Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XVI (1911)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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J UED1SCHE RUNDSCHAU Seile 560 Nr 48 aber der würde sieh eine grobe Fälschung der Tatsachen /uscluildcii komnien lassen, der den ungeheuren moralischen und materiellen liinfluB leugnen wollte, den die Bewegung^ in jedem Falle genommen hat. Vom zionistischen Aktions• Komitee waren diesmal die Herren Ür. Sehemarja L e v i n und Kurt B 111 m e n f e I d entsandt worden, zu deren Uhren die Leitung der Lngnng ein Massenmeeting veranstaltete. Es lebte in der Versammlung, die sich da im Jad Cha/tirim• Saal /us'iimiK ngefunden hatte, ein wenig von der Stimmung, die vor vicr/chu Jahren die Teilnehmer des I. /.iouisteukongresses durehtebt hatten: Das (icfiihl, dal! sie alle, die au ver• schiedeiien Orten und mit verschiedenen Mitteln das Gleiche für d;fs jüdische Volk erstrebt hatten, sich zum ersten Male zusanimenf inden, persön• lieh Fühlung nahmen und aus der gegenseitigen Aussprache und Organisierung eine Potenzierung ihrer Arbeitskräfte und Arbeitsmöglichkeiten erhofften. Der feierliche iinltere Rahmen, der gei* stige Gehalt der Referate, das Niveau aller Erörtermigen und das brüderliche Einvernehmen aller Teilnehmer stempeln den Hebräerlag zu einem der bedeutungsvollsten Ereignisse der jiidi• sehen Welt in den letzten Jahrzehnten. Die Be* Schlüsse des letzten Kongresses zur Kultur frage berechtigen zu der Annahme, daII sich die Juden Galiziens mit ihrer hebräischen Arbeit bald einer grollen und gefestigten alljiidisehen Arbeit werden einreihen dürfen. Wir geben für heute nur die bemerkenswertesten Beschlüsse des Hebräertages und behalten den ausführlichen Bericht unserer nächsten Nummer vor. 1. Die erste Versammlung der Hebräer Galiziens iiihi der Bukowina erblickt die Auferstehung des jtuli• scheu Volkes in der Wiederbelebung seines Landes und seiner Sprache. Er erkennt die hebräische Sprache als einzige jüdische Nationalsprache au. Der 1, Hebräertag beschlicht die Schaffung einer cinheit• liehen Organisation aller Hebräer für Galizien mul die Bukowina, die sich der bestellenden Histadrut lasafa wehatarbnth anschlicßt. 2. Der Hebräertag soll zu einer ständigen 111• stitution gemacht werden. 3. Der hebräische Sclmlvcreiii übernimmt im mich• steil Jahre die Erledigung der Arbeiten der Histadrut lasafa webatarhiitli, soweit dieselben in Lemberg zu erledigen sind. •I. Der Hebräertag beschließt die Bildung eines Schidfonds. ö. Der hebräische Selmlvereiii wird beauftragt, in Lemberg eine Zcntralvcrkaiifsstcllc für hebräische Bücher und Zeitungen ein/uriehtcii, ü. Der hebräische Selmlvereiii soll versuchen, in Lemberg einen Kindergarten und eine Schule zur Aus• bikhmg von Lehrern zu gründen. 7. Zu dem gleichen Zwecke sollen in Lemberg pädagogische Kurse eingerichtet werden. 8. Der hebräische Selmlvereiii soll sich an alle jüdischen Gelehrten und Lehrer wenden und eine pädagogische Kommission bilden, deren Aufgabe die Feststellung des Lehrplans und die Prüfung der Lehrer sein soll. 9. Der Selmlvereiii soll die Vorarbeiten für die Wiejcli mal für einen Schnorrer gehalten wurde Ein Erlebnis mit Dr. Hildesheimer. Der bekannte englische Schriftsteller Hall C a i 11 e erzählt im ״Story Teller*‘ folgendes Erlebnis mit Dr. H i 1 d e s h e i m e r: Vor ungefähr 20 Jahren, als die Leiden der russischen Juden die moralische Entrüstung der ganzen zivilisierter! Welt geweckt hatten, beehrte mich das ״Russo-Jewisli Committee" in London mit dem Auftrage, nach Rußland zu fahren, um über die dortigen unglückseligen Verhältnisse als christlicher Augenzeuge Bericht zu erstatten, leb war gern dazu bereit, aber ich verstand weder russisch noch yiddisch, die beiden Hauptspraclien der russischen und polnischen Juden. So sicherten mir meine Auftraggeber in liebens• würdigster Weise eitlen Dolmetscher zu, außerdem die Empfehlungen, die nötig waren, um Zutritt zu finden bei dein sonst so gastfreien, aber durch die Verfolgungen mißtrauisch gewordenen Volke. Mein Reisebegleiter, der in Lübeck wohnte, sollte sich mit mir in Berlin treffen. In Berlin hielt ich mich einige Tage auf, da ich dort mit mehreren Literaten befreundet war, besonders mit dem berühmten Schriftsteller Karl Emil Franzos. Ich konnte damals weder russisch noch yiddisch; auch die deutsche Sprache war mir voll• kommen fremd, uml daraus erklärt sieb mein Abcii* ♦euer. Schaffung eines hebräischen Tageblattes für Galizien uml die Bukowina übernehmen. Ml. Für das Jahr Pitt soll die Herausgabe des Wochenblattes I laniikpe durch die hebräische Organi• salion erfolgen. 11, Das Präsidium der Histadrut lasafa wcliatar• liuth für Galizien bestellt aus folgenden Herren: Dr. Osins Tb >11, Krakau, Vorsitzender, Dr. Philipp Korn• giiin, l.einberg, stellvertretender Vorsitzender, l)r. Mo• ses Fciieruiaim, Lemberg, als Sekretär. Ferner ge• hören ihm an die Herren: Meyer Cliartincr (Taiiiap.d), Dr. Israel Rath (l.einberg),' Dr. David Klingho/cd ((iliiiiani), Dr. Abraham Sonne (Pr/.emysl), Dr. Dhabi) Tarlakou er (Drolinhycz), N. Apfelbaum (Zzes/owJ, Rafael Solermaim (Brody), M. Gelb (Boryslaw), Zwie Schärfstem (Taruow). 12, Das Präsidium des hebräischen Sch 111 Vereins besteht aus den I lenen: Dr, Philipp Korngrün (Vor• sitzender), Dr. Werfel, Dr. Israel Rath, Dr. Moses l'eueMiiaiiii, Moses Laub! Zwi Nagelberg. Zum Aus• schiiß gehört eine grolle Zahl treuer Mitarbeiter ans Zollen Städten Galiziens. Was wir brauchen — (Prinzipien) Ls gehört svlum längst zu den charakteristisch• steil Merkmalen unserer jüdischen I loilifinanz, mit sehr, sehr geringen Ausnahmen, die Priii/.ipieiilosig• keil zum positiven Standpunkt, oder, man könnte auch ebensogut sagen, die Staiidpiinktlosigkcil zum Lebens• priuzip erhoben zu haben. Moralische Dickhäuter, wie sie sind, kommen sie auch ohne irgend eine auf Gliaraktcr und innere Uchcr/ciigtmg sieh stützende Denkweise mul hierauf sich aiifbaiiendc Lebeiisrich• 11mg ganz gut aus. Wozu auch? Was ihnen au seelischem Feingehalt abgeht und im gewöhnlichen l eben als Vornehmheit der Gesinnung bezeichne! wird, das glauben sie durch ihre meist robuste Protzig* keit hinlüiiglieh ersetzen und damit imponieren zu können. Ihr einziges positives Wissen bestellt in ihrer festen DYherzoiigung, daß die Wucht des Besitzes .ihnen das Recht gehe, führende Rollen zu spielen. Das gelingt ihnen ja auch meist; allerdings erstreckt sieh daun ihre Herrschaft nur über die ihnen Seelen* verwandten, im Erwerb jedoch hinter ihnen zurück• geblichncn Gesinnungsgenossen. Uml so scheidet Führer und Gefolgschaft inncrlieli wenig oder gar nichts; äußerlich der Hesitzahstaml. Beide Meiisdicnkatcgorieii gedeihen auch innerhalb des Judentums, genau wie bei Nichtjiulcii. Nur, daß bei unserer Zahlciiwin/igkeil, solche finanziell erfolgrckii gewesenen Personen häufig ein Geber• gewicht im öffentlichen Leben gewinnen, das uns oft zum Schaden wird. Sie gelten iiuweigerlieli als Re• spektspersoneu, denen jedenfalls eine hervorragende uml nicht seilen sogar ausschlaggebende Stellung zu* ziigcsielieii ist. Man ist ihnen sogar dankbar, wenn sie im Judentum verbleiben, wenngleich sie schon oft genug ihre Kinder dem Christentum znfüliivii. Das verschlägt in den Augen der gesiiimmgstiichtigeii Staiumesgenossen ja auch nichts. In unserer Charakter• vollen Zeit ist man solchen Parvenüs, die doch die steueikriiftigsten Elemente in der Gemeinde sind, schon dankbar dafür, daß sie selber wenigstens noch im Judentum verharren. Und da die Dankbarkeit angeblich ein den Juden ganz, besonders cigentinn• lielier Wcsens/iig ist, so übertrügt man solchen edlen Männern sogar die höchsten Veitraiieusämter in der Gemeinde. So ist es ja bekannt, daß zum Beispiel in Es war in der Zeit vor Dr. Ilerzl mul der zionistischen Bewegung, aber ich war doch schon ein leidenschaftlicher Zionist. Schon vor dieser Reise nach Rußland war ich fest überzeugt, daß das System des Baron Hirsili, der die verfolgten Juden nach Argentinien transportierte, im Plane falsch, in der Ausführung ungeschickt, überhaupt durch und durch verfehlt war. Mein Ideal war ein jüdischer Staat im Heiligen Lande; das, meinte ich, würde dem religiösen I Fiel 1111) dieses Volkes entsprochen und seine Begcisterimg wecken. Wenn ein glücklicher Zufall mich nach Wien zu dem damals unbekannten, jetzt unsterblich gewordenen Wiener Journalisten gefühlt hätte, den später der Sultan in Audienz berief, hätte ich vielleicht einen starken Widerhall meiner Ideen gefunden. In Berlin hörte man meinen Vor/ionisnms mit mehr oder weniger achtungsvollem Achselzucken an. Dr. Franzos, selbst ein Jude des Ostens, zeigte sieh ihm nicht sympathisch, und die zahlreichen Glieder der wohlbekannten Familie Lieherinaun, die ich traf, hielten meinen Plan mindestens für ein wenig verfrüht. Ich hatte den Ent• wurf 711 einem Roman bei mir, der meine frühen zionistischen Ideen vertreten sollte, aber leider fand ich keinen in Berlin, der das für etwas mehr als ein pliantasievolles Märchen .hielt. Kanaan war eine Wüstenei, und die religiöse Hoffnung Israels starb nach und nach aus. Endlich fragte ich meinen Freund Franzos: ״Qibt es wirklich keine Juden mehr in Deutschland?“ Er lachte mul verwies mich im Scherze an einen bekannten Dessau ein Mann au der Spitze der Gemeinde steht der seine Kinder /mit Taufbecken geführt hat, Ut;r deren kirchlicher Trauung am Alter, der Einsegnung durch den Pfarrer, wie auch der Taufe des Enkels durch den Pfarrer beiwohnte. Und was in dem charaktervollen Dessau, wo die Baron Cohn-Stiftung domiziliert ist, wo es auch noch jüdische Vereine, eine Bnei Briss-I.oge, mit einem Wort ״jüdisches!.eben" gibt, Ereignis geworden ist, das wiederholt sieh iiaeh häufig in deutschen jüdischen Gemeinden. Oder, um uns vorsichtiger aiis/iidriickcn, ist (|tr Dessauer Fall, wo ein Kommer/ieiirat dem Jiidenimu solche Fußtritte versetzen durfte, ohne von der Bild• lläelie des < icuieimlelchciis zu verschwinden, im (n> genteil sogar noch die lioelisteii Elireiislelleu ein• nehmen kann, kein vereinzelter. Wir sagen auch vielen unserer Staiumesgenossen durehaiisniiclits Neues, dal'• andere, vom Vertrauen der Gcmciudcinilglicdcr zu Elireiistellcn berufene Herren es durchaus mit ihrer Mauneswiirde iimi Judeuchre vereinbaren können, mit solchen Edchiatiircii, die die Kinder und Kiiidcskimlcr dem Judentum entführen und uns uioraliseli desa• voicreit, im Synagogenral zusainineiizusitzeii. Was kann auch ein normaler Mensch unserer Charakter• vollen Zeit Entehrendes dabei finden, mit einem Rem•• gatenförderer zusaiuiucn/usitzcn und zos ammenzunrheiten? Wer wird denn auch so sensibel sein? In! Gegenteil. Ist es nicht eine Auszeichnung, um Männern am selben Vorstaiidsti-di beraten zu dürfen, die einen Titel, sogar einen Orden und mächtig viel Geld haben? Nur liaßvoller Neid kam! sich gegen solche Vorkommnisse aiifrcgen; irgend ein Plebejer oder rückständiger und fanatischer Jude. Ist denn Religion nicht Privalsaclie? Also. Wer seine Kinder taufen läßt, begeht eine Priv.ithaiidluiig, die keinen Dritten etwas angcht. Und wenn er trotzdem, ״ge• tragen vom Vertrauen seiner Mitbürger", wie der schöne Ausdruck lautet, ein Ehrenamt in der <1cnieiude aiinimiiit, so ist das ebenfalls Privatsnclic der einzelnen Gemeiiidcmitglicder, was wiederum Nie• iiianden was angellt, als die Wähler seihst. Wer in e incr Sache Konsequenz. fordert, iiiufl in der andern auch die Logik znlassen. Ziehen wir dem* gemäß das Fazit, so lautet die Schlußfolgerung, daß iler reiche Jude, kraft seines Besitzes, sich alle Ent• glcisuiigen, die gegen den Geist und die Religion des Judentums verstoßen, stets erlauben darf, ohne an seinem Prestige und seiner Qualifikation zu Führerrollen zu verlieren. Er darf sieh schon mancherlei um! vieles licratisiichmcn, ohne Unwillen zu erregen; selbst dann noch, wenn er auch keine sonstigen großen finanziellen Opfer für die Jiidenlicit bringt, die einzige Gegenleistung, die mau von niesen Herren erwarten könnte. Bringen sie aber tatsächlich dem Judentum, einer Gemeinde, einer jüdischen Institution finanzielle Opfer? Wir wollen hei ganz, wenigen, aber typischen Ereignissen der neueren Zeit die negativen Belege liier/ti bieten. Bei der Universitätszentenarfeier in Iler• liu trugen Juden über eine Million zu dem vom Kai>er angeregten Jiibiläiunsfoiids bei; mir ganz, wenige, meist auch mir in der Finan/wclt bekannte Judengrüßen. Zur selben Zeit sammelte ein Komitee von hochachtbaren Juden zur Ehrung eines unserer besten gerade verstorbenen Mitbürgers, dessen geistige Dienste diese selben Herren mebr als einmal in Anspruch genommen hatten, zum Zwecke einer Stiftimg. Und von denselben jüdischen Herren, die mit unglaublicher Generosität Humlerttausendc gezeichnet Antisemiten im Reichstag. ״Sie wissen doch, was ich meine," sagte ich. ״Gibt cs denn gar keine Juden mehr von der alten Sorte, die da glauben, daß sic noch mal z.urückkclircn werden in das ihren Vätern verheißene Land?" Mein Freund dachte einen Augen• blick nach: ״Doch, einen gibt cs noch, den Dr. Hildes* heiiner.“ Dr. Hildesheimer war ein berühmter Rabbiner der gesetzestreuen Richtung, die sich noch behauptet unter den Berliner Juden trotz Reform• und Orgel• Synagogen. Er glaubte alles, wie es seine Väter vor Jahrhunderten geglaubt hatten, und natürlich glaubte er, daß sein Volk eines Tages nach Palästina zurückkehren würde. ״Kann ich den nicht mal sprechen?" sagte ich. ״Das ist mein Mann.“ ״Gewiß," erwiderte Dr. Franzos, nahm seine Visitenkarte und schrieb deutsch darauf: ״Ich empfehle Ihnen Mr. Hall Cainc, der Sic gern auf der Durchreise sprechen möchte." — Ich steckte die Karte ein, in der Absicht, sic am nächsten Tage bei Dr. Hildesheimer abzugeben. Aber gleich darauf fiel cs meinem Freunde ein, daß cs viel• leicht besser wäre, eine telephonische Verabredung mit Dr. Hildesheimer zu treffen. Er klingelte an und Dr. Hildesheimer war einverstanden, mich am nächsten Vormittage um 11 Uhr im Kaiserhof aufzusuchcn, und da er wenig englisch verstand, und mein Dolmetscher noch nicht da war, wollte er einen Kollegen mit• bringen. Am andern Morgen um II Uhr kam kein Dr. Hildesheimer. Ich wartete und wartete über eine