Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1911)
- Date
- 1911-12-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Hvihikllon JUilUcho RumUcIiitu iir.UMN W. 15, JMclitUelit Strafte 8. Trlf|»110n! Amt Ulilaml 815. g ■ Sprcthitumirn Oiermtuml Donnerstag 5 6 Uhr nachmittag«. •/ n ך! ך*•) (j n f- ־ , 7־c ח ר""/ 7׳r Nummer 50 Berlin, den 15. Dezer. Ausweis Schekel: Königsbet־g 6,—, Erfurt 6,—, GoUlap 1, 1 Kempen i. P. 1, -, Insterburg M,~, Eydtktilmen 5, , Köln 30,—. Landesbeitrüge: Erfurt 6,—» Ortsgruppe ״Ivria", Libtrfeld 90,—, Berliner Zionistische Vereinigung •10.-1 Köln 80,—. Organisationsfonds: Arthur. Arndtheini, Erfurt >,-־» Jakob Schnelling, Köln 5,—,׳ B. Karpin, Wies־ ״aden 5,-, Oilsgruppe Kattowitz 150,—, Aron Hof־ mann, Köln 5, •, Salonion Hofninnn, Köln 5,—, Louis Lewin, GoUlap 5,— , Dr. A. Cassicrcr, Cliarlöttenburg 5,—. — Ans Insterburg: Amtsgerichtsrat Biuineijfeld, Justizrat Jacobsohn, E. Felhmmn, B. GotUielf, J. Sommerfeld, M. Kronheim, N. Mendelsohn, D. Simon, S. Arnsdorf. J. Klhnowski, M, Wald, J. Großmann, A. Roscnkrgnz, je 5,—, J. Leb• mann (1• Kate) 2,—. Eingang vom 7. bis 13. Dezember: Sc 11 ekeT: 63,-» Landesbeiträge: 216, Organisations fonds: 250,—. Gcsnmtcingalngi’ScIveke1T 313,—i*'Landesbeitrage: 6859,05, Organisationsfonds: 10123,88 M. ׳ Adresse für Geldsendungen! Zionistische Vercinigung für Deutschland, Berlin W. 15, Sächsische Straße 8. Postscheckkonto: Berlin 8091, Bank• konto: A. H. Heymann & Co., Berlin, Unter den Linden 59. Sombart und wir Es gereicht den wissenschaftlichen Forschungen mid der Voraussetzungslosigkeit Professor Werner Sombarts ebenso zur Elite, wie uns Zionisten zur Befriedigung, daß er als c'.n mit aller irgend möglichen' Objektivität im Juden- Problem schürfender Gelehrter am Ende zu ganz genau den gleichen Resultaten gelangt, wie die Begründer des modernen Zionismus*). Daß ihm dabei das gleiche Schicksal zuteil wird wie der zionistischen Bewegung, nämlich von der sogenannten liberalen Presse totgeschwiegen zu werden, sollte ihn eigentlich nicht wundernehmen. Und daß das ״Berliner Tageblatt“ zwar über die beiden letzten Vorträge kein Wörtchen berichtet, dafür aller ein nicht ganz glückliches Beispiel Sombarts zum Anlaß nimmt, einen bislang von ihm selbst geschätzten Gelehrten auf einmal seinen Lesern als ״oberfUichlich“ zu denunzieren, darüber sollten sich die Abonnenten dieses liberalen Blattes he•■ schweren. Andere Leute, die dieser Lektüre nur ans Beruf und nicht aus Neigung obliegen, haben dazu um so weniger Veranlassung, als die Politik der Tageblatt-Redaktion ja nicht die ״Judenpolitik" Sombarts unterdrückt, sondern nur der demnächst erscheinenden Solidarischen Broschüre eine höhere Auflage verschafft. So mag man ־•• zumal diese Störung gerade vor dem Weihnachtsfest' ja wirklich peinlich und taktlos ist! — über das naive Schweigemanöver dieser Art von liberaler Presse lächeln. Ein .anderer Teil dieser Presse berichtet zwar mit saurer Miene, aber der publizistische Anstand und das Verantwortlichkeitogefühl läßt ein Schweigen nun mal nicht zu. Out — das ist beinahe alles, was man verlangen kann. •) Der Bericht über den Schlußvortrag, den Som* bart am 8. Dezember in Berlin im Bliitlmersaal hielt, folgt'am 'Ende dieses ' Artikels, ״Der Zionlasnuo erstrebt. für das : jüdische Volk üio Schärfung; chice öCfcat- Iich-rccuUlcli jjcaicl»orten ÄXci:notü.tto in Palüstlmu“ Br.nelor Programm. 1 warft tan m■!,% Aber da hat ein Schmock, dem die Sach« doch z u sehr gegen sein MauschcUum ging, ein ganz grandioses Mittel gefunden, um nicht zu einer Sclhstpersiflage hei der Wiedergabe des Vorträges gezwungen zu sein. Was tut dieser Oberschmock? (Man möchte Heine aufwecken, daß er ihm eins drauf gäbe!) Nun, was wird er tun? Aeiulert ganz willkürlich das Thema des Vortrages und berichtet nur über einige herausgerissene Sätze, die ihm gerade in den Kram passen. Das macht er so: Sombart-Vortrng. Prof. Werner Sombart hielt gestern abend vor einem Publikum, das den weiten Blüiiuicr-Snal bis auf das letzte‘Plätzchen füllte, seinen Schlußvortrag über Die Stellung der J 11 d e n im St a a t s I e b e it. Er erklärte es für ganz natürlich und zutreffend, daß auch die Juden ein uatioualdcutschcs Empfinden haben, begeisterte ,Deutsche sein könnten, genau so, wie etwa die 'Schweizer zugleich Franzosen, Italiener und Deutsche wären. Grundsätzlich stellten sieh dein keine Schwierigkeiten in den Weg, Allein es sei ' zwischen׳ den /.eilen zu verstehen, daß, wenn (len Juden :mell die volKO• Gleichstellung gewährt, würde, sie das nicht ausmü/.ut sollten. Warum wollten sie auch der Erreichung z.. B. von Siaatsstellun* gen so große Wichtigkeit beilegen? Er, Professor Sombart, sei auch nicht ordentlicher Professor geworden und fühle sieb darüber gar nicht unglücklich. Und wenn inan jluu sage, die Gerechtigkeit verlange es, daß den Juden alle Wege geöffnet würden, so halte er den Begriff der Gerechtigkeit für zum mindesten höchst diskutabel. Im weiteren Verlauf seines Vortrags gelangte dann Prof. Sombart zu Ausführungen, die s t ü r in i s c h e K u n d - g e b u 11 g e 11 entfesselten, minutenlangen Applaus einerseits und heftiges Zischen andererseits auslösten. Ausführungen, .־ von denen er behauptete, daß sic gesagt sein mußten, denn es handle sieh um ein Problem, ׳das weit über die Judenfrage hiliniisrciclie, und, um die Möglichkeit, durch ein rechtzeitiges Aussprechen noch den Gang, der Kulturgeschichte' zu beeinflussen. I hid einen solchen groben Unfug, der einen zu dem..verbrecherischen Wunsch n.'ieii Polizeiaufsicht׳ für die ׳Presse verleiten könnte, verübt ein Blatt-, das zwar nicht mehr, allzttviele Abonnenten, dafür׳aber einen Ruf und ein gewisses Ansehen zu riskieren hat, nämlich der ״Berliner Bö r s e 11-Co tt rie r." Jetzt frage sieh Schinock oder sein .Chef aber einmal ,selber: heißt das nicht dem Antisemitismus die Bahn ebnen, wenn das Publikum erfährt, wessen diese liberalen Blätter fähig sind, wenn ihnen eine Sache gegen den Strich gehl, welcher ״reaktionären“ Unterdrückung und welcher ״jesuitischen Verdrehung“? Die anderen Blätter sind nicht besser? Gewiß nicht, aber sie nennen sich wenigstens nicht liberal! Und haben eben darniu nicht den Einfluß auf die öffentliche Meinung, die sie deshalb auch nicht so schamlos verfälschen können. * . Welche gefährliche Ideen sind es denn nun, die־ man mit so ■beredtem Schweigen dem Publikum verbergen möchte? Wieder, wie bei der Besprechung des ersten Vortrages (vgl. Nr. •16 der ,,J. K,“) müssen wir feslslellen, daß Sombart mit seinem fein zugespit/.ten und, wie immer hochinteressanten Ausführungen t1,Ils Zionisten nichts Neues, wohl aber einiges Ur!• rklbige gesagt hat. Aber.nicht darauf kommt es an, oh dieser oder jener Punkt in seinem Vortrage anfechtbar ist, sondern die Hauptsache ist dieses: daß ein Natioinlökonom von Weltruf, ein Niehtjudc, ein Forscher, den seihst einer seiner Gegner einmal einen der geistvollsten Soziologen der Gegenwart genannt hat, als Rcsümc seiner jahrelangen Arbeiten über die Judenfrage zu einer unzweideutigen Reell tf ertiguiig der national jüdischen, der zio- 11 i s t i sc 11 e n Be wcg 11 n g kommt.■ Alles, was er über die Möglichkeiten mul die Notwendigkeit einer Vcrsorgmigspolitik für die Ostjudeii, einer Politik der Arterhaltung für die Westjuden, was er — vorsichtig genug - über die Selmiählielikeit einer freiwilligen Assimilation mul ihre kulturelle Trostlosigkeit sowie über die zukunftsreiche Be- Wahrung jüdischer Eigenart und ihre Wirkung auf die Auslese uml Bildung von Charakteren sagte ~״~ jeder Satz davon war ein Schlag ins Gesicht für unsere Gegner und ein Beweis mehr für die Anschauungen und Ziele, die wir vertreten. jüdische Antisemiten hat man uns genannt, einen Antisemiten nennen sie jetzt Sombart. Was sagte doch Theodor JI erzl dazu: ״Mauschel hat auch eiligst ein tückisches Schlagwort gegen die Zionisten aiisgegehen: sie seien jüdische Antisemiten. Wir? Wir, die wir uns ohne Riicksicht auf unser!’ erworbene Stellung und unser Vorwürtskoinmeu vor aller Welt als Semiten hekeimen, die Pflege unseres allen Volkstums hochhalten, zu unseren armen Brüdern stehen? Aber er hatte es blitzschnell heraus, was wir sind. Mausclielfcinde sind wir.“ Und das müssen wir auch sein, wenn wir uns nicht selber aufgehen wollen. Wir sind die erklärten Feinde dessen, was man der Welt als ,,jüdisches Wesen" vorgcstellt hat, und was man ihr aul'z.iulriingen im Begri.fe ist. Und wenn Sombart das erst ganz erkannt Inheu wird ־־ über diesen Punkt wird noch zu sprechen sein! —, dann wird er erst begreifen, wieso wir nicht nur aus Gründen der Versorgung unserer östlichen Brüder, nicht nur aus Gründen der Arterhaltung Zionisten geworden sind. Vielmehr, weil wir eine Rettung unserer Ehre, .die vom MauschcUum befleckt war, eine Neiibelebtmg, eine w a 11 r e R e 11 a i s s a n c e des alten jüdischen Volkes für uns und unsere Nachfahren wollen. Dann wird das Wort ״Renaissance", das jetzt hei Sombart( etwas kalt klang, auch für ihn und die wachsende Zahl derer, die uns verstellen, seine lebendige Bedeutung erlangen. Daun wird man auch erkennen, daß es nicht deshalb eine Utopie ist, was wir nnstrebeu, weil wir Idealisten sind, indem wir es erstreben. Kein noch so reales Ziel ist in der Welt ohne solchen Idealismus erreicht worden. Und selbst die so naheliegende Notwendigkeit der Wiedererrichtung des Deutschen Reiches heischte kiealisleit, die nicht weniger arg bespöttelt und bcschimpft wurden. Den ״extremen Zionismus" Sombarts, der * einen allgemeinen Exodus der Juden nach I*alästina veranstalten wollte, gibt es überhaupt nicht. Es gibt nur einen Zionismus, dessen Ziel die glückliche Vereinigung von realer Welterkennlnis und idealer Gesinnung zeigt, die das wahre Wesen des jüdischen Volkes ausmacliL Denn wir sind kein Volk von Schwärmern, aber wir wollen auch kein Volk von Krämern sein noch werden. ib. *