Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 51-52 (22.12.1911)
- Date
- 1911-12-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 51/52 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seile 607 und ihre Folge, das Anschwellcn der Mischehen bei einem etwaige» Abflauen der Taufbewegung. Erwähnt sei noch die wirksamste, in der Dar• Stellung immer wiederkehrende Kraft in der geschiehtlieben Entwicklung: es ist die Hescliaffenhcit ,der wirtschaftlichen Zustände, leb betont* das deswegen, weil die erste Auflage hierauf kein besonders hohes Gewicht legte, während jet/t die ökonomische Oe• staltung von ganz entscheidender Bedeutung ist. Es ist das ein Fortschritt, der zu.vielen guten Erklärungen und wichtigen Aufschlüssen Anlaß bietet. Wichtig ist es, wenn gesagt wird, daß die Juden früher als Träger eines fremden Wirtschaftssystems, des Kapi* talismus, notwendig der Absonderung verfielen, während heute gerade die immer weiter um sich greifende Verbreitung dieses Systems die sicherste Prognose auf die unausbleibliche Assimilation im Oolus gestattet. Aber auch sonst sind überall wirt* schaftlicbc Momente verständnisvoll erwähnt mul fruchtbare Folgerungen aus ihnen gezogen. Der jüdische Nationalismus bildete in der ersten Aullage nur einen, nicht besonders ausführlichen Abschnitt. Jetzt ist er, großzügiger angelegt und viel besser ausgestaltct, der zweite, gleichbedeutende Teil des Huches geworden, der ebenfalls wieder in sich streng logisch entwickelt wird und die Hilfe gegen die im ersten Teil geschilderte drohende Vernich- Hing angibt, War die erste Auflage vor allem als Beschreibung der anormalen Lage der Juden hedeutend, so ist, durch die vollkommene Unterordnung des ersten Teils unter den Oedanken der Assimilation, wie besonders durch die Ausarbeitung dieses zweiten Teiles die Rettung und Belebung des Volkstums in den Vordergrund getreten. Dieser zweite Teil ist ganz der Frage des Volkswertes und der Mögliclikeit seiner Erhaltung gewidmet. Die Untersuchung des Rassen wertes der Juden führt zu dem Ergebnis, daß dig Juden in intellektueller Beziehung besonders wertvoll, in künstlerischer und ethischer Beziehung an sich andern Völkern nicht unterlegen sind. Besonders die Darstellung der intellektuellen Vorzüge der Juden ist von hoher Bedeutung. Wenn uns bewiesen wird, daß ״dieselben Fälligkeiten, die den tüchtigen Kaufmann aiismacheui rasche Auffasstingsgäbe, logisches Denken, richtige Abschätzung des Erreichbaren, Organisationstalent, schnelles Zugreifen unter veränderten äußeren Umständen, ebenso den hervorragenden Gelehrten, Politiker, Ingenieur und Offizier bilden“ oder wenn wir darauf aufmerksam gemacht werden, ״daß wir in den heutigen Juden der Rasse nach im großen und ganzen noch dieseihen Menschen vor uns haben, die unter König David siegreich kämpften, unter Esra und Neliemia Buße taten, unter Bar Kocliba für die Freiheit starben, im frühen Mittelalter als große Handelsherren den Handel zwischen Europa und dem Orient heherrschten“, so sind das gewiß Dinge, deren wir uns bei der Abwehr jüdischer und nichljüdischcr Gegner werden erinnern müssen. Und wenn so mancher Zug, der auf die ״Minderwertigkeit“ der Juden zurückgeführt wird, ganz natürlich aus der ungesmulen wirtscliaftlichen und sozialen Lage erklärt wird, so ist auch das von großer Wichtigkeit. Die Bedeutung des Rassenwertes wird durch eine Bewertung der heute vorhandenen jüdischen, d. h. osijiidisclien Kultur ergänzt, die ergibt, daß diese au sich durchaus wertvolle Kultur nur deswegen rückständig erscheint, weil sie, durch jahrhundertelange Absperrung isoliert, dem allgemeinen europäischen und erst all das zusammengchaiten ergibt den ganzen Hcrzl, wie er im Leben stand, und wie er mm aus diesen beiden Bänden wieder auferstclit. Nichts 1111• gerechter, als wenn inan nun, wie manche tun, hehaupten wollte, er sei über seine charmanten Anfänge nie recht Iiiiiausgekomnien, Auch stilistisch zeigen ihn erst die späteren Produkte auf der Höhe der Meisterschaft ״Ltiz, das Dorf“, ist voll köstlicher Versprechungen in dieser Richtung, aber die ErfüJlung heißt: ״Trudels Träne“, heißt ״Das aknßemische Ufer“, heißt ״Herbst“, ״Winter“ und ״Die Brille“. Das ist der junge Hcrzl nicht mehr, und doch ist es der junge Hcrzl, aber milder, feiner, reifer, gelassener und menschlicher geworden. Sein blendender Witz hat sich zu einem philosophischem Lächeln verdichtet, mit dem er Menschen mul Dinge auf der Höhe seines Intellekts betrachtet; seine kokette Melancholie, zum Mitleid geklärt, und seine im Anfang manchmal mörderische Eleganz zu einer stillen Vornehmheit gemildert. Aus dem reisenden Dandy ist ein feiner und wertvoller Schriftsteller geworden. Als solcher stand er und behauptete er sich jalirzehntelang auf einem Podium, das in seiner ortliehen und kulturellen Bedeutung nur mit der Bühne des alten Hoftheaters verglichen werden kann, und vor einem Publikum, das mit dem Besten verwöhnt ivar. Als solcher, und vielleicht noch reiner, noch fleckenloser, weil dem Dunstkreis irdischer Misere entflohen, steht er jetzt vor dem Leser dieses Buches. Wir wollen nicht in die von Macauly so genannte: Fortschritt entzogen gewesen ist. Das Problem der Fruchtbarmachung des jüdischen Volkstums könnte also gelöst werden durch die Vcrsehmel/uiig moderner europäischer Wcltbildung mit jüdischer Tradition, welche die Erhaltung jüdischer Eigenart gewährleistet, ihren Untergang in irgendeiner Freimlkullur verhindert. Mau wird vielleicht sagen müssen, daß alle die Beweise für den Wert der Juden an sich nicht notwendig sind, wie überhaupt die ganze Methode, die dahin geht, die Vorzüge oder Nachteile eines Volkes zu bestimmen, etwas eigentlich Ueberfliissiges enthält. Die Entwicklung ist so wenig zu berechnen, daß man Werturteile über irgendwelche Charakterziige nicht ahgehen sollte, weil jeder gute Zug sich ins Böse verkehren kann und umgekehrt. Es muß vielmehr genügen, daß die Eigenart eines Volkes, die Tat- Sache, daß es ein Individuum ist, festgestellt wird; damit ist ein Anspruch auf eigenes Lehen vollkommen gerechtfertigt, weil jeder Individualität, sie sei wie immer geartet, die Möglichkeit gegeben werden muß, sich zu entwickeln, aus/ulchcn und andern gegenüber durch/usctzcn, und die Geschichte allein darin, daß dieses Sichdurchsctzen gelingt oder mißlingt, ihr Urteil spricht, ein Urteil, demgegenüber alle Werturteile einzelner liöehst nebensächlich sind, •Trotzdem soll der Wert der Feststellung von Gharakterzügon nicht geleugnet werden, unter der Voraussetzung allerdings, daß sie in vorsiehtig-svissensehaftlicher Weise geschieht, denn hier öffnet sich dilettantischer Spekulation ein weites Feld, wenn die Einlliisse der geschichtliche» Entwicklung und des Milieus nicht genügend in Betracht gezogen werden, die oft denselben Zug in ganz verschiedenartigen Actißertuigsfornicn erscheinen lassen. Werden diese Fehler aber vermieden so wie dies hei R11 ין p i n der Fall ist dann liegt in der Atifzcigung von Charakterziigen der Beweis für das Vorhandensein einer Volksindividualität mul in ihrer günstigen Be- Wertung zum mindesten eine berechtigte Befriedigung des eigenen Volksempfindens. Die nationale Begründung der Stellung zu jiidisehen Fragen denn daß R u p p i n bei einer Stellungnahme vom nationalen Standpunkt, dem der Erhaltung des Volkstums, ausgeht, ergibt sich .־ms dem oben Gesagten ist in der mit Mathias Ach er beginnenden, in jüngster Zeit durchgeführten Art doch wohl wirksamer als hei R u p p i n gegeben, Während R 11 p p i 11 sich mehr mii einzelnen Zügen des iiationalcn Wesens befaßt, fühlt man dort, wo die Nation in ihrer Gesamtheit betrachtet und ihr Wesen im allgemeinen erörtert wird, mehr ein Herangehen an die Wurzel der Dinge. Noch größer Ist aber der Vorzug, daß dort die nationalen Probleme historisch betrachtet werden, daß die Geschichte des IQ. Jahr- Imnderts als grundlegende Erklärung herangezogen wird. Ruppin tut das nicht in dieser Weise, und es ist wohl darauf zurück/ufüliren, daß, wenn auch die äußeren Kranklieitsersdieimitigen des kulturellen Verfalls bei ihm vortrefflich dargcstcllt sind, doch die innerliche Bedeutung, das innere Wesen der Assi* inilation nicht so recht zum Ausdruck kommt und daß er das westindische Individualproblem nicht erwähnt, die Frage, was das Judentum für jeden ein- /.einen von uns bedeutet und welcher Art die Erlösung eines jeden einzelnen durch den Zionismus ist. In dieser Richtung wird das Buch vom Stand-!milkt einer abgeschlossenen Theorie des Zionismus für den Westjuden einer Ergänzung bedürfen. Lycs boswclliana, die Lohcserliebimgskrnnkheit der Biographen und Herausgeber verfallen, die ihren Helden nur schlecht dienen, indem sic ihn über Gebühr preisen. Diese beiden Bände, die erst jetzt, 8 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen, in zweiter Auflage, lierausgegehen werden sollen, enthalten nicht aus- ,.ehließlieh Edelsteine und Perlen. Aber sie um• schließen eine Fülle des edelsten Materials, obwohl es ״nur Feuilletons“ sind. Nur Feuilletons י so sagt man ja wohl, draußen im Reich zumal, wo man dem glänzenden Ding durchaus keine dauernde Bedeutung anerkennen will. Das Feuilleton ist das Aschenbrödel der Literatur, ein sonderbar verkehrtes Aschenbrödel freilich, das seine Karriere umgekehrt macht. Es feiert als Prinzessin auf dein Ball Triumphe, aber mir am ersten Tag, alle folgenden sitzt es in duftiger Gewandung, arm und verlassen, hinterm Herde und liest Linsen, während die reichen Schwestern von der hohen l.iteralilr tanzen gehen, — indessen, es gibt Feuilletons und Feuilletons und in der Hand der Besten zumindest, zu denen Hcrzl gehört, ist das eine Kunstform, wie jede andere, eine, die hinter keiner an Feinheit und Nachhaltigkeit zurücksteht. Kann man sich Speidels Schriften, Kiirn* bergers gesammelte Aufsätze aus'der neueren efeutscheu Literatur heute noch fortdenkcü, ebensowenig vermag mau von den Hcrzlsclieu Feuilletons abzu• sehen: denn als ein Meister besteht er neben den Genannten; nicht als ein Wesensgleicher, aber als ein ebenbürtiger Schriftsteller. Von Speidel in der Die praktische Durchführung des nationalen Problems, der Verschmelzung jüdischer Eigenart ini‘ moderner Bildung, ist, wie weiter ausgefülirl wird, gegeben durch die Vermittlung mn’crncr Bildung in jüdischen Schulen mit jüdischer Sprache. Diese sind at>er nur da möglich, wo größere Judnuuasscii zusamnieuwoluicu und ein geschlossener iiidisclicr Wirtselinftskrcis vorhanden ist. Auch liier ist also das wirtschaftliche Moment von entscheidender Beden hing. Ein geschlossenes jüdisches Wirtschaftssystem wird durch die Zurückfülmmg der Juden zur Land• Wirtschaft ermöglicht. So tritt als zweites Mittel neben die jüdische Schule die landwirtsehaltlielK■ Koloni• . sation. Die Erörterung der Frage, wo und wie dies״ Mittel zur Wirklichkeit werden können, ergibt, daß Hebräisch die Sprache und Palästina das Land de neu aiifhliilieiuleu jüdischen Volkes sein muß. Auch die praktische Durchführung wird cingeherd besprochen und sehr beachtenswerte Vorschläge gc• macht, die den Kenner der Verhältnisse verraten, ludessen kann man zweifelhaft sein, oh diese prak• tischen Anregungen eine absolute Bereicherung de. Buches bedeuten. Es wäre vielleicht ganz gut, wen 1 wir ein Buch besäßen, das nur theoretische Ausfülirmigeii enthielte mul diese ganz klar mul tinvcrwiscbl mul imvormisdit mit irgendwelchen praktischen Vor• Schlägen lierausarbcitele. Spezielle praktische Vei falirensartcn sind doch immer Meimuigsvcrscliicdei' ■ heiten ausgeset/.t und können s״ die Wirkung die mit ihnen in Zusammenhang gebrachten theoretische! Auseinandersetzungen beeinträchtigen. Andererseits i■ *, nicht zu verkennen, daß der Hinweis auf bestimmt Wege dem Eiiiwaude der Umhircliftihrharkcit, den mancher erheben wird, für den die Lektüre des Buches die erste Beschäftigung mit zionistischen Gedanken bedeutet, die Spitze abbricht. Ein Wort noch von der Art des Ruppin sehen Zionismus. Wir sehen, er ist vom Antisemitismus ganz unabhängig. Freie Entfaltung der Volkskräfte ist sein Ziel. Schule mul Kolonisation sind seine Mittel, politische Aspirationen liegen ihm ganz fern und der Charter-Gedanke wird strikt abgelclint (wndurch er jedoch keineswegs jede politische Betätigimg ausschließcti will). So richtig diese Auffassung heute ist, so kam. eine andere Beschränkung nicht meine volle Zustiminiing finden, nämlich wenn er sagt: ,,Der Zionismus kann nicht die wirtschaftliche, sondern nur die nioralisclie Jiulennol beseitigen.“ Es soll gern zugegeben werden, daß das zunächst Erreichbare die Ansicdehing einer nicht besonders großen Jmlcnmasse in Palästina ist und daß damit die Grundfrage der Schaffung eines eigenen Volkslebens ihrer Lösung vntgegeiigeht. Aber es erscheint bedenklich, die materielle Judciifragc restlos aus dem Programm des Zionismus ausziischlicßen, Die Judciifragc wird jedenfalls noch nicht vollkommen gelöst sein, so lange sie noch für große oder die größten Teile der Judenheit bestellt. Es ist nicht cin/tischcn, warum nicht die von R 11 p p i n richtig angegebene Entwicklung in ferner Zukunft einmal ־־ ganz ohne sprunghafte Experimente, im naturgemäßen Verlaufe ihrer Aur dvhmnig - einen Umfang amichmcn kann, der über das eigentliche Palästina liiii.nisgeht und in einem Oreater Palestine tatsächlich für die Masse des jiidi• sehen Volkes jede Jiuleufragc löst. Zugegeben sei, daß diese Möglichkeiten im weiten Felde liegen, aber sie deswegen’ganz aus dem Zionismus nuszuschciden und so die Masse des jüdischen Volkes auf/ugeben, Klassizität der Form, von Kürnhcrger in der Wal• hing des Temperaments und Schärfe des Urteils übertroffen, übertrifft er doch diesen und kommt jenem gleich an dichterischem Feingehalt und Zartheit des Empfindens. Das werden viele, die in ihm bei Leb- Zeiten nur einen ״Plauderer“ erblicken wollten, erst jetzt allgemein erkennen, wenn sie iliese beiden Bände, in denen er sein Lcbcnswerk nicdergclegt hat, in Händen halte» und ihre« Reichtum durchlaufe.-. Mosaikartig wird sich ihnen dabei aus vielen bunten und geschliffenen Stcinchcn das Bild des Schriftslellers l lerzl zusammeiiset/en, den bei Lebzeiten der Feuilletonist überglänzt hat. Oder ist cs doch wieder der Feuilletonist, der uns, vom Tage unabhängig, liier noch einmal, in einer zeitlosen Form, bezaubert:‘ Das Feuilleton ist ja eine unendlich trügerische Form, ist es auch im angenehmen Sinne: wer ein richtiger Feuilletonist ist, einer von den Geborenen und lkgnadeten, wie l lerzl einer war, der zeigt sich uns ganz erst im Buche. Weilinachtsfest bei Silbermanns Von H. H. Colin. Mein Onkel Silbcrmami wohnt noch im Norden, Bei Vetter Jack ist das anders geworden, Er bewohnt, seit geglückt die sehr gute Partie, Am Kiirfürstcndamin ein Zeluizimnier-Logis, Und weil er sechs Wochen in England gewesen, Ist auf dem Tiirscliildc ״Jack“ zu lesen,