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Jüdische Rundschau · 1911-12-15 · Heft 50 (15.12.1911) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XVI (1911)
Issue
Heft 50 (15.12.1911)
Date
1911-12-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 500 j u 1• 1 יז s c ui! nsc I A U Nr. 50 Letzter Vortrag Professor Sombarts Das Forum vor dem Professor Soiiibarl seinen Vertrag über ״Judcnpolitik“ liiclu war etwa das gleiche Publikum das ihm wenige Wochen vor* her gelauscht hatte. Nur vielleicht .etwas zahlreicher und vielleicht auch in erregterer Erwartung der Dinge, diu da kommen sollten. Nach einem kurzen Resiimce des vornngcgaiigeneii Vortrages, in dem der bekannte Berliner National* Ökonom die gegenwärtige Lage der Juden sowie die Entwicklungstendenzen ihrer Situation aufgezeigt hatte, führte So in hart etwa folgendes aus: Den Tatsachen gegenüber, die ich im vorigen Vorträge festgestclll habe, gilt es nun heute person* lieh Stellung zu nehmen. Zunächst muß man aber doch diese Tatsachen bewerten, sic für gut oder schlecht erklären. In meinem Buche über ״Die Juden und das Wirtschaftsleben“ habe ich das absichtlich nicht getan, weil mit diesen Werturteilen die Grenzen der wissenschaftlichen Erkenntnis der Welt über* schritten werden. Aber selbstverständlich hat auch der Wissenschaftler das Recht, eine persönliche Welt* auffassung zu haben, subjektiv zu bewerten. Das ist zwar keine Wissenschaft, aber es ist die Festlegung einer persönlichen Beurteilung vorhandener Zustände. Die wissenschaftliche Erkenntnis gibt hier die Be* grenzung der Subjektivität. Man hat mich vielfach befragt, was ich persönlich zu den Juden fühle, ob ich sie liebe oder nicht. Darauf könnte ich antworten wie Friedrich der Grolle: ״Ja, ich liebe sie, doch seien sic jung, schön und weiblichen Geschlechtes.“ Was hier gemeint wird, ist also keine Beurteilung( sondern die Frage nach der geringeren oder gröberen Sympathie. Sympathie und Antipathie .aber verteile ich überhaupt nicht nach solchen Gesichtspunkten, wie Rassen, Nationen usw., sondern nach dem Mensch* tum des einzelnen. Für diese rein psychologische Wertung gilt nicht die vertikale, sondern die horizon* tale Einteilung der Menschheit. Mit einer solchen rein persönlichen Bewertung kann man aber naturgemäß keine Politik machen. Auch das politische persönliche Urteil muH an die Realien der Welt gebunden sein und alle Juden* Politik muli davon ausgehen, d a II die Juden unser Schicksal sind. Verhältnismäßig einfach scheint mir das Problem der östlichen Juden zu liegen. Dieser kompakte. Körper muß einfach, da in den östlichen Ländern, wie ich in meinem vorigen Vortrag auseinandergesetzt habe, keine Aussicht auf Besserung ihrer Lage ist, irgendwo in der Welt, wo er sich lebensfähig erhalten kann, untergebracht wer* den. Dem östlichen Juden gegenüber sehe ich also wesentlich die Notwendigkeit einer Versorgungs* oder Unterbringungspoütik. Man hat das auch seit Jahren versucht, und aus diesen Bemühungen heraus ist die große Bewegung entstanden, die unter dem Namen des Zionismus zusammengefaßt wird, der als sein Ziel erklärt: Die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Dieses Bestreben wurde in etwas andere Bahnen gelenkt durch den Ugaiulavorschlag, von dem in weiterer Folge die territorialistische Bewegung ausging, für die Juden irgendwo auf der Welt, auch außerhalb Palästinas, ein Land zu suchen. Die Unterbringimgsfragc ist also auch liier das haupsäclilichste Ziel. Ich kann nur sagen, ich möchte, daß die Zionisten mit ihrer An* sicht, daß Palästina das richtige Territorium sei, Recht ' behalten. Aus eigener Anschauung kann ich leider über die besondere Eignung diese« Landes nicht bc* richten, aber cs ist zweifellos, daß hier schon seit mehr als 30 Jahren eine Kolonisation von Juden betrieben wird und daß hier tatsächlich schon Er* folge mit jüdischen Ansiedlungen erzielt worden sind. Ziffernmäßig — im Verhältnis zur gesamten Judenheit, die hier in Frage kommt — sind die Erfolge freilich noch gering. ,Immerhin beträgt die Zahl der paliistinen sischeu Juden gegenüber 31 UDO im Jahre 1878 und 55 000 im Jahre 1807 (im Entstehungsjahr der zio nlstischcn Bewegung) heute, (d. h. nach der Statistik von 1909) 95 000. Davon leben in «len Kolonien 7250. Die Ziffern erscheinen gewiß einstweilen klein, aber — das sagen die Zionisten ״ sie könnten sehr be triichtlich gesteigert werden, wenn die Propaganda intensiver einsetz.te und wenn •die Nachbarländer Pa lästinas (Syrien, Cyperu, Mesopotamien) miteinbe % zogen würden. Ich kann mir denken, daß die Schaf* fung einer solchen jüdischen Siedlung im vordere» Orient für die Kolonisierung Asiens von größter Be dcutung werden könnte, und deshalb möchte ich in den zkinistisclum Bestrebungen einstweilen die g'ück liebste Lösung des östlichen Judcnproblcms sehen. Es stellen sieh hier nun zwei Parteien gegenüber, eine, die letzte Ziele im Auge hat und eine, die auf Gegen* wartsarbeit hinziett. Ich würde cs für segensreich für das Judentum halten, wenn die reale Richtung immer mehr die Oberhand gewänne, und daß das Schifflcln dieser Bewegung nicht mit allzuviel Ballast ökonomischer Uto plcn belastet werden möchte. Experimente 1״ uh ic?mzr!:cn Wir machen 1111.,m* Leser darauf aiifinerk•« sim, daß die vorücgvmle Nummer durch ihren reichhaltigen Inhalt sowohl, wie durch das Dalum ihres Erscheinens von» Quaitalsschluß zu Prop.?.p besonders geeignet erscheint. Gegen Einsendung' von 10 Pf in E versenden wir dieselbe auf Wunsch an jede auf* gegebene Adresse. Größere Posten gelve!) wir zum Selbst• koste 11p reis ab,. Die zionistischen Ortsgruppen und Vereine seien auf diese schöne Pro* pagaiulamöglichkeit besonders verwiesen. Verlag der ,JvÄbzlzoit Etiilüscliau“. Berlin W 15, Sächsische Str. 8. t ן»«ז**ין י מלז־ 2.!!1ב^ tili P‘1"1 mit neuen Formen wirtschaftlicher Gestaltung unter* nehmen ist ja ein sehr hohes Ziel. Aber die Be* lastung einer so schwierigen und problematischen Aufgäbe wird noch unendlich viel komplizierter, wenn sie sieh mit noch nicht au :;gegorenen Formen be* lädt. Man sollte nicht /.»gleich die jüdische und die soziale Frage lösen wollen. Nun aber fängt das Problem der Judcnpolitik erst da recht an, wo es übergreift auf die west* liehen Juden, wo sich die Linie des Zionismus schneidet mit der Entwicklungslinie der Juden West* curopas. Jedenfalls ist ja die Lage der westlichen Juden so, daß sie sich nicht gerade in einer Notlage be finden, jedenfalls nicht so, daß sie ihr Land ver* lassen inülile». Materiell können sich wohl die allermeisten Juden des Westens in ihrer Lage ver■ hältnismäßig wohl fühlen. Ihr Problem kann also im wesentlichen nur ein ideelles sein. Es ist hier nicht mehr von der ökonomischen, sondern von der geistigen und moralischen Lage die Rede. Was ist hier mm in Frage? Es ist die Frage: Sollen und wollen die westeuropäischen Juden als ihr Ziel an sehen ein Verschwinden ihrer Eigenheit im Auf• gehen in den sie umgebenden Völkern oder sollen sie ihre jüdische Eigenart als solche erhalten, ob wohl sie in diesen Ländern bleiben? Die Frage spitzt sich also zu auf das Problem: Artcrhaltung oder Artvernielilungl Diesem Problem gegenüber müssen wir Stellung nehmen, indem wir ein Werturteil darüber fällen, was das Wertvollere, das Erstrebenswertere sei, und da lautet meine Entscheidung: das Wert■ vollere ist die Arterhaltung. Jede Arterhaltung ist in unserer Lage ein erstrebenswertes Ziel, damit es nicht arm werde in unserer Welt. Der Tiergarten de« Herrn kann gar nicht reich genug besetzt sein. Wir sind gegenwärtig in einer Tendenz, die eine geradezu schauerliche Perspektive eröffnet, daß wir nämlich nur einen einzigen Typ iu der Zukunft haben werden — den America-man. Wenn das erst der Fall sein wird, wenn tatsächlich erst das R״ast*l>eef garni von St. Petersburg bis New York überall dasselbe sein wird, dann — ade Mensch heit! Schon bei dieser rein quantitativen Wertung sollten die Juden alles tun, was sie können, um sich in ihrer Eigenart zu erhalten. . Dazu kommt aber, daß dieses Streben die Art selber verbessert. Wertvolle Eigenschaften gelangen dadurch zur Entwicklung, wertlose verschwinden.• Wenn ein solches Volk Volk bleiben will, besinnt cs sich wieder auf sich selber. Es lernt wieder bei sich selber gut und schlecht voneinander unterscheiden. Gerade, wenn ein Volk bestehen bleiben will, muß es ja bei sich diese Scheidung von gut und schlecht vornehmen. Ein großer Teil dessen, was man bei den Juden heute als unangenehme Eigenarten emp findet, ist eben verbunden mit dem Streben Nicht jude sein oder scheinen zu wollen. Ein Teil der jüdischen schlechten Eigenschaften ich habe keine Augst! — ist der Mangel an Respekt vor Menschen und Dingen, das Zersetzende in ihrer Kritik usw. Das alles ist nicht eigentlich in den jüdisch fühlenden Kreisen zu finden, sondern iu den aus dem Judentum durch die Entwicklung heraus geschleuderten Kreisen des Oolusjudcutums, — um mich zionistisch atiszudrücken. Nur in diesen Kreisen ist man so taktlos, sein Kind z. B. Siegfried Colm zu neunen. Ich. empfinde das als taktlos! Dieser Siegfried Cohn wird ja auch weder ein guler Sieg* fried noch ein guter Cohn sein! Ich bin überzeugt: Kein Nationaljude wird sein Kind Siegfried Colm nennen. Und wenn im Berliner Tageblatt ein Mann namens Levy über protestantische Kirchenpolitik schreibt, so ist das einfach taktlos, ■־— weiter nichts. Und dann noch etwas! Will jemand sich in seiner Eigenart erhaben gegen Gott und die Well und den Teufel, dann kommen in diesem Menschen andere Charaktercigcnscliafielt zur Geltung, als wenn er sich weder um Gott noch um den Teufel kümmert, um nur irgendwie leben zu können. Gerade, aufrechte Menschen auf der einen Seite, Duckmäuser mul Leis•:, treter auf der anderen! Aus den Augen jener jungen Juden, die sich die Aufgabe gestellt haben, ihre Eigen, art und ihr Volk gegen alle Anfeindungen zu ver• leidigen, leuchtet ein Feuer der Begeisterung, wie mau es nur noch selten in der Welt überhaupt .ו!!, trifft. In einer solchen Zeit wie der unsrigeu, wo selbst die sozialen Ideale anfangen zu verblassen, ist das gar nicht hoch genug einzuschül/en, Arterhaltung ist also das Ziel! Und darauf ist auch das Streben einer, wie ich glaube, wachsenden Anzahl von Juden gerichtet. Geber die Wege innj Ziele freilich weichen die Meinungen erheblich vor. einander ab. Es wäre mir eine besondere Genug, immg, wenn ich diese Gegensätze über die Wahl des Weges ein wenig mildern könnte. Was steht denn hierin Frage? Es ist folgendes Problem: Fuli» eine national-jüdische Bewegung notwendig nach l'a. lästina oder nicht? Die strengen Zionisten sagen: Wir müssen wieder ein einiges Volk werde», und ein solches Volk können wir nur in Palästina werden; die andere» sagen, das sei nicht möglich und nicht notwendig. Das Ziel der extremen Zionisten ist, wie ich glaube, ein zu* hohes, und wenn man es mich als ein erstrebenswertes Ziel ansichl, so glaube ich doch: cs beruht auf einer Ueberschätzimg der idealen Triebkräfte iin Menschen und einer zi: geringen Schät* zung der Alltagseinpfindimgen. Deshalb glaube ich, daß dieses Ziel doch ein utopistisches ist. Die überwiegende Mehrzahl der westeuropäischen Juden wird diesen Schritt nicht tun wollen, und wenn sie es wollte, könnten wir cs nicht gestatten. W a s so 111 en wir denn o h 11 c die J u d e 11 a n f a n g c 11? Wer sollte denn das fehlende Drittel der Berliner Steuern aufbringen, wer die Konzerte und die Thenler be* suchen, wer unsere Bücher kaufen? Auch lehrt ja die Auswanderung der Juden aus Spanien, die der Hugenotten aus Frankreich, was die Entfernung so wichtiger Volksschichten für die betroffenen Länder bedeutet: wirtschaftliche Verarmung, politischer Niedergang. Es wäre ausgeschlossen, daß ein moderner Staat jemals einer derartigen »Maßregel zu* stimmen könnte. Eine solche ist aber auch nicht nötig. Selbst nicht, um die Ansiedlungsbestrebun* gen zum Ziel zu führen. Allerdings glaube ich, daß es wünschenswert wäre, <h (1 3o ctwas wie ein jiidischcr Staat In Fa• lästina sieh bildete, damit dort eine Arl von Mittelpunkt für jüdisches Wesen geschaffen würde, eine regulative Idee des Judentums. Ich denke mir eine ideale Gestaltung so, daß eie Juden- Staat in Palästina bestellt — gleichgültig, wie me staatliche Form dieses Gemeinwesens ist, und daß die größte Zahl der Juden, wie übrigens bereits seit dem babylonischen Exil, in der Diaspora lebt. Schon als der zweite Tempel fiel, haben ja unendlich viel mehr Juden außerhalb Palästinas gelebt, als in ihrem Stammlaudc. Ein größerer Teil der Judcnpolitik hat sich also nun mit dem Problem zu befassen: welche Stellung haben die in der Diaspora lebenden Juden einzunehinen? Mail könnte daran denken, etwa eine Aciide* rtmg der äußeren Schichtung der Juden in unseren Länder() vorzunehmen. Man könnte versuchen, Juden• schäften in einzelnen Orten ziisammciizusetzen. Man hat ja auch vorgesclilagc», die Juden wieder zmn Ackerbau zurückzuführen, mul obgleich ich das nicht für so unbedingt notwendig — wenn freilich mich fiir wünschenswert — halte, könnte man vielleicht daran denken, in unser ein deutschen Osten jiidi che Dörfer mit I lilfe unserer Ansiedlungskoitunission zu begründen. Die wichtigsten Mittel zur Erhaltung des Judentums und der jüdischen Art. in der Diaspora sind aber geistiger Natur: Die Erstarkung des Wö'eiis zur Eigenart, die sich 111 einer Reibe von Bekenntnisakten äußert, in erster Linie dem Bekenntnis /nr jüdische» Religion, auch dann, wenn der Einzelne nicht mehr auf dem Boden des Dogma stellt! Selbu dann muß er ihr trcnhlcihcn, als einem Symbole des Judentums. .Eine weitere Reihe von Fragen entsteh! mm dadurch: wie wird sich das Zusammenleben dieser wieder als Juden Empfindenden mit den anderen Völkern gestalten? Selbstverständlich ist ja, daß da״ Bekenntnis zu irgendwelcher nationalen (völkischen) Idee nicht das Bekenntnis zur Humanität ausschließt. Im alten Sinne bat freilich die Humanität keine durch* schlagende Kraft mehr, etwa im Sinne des Dichter* Wortes: ״Alle Menschen gleich geboren, sind citt adelig’ Geschlecht.“ Unser Gefühl fiir das Blutsmäßige iin Menschen ist dazu zu stark geworden; aber Humanität im tiefere» Sinne heißt, daß wir bestimmte Pflichten haben gegenüber allem, was ein lebendiges Wesen ■ist. Daß etwa auch diese verschwinde, davor möge uns Gott bewahren. Wichtiger aber ist natürlich die positive Seite dieses Problems. Was das wirtschaftliche

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