Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 49 (8.12.1911)
- Date
- 1911-12-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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beite 578 Nr. 40 Interesse und Verständnis dafür haben, unsere Aufgäbe unter dem politischen Gesichtswinkel zu hetrachten. Auch dieser bedauerlichen Erscheinung vermöchte eine solche Diskussion abzuhclfen. ' In zwei Vorträgen wurde in der vergangenen Woche in Berlin die zionistische Politik behandelt. Im ״Zionistischen Verein West-Berlin“ sprach Herr Dr. Vict.or Jacobson über ״Die Grundlagen zionistischer Politik“, in der ״Berliner Zionistischen Vereinigung“ referierte einige Tage später Herr L i c 111 h e i m über ״Zionistische Politik״. Heide Vorträge beanspruchen ganz von selbst durch die Stellung, die jeder der beiden Referenten in unserer Organisation cinninnnt, besondere Bedeutung imd ver• dienen, hier eingehend behandelt zu werden. Wenn wir uns in diesen Ausführungen auf den Jacobson• sehen Vortrag beschränken, so geschieht das, weil der einige Tage später gehaltene Lichtheimschc sich in keinem wesentlichen Punkte von ihm unterschied. Der Vortrag Dr. Jacobsons enthielt eine klare, ah• gerundete Darstellung eines politischen Systems. Wir wollen Im nachfolgenden versuchen, in großen Zügen das Hauptsächliche des gedankenreichen Vortrags nicdcrzulcgcn, und wir hoffen gern, daß miserc Leser cs uns danken werden, daß wir diese Aus• f&hrungcn der Allgemeinheit zugänglich machen. Dr. Jacobson darf mit Recht den Ruf eines bc• sonders guten Kenners der Verhältnisse für sieb be• ansprueben. Seit fünf Jahren ist er im Orient und seit dreieinhalb Jahren auf dem exponierten Posten in Konstantinopcl tätig. Er kam sofort nach der Rcvoht• tion dorthin, von derselben Meinung befangen, die uns wohl alle damals erfüllte, daß die Revolution in der Türkei auch für uns eine Revolution bedeuten werde, daß auch für unsere Verhältnisse eine eben• solche Umwandlung der Dinge vonstatlen geben werde. Dein aber war nicht so. Wenn jemals das Wort ״Weh dir, daß du ein Enkel bist״ zutraf, hier war es der Fall. Wir kamen nicht als homincs novi nach Konstantinopcl, wir hatten schon eine Ver• gangenbeit und einen Ruf. Wir standen auf der Liste der Separatisten, und der Begriff ״Judenstaat" ging vor uns her wie ein warnendes Fanal. Unser Ver• hältnis zu den anderen jüdischen Organisationen war alles andere als herzlich, und gerade in der Türkei platzten die Gegensätze aufeinander. Und dann: wir sind doch wirklich eine nationale Bewegung, und der nationale Begriff bildet doch tatsächlich das Alpha und Omega unseres Strcbens, Und gerade das konnte in der Türkei zunächst nur beunruhigend wirken. Die Angst vor den Nationalitäten, vor dem Separatismus war groß, und die Geschichte gab der Türkei vollkommen recht zu dieser Angst, recht auch zu der Abneigung gegen die Aufrollung irgendwelcher ״Fragen״ an sich. Wir hatten zweifellos bis dabin sehr viel an Palästina, sehr wenig aber an die Türkei gedacht. Es gilt jetzt, sich mit dein Volkscmpfindcn vertraut zu machen. Denn das Volk wurde jetzt in der Türkei eine Macht, und die öffentliche Meinung der wichtigstc Faktor aller Politik. Es entstand eine Presse von großer Bedeutung und ihr Einfluß erweist sich jeden Tag aufs neue als sehr stark. Diese öffentliche Mciniuig müssen wir für uns gewinnen, gegen sic werden wir niemals zum Ziele gelangen. Darum scheidet jede Politik aus, die darauf abzielt, durch eine Aktion, eine Ab. ——————— ■III I , Ein Besuch im ״Ruheheim bei Haifa“ ״Versicherungsgesellschaft au! Gegenseitigkeit11 Traum von Simon Starnberger. Ich freute mich, die alten lieben Leute wieder zu sehen. Seit zwei Jahren hatten sic uns verlassen, um im Lande der Väter in angenehmer Weise den Rest ihres Lebens zu verbringen, und ich war gespannt, ob wirklich alles den Tatsachen so entspricht, wie sic cs in ihren begeisterten Briefen uns so oft gc• schildert hatten. Das Auto fuhr mit großer Geschwindigkeit auf einer fast schnurgeraden Chaussee, welche links und rechts mit schattigen Maulbeerbäumen bepflanzt war, bis cs schließlich sein Tempo verlangsamen mußte, da die Steigung anfing ziemlich erheblich zu werden. Der Chauffeur drehte sich um und machte mich aufmerksam, daß wir jetzt schon die Anlagen und Gärten der Versicherungsgesellschaft sehen könnten, und daß wir in knapp zehn Minuten das Ziel unserer Reise erreicht hätten. Tatsächlich sah ich auch an beiden Seiten der Chaussee prächtige Gartcnanlagcn mit Palmen, Oclbäumen, Mandelbäumen und anderen exotischen Pflanzen, die mir zum Teil völlig im• bekannt waren, und dazwischen kleine, schmucke Villen, welche mit ihrem weißen Anstrich und den roten Dächern einen höchst freundlichen Eindruck machten; auch einzelne Herren und Damen sah ich eifrig mit Gartenarbeiten beschäftigt, trotzdem cs doch noch so früh am Morgen war. j u E DISCHE RUNDSCHAU machuiig ans Ziel zu gelangen. Endgültig und ein für allemal muß mit dieser Anschauung gebrochen werden. Wir müssen uns darüber klar werden, dal) eine solche Abmachung erstreben, nichts anderes heißt, als Sondcivortcile erstreben, eine Ausnahme• Stellung also. Jeder Gedanke daran aber ist dem konstitutionellen otlomaiiischcn Volke ebenso ein Greuel, wie er es jeder anderen modernen Nation wäre. Die große Aufgabe bestellt also darin, die offen(• liehe Meinung für uns zu gewinnen. Das kann aber nicht nur auf dem rationalistischen Wege der Ueberzeuguiig geschehen, das muß vielmehr zugleich auf dem realistischen Wege des Schaffens von Werten vor sich gehen. Wir müssen das ottomanische yolk davon überzeugen, daß das, was wir erstreben, nicht nur zu unserem Vorteil ist, sondern zugleich in weitestem Malle auch von Nutzen für die Türkei, wir müssen aber zugleich mich durch die Tatsachen beweisen, daß wir imstande sind, unsere Aufgabe zu lösen. Das führt uns dann zu der richtig verstandenen Anwendung des alten und wahren politischen Grund• satzes ״do 11t des“, der bis dahin von uns anders gc• deutet worden ist. Wenn wir durch allmähliche Ent• Wicklung von Positionen im Lande gezeigt haben, wie seiir wir imstande sind, innerhalb des Landes und der Landesgesetzc dem Laude eminente Vorteile zu verschaffen, daun stellen wir das dar, was wir wollen: eine Macht, mit der man verhandeln kann, eine Macht, die etwas zu vergeben hat, und die dann auch in der Judenhcit einen so starken Rück• halt finden wird, daß ihr nichts mehr an dem mangeln wird, was ihr etwa noch fehlen sollte. Diese Arbeit ist zweifellos die Grundlage all unserer Betätigung. Das, was wir jetzt schon in dieser Hinsicht geleistet haben, bildet heute schon den wichtigsten Stützpunkt unserer Arbeit. Wenn die Kolonie Pc• tliach.Tikwah alljährlich über eine Million Francs Löhne an arabische Arbeiter zahlt, bedarf es nicht erst des Nachweises, daß eine derartig erzielte Po• sition nicht mir von uns als angenehm empfunden wird; sie bildet einen ökonomischen Faktor im Lande, der ohne schweren Schaden für seine Ent- Wicklung nicht mehr beseitigt werden kann und von einer grandiosen Anschaulichkeit ist. Parallel mit ihr läuft unsere Aufklärungsarbeit. Wir müssen die Türkei überzeugen von der Not• Wendigkeit der jüdischen Einwanderung. Die Türkei zählt zu den wenigst bevölkerten Ländern der Erde. Sie leidet unter diesem Mangel und ihr Budget schließt Jahr für Jahr mit einem Defizit. In der europäischen Türkei sind nur 80/°«/י des Bodens bc• baut, der Rest ist unverwertet, und in der asiatischen liegen die Zahlen noch schlimmer. Die ungeheuren brachliegenden Landstrecken verlangen nach einer agrikultiircllcn Entwicklung, die mir möglich ist, wenn eine intensive Einwanderung stattfindet. Als Ein- Wanderer kommen für die Türkei nur Angehörige solcher Völker in Frage, von denen sicher ist, daß sie irgendwelche separatistische Tendenzen nicht haben und sic nicht ausüben können. Das trifft allein für die Juden zu. Gerade jetzt erst erlebt die Türkei wiederum, wie gefährlich ihr die fremden Elemente werden können, die nach irgendeiner curopäisclien Macht tendieren. Die leeren Strecken mit Juden zu bevölkern, sic so der Ambition fremder Mächte zu entziehen und sie zugleich mit einem So fuhren wir dahin, bis wir von ferne einen mächtigen schloßnrtigcn Bau vor uns sahen, welcher sieh am Fuße eines dunkel bewaldeten Berges weit liinausdelmte, und der, wie mir der Chauffeur er• klärte, das Hauptgebäude des ganzen Ruhchelms war. Das erste, was mir atifficl, waren zwei Flaggen, die auf beiden Seiten des jlnuserkomplcxcs herabwehten, die ottomanische auf der einen und die weiß• blaue der Zionisten auf der anderen Seite. Das Auto hielt an einem gewaltigen Portal, und während der Chauffeur mir beim Aussteigen behilflich war, öffnete ein reich betreßter Diener die Pforte, und ich stieg auf einer großen Freitreppe in eine Art großer Vorhalle, welche mit seltenen Topf, pflanzen, Kakteen und marmornen Vasen prächtig dekoriert war. Es war erst 7 Uhr morgens und daher anzunehmen, daß der Onkel und die Tante noch nicht cmpfiiiigsbercit wären, trotzdem gab ich dem Diener meine Karte ab und ließ mich auf einem der bc• quemen Korbsessel nieder, von denen man einen prachtvollen Blick weit hinaus auf die herrlichen Täler und Berge der Umgebung hatte. Wie deutlich lag dort unten die Kolonie Sichron Jacob mit ihren schmucken Straßen und den roten Dächern vor mir, und wie lebhaft ging cs dort unten schon am frühen Morgen zu. Die ganze Bevölkcrung schien auf den Beinen zu sein, so wimmelte es und kribbelte cs überall'dort auf Weg und Steg, und dazwischen hörte man das melodische Geläute der zur Weide gehenden Kühe. Ich zündete mir eine Zigarette an und träumte-träumte von den Plänen, den Bildern, die ich schon als Junge mir loyalen Element anzufiillcn, das alle Fälligkeiten hat diese Strecken der Kultur iukI der Wohlfahrt zu g«! wimicn, ist eine nationale Aufgabe allerersten Ranges für jeden Ottomanen, dem das Wohl seines Volke» am Herzen liegt. Nicht Somlcrvorteile also haben wir zu erstreben, wohl aber müssen wir vollkommene Gleiclibercchti! gting verlangen. Wir müssen fordern, daß alle |!e. schränkungsgcsct/.e gegen Juden in Palästina beseitigt werden. Das sind: das Einwaudcrungsvcrbot, die Erschwerungen beim Landkauf und die Schwierig, keiten bei der Naturalisation. Alles übrige muß und wird dann daraus sielt ergehen, zum Teil natürlich wird cs auch von der allgemeinen Entwicklung der Türkei abhüngen. Die Türkei muß sich zu einem freien Nationali. tiiteiislaate entwickeln, indem' jede Nation volle nationalkulturellc Bewegungsfreiheit hat. Die Ent. Wicklung in dieser Richtung ist eine Lebensfrage für die Türkei, und cs mehren sich in überwältigender Weise die maßgebenden Stimmen iin Lande, die da• für eintreten. Nur auf dem oben beschriebenen evolutionären Wege kann die Entwicklung in unserem Sinne vor sich gehen. Alles Revolutionäre, jede Politik, die auf einer speziell für uns geschaffenen Gesetzgebung beruht, besondere Privilegien für uns, z. B, eine Autonomie für Palästina, sind ulopistisch und ver• dcrblicli und würden, selbst wenn sie durchgeführt würden, am berechtigten Widerstand des Volkes unter Begleiterscheinungen scheitern, die anzudeuten genügen sollte. Unsere Entwicklung liegt eben voll, ständig im Rahmen der Entwicklung der freien ■Türkei. Es braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß die erstrebte jüdische Entwicklung in Palästina, so fern sie im ursprünglichen Gedanken der sogenannten Großkoionisation liegt, nicht darauf ausgeht, daß nunmehr lediglich der einzelne ver• suchen soll, sich hier anzusiedcln oder dort Unter• nehntungen zu gründen. Die Aufgabe bestellt viel, mehr darin, die Bedingungen dafür zu schaffen, daß ^lie geordnete systematische Einwanderung mög. iich ist. ׳ In unserer Aufklärungsarbeit darf ein Faktor von grundlegender Bcdcutimg nicht länger übersehen wer• den, die ottomanische judenhcit. Das ottomanische Judentum spielt jetzt in der Türkei lediglich die Rolle einer Quantite nvgligcablc. Die Schulbildung, die cs erhalten hat, hat cs in gleichem Maße dem Juden• tum entfernt, wie sie versäumt hat, ihm die Mög. lichkcit einer energischen Betätigung im ottoma• nischen Reiche zu geben, die diesem nur nützen könnte. Es ist für uns ein großer Schaden, daß das ottomanische Judentum uns jetzt noch großenteil» ablehnend oder gleichgültig gegenübersteht. Da» ottomanische Judentum unseren Bestrebungen zu ge• wiunen, und ihm, indem wir cs nationalisieren, die Möglichkeiten der freien Entwicklung zum Besten des Landes zu geben, die gerade in der Türkei nur einer stark bewußten Nation offenstehen, da» ist die andere große Aufgabe, die uns bevorsteht. Jedenfalls dürfen wir, wollen wir prosperieren, die ottomanische» Juden nicht zu Gegnern haben. Daneben geht selbstverständlich die Bearbeitung der niigemcimöffcntiichcn Meinung, Auf diesem Oc• biete hat noch viel zu geschehen. Müssen wir doch jetzt immer damit rechnen, daß uns in der Türkei jede mit meinen regen Phanatasicn so oft ausgemalt Inr.'.e, und die nun langsam zur Wirklichkeit hcranreiiea sollten. — — — Israel im eigenen Lande! ־־■ ־־ Indessen sollte ich nicht lange warten. Ich 110112 Schritte und nach wenigen Minuten steht mein Onl.-l Gustav freudestrahlend vor mir. Es war eine hc;z• liehe Begrüßung, er hielt mich lange fest in seinen Armen und sagte mir, daß die Tante auch bald er• scheinen werde. Er freute sich außerordentlich, daß ich diesmal meinen Urlaub dazu verwandt hatte, daß Land der Väter mir anzusehen, und daß der erste Weg. den ich machte, der gewesen war, sie beide in ihrem neuen Heim, in ihrer neuen Welt aufzusuchen. Ich sah ihn an; er sah nicht aus wie ein Sechziger, so frisch Und so schön gebräunt und dabei diese kiei.!• saute und praktische Tracht. ״Ja, ja“, sagte er mir, ן als er merkte, daß mir diese gefiel, ,,bei uns macht man cs sich so bequem als möglich. Die Sonne Palästinas meint cs gut mit uns, und da fallen sofort die lästigen Kragen, Oberhemden oder was sonst noch das Abendland an Folterdingcn erfunden hat; nur leichte und bequeme Kleidung, damit Luft und Sonne zum Körper dringen kann.“ Ich hatte sogleich eine Menge Fragen auf der Zunge, als ein Diener in grüner Livree, den Fez auf dem Kopf, an uns hcrantrat, und den Onkel fragte, ob er das Frühstück im Saale oder im Park cinzunchmen wünsche und ob ich ein Nachtquartier nehmen würde. Selbstverständlich entschieden wir uns bei dem prachtvollen Wetter für den Park und ich sagte Bescheid, daß ich leider schon Nachmittags wieder aufbrcchcn müßte.