Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 50 Seile 503 GrcifenliagemStettin über das Thema: ״Fragen der körperlichen Regeneration". Er zeigte, tlaH die Zn• saminenballung der Juden in der Cirollstadt auch für die physische linlwickhmjr Oje gröltlcn Gefahren mit sieh bringe und den Bestand des deutschen Judentums auf das üulkTStc gefährde; in der Diaspora sei der Lntnrtimg durch Turnen und Sport ciiljjegenzmu beiten, die endgültige Lösung liege in der Schaffung eines gesunden jüdischen Bauernstandes in Palästina. Prali-Stettin. Jüdischer Volksliederabend in Berlin Die Redaktion der Zeitschrift ,,Ost und West" ver• anstaltete am Sonntag in Berlin ein Konzert, dessen Programm dem jüdischen Volkslied gewidmet war. Herrn l.eo Winz gebührt der wärmste Dank für seine unablässigen Versuche, dieser Musik Ohren und Herzen seiner Leser und Hörer zu öffnen. Anscheinend Mild seine Bemühungen von Erfolg begleitet, denn im Saal der ״Oesellschaft der Freunde" hatte sich eine vielköpfige beifallsfreudige Menge eingefundeu. Wem ׳.tic Schönheit dieser innigen, teils melancholischen, teils unter Trlincn lächelnden Tonschöpfungen des Volkes einmal aufgegangen ist, den zieht es immer wieder zu ihnen zurück. Sind sie uns doch dur Schlüssel zu dem reichen (icmiitsleben unserer östliehen Stammesbrüder. Den Darbietungen der aus• führenden Künstler konnte man mit dem grollten künst• krischen (ienusse folgen. Die Herren Arno Nadel und Gottfried S z k o I n y brachten Uebertragungen altjüdischer Hochzeitsmelodien und Tänze zu Gehör. In den Vortrag der Lieder teilten sich mit glücklichem Erfolge Herr Uollanin und Fräulein Bella Falk, welch letztere durch ihr ungewöhnliches stimmliches Talent und wunderhübsche Vortragskunst den rau• sehenden Beifall des Publikums sich ersang. Hoffen(• lieh haben wir noch recht oft das Vergnügen, sie ihre Kunst in den Dienst des jüdischen Volksliedes stellen zu sehen. Bayerische Spezialitäten Im Jahre 1833, nach Zerstörung des jüdischen Reiches und unserer Selbständigkeit, im Atonale'l ischri (d e r Zeit, wo auch unsere liberalen deutschen Staats• iiürger jüdischen Glaubens, oder wenigstens die grolle Mebrzald derselben, von ihren teuren Betpliitzen in ihren Tempeln Gebrauch machen) hat siclt^ in der alten Bischofsstadt Bamberg in Bayern ein ״Stück* eben" abgespielt, das gewiü auch in der nicht• bayerischen jüdischen Presse verzeichnet zu werden verdient. In besagter Stadt bestellt eine jüdische Ge* meiiide mit e i n e r Synagoge und c i n e m Rabbiner und es war bis zum letzten Tischri in der Gemeinde alles in schönster Ordnung verlaufen. Zu dieser Zeit hat man dort in der neuen Synagoge einen gemischten Herren• und Damenchor etabliert und es den orthoduxen Mitgliedern, welche hieran Anstoll nehmen, erschwert, dein Gottesdienste uiizuwolineu. (Es war zwar in der alten Synagoge an den hohen Feiertagen ein ähnlicher Chor, allein dort war noch ein anderer Betraum im Hause, wo man ohne diese Zutat seine Andacht verrichten konnte; dies fiel im Neubau weg). Die orthodoxen Mitglieder der Gemeinde hatten deshalb einen Saal gemietet, um in alter Weise an den hohen Tagen ihren Gottesdienst alv.uhalten. Während dieses .Gottesdienstes am ״Roscli-Haseliauali" er• schienen im Betlokal Polizeiorgane, um den Tat* bestand festzuslellen und die Folge war, dall die Veranstalter am Tage vor ״Jom-Kipur" eine poli/eiliehe Zustellung erhielten, duii ihre gottesdienstlichen Verrichtungen nach § 25 des bayerischen Juden־ «•iliktes von 1813 (I) verboten seien und im Wiederholungsfälle polizeilich verhindert würden. 25 besagt; ״Wo eine Synagoge bestellt, darf autier dem Rabbiner oder seinem Substituten kein anderer kircjdiche Verrichtungen ausübcu.") Trotz, des Verbots fand dieser Gottesdienst doch noch am ״Jom Kipur" statt, und mm kommt das allcrschünste echt liberale Meisterstück des Bamberger Rabbiners, der zu den Grollen der ״jüdisch-liberalen Vereinigung Deutschlands" zählt. Einem Schüler eines Bamberger Gymnasiums war vom Rabbiner verboten worden, das Minjan mit seinem Vater zu besuchen und da der junge Mann glaubte, seinem Gewissen mehr folgen zu müssen als dem gestrengen ״Lehrer des Wortes Gottes", wurde er dem Rektorat des Gymnasiums wegen ״Besu dies eines ver• b o t e n 0 n Gottesdienst c s" zur Anzeige ge• bracht und zu zwei Stunden Arrest verurteilt. So der Sachverhalt, welcher ohne Kommentar für sich selbst spricht. Die Angelegenheit wird uatiirlieb weiter verfolgt, und es wurden die geeigneten Schritte beim bayerischen Kultusministerium eilige* leitet, um der Gewissensfreiheit auch in Bamberg zu ihrem Rechte zu verhelfen. J U E• D I S CI I E R ü N O S C H A U Allein damit sollte die Sache nicht abgetan sein. Ls tritt vielmehr jetzt mehr 'als je an alle, die es angelil, die dringende Pflicht heran, mit allen Kräften dahin zu streben, das veraltete Jmleuedikt aus dein Wege zu schaffen. Tief betrübend ist es, d;d! oitliuduxe Männer und sogar solche Führer noch immer nicht ein sehen, wohin sie mit ihrem starren Kampf gegen eine Revision des Judencdikls steuern. Wenn die lel/ten Vorgänge den Herren die Augen nicht öffnen, dann ist ihnen nicht zu heilen und sic dürfen sich nicht beklagen, wenn man ihnen den Vorwurf macht, dall sie au solchen Vorgängen eine nicht geringe Schuld mit tragen. . Ami! a i. Kündigung des nissisch-amcrikanischen Handelsvertrages! Wie aus New Y o r k ,telegraphisch gemeldet wird, hat der Aiisscluilt für auswärtige Angelegenheiten des Repräsentantenhauses (Unterhaus des Kongresses) einstimmig die Resolution S 111 z. e r angenommen, die die sofortige Aufhebung des 18'J'i zwischen RuiSlaiid und den Vereinigten Staaten geschlossenen Vertrages empfiehlt. Der Konflikt ist somit in vollem Gange. Auch im Plenum wurde der Resolution fast einstimmig (mit 300: 1 Stimmen) zugestimmt. Da die Geschichte der Union kaum einen Lall kennt, in dem die Regierung gegen den geschlossenen Willen des Unterhauses gehandelt hat, so ist anztutehmeii, dall die Kündigung des ehrwürdigen ־ Vertrages itt Kürze perfekt werden wird. Auf die schwerwiegende Bedeutung dieses Schrittes werden wir in unserer midisten Nummer cingelicn. wickelt. Neben diesen gröllcrcii Kolonien gibt es al>cr, über das ganze Gebiet der Union zerstreut, eine grolle Menge laudwirüdiatthclicr Einzelsiede• hingen, sogenannte Lärmen, die friiltcr keinerlei Zu• saiiiiueiili.ing imtcieinander halten, vor einigen Jahren jedoch in der J e w i s h Agricultural a 11 d In• diistri.il Aid Society eine Zentralstelle er• li.ilten haben. I :iese überaus segensreich wirkende Organisation geht den einzelnen Lannern mit bil• ligetn, l.mglristigein Kredit, mit fachmännischen Rat• schlagen lur die rationelle Bodeiibewirtselinftmig, mit Vermittlung von liodcuküufcu sowie mit der Ein* ricliUing von Schulen, Bibliotheken und Lesehallen an die lland. Eine eiuigcrin.ilSen vollständige Statistik der jüdischen I armer in Amerika gibt cs zurzeit noch nicht, doch 11.1t die obengcii.iimh• Aid Society imiocrimi unilasscudcs statistisches Material gesaut• I inelt, von dem nachstehend eine kurze Zusammen• I (assting mitgcteilt sei. Es gibt in den einzelnen Staate.! der uordamcrikauischcu Union au jüdischen Farmer• familien: New• York 075, New Jersey /2b, Counec• tietit 508, Nord-I )acuta '250, Massachusetts 185, Ohio 85, Michigan 83, Pennsylvania 63, Siid-Dacota 50, Wyoming 31, Wisconsin '23, Iowa '23, Indiana 21, Washington 22, Louisiana 22, Illinois lö, Maryland 18, Colorado I <>, Nebraska 15, Missouri II, andere Staaten '23, zusammen 333b. ן Diese Aufstellung ist jedoch, \lic bereits oben I bemerkt, recht unvollständig. In Wirklichkeit dürfte | die Zahl der jüdischen Lärmet familien nach Schatzungen des Vorstandes der Aid Society ungefähr I das doppelte der obigen Ziffer betragen. Berechnet mau nun die einzelne Familie zu ftml Köpfen, so würde sielt die Zahl der jüdischen Larmerbevölkerung in den Vereinigten Staaten auf etwa 30000 Seelen belaufen. ״AUS ALLER WELT kr GLOSseh ־\a ״Tempora mutanttir". ״Wir Zionisten gelten unseren Weg weiter, ungebeugt, unverdrossen, unter Spott und Anfeindungen über Intrigen und ■Gemeinheiten hinweg, bis mau uns verstellt. Alter wenn 1ms Krämer, Eigensüchtige und niedere Leute m.i’vcistelten, die Liebhaber der schönen und grollen Ideen sollten uns ihre Sympathien schenken. Das ist doch nichts Geringe•«: die Renaissance eines 1111■ giiickl.eheit, verlorenen Volkes. Ein Leroy- B e a u I i e u der Zukunft wird vielleicht unsere Be• wegung ob sie gesiegt haben oder unterlegen sein wird mit Wohlwollen schildern." - 11!1 wiilkttrlicli fallen einem diese feinen Worte llcr/ls ein, wenn man an den letzten So m hart• Vortrag /tinickdenkt. Es scheint fast, als oh hier, wie auch in anderem, was unser Meister in prophetiselter Voratisahmmg nicderschrieb, sieh erfülle. Ein I lermann llahr, ein Werner So in hart» Liebhaber mul warme Vorkämpfer schöner und grollcr Ideen, schenken uns ihre Sympathien, ungeachtet der Anfeindungen, jleneit sie sich atissetzen. Und dabei werden sie es ist schmerzlich, dies immer sagen zu müssen mir von Juden deswegen angegriffen. Die Schliilibcmerkung im Somhartschcii Vortrage über die Haltung der jitdenliberalen Presse erinnert uns an eine andere Stelle in der klassischen Polemik Ller/Is gegen Leroy-Beauliett. Bekanntlich bandelte es sieb um einen Vortrag, den der berühmte Aka• demiker in einem antisemitischen Verein in Paris hielt. Auch damals schwiegen die grollen Blatter die Sache tot. Tlcrzl schrieb darüber: ״Man spricht be* kaitntlicli nicht gern von der Judenfrage; man glaubt noch immer, sic durch Schweigen totmaclicn zu körnten. Es ist etwas Unheimliches in solcher Ver• blcndtmg sonst kluger Leute. Es ist, wie wenn jemand au einem 011, wo nicht geraucht werden soll, die brennende Tabakpfeife in die Tasche steckte, Er kriegt ein Bramilocb in den Rock und wird nachher doch erwischt." Die Zeiten ändern sieh, Schmock aber bleibt sich gleich. KORRespoNDenzen Kl mir ^‘c zahlreichen mul ausgedehnten lNtVV lOrii Siedelungen jüdischer Landwirte in den Vereinigten Staaten von Nordamerika sind in Europa verhäitiusmälSig wenig bekannt. Eigentliche jüdische Ackerbau k o I o tt i e n , d. h. geschlossene Dorfsicdchiugcn, wie sie /. B. in Palästina, Südrull• lanu und Argentinien bestellen, gibt es in Nordamerika nur in kleiner Anzahl. Sie belmden sielt meist im Staate New Jersey, mul die bekanntesten unter ihnen sind die Kolomcu W 0 o d b i 11 e , A 111 a 11 e e , Ros en ha in und Karmel. Woodbine wurde im Jahre ISbl gegründet, schwang sich rasch zu an• sehnlichem Wohlstand empor und macht heute den Eindruck eines kleinen, freundlichen Laudslädtehetis, etwa wie P e t h a c h T i k w a h oder R i s e h o 11 Lczion in Palästina. Alliance, Rosenhain und Karmel existieren schon seit dem Anfang der acht• ziger Jahre und haben sich ebenfalls soltr gut ent- Engl and Nach dem Beispiel der Vereinigten Staaten macht sich auch in England eine starke Agitation gegen die Haitimg Rulllands in der Pal'frage bemerkbar. Man glaubt nämlich, dall es bei den gegenwärtigen guten Beziehungen zwischen England und Rullland leicht sein miiltte, diese Frage zu regeln und den Vertrag, der ebenso beschämend für die Engländer, wie für die englischen Juden ist, zu modifizieren. Schritte, die das Lurcign Office in dieser Hinsicht im Jahre 1880 tat, ballen allerdings nicht den geringsten Erfolg. Der bekannte Zionist M. Joseph Corcu fordert in einem offenen Brief, der die Runde durch die Presse macht, die Regierung auf, von nettem diesbezügliche Verhandlungen in Petersburg ein/uleiten, A meri/fa Die Besprechungen zwischen Washington und Petersburg bezüglich der Paüfrage haben begonnen. Wie Präsident Taft in ׳seiner Botschaft vom 7. Dezemher dem Kongrclt mitteilt, darf man hoffen, dall der Vertrag von 1832 eine Auslegung erhält, die den Interessen Amerikas lind seiner jüdischen Bürger ent• spricht. Jedenfalls habe man so׳ grolle Fortschritte er/ieit, dall die Lortsetzimg der Konferenzen durchaus gerechtfertigt ist. Man dürfe sieh daher der Er• Wartung hingehen, dall Beschwerden über Vertrags• vcrict/tiiigen durch Rulllaud fürderhin aufhoren wer• den. 'Trotzdem ist die Stimmung der öffentlichen Mei• uuiig, besonders in New York, noch immer sehr wenig russenireundiieh. Als im Hippodromsaal eine russische Kapelle die russische Nationalhymne zu spielen wagte, machte sielt der allgemeine Unwillen der zahlreichen Zuhürcrschalt in heftigen Protestrufen, sowie Pfeifen in1״ Lachen geltend. Die Mitglieder der russischen Botschaft und des russischen Konsulats, die dem Kon• zette he:wohnten, mulStcu den Saal verlassen. Die Erregung legte sich erst, als der Kapellmeister das S|üci unterbrach. Si'tdwvs'f- A frika l.w den Mehlungen über den Antisemitismus in Poutsch-Südwest sehreiht man uns: Es gibt 300 jüdische Ansiedler in südafrikanischen Besitzungen Deutschlands, und zwar leben davon 60 in Swa• kopmnnd, ebensoviel in Lüdcrit/huclit, der Rest ver• teilt sich ׳!her die anderen Städte des Landes. Die meisten stammen aus Rulllaud und Polen. Die erste jüdische Gemeinde in Dcutsch-Südwcstafrika wurde im Jahre 1005 gegründet. Mexiko Nach Mexiko kommen jedes Jahr etwa 400 Juden aus Alrilm mul Südamerika, um dort Geschäfte zu machen oder Arbeit zu suchen. Sic kehren nach Hause zurück, wenn sie einen kleinen Verdienst ge• sammelt haben. Nur sehr selten bringen sie ihre Familien mit sielt. Einige von ihnen haben sielt in• dessen in der Stadt Mexiko niedergelassen, wo sie eine Gemeinde bilden,' die ihre eigene Synagoge, ihren Rabbiner, ihren Schoeltet und anderes mehr besitzt.