Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 JUEDISGNK RUNDSCHAU Seite 567 ItalU'ii. gab auch oiclti ein einziger auch um־ eine» Pfennig 11er I Ungefähr zur selben Zeit starb in der drittgrößten Genicrnde Deutschlands ein sehr reicher Bankier, Trä;:er eines alten jüdischen Namens. Sein Sohn spendete für irgend einen wissenschaftlichen Zwo•:!׳, (in den die Regierung und die reiche Universität ver• pflidilet waren zu sorgen, eine halbe Million, für ge• 111 .׳i 111 tii 1 /i(4e stiiiltische Zwecke, eine Vicrlehnillinn, die jüdische Cienteiiule erhielt einen Bettelgn »sehen von (ii'tiiind/.wan/iK oder drcißiglauscnd Mark, der leider auch mit vielem Dank angenommen wurde, liier m llerlin haben zwei reiche jüdische lleiren für ei e christliche Stiftung mit ausgesprochen konfessio* n, :!cm Charakter fünfzig resp. füiifzelmlauscnd Mark pi •pendet. Sie werden hoffentlich dafür den er• 11 i iinten Titel und Orden erhalten. Für ein in neuester / •it in Berlin gegründetes höchst gemeinnütziges \\ •rk von hohem sozialen Weil, Italien die sv iu‘11 Herren bisher keinen Pfennig Kelchen. Mau könnte ein Buch damit ausfüllen. wie das lut/• und charakterlose jüdische Protzeutum, nicht » •va aus Edelmut, oder aus Verehrung der Wissen* *.:»alt, worauf sie sonst pfeifen, sondern nur um sieh 1 «eh nullen mul oben bemerkbar zu machen, viele llsimlerttausendc hinauswerfen, hingegen für rein jiidi* *•die Zwecke nicht einmal den hundertsten Teil, wenn 1 Uerhnupt etwas opfern. Aber so ist mm einmal das jüdische Parvenütum. Empfanden tum diese Herrschaften, die man in enristlichen Kreisen weit geringer, aber viel richtiger . inschiitzt als bei uns Juden, auch oft schon nach kurzer Zeit die gebührende Quittung, so geschieht cs aber doch selten, dal! diese Quittung so öffentlich ausgestellt wird, wie das die ״,Staatslmrgcrzcitimg“ in ihrer letzten Sonntagsnummer (B). November) getan. Da hat sich unter dem Vorsitz des Cieneralfeld• marscltall v. d. Goltz ein Bund junger christlicher, bz.w, germanische Jünglinge gebildet, und den Namen ״Jungdeutschlaud" beigelegt, der, wenn auch nicht autisemitiseh, doch asemitiseh werden soll. Und nun erzählt die ״Staalsliürgcrzcitmig“, die diesmal nicht übertrieben hat, weiter: Nun, auch zum Kriegsspielen gehört (iekl, und schon wird gemeldet, dalt die neue Ihmdesleitung den Klingelbeutel nicht Vergehens in Tätigkeit ge• setzt hat. Dafür hat sie sielt dankbar erwiesen mul die ״edlen“ Spender zu ״Stiftern" des Bundes er• naunt. Wer nun noch weiterhin ״einen!»raunen happen schmeilh“, der wird die Dhrc halten, auf der Sliftcrlistc des ״Juug-Deutsehlamblhuides“ 11. a. neben folgenden Herren namhaft gemacht zu werden: Franz und Poliert v. Mendelssohn, Carl Ffirslcnbcrg, Och. Kommerzienrat Oolberger, Artur v. (iwinner, Kommerzienrat (ieorg Haherlaml, Cie• ncralkonsul handau und Prof. Dr. Walter Simon. ״Das also war des Pudels Kern!“ Zwar sind es andere Namen als die, die jüngst den Aufruf zur KleishStiftimg miter/eiclinelen, aber cs ist derselbe jüdische Schall und Rauch, und so gelangen wir denn immer mehr dahin, dalt gerade diejenigen Elemente fn Deutschland, die ihrer ganzen Rassen• und Charakterveraniagung nach am meisten zur Ent• artung unseres Volkes beigetragen haben, sielt oben• drein noch als die berufenen Hüter des Deutschtums aufspiclcn. Stunde, aber er kam immer noch nicht. Meine Zeit in Berlin war nicht reichlich bemessen, am nächsten Tage wollte Ich nach Lemberg fahren. Aber mir lag viel daran, den einzigen wahrhaften Juden Deulseli• lands, der (wenigstens nach Ansicht meiner skep. tischen Freunde) allein Sympathie bähen konnte für meinen zu früh geborenen Zionismus, kennen zu lernen. Ich nalun also eine Droschke und fuhr nach der Wohnung des l)r. Hildesheimer. Ich kam in eine Hegend, die mir mehr ein Oeschiiflsviertei zu sein schien als ein WuUuvierlcl. Auiicn an der Tür befand sich ein großes Schild mit einer ewig langen Inschrift, Ich verstand nicht eine Silbe davon, sie kam mir aber an der Tiir eines Rabbiners furchtbar komisch vor. Ein Mädchen mit zerzaustem Haar und einem Schrubber in der Hand öffnete mir. Ich fragte nach Dr. Hildes• heimer und bekam als Antwort eine ellenlange Volks• rede, von der Ich keinen Ton verstand. Ich zeigte ihr Dr. Franzos Karte. Da schien ihr ein Lieht auf• zugeheu. Ihrer Stimme merkte ich nun an, daß sic Bescheid zu wissen schien. Dann führte sie »nid» an eine balboffeiie Tür, steckte mir die Karte wieder in die Hand und schob mich buchsläblich in das Zimmer. Dieses sah aus wie ein Bureau mit Pult, Papieren, Aktenstücken und Re• galen. Ein kleiner alter Mann mit einen» Samlkiipp• chen saß mir mit dem. Rücken zugekehrt und aß eine Käsestulle. Das muß Dr. Hildesheimer sein“, dachte ich und redete ihn an. Er war offenbar taub, denn er bemerkte mich erst, als iclt ihm an die Schulter tippte. I lerzcr,bischend au der Sache ist, daß seihst heute noch, diejenigen Männer, deren Ellern schon die heilige Taufe empfangen halten, unbeirrt vom Strom der Zeit, immer noch ah; Juden betrachtet werden. Nicht nur von der wackern Staatsbürgerin, soliden» gerade in jenen vornehmen Kreisen, in denen die Nach• kommen jenes berühmten Dessauers verkehren, liier• bei soll aller auch der Ocffciitlichkeit nicht vorenl* halten bleiheu, »lall einer dieser vornehmen Herren, in seiner vornehmen Weise um) mit »len dazugehörige» vornehmen I taudhcwegimgeu, in seinen intimeren Uc• sellsehaftsahcmlen die i h m von j ii d i s c 11 c »1 Ver• e i 1» hs c h n o r r e r u /.»gehenden Schnorr« Ii r i e f e 11 e r 11 m z 11 r e i c 11 e » ö 11 e r G e I e g e n I» e i t g e n o in m e n bat. Das ist weder vornehm, noch christlich, noch auch jüdisch; es ist prot/enhaft. Wir erwähnen das nur, damit alle jüdischen Wohllätigkeitsvereine, Anstalten usvv. es sieh endlich einmal von ihren Vorstandsmitglieder» verbitten, daß man auf solche Weise (leid /usammenhoU und das Judentum so schmählich lierabsetzt. Tue mau doch lieber weniger ״Gutes“ aber würdevoller. Was inan aus jüdischen Kreisen nicht bekommen kann, sollte mau unter keinen Umständen von Renegaten und von ״Juden“ nehmen, die ihre Kinder taufen lassen. PfuiI über solche wahrhaft seluiiut/ige Schnorrerei! Was die anderen, in der Slaalsliiirger/eitung ge• nannten I lerreu, betrifft, so ist herzlich wenig über sie zu berichten, sind auch für Juden und Niclitjuden recht gleieligiltig; keines Namen wird über seinen Tod hinausdauern. Und wenn schon einer von ihnen eine große jüdische Weltvereiiiigmig in Jahresver• Sammlungen zu repräsentieren pflegt, welche Beden• hing gewinnt er für uns, wenn er nicht mit, gleicher, nein, mit viel größerer Noblesse hei all den vielen jüdischen fnstihilior eil helfend, erweiternd, mul neu• hauend eiutritt!׳ Taten wollen wir sehen, Taten! Repräsentationen als Vorsitzender, s i 11 d aber kein c T a t e 11. Das können tausend andere ohne Millionen• besitz ebensogut, oft noch viel besser. Kommerziell• räte mul (ieitarlkonsulu können unter Umständen recht nützliche Juden sein. Es gibt sogar solche nützliche unter ihnen. Wenn sie jedoch uns mit Pfennigen ah• speisen, wo sie a!Hierorts mit Tausenden und 1 hmderttauseudeii ins Zeug gehen, so sollte man Ihnen auch dieses wenige Gehl lassen, mit dem sie bei uns Elireiistelien mul Ehrenämter mühelos ein• heimsen. eLrneii wir auch einmal etwas von der Staatshiiigerzeitmig. Madien wir uns einmal zum festen Prinzip, daß, wer bei uns sich ein Ehrenamt erwerben will, und dazu die materiellen Mittel auch besitzt, tl c r s c 11 a f f e selber a u c 11 di e d a z u gehörige Institution. Und wer in der Er• inncriing der jüdischen Gemeinde und Oemeinsehaft noch nach seinen» Tode geehrt und genannt sein will, «I e r verdi e n e sic 11 b e i L c b z e i t c n das Anr e e 111 hier n 11 f, durch I e b endige Werk c. Es ist ja ganz schön, wenn uns einige fähige Männer ihre geistigen Kräfte leihen und sich uns nützlich erweisen wollen. Indessen sind im Judentum so viele abundante geistigen Kräfte vorhanden, daß wir hieran niemals Not leiden werden. Herze n brauchen wir, e die, g e b e f r e 11 »II g e J u d e über z e n , d i e in i t w ii r m 1׳n II ii 11 d e n , I c 11 enden A11 g c n, g r ü n »I e n u n d s ין e n d e n. Für alles andere sorgen wir selber. Ben J I s c 11 a i. ״Dr. Hildesheimer?“ ״Ja.“ Ich reichte ihm die Karte des Dr. Franzos. Er überflog sie, setzte sich dam» die Brille zurecht mul sah mich durchdringend an. Ich stand immer noch, und er hot mir and» keinen Stuhl an. ״Ich würde gern ein wenig mit Ihnen plaudern, ehe ich nach Rußland gelle.“ I )er alte Herr sah midi durchbohrend an. ״Wer bezahlt die Fahrt?“ fragte er. Ich konnte bloß stammeln: ״Sie verzeihen, ich , . , ״Wer bezahlt die Fahrt?“ ״Na, Ich selber natürlich. Aber ehe Iclt aus Berlin gehe, wollte ich hei Ihnen versprechen. Viel• leicht gelien Sie mir , . , Der alte Herr fiel mir ins Wort: ״Da müssen Sie sich nicht an m i c I» wenden.“ ״Sind Sie denn nicht Dr. Hildesheimer?“ ״Allerdings.“ ״Nun, Dr. Franzos, der mir die Empfehlung gegeben hat , . . .“ Der alte Herr schnitt mir wieder das Wort ab. ״Sie hüllen zu Dr. S c 11 w a ז t z gehen sollen.“ Er sprach gebrochen englisch und mir fiel ein, daß dieser Dr. Schwartz vielleicht der ״Kollege“ sein könnte, von dem er tags zuvor gesprochen halte. Deshalb sagte ich: ״Könnte Dr. Schwartz nicht hierher kommen?“ Der alte Herr sali mich versteinert an. ״Sic müssen schon zu ihm gelten,“ Manuel Göttlich E in G e d e 11 k w 0 ז t. Aus t lannover erfahre ich, daß unser lieber Manuel üottlich zur letzten Ruhe geleitet ist. Sein Name ist den Kennern der hebräischen Literatur als der des Verfassers geleinter mul trefflicher Schriften bekannt; als Mensch ist er, der vornehme mal fast spröde Zu• rüeklialhuig übte, wenigen nahe gekommen, und in /iouislischen Kreisen wird es gewiß nur einige Stadt• ItaniMivcrsehe Freunde gellen, die da wußten, «laß er einer der ältesten, ehrlichsten, begeistertsten und seih• ständigsten Anhänger der großen jüdischen Sache war. Er lelite einsam - in der Fremde in jedem Sinne. In eine Umgehung verschlagen, der er inner• lieh fremd blich, zog er sieh von Jahr zu Jahr immer mehr in seine Einsiedelei in der Bergstraße zurück — nur in der Arbeit Befriedigung suchend. Doch wie fröhlich und von Jler/cn gastfreundlich konnte er sein, wenn einmal in sein Jiiuggcsdlenhcim Freunde ciudrangcn, die nicht die Konvention zu ihm führte. Vor Jahren entdeckte ich, ein junger Referendar damals, daß der von ihm hcrausgcgchcne Kalender irgendein Jubiläum feierte. Im Nu improvisierten wir eine drastisch parodierende ״Jubiläumsfeier“. Lnze Barth mußte־ mit, meine Schwester und noch ein lieber Backfisch aus Siiddcutschlaml. — leb sehe noch sein verblüfftes Gesicht, als er im löcherigen Schlaf• rock, die Pfeife in der Hand, an der Tür stand und 1ms anstarrte, die wir befrackt, bc/yliudert, weißgewaschen und mit Blumen beladen vor ihm standen, l's gab ein herrliches Quartett, eine Festrede, die Verlesung einer Adresse (aus Mark Twain; ursprüng* lieh von ״einer Anzahl Bürger Amerikas“ au den Zaren gerichtet, und so wohl nicht ganz zur (ielcgcn• beit passend); zum Schluß gab es sogar einen Orden. Wir waren erst nicht recht sicher, wie er den Scherz aiifiiclimcii würde. Aber nachdem sich die erste Er* starrmig gelöst hatte, machte er die beste Miene zum kecken Spiel, tuul antwortete mit Laune, der die not* wendige Rührung nicht fehlte. Und seltsam, das Spiel, das so grotesk begonnen hatte, wurde allmählich zum fast ernsten Symbol, Es wurden Fäden sichtbar, die vom Jiigemluhermut zum Herzen des Einsiedlers zugen; es steckte in ihm soviel Jugend, soviel un« verbrauchte Heiterkeit. Was sieh da eingespoimen und eingeuiaiiert hatte, barg mehr Lebenskraft in sieb, als vieles, was draußen einherstolzierte. Und er grüßte die Jugend tmd das Leben mit Wehmut und mit Freude. Am amlercn Tage aber gab Göttlich allen ״Esst• tcilneluncru“ ein herrliches Diner von Kaffee und Kuchen, mit Bonbonieren und Damcnspcnden. — Manuel Göttlich war der erste Mann, von dem ich zionistische Ideen als Forderungen zur Tat aus• sprechen hörte. Das war lange vor der Zeit Hcrzls, und erst viel, viel spater habe ich ihn verstanden. Wie erstaunt und entrüstet war ich, der Hohenstaufen• dramcu entwerfende Quintaner, wenn icli ihn gegen den Fluch der Emanzipation wettern hörte, wenn er über die alberne Assimilation spottete, und wenn er gar, seihst ein innig frommer Jude, seiner Verachtung gegen das Geschlecht der ״Synagogenjuden“ Ausdruck gab. Ich hörte statinem! den Disputen z.u, die sich gewöhnlich auf der Herrenhäuser Allee am Snhbat naelunittag abspieiten. Ich glaube, einiges ist hängen geblieben. — Und in späteren Jahren, wo mir die seltene Auszeichnung wurde, ihn an seinem Tisch ״Nun, daun werde ich zu Dr. Schwartz gehen, und mit ihm zusammen wieder kommen, daß .wir ein wenig plaudern können. Wo wohnt er?“ ״In der Limleustrafle.“ ״Schön, dann werde iclt eine Droschke nehmen und . . . .“ ״Können Sie nicht zu Fuß gehen?“ sagte der alte Herr streng. Ich war perplex־, aber aus sprachlichen Schwierig• keilen konnte ich mein Entsetzen nicht zur Genüge ausdriieken. Wieder sah der alte Herr mit dem Samtkäppclicn mich aufmerksam an-icl» fürchte, ich sah gerade an dem Tage wenig elegant aus- Dann riß er das leere Blatt eines alten Briefes ab, sein ich etwas darauf und faltete cs. Auf die Außen• seite schrieb er: Dr. Schwartz, Lindenstr. Nr. und übergab es mir. Mit Gewalt hielt ich mich. ״Danke sehr Flerr Doktor; ich gelie sofort zu Dr. Schwartz und komme sehr bald mit ilun wieder.“ Als icli auf die Straße kam und mich auf den Weg nach der l.indenslraßc machte, hatte ich das un• behagliche Gefühl, daß irgendwas nicht in Ordnrng war, nur wußte icli nicht, was. Icli hatte einen langen Weg zu machen und war eigentlich ärgerlich auf den alten Herrn, der mir das Fahren so streng verholen hatte. Endlich hatte ich die Wohnung von Dr. Schwartz gefunden und hier war wieder, zu meiner größten Verwunderung, ein großes Schild an der Tür mit einer langen mir unverständlichen Inschrift Mir