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Jüdische Rundschau · 1911-12-22 · Heft 51-52 (22.12.1911) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 51-52 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 600 J U E D1 S CII E RUN D SCHAU N\ 51/52 Wein das zu pessimistisch gedacht erscheint, der schlage die amerikanische A 11 s f u 11 r Statistik nach. Dort stellt R u II l a n d au dritter Stelle! Und dann beantworte er sich selbst die Frage, ob Amerika es gegenüber dem entschlossenen Willen Rußlands eventuell zutu offenen Bruch kommen lassen kann und wird. Nein, nein, mit der für manche Leute so erfreuend in die Erscheinung getretenen Rolle der Juden in der Weltpolitik ist es auch in diesem Falle nichts. Die Juden sind beute nur Obje kt der Weltpolitik. Zum aktiven Subjekt der Politik können sie nur werden, wenn sie sieh durch entschlossenes und zielbewulltes Handeln selber dazu machen. ib. Assimilation und Zionismus Von M. Bll eski* Berlin. Zu den Merkmalen der gesteigerten Anteilnahme an jüdischen Dingen und der nllmiihliclicn Ausdehmmg des Kreises der an ihnen Interessierten gehört es vielleicht auch, daß in letzter Zeit zweite Auflagen von Büchern erscheinen, die sich mit jiUlisehen Gegenwartsfragen beschäftigen. Noeli vor kurzem wurde es als feststehend angesehen, daß ein unsere Probleme behandelnde* Buch mit dem erstmaligen Erscheinen seinen Weg gegangen war, und keine noch ״א lebhaften Wünsche einzelner vermochten die geringen Ahsatzaiissichten zu entkräften und ilun zu einer zweiten Auflage zu verhelfen. Darin scheint mm, wie mehrfache Beispiele der letzten Zeit beweisen, ein freilich vorläufig noch unbedeutender Wandel sich zu vollziehen. Ganz natürlich ist cs, daß ein Buch wie Arthur Ruppins ״Juden der Gegenwart‘4 eines der ersten Ist, die an diesem Fortschritt Icilucluncn. Seit seinem Erscheinen ist dieses Werk für alle, die sich über jüdische Fragen orientieren wollten, unentbehrlich geweseni es ist von den Büchern, die das Judentum mit den Augen der Gegenwart betrachten, dasjenige, welches den reichsten Tatsaeheiigelialt darbiclct und hierdurch in umfassender und eindrucksvoller Weise über alle Gebiete jüdischen Lehens unterrichtet. Dieses Bucli also liegt nun in zweiter Auflage vor. Die zweite Auflage bedeutet in diesem Falle eine gewaltige Veränderung. Während früher eine Reihe von Tatsachen dargestellt war, die zwar alle zu demselben Ergebnis, der Auflösung des Judentums, zu führen schienen, aber doch untereinander den inneren Zusammenhang einigcrmalien vermissen ließen, haben wir jetzt ein mit äußerster Schärfe und Folgerichtigkeit durebgeführtes System vor 1u1s. Zwei grolle gegensätzliche Gedanken, vo'n denen der eine oder der andere für das Schicksal des Judentums entscheidend ist, beherrschen dieses System, Assimilation mul Nationalismus; nach ihnen ist das Buch, ganz anders als früher, in zwei große Teile geteilt. Jeder dieser Gedanken wird in seinem ganzen Inhalt entwickelt, und jede Einzclansführimg ist diesen beiden obersten Gesetzen untergeordnet, in der Art, daß sie, sich aufeinander atifhaueud, die leitende Idee bestätigen und klar herausarbeiten. So führt ein durchaus geschlosscncr Beweis zum Zionismus als der einzig möglichen Lösung der Judeufragc im positiven Sinne. Herzls Feuilletons Von Raoul Aller 11 hei 111 er*). Vor zwanzig Jahren, im Frühherbst, ist Theodor Herzl berühmt geworden. Da erschien einer. Tages in der ״Neuen Freien Presse" ein Feuilleton, ״Ltiz, das Dorf" genannt, in welchem ein junger Schriftsteiler, namens Theodor Herzl, die l-cscr mit dem literarischen Ergebnis einer Somtucrreisc bekannt machte. Das war durchaus saisongciniiß und hatte nichts Auffälliges an sich. Indessen irgendwie stach dieses Rciscfcuilleton doch gleich von anderen seines• gleichen ab. Der junge Mann reiste etwas weiter, als bisher in deutschen Landen üblich gewesen, und in einer neuen Richtung: ,.Luz, das Dorf“, lag i!1 den Pyrenäen. Auch reiste :er persönlicher und mit einer gcwissen zur Schau getragenen Eleganz, die ihn kleidete, weil sie, wie man alsbald fühlte, zu seinem auch innerlich distinguierten und exklusiven Wcseii stimmte. Er machte, im Vorüberreisen, eigentlich gar nicht den Eindruck eines fahrenden Literaten, ciier den eines Weltmannes, der, ein heimlicher Dichter, abends vor Freunden seine Abenteuer launig zum besten gibt. — Der Ton, in dem dies geschah, erinnerte zunächst . . ,) י״ו Verlage von J. Singer & Co., Berlin, 18t dieser Tage eine schöne Ncuausgabc der Herzl. sehen Feuilletons erschienen. Wir werden auf diese von vielen so lange erwartete Ausgabe noch ausführ. ״ «»d bringen heute die Vorrede, die Raoul Aucrnheiittcr dem Werke beigegebett hat. Die große Zweiteilung mul die Gesetzmäßigkeit der Darstellung mit ihrer Folge, der veränderten Stellungnahme des Verfassers zum Zionismus (über diesen Zusammenhang soll noch gesprochen werden), sind die zunächst ins' Auge fallenden Unterschiede der zweiten Auflage von der ersten. Seibstvcrstäiid* lieh ist. daß die Unterordnung des Stoffes unter bestimmte leitende Grundsätze zu mannigfachen Um• gcstaltiingcn geführt hat: viele Abschnitte der ersten Auflage sind wesentlich gekürzt, manche erweitert, rinige fehlen ganz und werden durch neue, in der ersten Auflage nicht enthaltene Ausführungen ersetzt; durchweg ist die Anordnung des Stoffes anders gc• worden, im allgemeinen kann man sagen, daß die tatsächlichen Angaben verringert sind; das bedeutet aber keinen Fehler, weil es sieh fast durchweg um solche Zahlen oder Hinweise handelt, die schon ein ganz spezielles Interesse vorausset/ten und vielleicht durch ihre Ucberfüllc eher geeignet waren, die großen Ergebnisse weniger klar hervortreten zu lassen. Die wesentlichen tatsächlichen Unterlagen der Grundgedankeii sind in voller Ausführlichkeit beibelialten und sogar noch erweitert; daß das tatsächliche Material durchweg auf den neuesten Stand gebracht ist mul daß hierbei manche neuen äußerst instruktiven Dinge geboten werden, braucht als selbstverständlich nicht besonders hervorgehohen zu werden. Der erste Teil, die Assimilation, gibt eine ein• gellende Darstellung der modernen Juden frage. Die Zustande der heutigen Judenhcit in allen ihren Teilen werden geschildert, die in ihnen zmn Ausdruck kam• uieiuleii Linien der Entwicklung nufgcdeckt und das imtvvemlige Endziel dieser Entwicklung feslgestellt. Ein kurzer Rückblick auf die Entstehungsgeschichte der heutigen Zus'Ündc wird vorausgeschickt, als Er• gebnis die Bildung von vier, nach der Stärke des natio• »uilen Elements verschiedenen Schichten gewonnen. Eine Betrachtung der Assimilation in geschichtlichem mul allgemeinem Rahmen leitet über zum Ftinda• ment der gesamten übrigen Ausführungen, der Schilde• rm׳g der Gründe für die Erhaltung des Judentums und ihres Wegfalls. Auf einen Uchcrhlick über die zahlenmäßigen Verhältnisse der heutigen Judenhcit folgt dann die eigentliche Beschreibung der gegen• wärtigen Lage. Sie wird nach allen Richtungen unter• sucht, alle Züge jüdischen Lehens werden einzeln aiifgefülut und eingehend charakterisiert, und zwar in äulierst anschaulicher und treffender Art. Ich will hier mir erwähnen, wie einleuchtend .die Bedeutung der jüdischen Zcrcmomalgcsetzgebuug dargeslcllf und wie eindrucksvoll das von ihr beherrschte -ehe» der ostjüdisehen Massen geschildert wird. (Daß der Frei• geist R 11 pp in liier stellenweise fast innig und liehe• voll spricht, sei ndieiihei gesagt.) Und als Gegen• stück davon die Beschreibung des liberalen Juden• tums, wo die Erwähnung der einen Tatsache, daß von 1830 jüdischen Gemeinden Deutschlands nur •LS7 den vorgeschriehencii täglichen Gottesdienst haben, einen gewaltigen Kontrast zu dem religionserfiillleu Leben der Ostjudcn und damit eine ersalzlose Entfremdung von der Macht bedeutet, die so lange allein ec* haltend gewesen ist. So werden alle wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Faktoren im Judentum unter Beibringung eines reichen statistischen Materials vor* geführt, entweder als Ursachen oder Bestandteile des Assiuiilationsprozösscs. Und das ist das Entscheidende, daß in allen den einzelnen Zügen, die das Bild des Judentums ausmachen, der unzureichenden Vcrmchrmig wie der wirtschaftlichen Lage, den zerstreuen• an die besten Vorbilder; jene schon etwas entrückte heinisehe Ironie hegami in seinem Bericht mich einmal zu klingen, es tönte wie ein leises Echo der Kcischildcr in diese andere Landschaft hinein, Da־ neben aber verriet eine sehr exakte Beobachtung den Einfluß der jüngeren französischen Schule, und ein sensibler Impressionismus hielt mit den modernsten Errungenschaften der Zeit Schritt. Das Wichtigste aber war die durchaus persönliche Note, die alle diese Elemente zu einer Einheit verband und an einigen Stellen des Feuilletons so deutlich hervordrang, daß mau stelicnblciben mul aufhorchen mußte. So etwa, wo er den Barbier witzig zu schildern beginnt: ״Wenn ich sage, der Barbier, so meine ich den Briefträger, welcher zugleich Krämer ist." Oder wenn er im Zusammenhang mit dem Atta Troll, an den er im Voriibcrgeheu erinnert, von jenen Bären spricht, die ״bei aller Melancholie tanzen können", mul die ,,freilich selten werden" und dann, nachdem er das Hunddlicatcr und die verwelkte Sängerin mit ihren traurig gewordenen Liedern und Reizen gcschildert hat, den Absatz mit der echt herzlichen Wendung schließt: ״Und so gibt es in Luz noch mancherlei kranke Spaßvögel,, welche die anderen laclum oiler träumen machen, indes sie selber weder Indien noch träumen." Die Franzosen nennen das ״ltuc saillic". Das ist eine Quelle, die aus dem Boden schießt, der Gedanke, der vom 0 unde aufsteigt. — Wo sic fließt, da wird sic immer fließen, denn sie entspringt einer Natur, und eine Natur ist unerschöpflich. — den Wanderungen wie dem gemeinsamen Drang nach den Großstädten, der Schwächung der Religion wie der Ausbreitung moderner Bildung, dieselben Gesetze der• jenigen Entwicklung wallen, die in den beiden kr«, sesteu Ausschnitten des Gemäldes, iu Taufe und Mischehe, ihren deutlichsten Ausdruck findet. Die Lage des Judentums stellt einen cin/igeii großen?.cr. set/ungsvorg.mg dar. Das ist das Ergebnis, da. die nicht etwa auf irgendwelchen vagen Vcrmutungm aiifgebauten, sondern *las vorhandene Material in ernster wissenschaftlicher Weise verwertenden, durch• aus objektiv-kritischen, Untersuchungen R u p p i n ־. mit unabwendbarer Notwendigkeit aufzwingeii. Die zahlenmäßige Darstellung der Tatsachen und die ge• set/mäßige Abteilung der Folgerungen machen die Kraiikheitsersclieinuiigen des Judentums gewisser• mallen mit Händen greifbar, und daß sie tolbringeml sein werden, wenn der Entwicklung freier Lauf gc• lassen wird, ist gewiß; denn die einzige, scheinbar im entgegengesetzten Sinne wirksame Kraft, der Antisemitismus, erweist sich als unwirksames Gegengift. Die absolute Gewißheit dieser Ergebnisse wird durch eine Eigenart der R u p p i 11 sehen Darstellung verbürgt, die einer der großen Vorzüge des Buches ist, und die ich seine Voraussetzungslosigkeit neunen möchte. Uuppin baut nirgends auf schon vornan• denen Arbeiten anderer auf, er setzt nur die fmula• inentalsten und selbstverständlichsten Tatsachen vor• aus. Sonst ist alles entweder aus eigenem Nach• denken gewonnen oder, kriliseh geprüft, und mir wenn es durch eigene Forschung bestätigt ist, über* nominell. Das äußert sieh in iiiaiinigf.ielicr Ari. Ein■' mal darin, daß alle Möglichkeiten der Entwicklung untersucht sind, auch diejenigen, die gewöhnlich all nicht in Frage kommend von vornherein nusgesehaltct werden. Ferner darin, daß er eine einmal gewonnene Folgerung nicht geradlinig weiter entwickelt, sondern die entgegensleliciulen Umstände würdigt, als korri• gierende Gedanken ausspriclit, und so die richtigen Resultate findet. Dieses Vorgehen erhöht die Be• weiskräftigkeit seiner Ausführungen in hohem Malle. Weiler aber ist hierher zu rechnen - was für uns von Interesse ist daß er des öfteren von der Ursprungliehen mul althergebrachten, jetzt freilich zum Teil schon Hingest.• illctcn zionistischen Argumentation*• methode abweiclit, So z. B. wenn er von der Wahr• scheinlidikeit der Assimilation ausgeh», während doch ein Gninddognia der früheren Agitation die Unmoglichkeit der Assimilation war; oder wenn der Anti• semitismus, der früher jeder Beweisführung a/s 110/• wendige Voraussetzung vorausgescliiiki ui״i, hier mir als Tatsache erwähnt wird, welche die aul anderer Grundlage gewonnenen Ergebnisse nicht abzu.mdt m vermag; oder wenn der Zusammenhang der Juden im East-End nicht aus nationalen, sondern lediglich aus wirtschaftlichen Gründen erklärt wird. Wenn er so zweifelhafte Stellen älterer Methoden kraft seiner kritischen Selbständigkeit aufgibt, so führt er dafür manchen neuen fruchtbaren Gedanken ein. Das gilt nicht mir von der Benutzung des stalisti• scheu Materials, sondern auch für allgemeine, den üblichen Beweismethoden analoge Ausführungen. Zwei Beispiele will ich liervorlieben: den Hinweis darauf, daß die Wirkung der Aufklärung um so stärker sein muß, weil sie immer mir eine dünne Schicht von Juden erreicht und so die Ausbildung einheitlichjüdischer Züge ausschließt, die eine Masse als Trägern voraussetzen würde. Weiter die Aufdeckung der sozial verschiedenen Motivierung von Taufe und Mischehe Diese alte Erfahrung bestätigte auch der I :11 Herzl; er bestätigt sie noch immer mul stets!ms neue. Am Abend jenes Tages, da ״Luz, das D<•rf“ erschienen, war sein Verfasser berühmt. Man i-l das in Wien entweder gleich oder gar nicht. Aber frei* lieb, nicht alle, die es sind, bleiben es auch. Theodor Herzl war und blieb cs. Er hegniigte sich nicht damit, zu bleiben, wer er gewesen, er wurde •weh, wer er war, rt. I\.; er entwickelte sich, und von dieser Entwicklung, von dieser Entfaltung seines ' ״׳ Anfang au vielversprechenden Talentes, in dem Dutzend Jahre, das dem Erscheinen jenes ersten he• rühmten Feuilletons gefolgt ist, gibt die vorliegende Sammlung Zeugnis. Er selbst hat sie in seinem vor־ letzten Lebensjahre redigiert, hat, wie in einer Vor• ahming seines frühen Todes, die Form bestimmt, iu der er auf die Nachwelt überzugehen wünschte. Nicht ohne Absicht hat er dabei die Reisefeuilletons als den eigentlichen Kern seiner Begabung in die Mitte des Werkes gerückt. Aber in wieviel weite Schönheit ist dieser Kern gebcliot! Die entzückenden Kimkrfetiilleloiis, die unendlich reizvollen .."11g־ lischen Nebelbilder“, die saftigen ״Schwänke des Lokalreporters“ •*־ eine Serie von glücklichen Snihiw, aus deren Zusauuneniluß sieh der Humor des Journa• lismus ergibt — und jene kostbare Novelle vor allem, der ״Epaphroditus“, ein feines Kunstwerk, das, sowie es ist, iu einem Buche von Anatole France stehen könnte und seinem weltberühmten Verfasser Ehre machen würde: all das ist erst später hiiizugekammen, ״Angeschossen" wie inan bei den Christalicn sagt, 1 I

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