Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2651273-2651711-2651759--08109-2665325- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 48 Seite 56(J J U ii I) I3 C 1 i i; RUNDSCHAU Jüdische» Gemeindeverwaltung ernsthaft zu prüfen seien, und ex erwarte besonders fruchtbare Frgclt• nisse von dem Zusammenwirken der aus dem llaml• weikerverein zu kooptiei enden Mitglieder »lei Hau• kommission, weil das der liebte Weg sei, etwa he• stellende Millversliiitdnisse oder gar Aniiiu»sit.ilen zu beseitigen, Er billige die luidciimg e^uer giuiids.itz• liehen Aciidermig des Verwallungssysicms, weil * *las bestehende, auf weit weniger entwickelte Vcrhiiliuisv berechnet, den heutigen Aufgaben der Jüdischen Gemeiiide mit iliieiu gewaltig gewachsenen IU.it iiielu mehr entspreche, Er gab seiner besonderen Wert• Schätzung des jüdischen I landwcrkerstaiidcs und der Bestrebungen, die auf seine Förderung gelichtet sind, Ausdruck und wies 11, a. mit Geiuighumg dnranl hin, dab die Jüdische (ieineiiide Berlins in l'ankuw cm Waisenhaus unterhalie, dessen Z״;;linj׳c zu 11.11111• werkeril lieratigebiklet würden, ebenso wie man heule in Palästina Ackerbauer ansässig inaclie, Das sei ein wünschenswerter Weg, der fibcrginltcit Beteiligung der Juden au dem I laiidelsstande zu steuern. Die Kundgebung des jüdischen Handwerker• Vereins ist in nichrtachcr Hinsicht bedeutsam. Das Prinzip der <)Öffentlichkeit, auch in Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde, hat sich durchgesclz.t und als fruchtbar erwiesen. Die Anwesenbeit von hoch• angesehenen Mitgliedern der jüdischen (ieineiiide- Verwaltung in dieser Versammlung ist eine freudig zu begrünende Erscheinung, die bisher nicht allt.ig* lieh war. Als das bedeutsamste Ergebnis trat aber durch diese Versammlung’ die Tatsache zutage, dal! die vom N e u e 11 J ti d i s c 11 e 11 (i e m e i 11 d e verein im letzten Wahlkampfe erhobenen Forde• rungeii nicht sämtlich fruchtlos gewesen sind. Fs setzt sieh in der Herliucr (icmciiidestuhe die lirkeiiiitnis durch, dnii mau au den I nidcriiiigcit der groben jüdischen Oeffeiilliehkeit nicht achtlos vor• übergehen dürfe, wenn niar nicht scltliclhicli den /.וו• sniuinenliaiig mit dem Volke und den» Volkscnipfimlcn. verlieren wo'Ie. tr 0L0sse1i ־va Litera 1 u rvc re i n. Der Herr Piofessor in der weilten Weste sitzt am Katheder und dozieit seinem Puhlikum, aus wohlsitiiierleii Hürgersleulen, ״Judentum und Deutsclttiuu“. Neheuberiii.ieli. de• ruflich doziert er jungen Universitätliörcu» ״(ioethe md das l}cutschtt1m“. Deutschtum, Deutsehlmi iiher alles! Der Herr Professor spricht: ״Unsere Gegner ich verstehe darunter alle die, welche die Juden ans iigeud einem Grunde nicht leiden können und ihnen übelwollcii -- verleumden uns, wenn' sie sagen: Die Juden würden sich am liebsten danach seluien, wieder als ein Volk im alten Lande zu leben!" (״Würden siel» am liebsten danach selmen" - solches ״Deutsch“ verbrechen natürlich nur die ״Gegner" des Herrn Professor - weil sie, eben nicht so gute Deutsche sind wie er. Am», d. Red.) ״Demi sind wir ein Volk, oder wollen wir ein Volk sein, so - - haben unsere Gegner recht." Klassisch. Doch weiter: ״Der Gedanke einer Volkseinheit oder Volkseigen• tüuiiichkeit, der uns jahrhundertelang von tmsern Gcg• nern vorgeworfen wurde, fängt erst an gefährlich zu werden, wenn er aus tmsern eignen Reihen er• tont.“ Heiliger Schopenhauer! Hast Du wirklich ein• m;!l ״wider die deutsche Spr.ielivcrlimizimg•*' ge• eiiert! ״Und das sagen die Zionisten. Ich fühle kein Bedürfnis, mich von ihnen bildlich zum soundsovielten Male hängen zu lassen. Und wissenschaftlich ist ja der Zionismus eine so abgetane Sache, dail ich mich mit ihm in die.,er Hinaeht nicht zu beschäftigen luatielic. Ich will es aneli nur theoretisch tun.“ I'al's aber!eitler nicht. Weder wissenschaftlich noch theuietiseli. Wirklich zu wenig, ei» bischen zu wenig selbst für 1111'eie angeborene Iteseheidenlieil, funiierbin, wer kaiins wissen, efsclnr gam su lelobo. Der Herr Professor doziert weiter, ruhig, sorgsam, gemächlich, Salz üir Salz, Wort für Wort wahrhaft wachen Geistes formend: ״Rasseullieorie ist Unsinn. Sali der kleine Mcu/cl mit dem sonderbaren SeliaTfcl aus wie ein germanischer Hloudlield? Der geist• vollste Antisemit Heinrich von Treitselike wie ein Nich'.jtidc,׳" (Logik, heil';• 1* I liminelstoiliter, wie sieht ileiin also ein Jude aus?) ״Ja, mau kann freilich nicht leugnen, dal! der Gassenjunge, der ein eignes Organ hierfür zu haben scheint, einen Juden sofort als solchen erkennt, auch wenn ihm alle seine guten Hekaniiteu erklären, dal! er gar nicht jüdisch aussieht.“ (Du ahmulgsvollcr I ngel, du!) Ja freilich, llcri Professor, kann maus nicht leugnen. Aber woher auch dieser verfl.... (ia-sciijunge das komische Organ nur!iahen mag? Nein, es gibt doch noch Dinge zwischen Himmel und Linie - Doch lassen Sie sieh nur nicht stören, Herr Professor: ״Die öfters vorkoimnende Nennung von Zion in den (ichcthüchcru müssen wir (müssen wir! D. R.) uns erklären, wenn wir wirklich historisch denken können, aus der Zeit schwerer Bedrängnis im finsteren Mittelalter (als die Juden noch nicht aullcrordeiitliciie Professoren werden konnten. I). R.) und der Sehnsucht nach jenem Reiche, in dem wir uns fühlen als Hckcmicr eines (ilauhens. Wunderschön gesagt, I lerr Professor. Wie fragt doch der Kollege üclicimrat von Goethe so schön: ״Nun sag', wie hast du's mit der Religion? Du hist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub’, du hältst nicht viel davon." Doch /tun Schlull, Herr Professor, der Raum der J. R. ist kurz, «loch Ihre Kunst war lang. ,,Nachdem wir also den Rassen•, Oiauhens• und Volksvorwurfs uuscicr Gegner als gegenstandslos abgetan haben, müssen wir uns doch sagen, dal! Professor Koh'er, der S. na;oge und lal• uuid als trennende Schranke zw ist he» Judentum und Deutschtum darsteden will, unrecht hat. Wir sagen ihm nicht: ״Davon verstehen Sc nieliti, Herr Pro• fessor Kollier", das wäre unhöflich einem so grollen Musikästhehen gegenüber, doeli müssen wir uns wohl sagen: ״Demi wo Begriffe fehlen, da stellt so I e i e 111 ein rechtes Wort sieb ein!“ Hiimm! Schlull! Wöithcli am '21, November «I. Js. de• Heils in du׳ Philharmonie z.11 Berlin so zitiert vom Heim (incthcprofvssor an der grollten deutschen Uni• versiiät, Herrn Gehc mrat Prof. Dr. Ludwig Geiger. Dem Herrn Dekan und dem deutschen julenlimi zur gefl. Beachtung. A. L. Lnfarguc. Die '! agesblättcr meldeten von dem Selbstmord lies (irciseiipa.iies l.afargue. Die merk• windigen Umstände, unter denen Marx' Tochter ge• meiiisam mit ihrem Galten aus dem Leben schied, weckt das bereits verbialite Interesse an dem ehedem 1 echt einfliillreielien Sozialistcufiilircr. In unserem Kreise wird die Begebenheit vielleicht maiielien .111• regen, unseres ller/l ״Palais Bourbon" zur Hand zu nehmen. Dort• findet sie!» unter der Ucbcrsclirift ״Die Hand“ ein feines i;euilleton, das über eine Ver• Sammlung der Arbeiter von Lille im Wahljahre fi^JJ beliebtet. Das l'.iid,. das da von Lafargue, dem Redner des Abends, entworfen wird, ist das eines begeisterten, wem» auch flachen Demagogen: ״Der Schwiegersohn von Karl .Marx beginnt mit einem Ausfall auf die Juden.“ So beginnt licrzl und zeichnet dann das Auftreten dieses Mannes mit feinem Ver• stiiiulnis für die Psychologie des Masseiifiihrers so• wohl wie für die der Masse. Vielleicht veranlallt das jüngste Lrciguis, das unserem luteressenl.reise sonst ziemlich lern liegl, manchen, der I fer/ls Sammlung noch nicht kennt, sieh den seltenen Oenub dieser Lektüre zu verschaffen. RUNDSCHAU DER PR£55e Dt r Ta</s /irr/in Richard א o r d 11 a u s c 11 schreibt über ״Partei 11 n d Pr e sse“: ״In Deutschland hat es, als der Rückstau der achtziger Jahre einsetzte, oft }׳einig den Anschein ge* liabl, als sei der demokralisehe Liberalismus er* ledigt. In hellen Haufen wandten sieh die Wälder von ihm ah. Allein seiner starken Presse verdankt er's, dal) er siel» in den Winterquartieren zur Nut halten konnte. Diese selbe starke Presse bringt ihn allmählich wieder auf die Beine. . . . Erst hinter den Wallen einer starken Presse sitzt heute auch die mächtigste Partei sicher: Angriff mul Verteidigung lassen sieh nur von hier aus erfolgversprechend vorbereiten.“ Das ist der Gesichtspunkt, der Herzl unserer Bewegung schon in den ersten 'lagen ihres Be* Stehens unter grollen Opfern ein publizistisches Zen• tralorgan schaffen Hell. Wünschen wir, dal) auch die deutschen Zionisten die Notwendigkeit, ihre Parteipresse nach jeder Richtung zu stärken, niemals aus dem Auge verliert. Aurtn v f\<iHst(i11tino/H't Der Leitartikel der letzten Nummer bringt eine Betrachtung iiher ״Die Christen und die Juden“ von Dr. Israel Auerbach. Nachdem der Vcrfa-ser aiiseinaiidergeset/.t hat, welche g:ol'.en Machtmittel hinter den Christen stiin* den, und wie die Juden sieh nur auf einige wenige Personen stutzen könnten, fährt er fort: ״I)aller kann das jüdische Volk für die Erziehung seiner Kinder nicht ebensoviel Grundelementc untl Hilfskräfte in Bewegung setzen, wie die christlichen Nationen. Uebcrall, wo eine befriedigende Lage die Rechtsgleichheit der jüdischen und christlichen Mit• biirger begründet hat, überall, wo die Unterstützung des Staates im se hen Grade beide begünstigt, haben unsere Gesinnungsgenossen genügend bewiesen, daft ihr kulturelles Ni\c.1u in nichts dem der anderen nach• steht, dal! ihre Scliuleinrielitungcn ihnen völlig gleieilen, ja sogar die anderen überlreffen, indem ihnen die christlichen Erziehungsmittel zum Vorbilde dienten.“ Der Verfasser spricht dann über die Macht der Christen »1ml die kleine, verschwindende Zahl der Juden und fährt zum Schlüsse fort: ״Als der geniine Schöpfer diT christlichen Rcligion, der Jude Jesus, auszog, um Seelen zu itoIhtji, um sie für eine Wahrheit und Schönheit zu gewinnen, die ihm neu erschien, und d;e doch nur die Wahrheit und Schönheit war, die einst durch den Mund aller jüdischen Propheten verkündet worden war, da be wirkte er seine wunderbaren Eroberungen durch seine Menschlichkeit, durch sc'ne Armut, durch Entbclirun• gen und Leiden. Seine modernen Apostel setzen seit» Werk fort, aber durch die Kraft ihrer Millionen, ihrer liehe, von jeder deklamatorischen Phraseiiinacherei ferne und dennoch intensive Schilderung der Lebens• bcdingiuigen im russischen Ghetto ist der packendste und lehrreichste Teil des Buches. Man möchte glauben, dal! die Dichtung in einer üiiclispradie den Charakter einer gelehrten Spielerei, einer geistigen Koketterie haben, gekünstelt und frostig sein muH wie die lateinische und griechische Lyrik der deutschen und englischen Humanisten des Reforinatioiisz.eitalters, Das trifft auch hei den wenigen Italienern und Deutschen (Luzalto, Wessely usw.) zu, die in! 10. Jahrhundert in hebräischer Sprache gedichtet hallen. Ihnen war hebräisch eine ans Büchern gelernte Sprache, die sie neben ihrer Muttersprache haiidliabten, Hei den russischen mul gali/.isclicn Juden verhält sich dies anders. Ihnen ist hebräisch die Bildungssprache, die einzige, die sie beherrschen. Sie ist ihnen das natürliche Ausdrucksmitlel des tieferen Fülilens und höheren Denkens, und gröbere, kompli• zierlere Geistestaten können sic mir in ihr verrichten. Ihr hebräisch ist nicht ein erstarrtes Idiom, dessen überlieferte klassische Form als etwas Uiiabänderliches verehrt wird; es ist eine lebendige Menscheiirede, die sich nach den Bedürfnissen der Zeit, der neuen Gesittung, der Subjektivität des Sprechers wandelt, geschmeidig allen Bewegungen des individuellen Ge* dankens folgt und das sicherste Merkmal des Lebens zeigt: eine kraftvolle, reiche Entwicklung durch Aus• gestalUmg der Wurzeln, Entfaltung der Formen und organische Aufnahme und Assiniilimuig neuer Eie• mente, pieses Neuhebräisch paüt sich allen Be• dürfnissen eines auf der I löhe der modernen Bildung stellenden Sohnes des 20. Jahrhunderts an und ge• stattet dem nuancenreichsten Talente, sich darin voll ausztilebcit. Im allgemeinen sind die neuliebräischen Lyriker ein Widerhall der grollen europäischen Dichter. Sie folgen allen europäischen Lileraturströniiingen. Sie sind romantisch mit Heine und Victor Hugo, weit• schmerzlich mit Byron, dekadent und symbolistisch mit den fi11>1le*siec!e*i׳rauzoseu und ueiicsteiis über• nicnseiientümelnil mit Niel/sche. Die besseren von ihnen haben aber dennoch hei aller Anempfmdiing und Nachahmung ein Persönliches, was sie als Träger einer uralten Ueherlieferimg, als Erzeugnisse einer he• solideren Kultur als Opfer erbarmungsloser Ver• folgung und als scliichsaltrot/cmle Kämpfer gegen eine unversöhnliche feindselige Welt, kurz, als Juden und jüdische Bekenner kennzeichnet. Die inter• essantesten Dichter׳physiogiioiuieii, die Slotisch um• rcilSl, sind die von II. N, Bialik (geh. IS7) in Wolhy• uicii) und S. Tsehcrnieliowsky (geh. 1878), jener ein bitterer Satiriker vom grollen Stil I!eines, dieser ein Allcrmodcrustcr, der mit biblischen» Schwünge so pro• fane Dinge besingt wie die Schönheit Heidelbergs, ein frisches Wirtstöchterlein von Dilshcrg oder die Schwermut der Burgruinen am Rhein. All diesen Dichtem gemeinsam ist eine grimmige Empörung gegen den rabbimschen Geist, gegen die Riten, das Zcrcmonialgesetz, ja selbst die Religion des Judentums und eine leidenschaftliche Betonung ihres jüdischen StamniesbewuHtseiiis. Hier blüht ein reiches Geistesleben, das wohl wert ist, die Aufmerksamkeit der europäischen Welt zu fesseln. * im Verlage der Zeitung ״I I a s in n n“ in Wilna ist eine hebräische Uebersctzuiig von Hermann• Stracks ״Einleitung in den Talmud“ erschienen. Der hiesige Verlag ״Misrach U-Maarab“ (Ost mul West) in Wilna gibt eine Auswahl von Tolstois Werken in hebräischer UebciSetzung heraus. Als erster Band dieser hebräischen Tolstoi• Ausgabe erschien vor kurzem der Roman ״K i n d• heit" in der Uebertragiuig von J. I>. Berk ס• witz. Dem Buche gehen als Einleitung zwei Uterarischc Essavs voraus: ״Tolstois Lebensgeschichte“ von J. CI1. Rawuitzky und ״Tolstoi der Kunst• ler" von Dr. J. Eljasc'hcff. — Fast gleichzeitig mit der hebräischen Ausgabe von Tolstoi’s ״Kinu• heit“ ist im Verlage ״Jepetli“ in Jaffa eine hebräische Debetset/inig der bekannten Tolstoi'schen Erzählung ״Der Tod des Iwan 11 i t s c 11“ aus der Feder von A. S. R a b b i n o vv i t z erschienen. * * I * Misceuen I Nach einer Nachricht des ״Israelitischen Familicnblatts“ will Professor Werner So in hart zu saimnen mit dem bekannten jüdischen Romanschrift• steiler, Herrn Arthur Landsberger, ein Sammclbuch gegen die Taufe herausgeben.