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Jüdische Rundschau · 1911-12-15 · Heft 50 (15.12.1911) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 50 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 592 Nr. 50 ihre Rutil•׳ und Objektivität und erzeugte Gerichts* irrtiimer und Massaaes ... Oft genug wurde nachträglich die Wahrheit, wenn auch all/11 spät, aufgchelU. Die vernünftigeren und gerechteren Menschen wurden dann von Unwillen und Scham ergriffen. Viele Päpste, hervorragende Geistliche und Staatsmänner haben den bösen Aber• glauben gebrandniarkt und ein für allemal es den. Hchürdcu verbaten, hei den Untersuchungen von Mordtaten konfessionelle Tendenzen zur Geltung zu bringen. In Rulllund wurde ein solcher Ukas vom Kaiser Alexander 1. am (». März. 1817 veröffentlicht und unter der Herrschaft Niko'mis' I. am 18. Januar 1835 wiederholt. 1111 Jahre 1817 hat der griechische Pitriarch Gregor ebenfalls die Legende vom Ge* brauch christlichen Hintes durch Juden verdammt; er nannte sie ״ein ahseheuerregendes Vorurteil, dem nur uichtglauhenfcste Menschen huldigen können," Die Uknse vermodern aber in den Archiven, während der Aberglaube lebendig ist. Und so sind wir wiederum Zeugen der Erscheinung, dall die alte Lüge seihst von der Tribüne der Reichsdtuna verbreitet wird. Gcwill! Heutzutage wagen sie es nicht, diese Beschuldigungen gegen alle Anhänger des mosaisehen Gesetzes zu erheben, und berufen sieh dazu auf irgendeine phantastische Sekte. Dies hindert sie jedoch nicht, dall ganze Judentum mit Gewaltig* keiten und Pogromen zu bedrohen. . . Das Kreuz, ist für sic nicht das Symbol der Liebe und des Friedens. Sic; möchten es •in ein Banner der Gewalt und des Mordes verwandeln. In allen ihren Pogrniudrnlmngcu kommen jene alten /ornesausbriiehe ganz und gar zum Ausdruck, die einstmals die finsteren Heidenmengeii zu ihren Ueberfällen auf die ersten Hekenner der christlichen Lehre brachten, und sie erinnern lebhaft an das Märchen vom Gebrauch des Kimlesblutes, welches neuerdings *chinesische Priester gegen die Missionäre aufgebracht haben, und dall in China Hunderten von Christen, Chinesen wie Europäern, das Leben gekostet hat. Immer waren es die niedrigsten und verbrecherischsten Leidenschaften, welche infolge sol* eher Legenden zutage getreten sind; dabei wurde die Menge geblendet und irrege führt, die Rechtsprechung aber verzerrt. Stets haben gegen diese Legende die Liebe mul die Wahrheit augekämpft. Nicht allein an den rümi* sehen Senat waren die Worte des christlichen Ge• lehrten,, des Märtyrers Justin, gerichtet, der seinerzeit den Abergläubischen ztirief: ״Schämt euch, schämt euch, ein solches Verbrechen Menschen, die daran unbeteiligt sind, au/uhüugen. Lallt doch davon ab! Nehmt doch Vernunft an!“ Wir Untcr/eicliner dieser Erklärung, Vertreter der ' russischen Literatur, der Wissenschaft und der Kunst, die wir wahrlich unsere Kinder nicht weniger als die anderen lieben, aber solche sinnlose Märchen zurück• ’ weisen, '* wir schnellen unsere Stimmen der Stimme des christlichen Lehrers an, der aus der Tiefe der Jahrhunderte die Menschheit zur Liebe und zur Ver* nunft gemahnt hat. Fürchtet jene, die Lüge säen, traut nicht der düsteren Unwahrheit, die bereits vielmals mit Hlul gerötet wurde, den Tod gebracht, die anderen aber mit Sünde mul Schande bedeckt hat. Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge hast du deinen Ruhm gegründet ״Das Jahrhundert des Kindes" hat man das gegenwärtige mit Nachdruck genannt, und man hat damit das Hckeimtnis abgelegt, dall in 1111• serem Jahrhundert die Forderung nach gesteigerter Pflege und Förderung der jungen Menschen, der zukünftigen Generation nicht mein׳ allein von einigen wenigen Pädagogen oder Sozialisten aufgestellt wird, sondern dall die Erkenntnis dieser Notwendigkeit heute die iideltekUiellen Kreise beherrscht und ihrer Arbeit die Richtung gegeben hat. Künstler, Gelehrte, Schriftsteller, sozial gesinnte Männer und Frauen, sie alle stellen ihre Kraft in den Dienst des Kindes um) leisten neben praktischer Arbeit Werbe* und Aufklärungstätigkeit in den breitesten Schichten des Volkes. Wie könnten wir in einer solchen Zeit den Ruf!!»gehört verhallen lassen, der aus Pa I ä s t i 11 a , dem Lande, das uns durch Geschichte und Tradition ge* heiligt ist, aus Kindermund an unser Ohr schlägt. Wie könnten wir achtlos an ihnen voriibergehen, die so dringend unserer•■ bedürfen und iiicmamleii haben, der sich ihrer annimmt, .wenn nicht w i r es tun. Palästina beherbergt zurzeit etwa 100 01)0 jüdische Einwohner, die zum grollen Teil in tiefster Armut leben. Als Rußland unsere inillhaiidehcn Glaubeusgc* missen von Hans und Herd verjagte, da wurde das Heilige Land ihnen zur Zufluchtsstätte. Aber arm und mittellos kamen sic dort an, und von neuem galt es, sieb eine Existenz zi! schaffen. Dank ihrem Flcißc und der Unterstützung kolo• nisatorisehcr ■Institutionen ist es bereits einem grö* Heren Teil der palästinensischen Juilcuhcit gelungen, sich durch ihrer Hände Arbeit 'zu ernähren, so dall sie nicht mehr auf die mildtätigen Gaben äuge* wiesen sind, Acußerst traurig ober steht es noch' mit . jeg* liehe* Art von . . JUED ISCHE RUNDSCHAU s a 11 i t ä reu II i 11 r i c 1111111 g c 11 und d er F ü r* sorgi׳ für die K i 1111 e r. Jaffa z. II., eine Sl.nlt von über 10 01)0 jüdischen Einwohner», besitzt ein kleines Krankenhaus, das auch den im Distrikt liegenden Kolonien mit ihren ca. 5000 Cimvnliiufii dienen 11111I1 und infolge seiner spärlichen Mittel mir fiir die Aufnahme von zwei kranken Kindern Raum bietet. Hebe!• diese Zahl liinaiisgelicmle kranke Kinder müssen in Hclnusiiii* gen, die, hcMimlcrs hei den yeiiienitiselien Juden, kaum als inensebenwiiidig bezeichnet werden könne», unter der Pflege von Frauen verbleiben, die viel* fach selbst von (len primitivsten sanitären Auforde* rmigen keine Kenntnis haben. Das Schlimmste aber ist, daß das ganze Jaffaer Krankenhaus nur während einer Dauer von siebet! Monaten im Jahr geöffnet ist und während der übrige» Monate infolge M a 11 g e I s an Mitteln g e s c h I u s s e u b I e i * b e 11 m u II! In dieser Zeit Erkrankte müssen alsdann die fast vier Stunden lange Bahnfahrt nach Jerusalem zurück* legen oder zumeist gar eine ganze Nacht hindurch :1111 holpriger l.andstralle mit schlechtem Wagen nach Jerusalem fahren, weil dies um einige Groschen bil* liger ist als die Halm. Was (las für ein schwer* krankes Kind bedeutet, ist leicht zu ermessen. Aber wieviele Kolonien gibt es, die überhaupt weder ein Hospital, noch einen Arzt oder eine Kr,airkcuscliwester in erreichbarer Nähe haben. Krankheiten, die in besonders großem Umfange inner den palästinensischen Juden auftrclen, sind vor aileu Dingen die Augenkraukbeiten, sodann die Ma* ta:in, und - speziell unter den armen yemenitische» Juden - die Tuberkulose. Aus dem Bedürfnis 11ml dem tiefen Wunsche heraus, hier helfend eiuzugreifeu, ist von inter* essierien Kreisen die Gründung eines Vereins für jüdische Säuglings* und K i n d e r f ü rsor g e in Palästina beschlossen worden. Der Verein beabsichtigt seine Täiigkeit im Anschluß an die vor kurzem gegründete ״Gesellschaft jüdischer Aerzte und Naturwissenschaftler für medizinisch־ biologische Interessen in Palästina“ zu entfalten. Es ist zunächst folgende Tätigkeit in Aussicht genommen: 1. Aufklärung über rationelle Säuglings* und Kinderpflege durch Wort und Schrift. 2, Die Unterhaltung eines größeren Kindersnalcs m. Jaffaer Krankenhaus. J. Die Errichtung von Harncken für Kindcrkrauk• beiten ansteckender Art. I. Die Einrichtung von Säiigliugs-Milchküchcn und Krippet!. 5. Die Anstellung von Krankenschwestern und Gemeindeschwester» für Kinderpflege. Hcsouderc Aufmerksamkeit soll der Säuglingsfür* singe /»gewendet werden, für die Herr Dr. Mein*;1111, Kinderarzt in Konstanz am llodcnsee, uns manchvriei schätzenswerte Anregungen gegeben hat. Auch das von Flau Meyer*Llibkc, Jerusalem, als dringend benötigt geschilderte Seehospiz für k ra 11 k e K i 11 d e r hofft der Verein ins Leben rufen zu können, wenn die Spcmlcufrcmligkcit derjenigen, die uns in unserem Wirken unterstützen, 1ms zu den nötigen Mitteln verhilfl. Groll sind allerdings die Mittel, derer wir zu einer segensreichen Arbeit bedürfen, und mit herz* lieber Dankbarkeit werden wir jede Spende begrüßen. Der Kinder wollen wir uns annclmien’, damit aus ihnen eine an fielst und Körper gesunde, Schaffens• Ireudige Generation von Juden im Heiligen Lande heranwaehsen möge. Mitglied des Vereins kann jeder durch Zahlung des Milidestbcilragcs von ft M, jährlich (auch monat* lieb, vierteljährlich oder halbjährlich zahlbar) werden. Heitrillserkliiruiigcu siml zu richten an Friinlein Sara Kassriel, Berlin W., Heilbrunner Straße 10. Spenden für den Verein werden mit freundlicher Erlaubnis der Geber ui der ״Jüdische« Humlselum" und in der ״Welt'* ausgesviesen werden. Helfet uns alle, damit unser schönes Werk ge* lingcn möge. Verein für jüdische Säuglings- und K i » d er f ii rsorg c in Palästina. Höchste Zelt’ ist es jetzt für Sie, Ihr Abonnement auf die ״Jüdische Rundschau“ zu erneuern'. Hcdiencn Sie sich des beiliegenden Poslschockformulars zur Ein- Sendung des Betrages von Mk. 1,50 für das I, Quartal 1912. Stettiner Brief Die Versammlung der Stettiner Zionistischen Vereinigung, in der am Sonnabend Herr Rechts* an wall Di. Klee ans Herlin über das Thema: ״Der M e 11 e r 11 i c h * P r o z e II und seine Lehren f ii r d a s d e 111 s e he J11 d e n I 11 in“ sprach, war wieder einmal eine größere zionistische Versammlung, wie wir sic in Stettin nur in der Anfangszeit des Zionismus erlebt haben; nur selten waren in unseren Vcrsainiiilinigcii über limitiert Personen, meist nur 50 100 anwesend, diesmal über 100. Der bekannte Name des Redners, den noch alle Stettiner Juden von früher her in bester Erinnerung hatten, hatte das Unerwartete zum Ereignis gemacht. Und doch war ein Unterschied gegen früher; eine Diskussion fand nicht statt. Die bekannten Gegner waren samt,ich ferngehlieben und batten nur ihre Frauen hiugescldeki, um zu hören, was los war; sie wollten sich gegen• über der Gemeinde nicht dem Vorwurf missct/cn, wieder gegen das Phantom des Zionismus ru Felde gezogen zu sein; sie erinnerten sich wohl tlu Diskussionen von früher darum blieben sie fori, um schweigen zu können; auch der Rabbiner war nicht erschienen. Der Referent schilderte in nach Inhalt und Form vollendeter Weise das Milieu des Prozesses, wies darauf hin, daß die Entwicklung des Herliner Juden• timis, weil es fast ein Driltel der gesamten jüdischen Hcvölkernng Deutschlands atismachc, die Entwick• hing, des Gesauitjudcutimis mitbestimme, denn noch immer, ja in verstärktem Malle als früher, führe der Weg von dein kleinen Provin/städklien über die Proviuzliaiiplstadt nach Berlin;' liier habe, sieh das Judentum durch barte Arbeit wirtschaftlich empor• ,gearbeitet; in Herlin führe der Weg von derWallner• tlieatcrstrnße über das Hansaviertel nach dem Kur• fiirstemlamm und während die erste Generation mich gut jüdisch sei, habe die zweite Generation das Juden* tum innerlich mehr und mehr aufgegeben und bewahre nur noch aus Pietät manches Jüdische; vor dieser Pietät aber, die bewußt alles Jüdische als etwas Ucbcriebtes ansehe, könne es keine Pietät mehr geben, daher sei die dritte und vierte Generation, die als jeunesse tlorc auch wirtschaftlich keine Sorgen mehr kenne, jüdisch völlig entwurzelt; ob sie sieh taufen lasse oder nicht sei eine Frage, die für sie an Heden• tung kaum der Frage nach der letzten ITackumik• glcichkomme; sie habe mir noch den Wunsch, sich außerhalb des Judentums zu betätigen, lieber /ihn• tausend jüdische Kinder Herlins lernen kein Hebräisch, überhaupt entbehre die Kindcrvr/.iehung alles )11• dischen; ohne fest in den Anschauungen des Juden• (ums zu wurzeln, suche sich die jüdische Jugend die. Kultur Europas zu eigen zu machen! die alhn'-äahc Philosophie, der Monismus, werde ihr gefährlich, 1111 ׳• mehr, da sic ja höre, daß das Jmlentu 1 <:.<.׳ eine Religion sei; auch der jüdische Liheralis״m\ der zur Radikalrefoi'in dringe, führe ans dem Jmlcnüim her• aus. Dies alles zeige, wohin der Weg gehe; und wenn man auch nicht sagen könne, daß das Milieu des Prozesses für das Herliner Judentum typisch sei, so dürfe man doch vor der Entwicklungstendenz dem Absterben alles Jüdischen die Augen nicht verschließen, Dem Ahstcrhcn sei ein Wiederhelehen entgegen/u• setzen, ein Teehiaßdiamcillim, wie es der zionistisch״ Wille zum Judentum bedeute. Der Zionismus sei nicht nur die Lösung der Judeimo! im Osten Europas, sor* der» auch die Lösung unserer Judenuot; er befähige uns, die Synthese zwischen Judentum mul moderner Kultur zu schaffen, daß wir mehl Gefahr laufen, mi'•(r Judentum zu verlieren, wenn wir uns au der Weil״!• entwieklung der Kultur unserer Zeit lebhaft beteiligen. Wir achteten und unterstützte» aufs eifrigste auch die dringend nötige Arbeit derjenigen, die für uns Juden die volle Gleichberechtigung in I)eutscl1land er• kämpfen wollen; es sei uns aber unverständlich, wie Leute, die als Milglieder des Verbandes der Deutschen Juden und des Zcutralvcrcins in großen Versumi!• Umgen die JuüenV.mfcn bekämpften, bei den 1’* ich י• tagswalilen fiir getaufte Kandidaten eiutreten könnten•, in Stettin dürfe daher kein auf sein Judentum stolz(( , Jude den getauften Kandidaten Justizrat Lippmaim wählen. Das Eintreten fiir diesen sogar von Leuten, die sich sonst als bewußte Juden hc/ciclinctcu, zeige wie sehr in der Diaspora das Judentum gefährde; sei; eine Erslarkung des Judentums sei lel/lliin nur in einem jüdischen CeMrutii in Palästina möglich, aber nur in einem Zentrum von Fleisch und Hlul, einem politischen Zentrum, wie es Theodor Herz! gewollt ,habe. Das Interesse ist wieder geweckt, wir werden im Januar eine /weile grolle Versammlung statt finden lassen; durch den Verkauf von ca. 70 Broschüren, den unsere jüngsten Gesinnungsgenossen mit Eifer be* (rieben, ist wold aueb etwas von unserem Geist in die Menge gedrungen. Dem Redner danken wir für seinen Vortrag und seine Anregungen aufs herzlichste', als ein kleines Zeichen unseres Dankes stifteten wir ihm 1־ Ovlbämiie. Vor dem Referenten sprach noch Herr Referendar

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