskel Zwi im ״I raukf. Israel. I'aiiiilieiihlall" unter dein Titel ״Der Zionismus als Wecker religiöser Momente" veröffeutlichte. Man mag das politische Ziel des Zionismus nicht zti seinem eigenen machen; wie aber kann man verkennen, dall, wenn ,überhaupt, nur der Zionismus geeignet ist, unserer Generation lebensfähige, positivjüdische Werte zu geben? Ja, dall selbst der einzige Weg, auf dem heute noch reinreligiöse Werte keimen, über den Zionismus führen muH? Jeder weil! und gibt zu, dall ״der Zionismus wirklich das Interesse für jüdische Dinge wacligertifen hat. Aber dann muH er auch das Interesse für das Re I i g io n s j u d i s clu wadigcrufeu haben." Wie kann man dagegen blina sein, dall der Zionist, je ursprünglicher, je leidenschaftlichcr er ist, sich auch die Gedankenwelt der jüdischen Religion wieder voll und ganz zu eigen luncht? Vielleicht nicht ganz ihre Gebräuche — wohl aber, und daran dürfte doch insbesondere den Liberalcn gelegen sein, ihre Empfiiiduiigsvorstelhuigcn und auch die ethischen Gehalte. - Aber das wollen die Herren von der gesetzestreuen Fraktion nicht wahr haben — ■sie konstruieren lieber Divergenzen zwischen der reinreligiöseii ״(;limiiikah-Fcier" und der angeblich uiireligiöscn und uujüdischen Makkabäerfeier. Rabb. Dr. Tänzer-Göppingen schreibt in der ״Strallburgcr Israel. Wochenschrift": ״Die Clianukali-Feier gilt Gott, die Makkabäerfeier den Menschen." ״Sie (die Zionisten) feiern die Makkabäer, sie sind zu Heldenfesten geworden, zu jüdischen, ausschliclllich nationaljüdischen und mit AiissehluH des rcligiousjudisclien." Herr Dr. Tänzer irrt. Wir feiern nicht die Makkabäer nur darum, weil sie Menschen waren. Wir feiern in ihnen die Vereinigung von Gut! 11ml Mensch, wir fi'li in die von linii cillillli ii Meii'a 10*11, well wie ihr Jmli'iilum <11111111׳• mul 11I1I!| Idol» uni sie < limivliilutUilie 111111:1, 01111׳ w.iirii, Dr. J.uizii ׳».igl |a!.! Ih.l 1110111111•!• bar tlti'aitf: ״Haben doch die Makk.ibncr selbst in allererster Linie für die Lrhaliimg ihrei Religion ge* kämpft —" Ciewill doch; vielleicht nicht für ihre Rel igion allein, sondern für ihr ganzes geistiges Leben, in dem die Religion allerdings den wesentlichsten Faktor darstellte. Und dm um feiern wir Makkabäerfeste! Nicht Cliauukalifeste, die das! teil allein von oben, allein von .Gott erwarten. Nein, dem Auge•- denken jener Männer zu Ehren, die für ihr Seelenleben, für ihren Gott, für ihr Judentum und auch für unser Judentum zu kämpfen den Mut fanden. Insofern mag Dr. Tänzer damit nicht ganz Unrecht haben, dall die Makkabäerfeier den Menschen gilt. Exils. Oft mögen sic den einzigen Hoffnungsschimmer in die trostlose Finsternis des Ghetto-Judentums ge* warfen haben. Uns aber, uns kündigt ihr flackernder Schein, daU Juda wieder erstanden ist, dall Herzl das Dornröschen, Juda genannt, aus langem, bangem Schlaf erweckt bat. Möge ihr Schimmer bald, recht bald, einem glücklichen, geeinigten Jmleuvolk, in einem glücklichen und einigen Judenlamle erglänzen. Bücher und Zeitschriften Herbert Eulenberg, Das keimende Leben. Au dem Naclilail eines jungen jüdische Rechtsanwalts. Zweite Auflage. WH. Erm Rowohlt. Verlag Leipzig. Herbert Eulenberg widmet sich seit einiger Zc neben seinem eigentlichen dichterische״־ Schaffen di zvbfassung moralischer und moralisierender Kamp Schriften in novellistischer Form. Ich erinnere 111 an die eigenartige, au den Main» gerichtete Tcndeii novelle: ״Du darfst ehebrechen f" und an den ii ״Ran" erschienenen Brief eines Diplomaten au seine Sohn. Es ist dem Dichter gelungen, die alte und nicl gerade in angenehmer Erinnerung stehende üattuu der ״Traktätchen" in neuer, eigenartig-edler For! in die wirkliche Literatur cinzufuhrcn. Die vorliegende. Schrift ist eine erschütternde Ai klage gegen die Best*1m11ur.gcn des geltenden Rech! die die willkürliche Vernichtung der Leibesfrucht unt schwere Strafe stellen, — Herbert Eulenberg ist üb