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Jüdische Rundschau · 1911-12-15 · Heft 50 (15.12.1911) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 50 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 50 I JUED1SCH E RUNDSCHAU Seite 507 fest. Damals schüttelten unsere Väter das Joeli eines l'remdvolkes ab. Sie befreiten ihr Volk von fremden, schädlichen Einflüssen. So ist denn das Chainiknli* fest der Erinnerung au glorreiche Vergangcnlieil gevyriht. Es lehrt uns, dal) nur ein Volk seine Existenz behaupten kann, das den festen Willen bat, für sein höchstes Uut, sein ererbtes Volkstum, mit aller Macht cm/Udtchcn. J. Ilaltel. Bilder aus Palästina Seit Hans Tuchers ״Heys in das gclopte Land״ 1l׳c Druckerei Fusteus oder Zcningers ״zu Niircn* h Tg“ verlieb, hat die I)ruckerpresse aberhundert Schilderungen, Skizzen, Hiltler und Bücher über Pa• l istina der Welt gegeben. So viele oder so wenige inan liest, ihr Wesen hinterlädt im Leser stets den Eindruck, den der Anfang eines Flugblattes über eine sehr schöne Stelle des heiligen Landes neulich auf mich machte. Da heiden die ersten Worte; ״Dort, wo der Jordan den Tiberiassee verlädt , ״. .־ In diesen sieben Worten sind vier ein starker Auftakt, der etwas 1 lerzcnsinniges, in uns Leben Webendes ahnen lallt, und die drei übrigen Worte enttäuschen, dt sic die geahnte Kraft nicht lebensvoll wirken Da bekam ich vor kurzem Davis Tiictschs ״llilder aus Palästina" in die I lainl. Ich war neugierig,’ denn ich wollte; Dieser Mann hat nicht nur in Palästina gelebt, sondern lebt auch für Palästina. (״Auch für die Ncbrulämler!“ würde er mir vielleicht ciuwcrfcit mul listig lächeln. Das!•! mir zu pro• gianuuatiseh, Herr Trictsch, und davon rede ich jetzt nicht.) Ich blätterte lässig. Es sind viele Bilder in dem Buche, meist photographische Aufnahmen; sic sind sorgsam gewählt, recht anschaulich, doch ich gestehe ofien sie interessierten mich nicht sehr. Ich sehe zu häufig Palästinabilder. Auf einer Seile, die kein Bild hat das ist nicht häufig in dem Huche hlieb mein Blick ans Gewohnheit halten, wie, um das Bild zu suchen, mul das Auge glitt über die Zeilen. Da las ich unwillkürlich: Von einer Jüdin, die am (irahe Davids steht, lind ihre Trauer ist die blutererbte Hiimuriing von hundert (iesclileehtermheii, deren eine die andere erfüllt mul deren erste noch in der letzten ist. Da sah ich ein Bild, das Bild, das meinem oberflächlichen Auge auf dieser Seite gefehlt hatte, üutt weid, ,warum ich zugleich an Besser Dry dachte. . . Jetzt begann ich z.u lesen, Bilder zu sehen. ״Der immer gleiche Orient“ las ich, las von ״merkwürdigem Durcheinander von ältesten und neuesten Dingen, das mau sieh vor Augen halten Worte, Worte, die selbstverständlich sind, die man nicht zu suchen braucht, weil sie immer da sind. Denn die Vorstellungen und Ideen, denen sie entstammen, sind einfach und selbstverständlich. Diese Ideen Veibiudcii Vergangenheit, (iegenwart und Zu• kiiuft zur Dauer; so auch die Worte. Da ist z. B. die Skizze ״Der Oelhaum“: ,,Der Oclhaiun i;4 ein wundervoller Baum . . ." Wer den Baum gesehil• der! hätte, um zu überreden, der hätte begonnen: ״Wer keinen Oelhaum frei wachsen sah, wie ich in Palästina, der kann sich nicht vorslellen, wie wunder* voll der Baum ist . . Das weckt Zweifel, Die Worte ״der Oelbatmi ist ein wundervoller Baum“! überzeugen. ״Es ist nur natürlich,“ dall die Bäume ן in Jodinins Pai.ibcl ihn zum Könige wählen wollten. ן Das geschah einst zu Jotliauis Zeiten, kann heute, morgen, übermorgen geschehen, wenn die Bäume einen König wählen wollen. Ich bin fest davon überzeugt. I )er cs sehrieb, auch, und darum bat er mich überzeugt. ״Es ist mir natürlich,“ dall das reiche Ertragnis, welches der Oelhaum abwirft! zu ei.ner Ausdehnung der Olivcnkultur im Lande führt. ״Es ist nur natürlich,״ dall wir himicn kurzem noch von einer grollen ' Volksversichcrimg auf Basis von hoclircntablen Olivcnplantagcn hören werden. Diese Idee ist ganz natürlich und leuchtet mir liier, wenn ich in Trictschs Buch lese, schneller ein, als wenn Arbeit und Sport im jüdischen Palästina wC . " ־- -.•-י*״...*״*•X׳ ׳!׳ ־.-• \v. •v, v ‘ ׳* י־/ ( * s ־"“ j ״ ־ V! i ־״i י י * .*״ * ■l •zs/1 . - . 1 ־]••/. V ■ i- ■ ..-:״■■■׳■•;ן \ I ■ -n ־ Bewässerung junger OrangcmPlaiitagen in C h c f /. i b 011 (Hoiliung U«r QmtUchMl ״Au"<la1U N«u־im") ־••־) Von den ״olympischen Spielen“ in der jüdischen Kolonie Ueclioboth lassen, sondern ein lässiges Rinnsal schwacher Scliil• derung sind, in dem alle sich regenden Vorstellungen verseichteu tnul verblassen. Fast alle Schilderungen und Skiz.z.en Palästinas, die ich las, weckten in mir dasselbe Gefühl! wie jene Worte des sehleehtstilisierten Flugblattes. Immer ist der heimliche Wunsch und ein dimkclpoehcndcs Sehnen zu fühlen, aber es tritt nicht heraus, sondern verliert sich in der weiten Wiistc der fremden Vor• Stellungen, die der schildernde Reisende mitbriiigt aus seiner Heimat, von der er kam. Es sind auch wirklich Fremde, die über Palästina schrieben, 1111• ziililig viele Christen und denen ist das Land so fremd, wie das Christentum, das in diesem Laude einst lebte und hei ihnen ein anderes, landloses Lehen bekam; und entfremdete Juden, deren Judentum laml* los wurde und nur zum Almen erweckt ward, wenn sie von Palästina sprachen. Diese Schilderungen des Landes, die von Juden hctvühreu ich erinnere an Ludwig August Frankl׳ s ״Nach Jerusalem“, sind so zerrissen, wie — die Juden seihst, die sie schrieben. Und ich wünschte, es käme einmal ein Jude hin, 'L־r das Land als sein eigenes sich v <> r s t e 11 e 11 kann, und erzählte dann vom Lande: Wenn es ein Künstler ist, daun wird diese Erzählung vielleicht ein Schaffellserlebnis für den Künstler, ein grobes s«ione8 unverstandenes Werk. Ist es ein Manu, ü<־ssen Vorstellung von dem überkommenen, durch ,׳ü Generationen vererbten Ooluslcbcii absehen kann, ־•veil er ein anderes will, Uaim wird die Schilde• rung wohl ein Mcnscheuerlcbiiis für den Leser, ein ganzes, volles, sinnerfreuendes Bild für die Juden, deren Sinn seit je dem Lande gut ist und viel* leicht auch für ihre Kinder, deren Sinn so herzlich leicht alles Gute in Freude fallt. *) Davis Trictsch: Bilder aus Palästina. — Oricntverlagt Berlin. — 1911. Die beiden Bilder auf dieser beite sind dem Buche entnommen. mul), um dieser fremdartigen Welt Verständnis ab* ziigcwinucn.“ ״Ilm! Das ist so eine Art Programm ilcs Buches; kennen wir schonI" raunte etwas in mir; ich glaube, das war ich allein. ״Dieses I > 11 r e h e i n a 11 d c r bedeutet das I > 11 r e 1111 r i 11 g c 11 von ältesten und neuesten Dingen zu einem groben Ding!״ deutete etwas Dunkles in mir; das war wohl nicht ich allein. Und je weiter ich las, desto weniger war ich allein. Um ״Jerusalem“ schwirrten tausend Sagen aller Zeiten und Völker. Die Heilig* keit der malten Stätte, die der scheuen Zunge des Sklaven IdnPBaal (in einem Fragmente von Beer* Hoff in a 1111 s noch immer unvollendeter ״Historie des Königs David“) schwere Worte vom Welten* Urgescheliens entlockt, diese uralte Heiligkeit mengte sich mit den Bildern der Stadt, wie sie heute ist, ־ und es war eines, als ich es las. Von Don Josef Nasi, dem Fürsten voll Tiberias, erzählt das Buch und knüpft Üavuu Hirsch«, halbes Weck der Unganz.hcit jener eigenartigen Episode der jüdischen Geschichte an. Mau sucht den Geist der Tat. Das Madiaii-Untirneliinen Fricdmamis taucht auf (zu jung, uut schon Geschichte zu sein); eine Episode vom zehnten Kongreb stand bildhaft vor mir. Und Pa* lästiua heibt es in einer anderen Skizze — euro• päisiert sich, je mehr die ״Heiligkeit“ schwindet. Ist das auch ein Programm? Nein. Es ist eine Unterscheidung: Denn es gibt zwei Heiligkeiten, die Heiligkeit des Todes und die Heiligkeit des Lehens. Diese zweite Heiligkeit weht wohl in dein Manne, der auf Jerusalems liöchstgelcgeiiem Orte sieh das ״Observatorium“ haute, um der Erste zu sein, der j die Sonne atifgclieu sieht. Von ihm erzählt das;,Blich, Heiligkeit des Lehens wird in Palästina der i aItheiligen Sprache zuteil. ״Sic ist jetzt alles zu• j gleich“ -- sagt Trictsch in der Skizze über das I le• j bräisehe in Palästina ״eine tote Sprache, eine j Gclchrtenspraelie und eine lebendige.“ In diesen I wenigen, einfachen Worten ist ein herzensgutes, j skepsisbefreites Erfassen des Sinnes des Judentums. Ucbcrall in dem Buche sind einfache, schlichte I mir jemand einen umfassenden Prospekt davon er* j klärte. Wo (iegenwart•, Vergangenheit• und Zukunft• j gefiihl sieh zu einem Sinn verbinden, wird die Idee zum Schaffen geboren. Sie reift durch das Er* kennen. . . . Solche Ideen ich möchte fast sagen praktische Anregungen bietet das Buch in Hülle und Fülle: lieber den Getreidebau, über die Lehrmethoden der Schulen usw. Sie treten ganz, natürlich auf, indem sie eben aus dem Durctulriugcu von Altem und Neuem geboren werden und so wie sie sind, schlicht, unbckieidet wie die neugeborenen Kinder, daliegen. Manchmal werden sie zu Idealen, die das Jenseits zur Bitterkeit des Kampfes im Lehen sind. So die Worte über die christliche Mission in Palästina: ״Statt aller Proteste sollten wir (iegemnissioiiarc in die Länder der Christenheit schicken. Ich glaube, der jüdische Geist ist noch kraftvoll genug, um anziikämpfen gegen müWersüindene Religionsideeii, die zu dem Walm• sinn der Jmlenmission führen konnten.“ Dies rührt an die Dinge, die das Letzte in unseren Ideen sind, vielleicht das Jenseits der Ideen, das Ideal der Mensch• heit, das oft und oft, so hundertfach verkleinert und verendliclit wurde. Der jüdische Geist, ein solcher der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als eines erlebt, kann es vielleicht verwirkliche». Er will es seit je. ... Jetzt fällt mir dien ein: Ich sollte das Buch ״besprechen“, wie der gebräuchliche terminus lautet. Also so etwas wie Kritik. Nun hab’ ieh's ganz, ver* gesse», ml er sollte das nicht möglich sein? Ich gktube, es ist nicht möglich, z.u kritisieren. Von einem solchen Buche kann man bloll erzählen oder es liehen Menschen oder Kindern z.um Lesen gehen, wenn man, wie ich, nicht die Möglichkeit hat, dem Autor die Hand zu drücken; mul das hätte ich am liebsten getan. . . . Wien. Siegfried S c U m i 11.

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