Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 568 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 48 in der räucherigen Kneipe zu besuchen, in der er jahraus, jahrein einsam seinen Abeudschoppen trank, erlebten jene Debatten ilire Auferstehung, Aber in■ zwischen war ller/l gekommen und der Zionismus; vom ersten Tage an war Cmttliel) bei uns. Er war kein Mann der Versammlungen, aber er verfolgte alle Ereignisse mit inniger Anteilnahme, war stets orientiert und stets zum Uatc bereit. Seine eigenartige Eosilion machte ihn vielleicht besonders feinfühlig für die Leiden des Fxilcs. Ohne Heimat, selbst ohne Adoptivvalerland, ohne Staatsangehörigkeit seit Jahren, nachdem er die russische aufgegeben hatte, fühlte er sich selbst in seiner Einsamkeit nicht sicher, versagte er sieh, anfangs nur aus übertriebener (iewissenhafligkeit, dann immer mehr in seine Einsamkeit sich verliebend, die (iriin• düng eines eigenen I lausst,indes. Er rnullle seiner ganzen Natur nach auf fremdem Hoden stets ein* sam bleiben. - Doch seine Sehnsucht eilte unseren Taten zur Heimat voraus. Nim ist er nach langem schwerem Leiden erlöst. Er war seit einem Jahre wohl schon körperlich nur noch ein Schatten seiner seihst. Doch seelisch blieb er bis zum Schlull derselbe aufrechte, in Einsamkeit aufrechte Manu. Er hat nie das Cianze vergessen, nicht das Volk und nicht den (ilatihcn au uns verloren. Und was er mir sagte, als ich am Sukkoth von ihm den letzten Abschied nahm, ״Vergessen Sie mich nicht,“ werde ich und werden seine Ereundc alle ihm halten. Er lebt in unserem Gedächtnis als einer der Bürgen unserer Zukunft, und wir alle haben von ihm für unser Bestes mul Innerstes gewonnen. Sein Andenken ist zum Segen I! S a m m yOro 11 e m a 11 n. Dicjüdischcn HaiidwerkerBerliiis und die Gemeindeverwaltung Die jüdischen Handwerker Berlins hatten sich über eine besondere Hogimstigmig durch die (ie• meiiulcverwaHung nie zu beklagen. Schon im Jahre ISö5 wurde seitens jüdischer Handwerker eine Pc• litinn an die Oemeindevcrwaltimg gerichtet, man möge bei Vergebung von Lieferungen die jüdischen I land• werker mehr, als es bis dahin geschehen, berück־ sichtigen, Auch in neuerer Zeit sind mehrfach Klagen gleichm Inhalts von den zuständigen Kreisen er• hoben worden. Auliilllicli der letzten Wahl zur Repräsentanz der Jüdischen Gemeinde wurden diese Klagen, wie na• türlieh, mit besonderem Nachdruck erhöhen. Was damals an Tatsachen vorgebracht wurde, lieh die Fürsorge der Gemeinde Verwaltung für das jüdische Handwerk Berlins in keinem besonders günstigen Lichte erscheinen. Als eine Nachwirkung dieses Wahlkampfes kann man die Versammlung mischen, die, von dem ״Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens“ cinberufen, neulich in Driisels Eestsäleii getagt hat. Die im Wahlkampf angewandte Methode des Appells an die Oefleutlichkeit scheint sieh bewährt zu haben. Der rührige Hniulwc/kcrvcrcin i t auch diesmal mit seinen Beschwerden vor das Forum der Oeffentiiehkeit getreten. Der erde Vorsitzende des Vereins, der verdienstvolle Vorkämpfer der jüdischen Hamlwirker-Bcwegimg in B.r.in Herr Wolf, legte in einem markigen und vorbildlich klaren Referate dar, wa• der Verein selbständiger Handwerker jiidi• selien Glaubens neuerdings an Beschwerden gegenüber der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde vorzubringeii habe. Es handelte sich diesmal um das Ressort der Bau-Kommission. Im Mai I0H Hatte der genannte Verein eine Eingabe an den Vorstand gerichtet, ries Inhalts, bei Vergebung von Haiimbeiten auch die im Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens organisierten Fachleute berücksichtigen zu wollen. Auf diese Eingabe ist bis zum Tage der Versammlung, d. 11. bis Mitte November 1011, eine Antwort nicht eingvg.ingcii. Dagegen wurde im Scholle der Gemoimleverwaitung ein Beschluft gefallt, der sich• lieh den Gegenstand der l'etilion betraf. Es wurde eine Kommission für die Itau-Aiigelegcuheileii der Jüdischen Gemeinde geschaffen mit dem Rechte der Kooptation von zwei Mitgliedern aus der Zain der Gemeinde-Angehörigen Berlins. Nachdem die: er an crkcimeiiswcite Beschliill gefallt war, richtete der Vor• ein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens eine erneute Eingabe an die (iemeimlevcrw.iltuug, in der er eine vom Verein gefällte Resolution dem Vorstände übermittelte. In dieser Resolution hat der Verein, tlatl die beiden aus den (iemeimlcmitgliedcrn zu wählenden Mitglieder der Kommission aus dem Kreise des Vereins entnommen werden mochten. Auch aut diese Eingabe war bis zum Tage der Versammlung der Antragstellern! kein Bescheid /.!!gegangen. So wandte sich denn der Verein au die Oeffentiiehkeit und trug einer gut besuchten Versammlung diese Tatsache vor. Als zweiter Referent sprach Herr Baumeister Jako ho witz, der durch eine Reihe, von inter־ essaiiteu Tatsachen die besondere t age zti beleuchten in der Lage war, in der sich gerade das jüdische Handwerk Berlins befindet. Er wies 11. a. darauf hin, dal! einem jüdischen Unternehmer, der sich um Berücksichtigung hei Vergehung von Lieferungen seitens einer Kirchengemeitidc beworben batte, I!e• deutet wurde, dall in diesem Falle mir Unternehmer christlicher Religion berücksichtigt werden könnten. Andererseits wies er darauf hin, wie wenig die jiidi• sehen Handwerker auf seiten der jüdischen Gemeinde• Verwaltung Entgegenkommen fänden. Die Darlegungen der beiden Referenten machten aul die auch aus Nichthidulwerkerkreiscii gut he* suchte Versammlung ersichtlich Eindruck, und der erste Diskussionsredner, Herr (in 8 pari, zugleich Mitglied dos Haudwerkcrvcreiiis und der Berliner Ge• meiiidevorwaltimg, halte sich keine leichte und mich keine dankbare Aufgabe gestellt, wenn er die Ile• schwmleti der beiden Referenten als unbegründet zu erweisen sich bemühte. Fr suchte das nicht ge• rade gewöhnliche Verfahren, das in der Nichtheaut• Wortung zweier Eingaben liegt, auf ein Versehen des Bureaus der Jüdischen Gemeinde zurückzuführen, freilieh ohne damit hei seinen Zuhörern rechten Glau• bei! zu finden. Wertvoller war, was er über die Wirkung des letzten Wahlkampfes auf die Verwaltung der Jiidi• sehen (ienieindc e\ cathedra anzuführeii wullte. Alles, was in der Wahlbewegung zum Ausdruck gekommen sei, sei bald darauf von ile.1 Gemeindebehörden aus• geführt worden. I lerr (ichcimrat I. a nrl s b e r g, der würdige Vor• sitzende der liaiikommissioii der Jüdischen Gemeinde, der gleichfalls in der Versammlung anwesend war, teilte mit, dall die zweite Eingabe des jüdischen Hand• Werkervereins berücksichtigt worden sei, dall man also die beiden zu kooptierenden Mitglieder aus dem Kreise des I laudwerkervereius nehmen werde. Diese Mitteilung rief unverhohlene Freude unter den zahlreichen Anwesenden hervor, und man be* dauerte allgemein, dall das bisherige Vorgehen der Gemeindeverwaltung den! so wenig entsprochen habe. Herr Rechtsanwalt Dr. Klee, der darauf das Wort nahm, wandte sieh zunächst gegen Herrn Cas• pari. I lerr Caspari habe mit wenig Glück die ״Nach* lässigkeiteil“ der Jüdischen Gemeinde in Sachen der Hingaben des I laudwerkervereius zu verteidigen ge• suelit, Dafl Eingaben einer so beriileneii ()rgauisatmn mit besonderem Interesse zu behandeln seien, verstelle sich von selbst. Man müsse jedoch darüber hiums von der Verwaltung der Jinlisefieu Gemeinde fordern, dal! sie aus sich heraus das arg bedrängte jüdische Handwerk Berlins fördere und entwickle. Im übrigen gal! der Redner seiner besonderen Freude darüber' Ausdruck, dai! von berufener Seite konsli• tiert worden sei, dall die Forderungen des Wahl• kampfes wenigstens zu einem Teile von der jiidi• sehen Gemeindeverwaltung mitgenommen und erfüllt worden seien. I lerr Stadtverordneter Bnu ncister K u t z 11 i t z. k i, gleichfalls Mitglied der Hatikoiumis-aon, suchte die Verwaltung von dem Vorwurf ״mangelnder Toleranz“ gegenüber den jüdischen Handwerkern Berlins zu reinigen. Er berief siel! u. a., niclit ohne Verständnis• innige Heiterkeit bei der Versammlung zu erwecken, darauf, dal) unter anderen jüdischen Unternehmern auch die A. E. G. heim Bau der Synagoge in der Fasaneiistralte mit einer bedeutenden Summe be* teiligt sei. Der wahrhaft erfrischende Eindruck, den beson• ders das Referat des ersten Vorsitzenden gemacht hatte, wurde noch verstärkt durch die ebenso klaren wie zwingenden Ausführungen des Herrn Markus, Mitglied des I fandwerkervereiits, der eine grundsätz־ liehe Acndermig des Systems verlangte, das bisher bei Vergebung von Lieferungen seitens der Jüdischen Gemeinde befolgt wird. Herr Markus verlangte dreierlei: 1. Oelfentliclie Ausschreibung der Submissionen im Gegensatz zu dem bisher üblichen Ver* fahren einer Vergebung unter der Hand bzw. in beschränkter Submission; 2. Aufhebung des tatsächlichen Monopols ge• wisser Unternehmer bei der Jüdischen Ge• ineiiido und I Icran/ichtmg eines gröllcrcu Kreises und 3. keine Millionen-Licferimgen au einzelne Unternehmer, sondern Teilung groltcr Au(• träge in mehrere Lose. Es wird kaum einen sozial empfindenden Juden gehen, der nicht diese Forderungen des ausgczcich• nuten Sachkenners zu den seidigen machte. So stand denn auch die Versammlung ganz, unter dem Ein• druck dieser zwingenden Darlegungen, und Herr Felix Pink us, Repräsentant der Jüdischen Gemeinde, konnte gegen diese Forderungen kaum ein aussclilaggehendes Bedenken Vorbringen. Fr betonte, man dürfe nicht nusschlicHlicIi jüdische Unternehmer berück• sichtigen (was in Wirklichkeit der I lamhverkervcrciii nie gefordert hat), weil dadurch diu judcnfcindliclie Bewegung nur gestärkt würde (1). Wenn aber Herr Rechtsanwalt Klee schöpferische Tätigkeit von seiten der Gemeindeverwaltung verlange, so reiche dazu die bestehende Organisation der Jüdischen Gemeinde• Verwaltung nicht aus. Sieben Vorstandsmitglieder seien nicht imstande, diese ganze Fülle der Aufgaben zu bewältigen. Dieser Herr, sowohl wie schon vorher auch I lerr Baumeister Kutznitz.ki, versuchte nun merkwiirdigerweisc den bei der Vergebung von Liefern״• gen befolgten Grundsatz, den Zuschlag dem Mindest• fordernden zu erteilen, zu verteidigen. Aut einen durchaus konzilianten Standpunkt stellte sich Herr Dr. Gins borg von tler Repräsentanz der Jüdischen Gemeinde. Er erklärte offen, das Vorfahren, wie cs dem I landwcrkerverein gegenüber be• folgt worden sei, niclit rechtfertigen zu wollen oder zu können, sondern nannte es ,,eine kleine Bummelei“, für die er als Mildernngsgrund mir den einen Umstand in Anspruch nahm, dall sie im (ieineindehiireau ge• wisseriiialkm usuell sei; auch ihm selber habe man aut ein eingereichtes Schriftstück keine Antwort er• teilt, Was er gehört habe, seien Dinge, die von der kam das sehr sonderbar vor, mul ich hielt es für ge• sclieit, einen Herrn zu befragen, der gciade vorbeikam und mir so aussali, als verstände er englisch. Wirklich verstand er etwas englisch, und ich zeigte ihm den Zettel, den Dr. II i I «I e s I! e i m e r mir gegeben batte. l:r las die Aulleuseite, und da der Zettel sich aiiseinan• der faltete, auch das, was innen stand. Er schien die Sache komisch zu finden, versuchte aber, seine Empfin• düngen zu unterdrücken. Er zeigte mir Dr. Sch wart/.״ Woluiuug. Aber, als er weiterging, hatte ich das Ge• fühl, 11b könnte er sieb vor Lachen nicht halten. Ich klingelte. Wieder öffnete mir ein zerzaustes Dienstmädchen. Als ich nach Dr. Sei!wart/, fragte, hielt auch sie mir einen ausgedehnten, mir leider unverständlichen Vortrag. Ich machte ihr klar, dall ich sie nicht verstünde. Da schien sie mit meiner Hilf• losigkeit Mitleid zu haben und zeigte mit dem Finger auf eine Zeile der mir rätselhaften Inschrift des Tür• Schildes. Ohne sonderliche Spraclikenntnisse merkte ich,*dall da Stände, Pr. Seliwariz. sei mir von 2—• 1 Uhr zu sprechen. Da hatte ich die ganze Geschichte satt, nahm eine Droschke und fuhr zurück zum Kniserhof. Am selben Abend gaben einige befreundete deutsche Herren mir zu Ehren 'ein Essen. Man war vergnügt beisammen, und es wurden auch einige Reden gehalten. Als die Reihe an mich kam, mich zu bedanken, sprach ich unter anderem von meiner Un• kenutnis der deutschen Sprache und erzählte, was mir tun Vormittag passiert war. Karl Emil Franzos »ult neben mir, und ich sah, dall sein Gesicht Immer länger wurde, während seine Freunde sich vor Lachen schüttelten. ״Ich weil! nicht, was auf dem Zettel von Dr. 11 i I d e s 11 e i ui e r stand, aber ich vermute . . ..“ ״Haben Sie ihn bei sieb?“ Ich gab ihm!las wertvolle Schriftstück, und er las es laut vor. Ein unbeschreibliches Gelächter er• hob sich. ״Darf ich nicht mitlaclten?“ fragte ich. Und daun übersetzte l)r. Franzos die Empfehlung ins Englische, die Dr. Hildesheimer mir an Dr. Schwärt/ mitgegehen hatte. Sie lautete: ״Uebcrbringer dieses, Herr II. Caine aus London, kommt mit einer Empfehlung von Dr. K. E. Franzos. Er will nach Rulllaml fahren, aber auf eigene Kosten. So weit ich es überblicke, braucht er nur etwas Taschengeld.“ Der Schlüssel zu dem Geheimnis ist in ein paar Worten gegeben: es gab zwei Dr. Hildesheimer, Vater und Sohn. Der Solu» war der grolle orthodoxe Rah• bitter. Ein paar Stunden, nachdem er sieh mit mir verabredet hatte, war er naelt Hamburg berufen worden, um einen Glaubensgenossen zu verteidigen, der des Ritualmortles an einem christlichen Kinde beschuldigt war, ״ml über dem Ernste dieser Angelegenheit hat er mich vergessen. Sein Vater war Vorsitzender einer jüdischen Wotilfalirtsorganisation, deren Aufgabe es war, durchreisenden Juden zu helfen. Dr. Hildes• heimer, dem Vater, hatte ich die Karte des Dr. Franzos gegeben, in tler er mich ihm ״empfahl“, und der alte Herr hatte mich für einen Schnorrer gehalten. : H6BRA6I5CH : Eine Uchcrraschnng wird wohl ״Die zeitgciiössi• sehe hebräische Lyrik“ von Dr. N a 1111 tu S Ion sch (״La pncsic Ivricpte hcbr.1i'<|11c Conlemporaiiie, 1882 1010“, Paris, Verlag des Mercure de France) den fran/ösischeu Lesern bereiten. Sie erlangen da KvuuUus von einer reichen lebendigen IVichhmg in einer Sprache, die allen Fernstehenden für tot gilt. Naluim Slmiseh, so schreibt Dr. Max Nor da 11 in der ״Vossisehen Zeitung“, ist ein berufener Führer durch dieses unbekannte Land. Ander zwei merkwürdigen Geschichtswerkcn ״I lebreo-Pliemiciens“ und ״UuKo• Herberes" (Paris, bei Frnest Leronx), in denen er die kühne These aufstellt, dall die Phönizier mit den Hebräern identisch waren mul die Gesittung Kartliagos die palästinensische, d. 11. einfach, die jüdische war, aber nicht die der Pfiestcr und Propheten, sondern die von diesen immer bekämpfte und verdammte der breiten Volksmasse, hat er eine gewissenhafte Dar• Stellung der ״Wiedergeburt des hebräischen Schrift• tums“ (״Ln Renaissance de In litterature liebraiquc“, Paris, Societe d’edition) veröffentlicht und lehrt jetzt au der Sorbonne a's Privatdozent neuhebräischc Lite• raturgeschichte. ״Willst den Dichter du verstehn, mußt in Dichters Laude gelten.“ Slousch zeigt die Umwelt, aus der di׳! hebräische» Dichter hervorwneltseti, ehe er diese selbst kennzeichnet, und gerade diese knappe, sach*