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Jüdische Rundschau · 1911-12-15 · Heft 50 (15.12.1911) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 50 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 50 Seite 50! jum!sein: .־inir) u Leben anlangt, so nehmen in ilnn die Juden, wie ich früher dargetan habe, eine überragende Stellung ein. Dali sie sich liier etwa in einer für die Gesamt, heit empfindlichen Weise weiter entwickeln, ist nicht an/unclinicn. Mit der Biiieaukratisieruiig der Grollbetriebe verschwindet der jüdische Einfluß mehr mul mehr. In der /ןeistige» Sphäre aber tlenke ich mir ein Zusammenwirken der beiden, wieder zu ihrer vollen Emenart entwickelten Bevölkerimgsgrnppeu aullerordentlich reizvoll, und wenn die jüdische Eigenart wieder richtig erkannt werden wird, wird sie auch wieder höher bewertet werden. Warum sollten die in Deutschland lebenden Juden nicht ihren vollen Anteil an der deutschen Kultur nehmen und zudem noch das Bewußtsein haben, einer eigenen jüdischen Kultursphiire anzugehören? Nun aber drittens die Stellung der Juden im Staatsleben! Mau millt - mir unbegreiflicherweise in jüdischen Kreisen sowohl wie in nichtjüdischen antisemitische Motive bei Offen gesagt, ich verstehe das nicht. Os versteht sieh ja von selber, dall ein national empfindender Jude ein begeisterter Deutscher oder Franzose sein kann. Das Be k e n n t U i s zu einer N a t i o n a I i t ii t schließt nicht die Treue g c g c 11 ii b e r dem Lunde, in dem ma 11 lebt ti 1td gege 11 dessen Bürgerpflichten aus. Die Schweizer ־»nil Deutsche, Franzosen und Italiener als Kulturiitenschen, aber doch sind sie alle begeisterte Schweizer. Freilich sind wir in Deutschland nicht gerade auf dem Wege zu diesem idealen Zustande, aber das beweist nichts. Os beweist mir, daß eben eine gewisse Staatskunst dazu gehört, verschiedene Nationalitäten zu einem einheitlichen Staate zusammen• zuhalten; was freilich schwerer ist als das Regieren mit unserer gleiclimadiemlen, nivellierenden Tendenz. Ich verstehe nicht, weshalb in der Judenheil der Frage der Erlangung von Staatsstellungen eine so grolle Bedeutung beigelegt wird, weshalb es als eine so wichtige Sache betrachtet wird, in sämtliche Stellun• gen, die der Staat zu vergeben hat, hiiichiziikoiiimcii. Ich k a 1111 mir nicht v o r s t e II c 11, w i e ei n Jude, der s i c 11 vom Judentum I o s s a g t, um sich oder seine Kin dcr i n eine Staats- Stellung 11 i n e i 11 z u b r i ח g e 11, auch nur noch eine ruhige Stunde in seine m Leben haben kann. Was gibt der Jude denn wirklich an Werten auf, der, weil er Jude bleibt, nicht in alte Stellungen hincinkomuit, nicht ordernlieber Professor und nicht Gardeleutnant wird? Nun sagen die Juden: ״Wir wollen ja gar nicht Gardeleutnant.s werden, weil uns das 80 besonders re 17* voll erscheint, sondern, weil es die Gerechtigkeit verlangt, daß wir es werden können.“ Die Ciereeliiigkeit? Ja, was beißt denn Gerechtigkeit im Staatsleben! Ist das Paritätsprinzip, die prozentuale Beteiligung der Religionen mul ,Nationen in den verschicdenen Staatsstellungen, ist das Gerechtigkeit? Zweifellos ist das eine A r t von Gerechtigkeit, und Sie können höchstens dagegen einweiiden, dal! es nicht Ihre Auffassung von Gerechtgkeit ist. Es könnte ja auch jemand sagen: Oie Jmlep ‘ haben das Geld, nun wollen wir den anderen die Stellungen geben! Da werden Sie mir einweiiden, die Stellung soll dem Tüchtigsten gegeben werden! 'Aber wer ist denn der Tüchtigste? Und wer soll entscheide», wer der Tiielitigstc ist? Welche Auffassung soll hier maßgebend sein? Ist derjenige der TiichtigMe, der den Erfolg hat? Ich will hiermit nur andeuten, daß das gesamte Gcrcclitigkeitsprinzip nicht so ganz -feststeht, wie man gemeinhin annimmt. Meine persönliche Meinung in dieser Frage ist: Es gibt Verhältnisse im Leben, die sieb durch eine formalreclitlielie liegeluug nicht bestimmen lassen. Dazu gehört die Jmk-ntrage, dazu gehört z. B. auch die Frage der Ehe! Ich denke mir die Sache für die Zukunft folgendermaßen: Dj e S t a a t c n werden den J u d e 11 d i c volle Gleichberechtigung g c b e u , u n d d i e Juden werden die Klugheit und d e 11 Takt besitzen, sie nicht in vollem Umf a ״ g e a u s z 11 nutz e 11! Takt gehört zur Regelung dieser Frage, mit formaler Rechtlichkeit kommen wir »mb! überal! aus. Nun bat man mir von jüdischer und christlicher Seite gesagt: wozu beschäftigst du dich mit dieser heikeleii Frage. Laß’ das doch die Juden unter sich ausinaehcn! Und S'e haben ja auch gesehen, wieviel liberale große Blätter über meinen letzten Vortrag nicht berichtet haben, und werden morgen sehen, in wieviele» Blättern Sie über den Iretiligen Vortrag kein Wort finden werden, ln {gewissen jiidiselten Kreisen scheint beute die Ansicht zti herrschen: ״Ueber ,Thema‘ darf nicht gesprochen werden!“ Dieser Standpunkt ist mir einfach unverständlich. , Wenn diese Kreise Recht hätten mit ihrer Meinung, dall alle Narren sind, die von einer jüdischen Renaissance sprechen, warum schweigen sie denn alles tot, was inan über dieses Problem sagt? Darin drückt sich doch lediglich die Ueberzeiigung aus, daß es eben nicht 80 ist, sondern daß hier etwas Großes im Werden begriffen ist, und die Furcht, daß der Standpunkt, den man vertritt, dadurch erschüttert werden konnte. Wenn in jenen Kreisen auch nur noch ein Funke von‘dem lebend!■;־ v .'..c, v.׳.:s 1״ m früher übe* ralismtis iiatinle, so :.!!Hie in,!11 <1011 Mut haben, sieh über diese Dinge freim-.'.::;: .־iii'./iispreclu■». Jedes Totschweigen ist doch in!!׳ eis; faule.• Friede, der lediglieh die Gegensätze verschärft. Und was um ich' mich mil dein Judciiprohlcin heschäbige, 41.1r.1trf ist die Antwort: weil in dieser Frage, was mit den Jüdin werde» :,oll, die Frage der Kultur ii her Ira 11 p t verborgen liegt. Ich sehe mir zwei grolle Probleme, die den Gang der Kultur entscheidend beeinflussen: die Technik und die Juden. Die Technik gellt ihren Weg uubeküimnert 11ml tmbeirrl durch alle Hemmnisse, die man ihr etwa bereiten möchte, in der Frage der Zukunft der Juden aber gibt es noch eine Möglichkeit -- den Gang der Kultur entscheidend zu beeinflussen. An unsere Leser! Am I. Januar 1012 beginnt die ,,Jüdische Rundschau“ ihre.» XVII Jahrgang. Da seien unsere alten Freunde mul ständigen Leser zunächst einmal an die Erneuerung ihres eigenen A b o » 11 e m e 111 s erinnert. Zu ihrer Bapiemlichkeit haben wir der heutigen Gesamtauflage Postsclteclxfomiulare beilegen lassen. Die Erhöhung des rf Abounemeiitspreises ל -י Ca auf die wir inner dem Zwange der wirtschaftlichen Ent* Wicklung der letzten Jahre und besonders infolge der Erb ö 11 u n g d e s d e n,t sehe n II u e h d r u c k e r tarifs in unserer letzten Nummer hekaiiutgcgeben haben, wird gewiß allgemein als eine unimigiingliche Maßnahme gewürdigt werden, zumal wir den billigen Preis von?* ״ ויד׳, ו im Vereinsbezug in Kraft ließen. Nur so ist es uns möglich, auch im neuen Jahre die ständige Ausgcstallimg unseres Blaties forl/uführcn, die sie immer mehr zu der reichhaltigsten und niallgebemlen jüdisclien Zeitung Deutschlands werden läßt. Am Jahresbeginn werden wir, alter Gewohnheit folgend, wieder einmal i n e i g e ncr S a c 11 e zu unseren Lesern reden und die Richtlinien unserer Arbeit . die sieh im Grumte doch immer gleichbleiben ־ noch einmal aufzeichnen. Für beute wollen wir nur sagen, dall wiederum eine ganze Reihe von Verbesserungen in der äußeren Form und im Inhalt unserer Zeitschrift geplant sind. Vor allem wird das Feuilleton weiter ausgestaltet werden und mit einigen weiteren Rubriken in einer besonderen Beilage vereinigt werden. Unser Nachrichtendienst wir« einen weiteren Ausbau erfahren, die He• bräische Bewegung sowohl wie die aufstrebcmle jüdische Turn- und Sportbewegung werden noch eingehender als bisher behandelt werden. Wir sind sicher, daß alle diese Neuerungen den Beifall unserer Leser finden werden und dall sie ihrerseits unsere Mühe durch eine recht eifrige Propaganda lohnen werden, für unsere ״Jüdische Runds c 11:111“ uml damit für das ״U a s I e r P r og r a m 11t“, das so viele Jahre hindurch die Stirnseite unseres Blattes geschmückt hat und ihm auf alle Zeit hinaus als oberster Leitsatz dienen wird. ’ Verlag und Redaktion ,Jüdische Rundschau“ Ein Appell der russischen Schriftsteller und Gelehrten gegen die Ritualmordhetze Die ״Russische Korrespondenz.‘‘ ühermitleU uns einen ihr ziigekonmieiien Appell, der von über 11 u 11 d e r t der » a tu 11 a f t e s t e u russischen Schriftsteller und Gelehrten, darunter Männern wie Gorki, Korolcuko, Andre* j e f f, K o w a I e w s k i, Ars e 11 j e f f, tmter/eiclmet ist. Dieser für die russische und westeuropäische ()Öffentlichkeit bestimmte Aufruf ist von doppelter Bedeutung. Erstens als Spiegel der Situation, in der sich die russischen Juden befinden. Die Kommission der Duma, die sieh mit der Interpellation wegen der Kiewer ״Ritualmordaffäre“ zu befassen halte, hat zwar de» Beschluß gefallt, dem russischen Pariament die Ablehnung der Interpellation vorzuschlagen. Die Pogromprediger in der Duma werden aber sicherlieh nochmals die Gelegenheit benutzen, um eine Uetze zu entfachen, wie sie in keinem Staate Europas mehr zulässig ist. Denn die Pogrompropaganda hat in den letzten Monaten in Rußland von neuem außerordcntüchc Dimensionen angenommen, und dus ganze Treiben nimmt immer wieder die Ritiialniordheschuldigimg aK Ausgangspunkt der jüngsten Ideologie., Pogromhroscliüreii und Pngroiiiproklainaljoiicii wer* den in naie-dcr Zeit in Zcluitaiiscudcu, ja Hunderttausenden v»יn Exemplaren über das Reich bis in seine entlegensten Winkel hinein verbreitet. Ans vorsdiicdeucii Orlen (so zuletzt aus Jekaterinoslaw) kommen Klagen darüber, dall die blutrünstigsten aiiliscmitiselien Machwerke den unwissendsten Volksschichten hauten weise /»gestellt werden. Eine einzige Zahl aus dieser Pngrompropngaiula: eine Pdgromproklamatiun von Piiriselikewilseli aus 41er jüngsten Zeit wurde vor kurzem in 000 000 Exciiiplaren verbreitet. Wolter diese schwarzen Horden die ungeheuren Summen erhalten, um ihre gefälirliehen Aktionen in so weitem Maße betreiben zu können, ist noch immer nicht ganz aufgeklärt. Daß ihnen aber enorme ״dunkle Geldsummen“, sei es seitens der Hofkamarilla, sei es seitens irgend welcher Reptilienfrimls, noch immer zur Verfügung stehen, hat erst die jüngste, teils handgreifliche Kontroverse zwischen Markow und Puriseiikewitseii einerseits, Nikolski und Dtihrowin anderseits zur Genüge erwiesen. Um so trauriger die Aussichten der russischen Juden! Es ist daher die höchste Zeit, daß sich endlich eine Anzahl führender russischer Personlieh keilen ziisaimueiigefmuleii hat, um der immer zimelmicmlen Ritiialmordlietzc ciitgegcn/utrctc» im.I gegen die Demoralisierung der Volksinnssen, wie sie iu den letzten Monaten mit imerhörter Intensität he• trieben wird, Protest zu erheben. Ein solcher Auf* ruf kann uns natürlich niemals ganz befriedigen. Schon das abstoßende Thema! Als Notwendigkeit jedoch in einer Zeit nimmer weichender Pogrompanik ist dieser Appell für die russischen Juden von hervorragender Bedeutung. Schon deshalb gehen wir den Appell vollinhaltlich wieder. An die russische Gesellschaft! Eine Abwehr der gegen die Juden erhobenen Blutbcscltuldigung Int Namen der Gerechtigkeit, der Vernunft und der Menschenliebe erheben wir unsere Stimme gegen dz» neuen Ausbruch des Fanatismus und der finsteren Lüge. Von altcrshcr zieht sieh ein Jahrhunderte alter Kampf der Menschlichkeit, die zur Freiheit. Gleichhercehtigimg und Brüderlichkeit der Menschen ruft, gegen die Predigt der Knechtschaft, des Hasses und der Absonderung hin. Wie es immer der Fall war, sind cs auch diesmal dieselben Personen, die für die Rechtlosigkeit ihres eigenen Volkes cintrctcn, die zugleich am energischsten in ihm «len Geist des Gl.iiihensliasses und der Rasscnfeindschaft wacltzurufen bestrebt sind. Sic, die weder die Volksmcinung noch die Volksrechte achten, sie, die diese mit den grausamsten Mitte!» liiiteriLiickcii, sic schmeicheln auch den Volksvorurteilen, sie rufen den Aberglauben hervor und stacheln unausgesetzt zu Gewalttätigkeiten gegen alle Mitbürger fremden Stammes an. Anläßlich einer noch nicht erforschten Mordtat, die in Kiew an einem Knaben Justsehinsky begangen wurde, beeilen sich diese Menschen, in das Volk das Lügenmärchen vom Gebrauch christlichen Blutes hineinzuwerfen. Es ist ein alterprobtes Verfahren der Barbarei, In de» ersten Jahrhunderten nach Christi Gehurt bescliiihligte» die heidnischen Priester die Christen, daß sic angcb'icli zum Abendmahl das Blut und <1111־ Leih eines ermordeten heidnischen Kindes brauchten. Damals entstand die düstere und böse Legende. Das erste Blut, das auf Grund dieser Legende infolge tendenziöser Urteile römischer Richter uml unter den Stößen einer finsteren Heidenmenge vergossen wurde, - war das Blut von Christen. Und die ersten, die die Legende zurück weise 11 mußten, waren Väter und Lehrer der christlichen Kirche. ״Schämt euch schrieb der heilige Märtyrer Justin in seinem Anpell an den römischen Senat schämt, euch, solche Verbrechen unschuldigen Mensehen, die an ihnen unbeteiligt sind, anzuliängen. Laßt doch davon ah! ׳ Nehmt doch Vernunft an!“ ״Wo habt Ihr Irgendwelche Beweise?“ fragte voll Entrüstung Tortullian, ein anderer Kirchenlehrer. ״Es ist ein Gerücht . . . Aber die Eigentumlichkeiten eines Gerüchts sind allen bekannt. Ein Ge• nicht ist fast immer lügnerisch ... Es lebt mir von der Lüge . . .“ Jetzt ist die Lügenhaftigkeit des Gerüchts, welches gegen die ersten Christen eine so schwere Beselitildi• gimg enthielt, klar wie der Tag. Indes, erzeugt v•»»> Haß. nufeegriffeu von finsterer Unwissenheit, ist d e sinnlose Erdichtung nicht;insgestorhen. S׳c ist 11 •י Werkzeug des Hasses und der Entzweiung hie und da seihst innerhalb der Christen verblieben. Die größten Leiden iedoch hat dieses Lügen• gerächt dein unter den Völkern zerstreuten Stamm der Juden verursacht Die dadurch 'icrvorgcrufeuen Pogrome haben in der (lüstern Geschichte des Mittelalters blutige Spuren!unterlassen. Zu allen Zeiten hat es bin und wieder Mordtaten gegeben, deren Zwecke unverständlich waren und die Behörden in Verlegenheit brachten. An Orten mit dichter jüdischer Bevölkerung pflegte man alle derartigen Verbrechen sofort mit rituellem Blutgebrauch zu erklären. Der wacligerufene düstere Aberglaube wirkte dann auf die Bekundungen der Zeugen, nahm den Richter»

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