Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2651711-2651761--08140-2665358- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 508 JUEDISC:;!• RUNDSCHAU Nr. 50 Karl Emil Franzos Von Dr. M a r c k S c h c r I a g. Wenn man von Czortkow nach Ohorostkow führt, sicht man, so weit das Auge reicht, nichts als Hinunel mul Felderflächen. Die braune, kräftige Ebene Podoliens hat etwas Einschläferndes an sich, wenn man sie an Somincrtngcn, da die Sonne hoch 1111 Zenith glüht, betrachtet. Und reift doch grünes Lehen rings herum und drängt sich in 1-11110, ein heimlicher Segen, zur Sonne. Hei diesem Anblick geht einem so recht das Verständnis für Franzos Naturschilderimgen auf, und man begreift, dall er in der Landschafts/eiehnung und Belebung seinesgleichen sucht, (klangt man nun in ein winkeliges pudolisehes Städtchen und sieht die niedrigen Schindeldächer, die engen, un• sauberen Gällchen mit den wenigen l.cutlein in seit• sanien Trachten, daun weih man, wie scharf Franzos seine Gestalten ins Auge fällte und wie lebenswahr er sie vor uns hinziistellen suchte. In jedem Strich verriet er den Künstler, um nicht zu sagen: Dichter; denn man sah in ihm eher ein bewußtes Können, als ein urwüchsiges Schaffen. Doch nicht der Künstler Franzos ist es, mit dem wir uns hier befassen wollen, tjer Jude Franzos interessiert uns hier. Dem Künstler!nullte so manche deutsche Zeitung und Literatur• geschichte mehr oder minder gerecht werden; un• beachtet hat ihn keine gelassen, denn er hat sich durch rastloses, vielseitiges, nachhaltiges Wirken nicht bloß das Bürgerrecht in der deutschen Literatur erworben, sondern sogar eine Ehrcnstcllc unter den Besten erworben. Ob man nun auch dem Juden Franzos gerecht wurde? Viele haben seine Abstam• inung nur so nebenbei erwähnt oder sie aus den Titeln seiner Werke erraten lassen. Allein wir haben die Aufgabe, auf das Spezifische an diesem Mann hinzuweisen und den wahren Kern aus der Schale zu losen. Karl Emil Franzos, geboren 1818 in einein ״kleinen galizischcn Kreisstädtchen“, studierte in Czernowitz und Wien und starb 1001 in Berlin in der Blüte seiner Schaffenskraft, auf der I lohe seines Ruhmes. Als Herausgeber der ״Deutschen Dichtung“ halte er die Fäden der aufstrebenden Literatur in seiner Hand, förderte manch junges Talent und er• wies sich als gerechter, wenn auch kritischer Kunstkontier und Schönlieitsuchcr. Aber selbst blieb er, wie Richard M. Meyer richtig bemerkt, an der Schwelle stehen. Er war noch zu sehr unter dein Einflüsse des Geistes der Aufklärungszeit, um den Kampf um die neue Kunstform zu bestehen. Das Treibende in ihm war die Sehnsucht nach der deutschen Bildung. Darin, wähnte er, läge auch die wunderbare Macht, die alle Gegensätze üherbriiekt und Christen mit Juden einigt. Doch bald mußte er cs am eigenen Leihe erfahren, wie weit man von diesem ideal ent* fernt war. Der Träumer geriet zwischen die Räder des konfessionellen und nationalen Hasses und war im ״deutschen Paradiese“ trotz seines schwarz-rotgoldenen Bandes gerade so ein Fremder wie sein Vater, der eifrige Arzt in Galizien. Aus diesem bitteren Gefühl heraus schrieb er seine ״Juden von Barnow“ und ״Skizzen aus Halbasien“. Und gleich merkte man, daß da eine Persönlichkeit von starker Prägnanz, auf den Plan trat, ein Mensch, der sieh leidenschaftlich gegen veraltete Satzung, gegen Schranken und Rassenhaß empörte, ein Dichter, der sich an das Ideal der Aufklärung hingab. In dieser Leidenschaft verriet er den Agitator. Stets verfolgte er die Tendenz, worunter das Künstlerische oft leiden mußte. Darum galt er nicht als modern in einer Zeit, da man die Kunst um der Kunst willen pflegte. Er blieb zu sehr an den Aeußcrlichkeitcn •der Wirklichkeit haften, um für die tiefsten Konflikte Ausdruck finden zu können. Einmal nur erhob er sich zu einer dichterischen Höhe, die man von ihm kaum erwartet hätte, in seinem ״Kampf um Recht", svo er «inen bäurischen Michael Kohlhaas der Bukowina schildert, rivalisiert er, was epische Kraft und psychologische Vertiefung betrifft, mit den besten Meistern des deutschen Romans. Franzos hat ein Wort geprägt, daß uns keineswegs als günstige Einführung in die europäische Kulturwelt dienen konnte. Das Wort ״Aus Halbosien“. Der Weltcuropäer brauchte cs mir zu hören und gleich sah er Barbaren ,vor sich und als Barbaren reinster Art, selbstredend die östlichen Juden. Das Schöne und allgemein Menschliche, das Franzos aus den kaftanbcdecktcu Gestalte!: hervorholte, blieb schier unbeachtet. Man halte zu deutlich den barbarischcn Juden vor sich, der mit zahnlosen Pferden handelte oder Schmuggel trieb oder Getreide kaufte, man sah förmliclt seilten schmutzigen Kaftan, seinen ewigen Kolpak, seinen wirren Bart und seine wehenden Seitenlöckchen, mehr brauchte inan, nicht. Der Weltcuropäer zog lächelnd die Brauen zusammen, schmunzelte vergnügt und dankte Gott, daß diese asiatischen Juden soweit hinter allen Bergen leben. Man liest so gern von den seltsamen Tieren der Tropengegenden und fühlt sich sicher im gesitteten Laude, wo solche Geschöpfe bloß in Museen odc.* I Menagerien zu sehen sind. Solch ein Gefühl der Sicherheit nistete sich auch in den westlichen Juden j ein, als sie von den östlichen lasen. Und aufs 1 Kerbholz dieses Gefühls ist das zu schreiben» was später so betrübend zutage trat. Als nämlich allmählich der Osten seine lieber• Produktion an jüdischen Elementen nach dem Westen nhgah, da entstand nebst dem gesteigerten Antiseinitisinus der christlichen Westler die verlegene und verlogene• Politik der Verleugnung bei den jüdischen Westlern. Sie verleiignetcii nicht etwa sofort ihre Religion, nein, sie virleiigneten iiire /.usniiiineiigc• hörigkeit mit den östlichen Brüdern, Eine!•andsperre vor dem Eindringling war ihr heißester Wunsch. Damit wähnten sie auch den Antisemitismus aus der Welt schaffen zu können. Daß dieses Heil* mittel gegenüber der gefürchteten Krankheit machtlos war, erkannten zuerst einige östliche Juden, die auch durch Erscheinungen der antisemitischen Epidemie zu iieiiem, tatkräftigem, nationalem Bewußtsein auf* geriitletlt wurden. Smolcnski und Leo Pinsker dachten an neue Wege für den Abfluß der überschüssigen Elemente des östlichen Ghettos, keineswegs aber an eine Abschaffung des Antisemitismus, denn alle, die an der Abwehr des Antisemitismus arbeiteten, hatten eine Sisyphusarbeit zu verrichten. Ein Sisyplms war auch Franzos. Er gemalmt auch an den (ioetheschen Zauberlehrling, Die Geister, die er unbewußt zu rufen mithalf, vermochte er nicht zu bannen. Umsonst träumte er den alten Traum von Kosmopolitismus und Menschentum. Er geriet mit sich selbst in Widerspruch. Einerseits hielt er das Banner von ISIS hoch und sang von einer Zukunft, wo alle Unterschiede der Nationalität, der Religion und der Rasse verschwinden würden. Andererseits schilderte er so handgreiflich die mannigfaltigsten Kämpfe und Konflikte, die aus den erwähnten Unterschieden hervorwachsen, so daß er damit ml oculos demonstrierte, wie unerreichbar die Verwirklichung seines alten Traumes sei. Und als er sieh endlich der Erfolglosigkeit seiner Arbeit bewußt wurde, hüllte er sieli in den Mantel der stillen Resignation und kämpfte nur mehr aus einer Art Pflichtgefühl, und nicht uni des Sieges willen. Ein Einsamer, stand er da.' Seine Genossen im Streite: Lorm, Kompert, Frankl, Hartmann ruhten längst im Grabe, und begraben lagen auch ihre Ideale. Was hatten sie nicht von der Revolution erwartet? Wieviel für die Menschheit erträumt? Und wieviel — eigentlich wie wenig — für ihr Volk? Was wollten sie denn für dieses? Doch nur die Menschenrechte, wie Gleichheit mit anderen, Aber als Preis dafür hatten sie vieles geopfert: die Eigenart des Volkes. Im Deutschtum sollte es aufgehen nach Wcgriiumung aller Schranken zwischen Deutschen JÜDISCHER TURNVEREIN ״BAR KOCHBA“ o BERLIN Sonntag, den 24. Dezember 1911 nbends 7 ,/a Uhr ס ויי,ז 0» ן * $ייי\ח/ ך"׳« ץ* •י 11 m / ן . ו, , U ü und 13, 10/? 1׳.:■ O LjäwllÄ imMarinehaus,AmKöIlnischcn Park9 Während des Kommerses: (Leitung Herr Rechtsanwalt Groncmunn) Festrede des Herrn Dr. Theodor Zlocisti Marraorgruppen (gestellt vom Bildhauer Jakob Plcnncr und Mulcr Hermmin Struck) Turnerische Vorführungen Rezitationen und musikalische Darbietungen ÄS״ un״ ooo Während der Kaffeetafel: Humoristische Vorträge Eintrittskarten h M. 1,50 sind im Vorverkauf nuf allen Turnsälen, in unserem Bureau, Alexanderstraüc 39 (4 6 ך Uhr) und bei J. Lewin, Gertraud tenslrnßu20-21 im ZigarcUengcscliäft zu haben. Preis der Eintrittskarten an der Abendkasse M. 2,״־. :.W utitl Juden. Die Tore der Ghettos wurden y0n den revolutionären Träumern weit geöffnet, aber die Tore in die deutsche Kulttirwelt Wurden vor: den rasscnstol/en Germanen schroff verrammelt. R.issenantisemitisiiius stand davor mit ge/tiektem Schwert. Und ernüchtert, verschüchtert machten die Träumer kehrt und verkrochen sich in ihre Studier, sluhen und verhüllten ihre Augen. Und so s.1h((l' sie nicht, wie andere ihrer Brüder sieh innerhalb der Ghcttomatiern zu schaffen machten, und wie dann ein westeuropäischer Jude die Losung der Smolcnski und Pinsker aiifnahm und zu neuer Geltung brachte I ler/I nahm die stolze Losung aus dem Gereich der Träume in das Bereich des Lehens hinüber. schlossen sich neue Männer an, Mit Sturmschritt eroberte der Zionismus das jüdische Volk in seinen Massen. Nun ward es sich bewußt, daß eine (lleichheit nicht durch Aufgebern in einem Fremdkörper zu erreichen sei. Die Revolutionäre von;mtio da. zumal schliefen und sahen nichts. Sie waren gfojc’ Männer, lautere Männer, aber kurzsichtige im besten Fall. Ein Haus wollten sic hauen für die gJntc Menschheit, ein Riesen haus, ein unmögliches Haui, darin auch wir ein Wmkclchcn hätten cingerämnt bt. kommen sollen. Wir aber fühlen: Erst müssen W8 unser eigenes, kleines Haus so erbauen, daß um die anderen Völker als gleichwertig anerkennen. Unsere Augen sind offen. Weit ist das Ziel, doch nicht so weit, wie das der jüdischen Rcvolutions- und Emanzipatiousschwäriner. Und eines haben wir vor. aus: Wir ahnen eine neue mögliche Zukunft. Reift doch grünes Leben ringsherum und drängt sich in Fülle, ein heimlicher Segen, zur Sanne! Die Ciiazaren An den Ufern des Kaspischen Sees und des schwarzen Meeres existierte im Mittelalter drei bis vier lahrJnmdertc lang ein Reich unter jüdischen Königen, das um das Jahr IÜ0E) herum den Angriffen der Russen und Byzantiner erlag. Die Geschichte dieses merkwürdigen Volkes bildet den Gegenstand einer Monographie, die aus dem Nachlaß des Freiherrn von Kutschern, eines österreichischen Staatsbeamten, herausgegeheii ist unter dem Titel: Die Cliasaren. I fol/hausen Wien I<)I0. Die Schrift gibt sich als Werk der Mußestunden eines Nichtgrlehrien, der nicht einmal die letzte Hand au seine Arbeit legen konnte. Das entschuldigt manche Abschweifungen tmd Zitate aus veralteten Werken. Leider ist aber auch gerade die I laupttbese der Arbeit, auf die der Verfasser den größten Werl legte, verfehl(: Du־ russisehen Juden und mit ihnen auch die gr׳»ßc Masse der aus Polen cingewaiuierten deutschen Juden s »II.,n von dem finnischen Volke der Ciiazaren ahstammen; der im Osten von den Julen gesprochene deutsche Dialekt soll sich aus dem Einfluß der aus Deutschlaiul cingewaiuierten christlichen Kuliurelemcnle erklären. Das ist unbewiesen und unglaublich. Eine stärkere Rassenmischuug ist durch den Uehertiilt der Ciiazaren zum Judentum nicht ciugctrelcu. Wir wissen, daß nur ein Teil der Ciiazaren das Judentum angenominell hat, und das ganze Volk dürfte kaum sehr zahlreich gewesen sein trotz des großen Territoriums, das es besaß. Von diesen Juden hat wahrscheinlich nur ein Teil den Untergang des Reiches überlebt mul die übrigen wurden durch die Kriege der Polowzer und den Moiigolcnsturm weiter di/imierl Daß wir einen Fall kennen, in dem Ciiazaren nach Rußland cingewandert sind, genüg» nicht da/u, die dcutschspreehcndcn Juden Polens zu Chazarcn zu machen. Die angebliche Gruudverschiedenlieit zwischen Aschkcnnsiin und Sefardim, die K. erklären will, wird neuerdings entschieden in Abrede gestellt (vgl. Zollschan, ״Das Rassenproblem“, S. 30 ff.), und in Konsequenz der Ansicht K.'s müßte mau sogar einen Gegensatz, zwischen den russischen Jude׳! einer• seils und den scfardischcn und eclitdeiitschen Juden der Rheingegcnd andererseits ,konstruieren. Abgesehen von dieser unglücklichen Hypothese bie'ei die Schrift eine fleißige Zusammenstellung der spür• liehen Nachrichten alter nichtjüdisdicr Chroniken über die Cha/areii, die manchem um so willkommener sein wird, als die Quellen, wie die neueren meist russischen und ungarischen Behandlungen, ziemlich unzugänglich sind, wenn auch Grat/ und The Jcwish Eucyclopcdia das wichtigere geben. Die vermutliche Abstammung der Ciiazaren, ihr erstes Auftreten, die unaufhörlichen Kämpfe mit den Nachbarn, das Auf• blühen tmd der Niedergang des Staates werden hchandelt und die wenigen legendenhaften Nachrichten, die wir über die inneren Einrichtungen des Reiches haben, verwertet. Im einzelnen findet inan hier manche neue richtige Bemerkungen, die die Herausgäbe des Buches doch als etwas mehr erscheinen lassen als eine Pflicht der Pietät gegen den ver• storbenen Autor. Rudolf Lcszynsky. ו 1