Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 580 1!׳«fr / k JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 4<J fi“tc Die über d» r Fülle u u ($ \ . ־ . ,1 ' Selbstverwaltung zu erziehen. Für Uic kommunale Verwaltung der größere» Plätze werden bereits Wahlen nach dem Vorbilde des Mutterlandes ausgc* schrieben. Wie bei Uns, werden <U viele schone Reden gehalten, in denen die Kandidaten ihre Vorzüge laut und Vernehmlich verkünden. Wer in der alten Heimat gewohnt war, zu Wnhlzciten die Versammlungslokale zu durchstreifen, der wird sich da unten bald heimisch fühlen. Die Schlagworte, die in der Hasenheide und im Friedrichshain Erfolg verbürgten, haben auf der weiten Seereise an Zugkraft nichts eingebaut, und auch der Antisemitismus, der zu solchen Zeiten *Dienste leistet, ist mit himibergefahren. ״Deutsche Tageszeitung“ berichtet eine Wiihlorversnminlung in Lüderitzbucht, in einer der Kandidaten erklärte, er würde im seiner Wahl dafür sorgen, d a fl K r u b o y s Juden aus Lüderitzbucht 11 c r a u s k ä in e n. Der Mann kannte seine Leute. Die Mehrheit der Wähler bcschloll seine Kandidatur in allen drei Klassen. Nach der ״Deutschen Tageszeitung“ hau• delt cs sich bei den Juden in Südwest vielfach um Leute, die ihr Weg von Ruilland über das Kap in die deutsche Kolonie führte. Zweifellos haben Viele im Laude des Goldes und der Diamanten Jlir Glück gemacht, Vielleicht sind auch einige so besitz* los geblieben, wie sie Ruilland verliehen. Ganz einerlei, der Matt verfolgt sic an alle vier Enden der Welt, so lange die Verfassung unseres Volkes nicht von Grund auf geändert ist. Was helfen da kleine Mitfel? Gcwili ist unter den Lüderilzhuchter Juden mancher, den ein schöner Idealismus aus seiner detitsehen Heimat trieb, um der angenommenen .Kultur .Pionierdienste zu leisten. Vielleicht erstrebte er so — bewußt oder unbewußt — auch eine Lösung seiner eigenen persönlichen Judenfragc. Dachte wohl, daß .die schwierigen Verhältnisse, die er gemeinsam mit •seinen Mitbürgern deutschen Stammes zu durchleben Italic, sic ihm niihcrbringcn würden. Vergebliches Mühen! Der Judenhaß ist ihm als blinder Passagier über den Acquator gefolgt. Sein Versuch mußte miß• lingen, wie alle zentrifugalen Lü.uu1gsversud1e, mögen ׳ sie w׳cit weg von den Zentren der Jiulciinol oder nur in ländliche Verhältnisse der Diaspora führen. Ge• wiß ist es symptomatisch,, daß die einzige wirklich •mögliche Lösung, der Zionismus, seit langem in der jungen südwestafrikanischen Kolonie seine tätigen .,Anhänger zählt. Nord au sagte in Hasel, daß ein , jeder, der sich mit dem •jüdischen W nndermigsproblei» befasse, ״im Wege der Ausschließung“ auf Pa* liistina kommen müsse. Da mag mancher unglaubisch gedacht haben: ״Die. Welt ist groll. Es gibt weite Länderstrccken, wo heute noch die Kakteen in schönen Exemplaren gedeihen. Vielleicht wird dort ein Teil unseres Volkes eine Heimat finden können.“ Das wäre noch zu erwägen. Aber — Deutsch-Südwcstafrika ist heute schon atis/uschliclich. ' KORRCSPONDenzeN t •w Lemberg E Galizien .. hat. 11 damals Es ist noch erinnerlich, welche Kämpfe 'Regelung der Schänkerfrage in den galizisclfen Doriern den Juden weg/.unehmen und in christliche Hände zu übertragen, begründet wurde dies damit, daß die Juden augeblich die Bevölkerung zur Trunksucht verleiten mul dadurch grollen wirtschaitlichcn und moralischen Schaden anrichtcu. Heute nach kaum drciviertel fahren, seitdem der Wunsch dieser reaktionären Politiker zum großen Teile in Erfüllung gegangen ist. erhebt nun gerade dieselbe klerikale Presse Klage darüber, daß es jetzt unter den christlichen Schanker» noch viel schlechter bestellt sei, als ehedem, da die meisten Schanker noch Juden waren. Der jüdische Schanker, so lamentieren sie jetzt, hatte doch noch Respekt vor dem Gesetze, schloß die Schänke zur vorgeschriebenen Sperrstunde und hütete sieh wohl, den Hauern mehr Schnaps zu ver* kaufen. Seit,in!;« all 11. ׳*/ r\ Uli .1:1. :11; /r Keil Ge• seii.1 Tag hi־.״,. ׳u'1 i! tag ist di.• S1'׳ schauderhaile le jetzt auch die Während früher Würde geht 10 vertragen konnten. Der christlich׳. Iimgcgen, so lautet die bittere Klagei hat ׳'!,• ,'eil Dingen nicht den geringsten Respekt, ,-■0•■י bis spät in die Nacht hinein (»fl!!, 1 .• n zusammen bis zur Hewudtlo: >•;- 0 ... < n auf diese Weise de» letz'«•» werden physisch lind \vi1t• t, liegen heute den ganzen :!.eit und selbst am Sonn* ulier als die Kirche. Das r Geschichte sei, daß sich L. ••!eu dem Trünke ergeben, der Im״ ere Bauer cs unter seiner hielt, ״zum Juden‘' in die Schänke zu gehen, er jetzt zu seinem Glaubensgenossen unu ver׳ וו־,׳.׳■!••Mi :1 o ", Garten: und er hat nur eine kleine Rente, so muli er in Kleidung, Essen, Trinken usw. sparsamer sein; denn, wenn er die Bons, die hier die Stelle des Geldes vertreten, ausgegeben hat, dann hat er seine Rente verbraucht und muß mit seinen Neuanschaffungen warten, bis sein neues Rentenbonbuch wieder fällig ist. Hut jemand also eine größere Reute, so kann er sich ’natürlich mehr leisten, als jemand, der eine kleine hat; indes ist alles hier so billig und wird so reichlich geliefert, daß die wenigsten Pensionäre alle Bons im Laufe des Jahres anibranchen und der Jüd’ischc Nationalfonds immer noch seinen Anteil aus übrigbleibendcn Rentenbons 'erhalten kann! ln einem besonderen Ge- ־' bäude befindet sich das Magazin, welches alle er* denklichcn Gegenstände, die für uns hier Wert haben, cnfliält, und die man gegen die Rentenbons ein* ‘ tauscht.“ Unser Frühstück war zu Ende, wir standen auf, und der Onkel zeigte mir die mächtigen Berge des , Karmel, die bei der klaren Luft in unmittelbare Niihc ’ gerückt schienen. Er erzählte mir, welche herrlichen , Landpartie» .er schon dahin gemacht habe, und daß .‘ein *sehr lohnender Ausflug nach Haifa mit seinem *.‘interessanten Leben und Treiben sei, welches einen ‘ enormen Aufschwung in letzter Zeit genommen habe. An uns gingen jetzt eine große Anzahl Herren und ־ Damen,' meist mit Garten* und Ackergeriitscliaften in den •'• Händen, vorüber, andere ließen anspnmien mul fuhren '•• spazieren, während andere wieder auf Pferden und Maultieren von dannen ritten. ( Ich bat nun den Onkel, mir das Innere des Haupt* gebäudes' zu *zeigen und g«nt• willfahrte er meiner Bitte.., : ... ׳ ,״ s 11•..:/ <*״ / .. . ״• *r kur«. und Wissenschaft ins: Leben gerufen. V(f| hielt in diesem Verein Herr Dr. Grünhut Jerusalem einen Vortrag über das Thema ( geistiges Zentrum in Palästina“. "f׳* Am l l. November verließ der hebräische Sehr *• steiler A c 11 a d JI a;1 in Palästina tim! sU1iff|e .! wieder nach Europa ein, nachdem er fast zw״ mJ.', im Lande geweilt und die jüdischen Kolonien Judäa mul Galilaa sowie die meisten patästimmskri,‘ Städte besucht halle. Der Waad von Tel-Awiw \ll anstaltelc ihm zu lihieii einen Festabend, der x!" den angesehen tvii Kreisen der Jaffncr Judenscht besucht v . und sieh zu e.ner impouan״.׳!' Kur* gcbimg der iicbräisvhen Rcna.:ssaucvbeuegun1r stallclc, , , h ■i »• l äge :Ordoimg, Ein jeder von ihn. N siidn ן*, *en;. : .11 zweideu* (icsctr (»,lerer* fällt der Trunksucht. InfCn Lebhaftes Treiben herrscht gegenwärtig im Julia hiesigen Hafen. Die Zeit der Oran genaus! u h r ist gekommen und man sieht hier Tausende von Kisten anigcstapelt, in denen die Früchte aus den Bojaren der näheren und weiteren Umgehung Jaffas verpackt sind, um nach Liverpool, Marsei Ile, Australien und anderen OrangcmärkGn verfrachtet zu werden. Täglich bringen zahlreiche Kamele größere Anfelsiucntransoorte aus den 11111־ liegenden Ortschalten und Kolonien nach dein Jnlfuer Hafen, In ciugcweihtcn Handels!;!•0; ״» hält man den Ertrag der diesjährigen Ör.־u;gc11j׳.*f.lukli.»» itir außerordentlich befriedigend und loht mit I«»׳m»iderer Genugtuung die guten!,reise hervor, die die palästinensischen Früchte auf dem Weltmarkt erzielen. Nach einer Reihe trüber, winterlicher Regentage herrscht in Jaffa mul den bcuachbarlc» Kolonien wieder heiteres, angenehmes Wettet. Der hiesige j ii d i 8 c h e T u r n v e r e 1 n macht sehr erhebliche Fortschritte. Die Milgliederzahl steigt andauernd und auch das Interesse der Mitglieder für die Turnsache gestaltet sich immer reger mul inten* siver. INe Turnübungen finden vorläufig in der Aula der jüdischen Mädchenschule statt, tim•» gedenkt die Vereinslcitimg schon in nächster Zeit einen eigenen Turnsaal zu mieten. Auch soll in Tel*Aw1w ein Zweigverein ins Lehen gerufen werden, Besondere Verdienste um die jüdische Turnsaclie in Jaffa hat sieh der wackere Turnlehrer, Herr Orlow, er* worben, der unermüdlich für den Aufschwung des Vereins tätig ist und es verstanden hat, denselben auf ein recht hohes, achtunggebietendes Niveau empor* zuheben. Die Mitglieder des CentrabConiites des 11c* bräischen Lcnrcrverhandes haben hier zwei Abendkursc für Erwachsene eingerichtet, von der eine in den Räumen der Mädchenschule und der andere im Hebräischen Gymnasium abgulialtcn wird. Das iklische Publikum bringt dieser neuen Institution leblaltcs Interesse entgegen, und die Zahl der Teilnehmer an den Kursen steigt von Tag zu Tag. Die Absolventen der. hiesigen Tachkemoiuscliulc haben einen Verein zur Pflege der jüdischen Literatur Die unteren Räume, die wir betraten, enthielten die. Speise* und Frühstückssäle; alle waren hoch• elegant und komfortabel, daran schlossen sich eine Anzahl behaglich ausgestatteter Schreib• um! Lese• stuhen, ferner eine enorme Bibliothek, in welcher gerade viele Bücher umgetauscht wurden. Wir durchschritten alsdann einen prachtvollen Wintergarten, der bei schlechtem Wetter mit seinen Riesenpalmen und Kakteen einen höchst angenehmen Aufenthalt zu bieten schien und gelaugten in den Vortrngssaal, welcher wie ein Hörsaal eingerichtet ist, hierauf in das niedliche Theater und schließlich in den Musikpavillon, in welchem gerade eine Or* chesterprobe abgehalten wurde. Der Fahrstuhl brachte uns mm in das erste Stockwerk, und wir betraten die sehenswerte, naturwissenschaftliciie'Sammlung, in welcher mit großem Flcißc alles das yon den Pensionären zusammengetragen war, was ii» Lande Israel kreucht und fleucht, was an Metallen, an Früchten, Pflanzen usw. dort vorkommt, kurz, sowohl*für'Gelehrte als auch für Laien eine Matcriaisainnihmg allererster Art. Hieran schloß sich noch ein Zimmer an, in welchem historische Gegenstände, die man in der Nähe aufgefunden hatte, ausgestellt waren. Wir stiegen nunmehr eine mit schönen Teppichen belegte Treppe zum zweiten Stock hinauf und bctraten das Direktionszimmer, wo mich der Onkel mit Herrn Dr. Hirsch, dem Vorsteher des Hauses, bekannt machte. Dieser Herr, *ein•־freundliche* hagerer, glattrasierter, älterer Mann, UH mich solort , ein, bei ihm Platz zu nehmen und baUnich, ihn nach allem zu fragen, was ich zu erfahren (wünschte. ׳. - Jeder Gouverneur sucht mA i wws oÜUrg letzter Zeit als Jutlenh;nd hc״,! znitin, und die Ausweisungen von Juden schwinden w von 'vr *'* ... . *».:!־ ו|• ii» :1 ..llcrvol. .10 1» SO <fvן v 1 :. e u 1 v ״ יי A s J r n c 11 a 11. Was ku t.iucu! i;i! .■...upt «!:יו Gesetz, wenn c* sich uni l,.״ Im.;dt? Er ->'•* ' neulich zwei mit einem 1I1V1 Seliultliploni versehene Juden, die zu kurzem Ati enthalt nach Astrachan gekommen w.ircii. (l». Weiteres ans. Nun v,־d!i es jedes Ku!.l j[, laml, daß diese A:• ׳. ־.!csciicn zur K.r. ן,.׳* <!ah Vorrecht des ...; ׳« .;»iiien Wohnrecht , lienis.t, den gehören, um! .!;»» das Ministerium Maka;J. stellte sich nachträglich aut diesen Standpunkt, u!drä es aut eine Beschwerde der Betroffenen hin <!״ Aslrachaucr Gouverneur zurecht wies, Die•«»• Zurcch*. Weisungen habe» aber meist im Leben der rus•!»!« Juden den Nachteil, daß sie gewöhnlich zu »;;• Kommen und weder den Betroffenen grollen N.!!!,• bringen noch die manchmal nanikartige Unruhe uti!» den bedrohten Schichten gänzlich zu bannen vermögen A «•• AUS ALLER WELT״ Deutschland (I*. B.) Im vierten Breslauer Wahlkreis Naimln flrieg, ist der Kandidat der Fortschrittlichen Volks• Partei Fabrikbesitzer L ö w c 11111 a I von seiner Kandidatur zum Reichstag zurückgetreten Nicht ״aus Gesundheitsrücksichten“, nicht, weil dir Wahlkreis dem Liberalismus nicht zu erringen ist, sondern —, weil Herr Löwenthal und seine Frcur,1k vom Fortschritt glauben, daß man den konsciul»• agrarisch-antisemitische» Chefredakteur der ״Die!• scheu Tageszeitung", Herrn Oertcl, heiser 11a)! einen l'ortsehrillsinaiin christlicher Konkw«! auf den wohlgepflcgteu Leih rücken k.nni. Min will der Agitation der Herren IlündUr nicht antisemitischen N ü 11 rs t o (I g eben Der Rücktritt des Herrn Ltiwcnthal wird i* manchen Fortsehrittskreisen als ein Akt opferfreudig ster Sclhstcnlsagimg im Dienste seiner l'arlei, als du Tat eines tapferen Partciinamics, dem die Sache übet die Person geht, gepriesen werden. Die iiberwiegendt Mehrheit der deutschen Juden wird diesen Rückin;! prinzipiell verurteilen. So vorsichtig nu״ auch die Gründe benennt, die zum Rücktritt unser» Glaubensgenossen geführt haben sollen, man kans sich nicht darüber hiinvegtäuscheu, daß hier wietkr einmal auf die ״antisemitische Grundström u u g i tn deutschen Volke“ Rücksicht g< nomme» wurde. Jetzt war ich eigentlich an der rieht!;:nt Qud!t• alles das, was mir schon lange auf der Zunge brannte, konnte ich jetzt erfahren, mul ich war b gierig« ich hier erschöpfend informiert werden u irdc, ״Ich danke Ihnen aufrichtig, Herr Dir Uor," k־ grum ich, ״und wäre Ihnen sehr verhuu 'cn, v«5״ Sie mir in erster Linie darüber Auskunft gihenkön״• ten, ob, bzw. wie sich das ganze Unternehm n rcnli«*1• ob die Gesellschaft auf die Kosten k«!1׳mit, ob von irgendeiner Seite Zuschüsse gckis'A יז*אי: müssen?" Der Herr lachte herzlich, ergriff meine Hanl und erwiderte: ״Junger Freund, die Idee, welche unser Unternehmen schuf, ist die einfachste und w־ gleich genialste des ganzen Versicherungswesen»; <$ ist dies hier nicht eine Lcbcnsvcrsichcru»gs8eJC''‘ Schaft, sondern d i e Lcbcnsvcrsichcrungsge-ellstn*” wie sie sein soll. Das Ganze ist eine solche Selb») Verständlichkeit, daß sie reüssieren muß. Wenn ויל( mir gestatten, werde ich Ihnen das in kurzen Zögen mit ein paar Zahlen erläutern. Angenommen, wollen sich jetzt im Alter von 30 Jahren hei cmü der sonst üblichen Lcbcnsversichcrungsgescllscluhe11 so versichern, daß Sie an Ihrem 60. Geburtslage Cl״ Kapital von 50 000 M. erhalten, so wird Ihre jäH»l»che Prämie ohne die Dividende ca. 1500 M. betrag«״■ Haben Sic nun in Ihrem 60. Jahr die 50000 M. tfhalten, so würde, das Kapital mit 50/״ angelegt, lb״cl1 eine jährliche Rente von 2500 M. gewähren und eine״ höheren Zinsfuß zu erstreben, würde ich nieiiiandcr' empfehlen, da dies stets auf Kosten der Sichcrne׳ der Anlage geschieht. Können Sic nun, mein 1ךי»ו Herr, mit einer Rente von 2500 M. pro Jahr )