Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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3?S£K&8aM; SfcQk *0m. Seile 582 JU EDI SC HE RUNDSCHAU Nr. 49 Die Kolonie M i s c h nt n r H a j a r d c n mußte' kürzlich eine regelrechte Belagerung bestehen. Oie Beduinen der Nachbarschaft sammelten sich tun den Ort und schnitten ihn völlig von der Außenwelt ah. Ihre Haltung wurde immer feindseliger, und ein offener Kampf /wischen ihnen und den Kolonisten schien nahe bevorzustchen. Glücklicherweise gelang cs einein Boten, die Wachsamkeit der Araber zu täuschen, nach Saffcd zu entkommen und die Be• bürden von den Vorgängen zu unterrichten. Sogleich schickte der Kaimaknm Beamte und Gendarmen nach Mischmar. Diesen gelang es, die Beduinen von der Grundlosigkeit ihres Verdachtes, die Kolonisten hätten einen der ihren erschossen und hielten seinen Leich• nam in Gewahrsam, zu überzeugen, und sie zum Abzug zu bewegen. * In Ri s cho n Ic• Z!on mehren sich die Dieb• stähle und Ucbcrfällc, ohne daß es bisher gelang, die Täter zu fassen. Die Kolonie sandte daher eine Abordnung an den Gouverneur voll Jerusalem, mit' der Olite, endlich mit den versprochenen Maßregeln ZU Ihrem Schutze zu beginnen. Der Gouverneur gab die weitgehendsten Zusicherungen. : HCBRAeiSCH : Ueber den Hebräertag in Lemberg wird noch berichtet: Bereits lange vor der feierlichen Eröffnung war der große Jad-Cliaru/im-Saal überfüllt. Es herrschte Sabbatstiinmuiig, An den Wänden in großen sichtbaren Lettern die Losungsworte der Einberufer: ״Ohne he• brüischc Sprache keine Thora, ohne Thora kein jiidi• sches Volk“; ״Belebet die Sprache der Väter, denn sie enthält das Geheimnis unserer nationalen Auf• erstchung“, und über den Bildern hebräischer Dichter und dem Bilde Herzls seine Worte: ״Wenn ihr wollt, ist cs kein Märchen". — Was wir im Saale vor uns hatten, war wirklich ein Märchen. Altersgraue Kaftan• iuden und Mittelschüler, Schriftsteller, Journalisten, Lehrer neben I Jochschülern, Damen, Schülerinnen, Menschen aller Schichten, Berufe, aller Parteien. Die Vertreter der extremsten Orthodoxie und die jugeml• Heilsten Fre'geister( die Repräsentanten des zionisti• sehen Central-Comitcs uim die Delegierten der Lern• berger Kultu:gemeinde, die heißesten Landespolitiker unu die Scmilinge des Bnci-Brith. Sn etwas haben wir noch nicht erlebt. Die feierliche Stimmung wurde nur durch Hcdadrufe und Akklamationen miterhrocheu, die neu angekommenen, unerwartete.! üiiste.i galten. — Lebhaft bemerkt wurden die hiesigen Rabbiner Dr, Karo und Dr. 0 utma n n. Dr. T11 o n und Sa• m u c 1 i. wurden freudig begrüßt, und unser teurer Gast, Herr Dr. Sclunarja Lew in, erregte durch sein Erscheinen einen Sturm von herzlicher Freude. Der Hebräertag begann. Er'wurde von l)r. Philipp Kornßr ün, dem Präsidenten de! hebr'iisdicu Schul• Vereins, in einer kurzen, ernsten Rede um zwölf Uhr mittags eröffnet. Redner gab der tiefen, freudigen Rührung Ausdruck, die alle heute beseelt. Es ist der erste Tag, an dein wir unsere bescheidenen Verstecke verließen, unsere Kraft und Macht der ganzen Welt zu zeigen. Wir habe;! keinen Grund, uns im Hinter• f:runde zu halten. Die hebräische Sprache, die in uns ebt, hat• ein Recht, zu leben, •die Kräfte, die in uns schlummern, ein Recht, sich zu entfalten. ' Zweck des Hcbräertages ist, die ungeahnte Energie m wirk• liehe .Tat umzuwandeln. Schon .die Tatsache des Ile• bräertages ist ein Sieg, eine Demonstration ersten der Bäume buntbcliederle Vögel sich schaukelten und ihre zwitschernden und kreischenden Stimmen hörea ließen.' Beinahe eine und eine halbe Stunde gingen wir in den. herrlichen Anlagen spazieren, bis die Mittags• zeit herangerückt war und sich im übiigen auch mein feerer, Magen gemeldet hatte. Mir fielen die vielen ',Damen In Schwesterntracht auf, die uns wiederholt, ,,*begegneten, und ich fragte den Onkel, ob hier s.1, ״'v'icle Krankenschwestern bcnöt'gt seien. Er er• widerte mir, daß dieses nicht Krankenschwestern seien,! ’,Sondern Gesel'schafterhmen für die Da.»en,: welche ״hier ihren Mann verloren haben. Falls eine Frau ,,hier Witwe wird, hat . sic das Recht, sich eine Ge• sellschaftcrin zu nehmen, die sic unterhält, sie he• gleitet und sie ׳auch nach jeder Richtung hin ver• pflegt.׳. < . Es.f;nd dies, alles gebildete junge Mädchen, die auch teilweise zu Krankenschwestern aiisgcbildet sind, die׳ aber ausschließlich die. Aufgabe haben, der hier verwitweten Frau das Leben so angenehm wie mög• lieb zu machen. Die Tracht tragen sic deshalb, un! fäc, sofor.t •von den Pensionärinnen zu'.unterscheiden,?(Und wvi.l auch sonst die ,Bevölkerung den Schwestern t1?lncn<,«größeren ׳Respekt entgegeubringt.;; Wir׳gelangten nun in.einen der großen Speise• -'silc,••welcher mir sowohl durch seine Eleganz, als auchi,'du(ch seine enorme Ausdehnung imponierte. An JangCn Tafeln saßen bereits die Gäste, teilweise schon in lebhafter Unterhaltung miteinander,, und zwar, wie ich sofort vernahm, in wohlklingender, hc* bräischcr Sprache. Ich hatte meinen Platz zwischen <J0k*l..und! ׳Taute; gegenüber,: säß ׳'ein Ehepaar aus Ranges. Der Nchräertag bat aber schwere Arbeit zu leisten, nicht nur zu demonstrieren. Vor allem gilt cs, eine einheitliche Organisation zu schaffen, die Schulen zu sichern, die Lehrer zu bilden und zu unter• halten, Institutionen zu erweitern oder neu zu hauen, Arbeit von Jahrzehnten zu leisten. Der I lehräertag ist der Anfang einer neuen Epoche. Einem Tage der Hebräer sollen und werden Jahre hebräischer Kulturarbeit folgen. Nach dieser Rede wurde zum Präsidenten der Versammlung Dr. Osias Tlum gewählt, der dann den Repräsentanten'der aiigeincUletcn Organisationen (las Wort zur Begrüßung erteilte. Dann sprach Dr. Osias Thon über die Entwicklung der hebräischen Sprache und Kultur in Galizien 1111 Laufe des letzten Jahrhunderts. Vor Schluß der ersten Sitzung wurden die wichtigsten der über •150 Begrüßungsschreiben mul Depeschen vorgelesen. Hcdadrufe und das 1 latikwalilied schlossen die erste Sitzung. Die N a c I! m i 11 a g s s i t z 11 n g begann nach Er• ledigung des Einlaufes mit dem Referate des I lerru Dr. Israel Rath über ״Die Organisation der Hebräer Galiziens mul der Bukowina". Ihm folgte das Referat des Herrn Dr. Chain! Tartu ko wer über ״Die hebräische Volkserziehung". ln der darauffolgenden Debatte, die einen sehr lebhaften Verlauf nahm, wurden die von den Refe• renteii vorgelcgten Anträge und Resolutionen unter stürmischem Beifall angenommen und der erste Tag geschlossen. Als wir den Saal verließen, bemerkten wir erst, daß alle Fenster der großen Bcrnsteingusse, die fast nur von Juden bewohnt wird, festlich illuminiert waren. Es war licht und fröhlich bei den Juden Lembergs, dem Hebraeitage zu Ehren.• - Zu Ehren unserer teuren (laste, der Herren Dr. Sclunarja Lew in und Kurt B I u m c 11 f e I d , fand zwei Stunden später in demselben Saai das angc• kündigte Meeting statt, aii dem über '2000 Menschen teilnamnen. Doppelt so viele belagerten den Eingang und mußten abzicheii. , , Der zweite Tag war praktischen Fragen des hebräischen Schulwesens' iii 'Galizien und der Bitko* wina gewidmet. Am 20. November, um 0 Uhr vor• mittags, wurde im Saale der Toynbeehalle die Kon• fercuz des hebräischen Schulkonntecs, an welcher (12 Bevollmächtigte von 32 Schulen tcilnaluncii, eröffnet. Zum Vorsitzenden wurde Dr. Philipp Koni grün gewählt. Als erster sprach über den jetzigen Stand der hebräischen Schulen Dr.• David K li n g h o f c r, der aul Grund reichhaltigen statistischen Materials die Ergebnisse einer vom hebräischen Schtilvereiiic veranstalteten Enquete;auseinandersetzte, aus denen, vor allem die Tatsache erhellt, daß wir trotz ungc• lienrer Schwierigkeiten fast ohne alle materiellen Mittel, ohne Unterstützung, gegen den Willen der Behörden über etwa ■10 Schulen verfügen, in denen •I0G0 Kindern hebräischer Unterricht nach'der natürlichen Methode erteilt wird. lieber die praktischen Vorschläge der Leitung des hebräischen Sehtdvereiiis referieitc in klassischem I lehriiisch Dr. Moses F euer in a n 11 (Lemberg), der aul die Gewinnung'der zionistischen offiziellen Kreise, wie auch der KuitüSgemcindc für die hebräische Kulturarbeit hiinvics. " Als Dritter referierte der Präsident des hebräischen Lchrerverbandcs, Raphael So ferm an n, über ״he• brüisclie Kindergärten und' hebräische Lehrerkursc", Um 5 Uhr nachmittags ergriff Dr. Philipp Korn• grün das Wort zum ״Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit des hebräischen Schttlvercins im Jahre 1011", den er in einer andcrthalbstüudigeu hebräischen Rede erstattete. ״־ Die Versammlung, welche sich als Gc• iieralversaminhmg des Hebräischen Schulvcrcins kon• stiluierte, gab nach Anhörung des Berichtes ohne Alexandrien und neben mir ein alicr Herr atu Boston, dermiir sogleich die Speisekarte anbot, Leider, konnte ich'von derselben keinen Gebrauch i machen, da-sic hebräisch war und lächelnd überreichte mir der Herr die deutsche, aus der ich ersah,■ daß direkt lukullische Gerichte auf derselben verzeichnet waren. Der Wein der Weinkarte war natürlich einheimischer, nur, aus der jüdischen Kolonie, im übrigen mir aus Berlin nticli nicht unbekannt. Bevor das Mahl begann, bedeckten alle amvesen• den Herren nach aller Sitte ihr Haupt und ein ehr• würdiger Rabbiner aus Jerusalem brachte in sephar• discher Aussprache den Scgenssprucli über Brot und ,Wein dar., Während des Mahles nahm ich Gelegenheit, mir die 1 Anwesenden etwas näher anzusehen, und ich konnte meine Freude nicht unterdrücken, als ich in die vor Gesundheit strotzenden, trolz ihres Alters jugendflischen Gesichter blickte. Was waren dies mich für Leute! Man sah es ihnen an. Das war keine sogenannte Hotclgescllschaft, die durch Zufall sich eingcfumlen hat; das war eine wirkliehe Elitcversanimhmg idealer Menschen, die ein Lebensalter daran gearbeitet haben, ihren Lebensabend in sorgloser und heiterer Weise im heiligen Lande der Väter zu beschließen und hier min in fröhlicher Art das schönste und gesundeste Leben von der •Welt zu führen, bis sie dercirfst ־ tatsächlich iu ihren Vätern versammelt werden. ״ ' Da sah ich Menschen' yon allen'hegenden der• Erde. Ticfgcbräipiie, Juden aus; Jemen, daneben glatt• 1 rasierte Amerikaner, Juden aus Persien und Buchara in Debatte ihrer Leitung Pechargc und das Vertrauens• votum. Nach vdrgcnommcneii Neuwahlen wurde die letzte Sitzung des Hcbräertages unter!.türmischer Be• gcisterimg feierlich geschlossen. Am Abend des 20. November veranstaltete dis zionistische Ccntral־Comite Galiziens zu Ehren der Herren Dr. Sclunarja l.cw in und Kurt Blume 11• fehl ein Festbankett, an dem alle Honoratioren unserer Bewegung lind über 150 Gäste in animierter Stimmung einige fröhliche Stunden in freumlschaft• lieber Zusammenkunft verbrachten. 33 TRißi/ene «*. Uns geht das folgende Sehreihen zu: Sehr geehrte Redaktion! In Ihrer letzten Nummer vom I. Dezember 1011 brachten Sie einen Bericht über die am 10. November 1011 in Bremen abgchaltcne 2. Pclcgicrtentagiing des Pezirksverbandes der jüdischen Jugendvereine Nord• Westdeutschlands. Dieser Bericht enthält folgende tatsächliche Un. richtigkeiten: t ׳ 1. Der Bericht sagt, Herr Dr. N a t h a n (Hamburg) habe die Arbeit der Zionisten innerhalb des neutralen Jtigeudverhandes hervorgehohen, ״sei aber von Dr. Apfel iti, schärfster Weise angegriffen worden." Ich habe mich lediglich deshalb gegen Herrn Dr. Nathan gewandt, weil er in der propagamlavcrsnmmlting in Bremen in tendenziöser Weise für die zionistische Partei die Urheberschaft der jüdischen Jugend-Be• wegung in Anspruch nahm. 2; Ich habe mit keinem Worte die Priorität der zionistischen Jugendvereinsarlnit zugegeben. 3, Sic berichten weiter, daß der ganze Delegierten• tag unter dem Zeichen des Zionismus gestanden habe, so daß Außenstehende den Eindruck gewinnen mußten, es hau,Ile sich in den Jugciulvercincn nur um Debatten für und wider den Zionismus." Ich bemerke hierzu, daß auf der Delegiertentagimg über die Idee des Z i o 11 i s m u s nicht mit einem einzigen Worte gesprochen worden ist, sondern daß sich unsere Delegierten allerdings sehr eingehend mit dem Verhalten ׳dreier zionistischer Herren zu befassen hatten. Es handelte sich a) um die oben erwähnte Aetißeruug des Herrn Dr. Nathan, , b) um die in Anbetracht der Neutra'ität unsere. Verbandes doppelt beklagenswerte Hegrüßtmgsredc des Vorsitzenden der zionisti. sehen Ortsgruppe Bremen, der, wie Sie bereits berichteten, aussprach, ״daß ihm diejenigen Jugendvereine als die leistungsfähigsten er׳ scheinen, die von zionistischem Blute durchsogen tmJ von iialioiiaijüdischem Geiste durch• tränkt seien," c) Ferner wurde das Verhalten des Herrn Dr. Schom'iiiami (Hannover), des Vorsitzenden der zionistischen Ortsgruppe Hannover, einer Kritik unterzogen, der in geradezu unglaub• lieber Weise tnserem Verbände i1׳ lliklesheiiu in den Rücken gefallen war. Ich bemerke, daß das Auftreten der beiden letztcraälinteii Herren den allersibiirfsten!,rötest, auch von Seiten der meisten zionistischen Delegierten, erfuhr. ihrer interessanten Tracht: dort wieder einen gemüt• liehen Wiener mit seinem nnverfä'sclitcii Dialekt, der sielt mit׳ einem Berliner Gelehrten unterhielt, kurz, ich bedauerte nur, daß mein Aufenthalt so kurz war, daß ich keine Zeit hatte, wirkliche Studien zu macliei׳ Das Diner ging zu Ende, das Tischgebet wurde'iu feierlicher Weise gesprochen und der Saal wurde leer. Ich hatte noch Zeit, mir das reichhaltige und luxuriöse Warenlager auztiscliun, in welchem die Pen• sionare alle erdenklichen Ciegciislihide für ihre Renten• bons erhielten, dann kam die Zeit des Ahscliit ds. Der Onkel bestellte!»och schnell ein paar Glaser Tee und so blieben wir noch ein halbes Stündchen in der prachtvoll ausgcstatleten Halle in! fröhlichsten Geplauder zusammen, bis der Chauffeur mir mit seiner Hupe das Signal gab, daß es Zeit sei. Ich verabschiedete mich von den liehen beiden Alten mit einem herzlichen ״auf Wiedersehen", wünschte ihnen einen weiteren schönen und gesunden Aufenthalt und fuhr bewegt ab. Der Chauffeur fuhr diesmal einen! anderen Weg. Rechts und links sah ich wieder reizende und nied• liehe Villen, aber im Flintcrgrumle an einem Hügel ansteigend ein Feld mit weißen Steinen, es war dies das wirkliche ״Ruhehein!" für die, die schon ihre endliche Ruhe, gefunden haben in! Erez Israel. .;Öas Au|o rollte mit mir sausend auf der Chaussee. y ■ ׳ י׳ י י י• ן•:׳ . ,... . . .11 .י * /V _~. L , ״ . ל י• J י ’ * ׳ ‘ - . , ״